Ansprache von Prof. Dr. Reinhard Wendt,
     2. Vorsitzender der Hermann-Gundert-
Gesellschaft, 30.10.2001

 
 

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Weitere Texte zu Veranstaltungen am 30.10.2001

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde aus Indien und Deutschland.

Ich fühle mich sehr geehrt, hier in Sahodaya einige Worte zu ihnen sprechen zu dürfen. Lassen Sie mich zunächst im Namen der Hermann-Gundert-Gesellschaft meinen tief empfundenen Dank ausdrücken für das überaus warmherzige Willkommen, das Sie uns heute und gestern hier bereitet haben. Wir sind von Ihrer Gastfreundschaft überwältigt und beeindruckt.

Unsere Reise durch Karnataka und Kerala folgt den Spuren der Eltern und Großeltern Hermann Hesses. Wir möchten etwas von der Atmosphäre kennen lernen, aus der Hermann Hesse seine orientalischen Inspirationen bezog, und deshalb interessieren wir uns besonders für Orte, in denen Hermann Gundert gewirkt hat. Vor allem dieser Großvater mütterlicherseits war es, der Hesse mit indischem Geist und asiatischem Denken in Berührung brachte. In den letzten Tagen haben wir aber auch immer wieder den Weg eines anderen deutschen Missionars gekreuzt, der sich von Gundert in mancherlei Hinsicht unterscheidet, in einer Reihe von Aspekten aber auch auffallende Parallelen mit ihm aufweist: ich spreche von Ferdinand Kittel.

Über die Begegnung mit ihm möchte ich einige Bemerkungen machen, weil ich über ihn mehr weis, als über Hermann Gundert, da ich mich seit einer Reihe von Jahren wissenschaftlich mit ihm beschäftige und mich deshalb der Besuch von Orten, an denen er lebte und arbeitete, besonders berührt hat. Vor einer Woche standen wir gleich zu Beginn unser Reise vor Kittels Denkmal in Bangalore, das am 6. September 2001 enthüllt wurde, um die Verdienste eines großen Linguisten und seines Kannada-English-Dictionary zu würdigen. Wir waren in Mysore und haben den Palast des Maharadscha bestaunt, der Kittels sprachwissenschaftliche Arbeit finanziell unterstützte. Kittel reiste mehrfach nach Mysore, um dort für seine Studien wichtige Palmblattmanuskripte zu kaufen, die vermutlich denen ähnelten, die wir in der UTC-Bibliothek in Bangalore sahen.

Eine lange Busfahrt brachte uns von Mysore hinauf in die Nilgiri-Hills nach Ketti. Dort im Missionsbungalow kam es 1857 zu einer tiefen Krise zwischen Kittel und seinen Mitbrüdern. Kittel schrieb nach Basel, er wolle nicht mehr im Kreise der anderen Missionare leben, sondern wie ein Inder unter Indern. Er war das bequeme Dasein auf der Station leid und hatte vor, auf einheimische Weise zu wohnen, zu essen und sich zu kleiden. Deshalb verließ er den Bungalow und zog nach Balakula, einem kleinen Ort nahe von Ketti. Dort gründete er eine Schule, die er zusammen mit einem Badaga-Jungen betrieb. Hermann Gundert übrigens, dem ähnliche Ideen nicht fremd waren, setzte sich dafür ein, Kittel gewähren zu lassen. Basels Toleranz war geringer, und Kittel musste in den Kreis der Mitbrüder zurückkehren. 1860 wurde er offizieller "Literat" der Mission, der selber für die Missionspresse in Mangalore Manuskripte zu verfassen und Texte anderer für den Druck vorzubereiten hatte.

Auf der Fahrt von Mysore nach Mangalore machten wir in Madikeri Station. Dort schloss Kittel zwischen 1886 und 1888 die Arbeiten an seinem Lexikon ab. Als wir sein Porträt in der Kirche von Madikeri entdeckten, war das für mich ein bewegender Moment. Heute standen wir hier auf Balmatha in den Räumen, in denen früher die Missionsdruckerei arbeitete. Ab Ende 1888 lief dort Bogen für Bogen Kittels Lexikon durch die Presse, bis es schließlich 1894 erscheinen konnte.

Gundert wie Kittel waren bedeutende Sprachwissenschaftler. Die hohe Qualität ihrer Arbeit hat entscheidend mit ihrem tiefen Interesse an den Menschen und der Kultur Indiens zu tun. Beide hatten Kontakte zu allen Schichten der Bevölkerung und befassten sich intensiv mit Literatur in schriftlicher Form ebenso wie in mündlicher Überlieferung. Dieser Austausch – oder dieser Dialog, wie man heute vielleicht sagen würde – machte es ihnen möglich, die verschiedenen sozialen, kulturellen, regionalen und historischen Sprachdifferenzen in Malayalam beziehungsweise in Kannada kennen zu lernen.

Kultureller Dialog ist auch das Ziel der Reise der Gruppe aus Calw. Wir versuchen, diesem Ziel auf zweierlei Weise nahe zu kommen, nämlich historisch und aktuell. Wir lernen Orte kennen, die mit Europäern verbunden sind, die in der Vergangenheit auf ihre Weise Gespräch und Austausch mit Indern suchten und deren sprachwissenschaftliche Leistungen wohl erst durch diese Offenheit möglich wurden. Gleichzeitig bemühen wir uns selber, in einen Dialog mit den Menschen zu treten, denen wir auf der Reise begegnen. Was hier in Mangalore und an anderen Orten begann, wird während des Hesse-Jahres in Calw fortgeführt werden. Und auch die Hermann-Gundert-Gesellschaft wird sich bemühen, diesen Dialog lebendig zu halten, durch die Beschäftigung mit Geschichte ebenso wie durch die Förderung aktueller Vorhaben. So wird die Gesellschaft zum einen die Hesse-Feierlichkeiten unterstützen und begleiten. Zum anderen planen wir anlässlich des 100. Todestages von Ferdinand Kittel im Jahr 2003 eine internationale Konferenz, und es hat mich sehr gefreut zu hören, dass drei indische Wissenschaftler, die auch jetzt hier anwesend sind, ihr Kommen fest zugesagt haben.

Wir hoffen, auf diese Weise etwas zu dem beitragen zu können, was das Motto dieses Ortes ist, an dem wir jetzt zusammengekommen sind: "Sahodaya": "Zusammenwachsen".

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!