Ansprache von
     Landrat Hans-Werner Köblitz
am 03.11.2001 in Talasseri, Südindien

 
 

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Sehr verehrter Minister für kulturelle Angelegenheiten, sehr verehrter Oberbürgermeister, sehr verehrter Collector, meine Damen und Herren,

es tut mir sehr leid, dass ich meine Rede nicht in Ihrer Sprache, in Malayalam halten kann. Ich habe in den vergangenen Tagen erfahren, dass diese Sprache wunderbar ist, eine Sprache, die wie Musik klingt.

Lassen Sie mich zuallererst sagen, wie sehr wir uns freuen, Ihre Gäste sein zu dürfen. Die meisten von uns sind zum ersten Mal in Ihrem schönen Land. Viele von uns haben schon als Kinder davon geträumt, einmal in dieses für uns Europäer fremde und geheimnisvolle Land reisen zu können. Dieser Traum der Europäer wurde heute morgen auch von Herrn Zacharia angesprochen, und für uns ist er nun Wirklichkeit geworden. Dafür möchten wir Ihnen unseren herzlichen Dank sagen.

Wir sehen natürlich zuerst, dass sich Ihre Heimat und unsere äußerlich sehr stark unterscheiden. Aber wir sehen auch, dass es über alle Unterschiede hinweg Gemeinsamkeiten gibt, und wie unsere Kulturen sich trotz der großen Entfernung immer wieder gegenseitig befruchtet haben.

Es ist heute notwendiger denn je, sich dies vor Augen zu führen und niemals in den Fehler zu verfallen, die eigene Kultur für die überlegene zu halten. Wir müssen Achtung voreinander haben, um auf dieser Welt friedlich miteinander leben zu können. Diese Absicht ist auch ein Aspekt unserer Reise zu Ihnen.

Ein verbindendes Glied zu Ihrem Land und zu Ihrer Kultur und zu Ihrer Stadt, ist der Deutsche - oder ist er Inder? - Hermann Gundert, der der Großvater des weltbekannten Schriftstellers Hermann Hesse war. Beide Persönlichkeiten verbinden uns nicht nur, sie sind außerdem Vorbilder für Toleranz, Respekt und Weltoffenheit.

Das großartige Werk von Hermann Hesse hat seine Heimatstadt Calw in erster Linie seinem Großvater, Hermann Gundert, zu verdanken, den das Schicksal auch nach Calw verschlagen hatte. Aber es hat auch viel mit Indien und Talasseri, diesem Ort hier zu tun.

Wie Sie wissen, kam Hermann Gundert 1836 nach Südindien. Dort blieb er bis 1859 als Missionar, Schulleiter, Übersetzer der Bibel und Sprachforscher. Für letzteres ist er berühmt in Ihrem Land.

Krankheit zwang Gundert jedoch, nach Deutschland zurückzukehren, und die Basler Mission fand für ihn eine andere, sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Im Jahr 1859 wurde er nach Calw geschickt um Christian Gottlob Barth zu unterstützen, dem Leiter des Calwer Verlagsvereins, einer der zu seiner Zeit bedeutendsten Verlage, der vor allem theologische Werke und sogenannte Erbauungsliteratur herausgab.

Hermann Gundert fiel diese Entscheidung schwer, denn er wollte ja wieder nach Indien zurück, aber er stimmte zu: "Es scheint Gottes Wille zu sein, dass ich im Nagoldtal heimisch zu werden versuche". Und er wurde heimisch, seine Frau Julie und seine Tochter Marie kamen aus Indien nach. 1873 wurde Johannes Hesse, der ebenfalls als Missionar in Indien tätig war, Gunderts Gehilfe. Im Jahr 1874 heiratete er Marie Gundert, die 1842 in Talasseri geboren wurde, und 1877 ging aus dieser Ehe der große Dichter Hermann Hesse als zweitgeborener Sohn hervor.

Gundert, der in Calw drei Jahrzehnte als Verlagsleiter, sowie Autor indischer und deutscher Veröffentlichungen Großes geleistet hat, hatte auf den kleinen Hermann Hesse großen Einfluss.

Das Kind fühlte sich zu dem Großvater stärker hingezogen als zu anderen Familienangehörigen, stärker als zu seinem Vater. Seine ersten und prägenden Leseerlebnisse hatte er in der großväterlichen Bibliothek. Die Erzählungen aus Indien und alle die geheimnisvollen und exotischen Gegenstände im Hause Gundert faszinierten und verzauberten ihn.

Wer weiß, ob die Welt jemals etwas von Hermann Hesse gehört hätte, wenn es den "indischen" Großvater Hermann Gundert nicht gegeben hätte. Mit Sicherheit würde Hesses Werk anders aussehen, als wir es heute kennen. Wie sehr der weltoffene Hermann Gundert das Denken und Dichten des späteren Nobelpreisträgers Hermann Hesse beeinflusst hat, das lässt sich in "Kindheit des Zauberers" nachlesen:

"Niemand wusste so sehr Bescheid darum, dass unsere Stadt und unser Land" - hier bezieht er sich auf die Stadt Calw und das Land Württemberg - "nur ein sehr kleiner Teil der Erde war, dass tausend Millionen Menschen anderen Glaubens waren als wir, andere Sitten, Sprachen, Hautfarben, andere Götter, Tugenden und Laster hatten als wir. Ihn liebte, verehrte, fürchtete ich, von ihm erwartete ich alles." - er spricht von seinem Großvater Hermann Gundert.

Hermann Hesse ist der große Sohn der Stadt Calw und ein Kind seiner schwäbischen Heimat, die auch die unsere ist - er ist uns darum ganz nah. Ihn völlig zu verstehen kann aber nur gelingen, wenn man sich auf seinen Großvater Hermann Gundert einlässt. Hier in Indien liegt der Schlüssel zum Verständnis des großen Dichters.

Deshalb bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihre Gastfreundschaft, die es uns ermöglicht, einen Blick auf Ihr faszinierendes und wunderschönes Land zu werfen. Ich hoffe, dass weitere Gelegenheiten der Begegnung kleine Schritte bilden auf dem gemeinsamen Weg zu einem friedlichen Nebeneinander verschiedener Religionen und Kulturen auf unserer Erde. Danke vielmals.