Vortrag zum Thema "Siddhartha"
     von Dr. C. N. Ramachandran
am 30.10.2001 in Mangalore

 
 

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Es ist wahrlich eine seltene Gelegenheit, Menschen aus Calw, der Stadt Hermann Hesses, in Mangalore zu begegnen. Ich grüße sie und wünsche ihnen sehr erfreuliche Erfahrungen in diesem Land. Die kulturellen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland gehen tatsächlich aufs 18. Jahrhundert zurück, auf die Zeit der "Wiederentdeckung des Sanskrit" und des bahnbrechenden Werks der "Junggrammatiker" auf dem Gebiet der Vergleichenden Philologie. Das bedeutende Werk deutscher Orientalisten wie Prof. Max Müller, Dr. Eggeling, Dr. Bühler und anderer im 19. Jahrhundert braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Es ist von Interesse, dass Prof. R. G. Bhandarkar, der berühmte Sanskritgelehrte, 1886 am Wiener Orientalistenkongress teilnahm, seine Erlebnisse in einem Buch (von 1887) schilderte und darin die deutschen Orientalisten jener Tage als  "Rishis des altenIndien" bezeichnet. Seit damals und im 20. Jahrhundert haben Schriftsteller wie Goethe, Kafka und Brecht die Kannada-Literatur beeinflusst (Kannada ist die Sprache des Bundesstaates Karnataka, in dessen Westen Mangalore liegt). Vor allem wurde die Kannada Fiction in den Fünfziger-Jahren und das Kannada-Theater in den Siebziger-Jahren stark von Kafka und Brecht beeinflusst. Tatsächlich wurden insgesamt sieben Stücke von Brecht ins Kannada übersetzt, und auch heute noch werden sie erfolgreich in verschiedenen Gegenden Karnatakas aufgeführt. Hermann Hesse gehört zu dieser Tradition. Hesses Roman "Siddhartha" ist "sui generis" in dem Sinn, dass darin viele Literaturgattungen auf gelungene Weise zusammenwirken. Es kann tatsächlich als "metaphysisches Gedicht" bezeichnet werden; es behandelt eine Anfrage, eine Suche und eine Verwirklichung des "Brahman". Aus dieser Sicht kommt es den "Upanischaden" des Sanskrit sehr nahe. Der Titel des Romans ist sehr bedeutsam: es ist / handelt sich nicht um die Geschichte des Buddha (obwohl auch er Siddhartha genannt wurde), sondern um die Geschichte irgend eines Wahrheitssuchenden. Da die Geschichte so bekannt ist (durch den berühmten Film, der darauf basiert), will ich nicht ausführlich darauf eingehen. Kurz gesagt, der Roman erzählt die Geschichte des Brahmanen-Jungen Siddhartha, der später ein "Shravana" (buddhistischer Mönch) wird, dann sich dem Liebesleben hingibt, schließlich alles aufgibt (zum zweiten Mal) und Fährmann wird. Am Ende befreit er sich – wenn auch in großem Kampf – von den väterlichen Banden und umschließt "die Liebe zu allem Geschaffenen".

Es handelt sich um ein ikonoklastisches Werk; und aus der Geschichte wissen wir, dass Hesse anfangs – da er Sohn eines Missionars war – viel Kritik und Unverständnis entgegengebracht wurde. Es muss betont werden, dass der Roman alle institutionalisierten Religionen einschließlich des Hinduismus und des Christentums verwirft. Er lehnt auch den buddhistischen Weg der Entsagung ab. Er kritisiert solche Kulte, die körperliche Disziplin und den Rückzug aus der Welt predigen. Aus dieser Sicht kann man den Roman als einen "existenzialistischen Roman" bezeichnen, obwohl dieser Begriff damals noch nicht gebräuchlich war. Der Roman vermittelt, dass "es gut ist, alles selbst zu erfahren", und ebenso "Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben."

Kurz gefasst, der Roman ist ein großartiges Dokument des Seins, "des unaufhörlichen Werdens". Und was Siddhartha findet, ist die "Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können [...] Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der Welt, Lächeln, Einheit."