Rede von Paul Rathgeber im Seminar
     "Dr. Hermann Gundert, Hermann Hesse und Kerala" am 03.11.2001 in Talasseri, Südindien

 
 

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Calw ist der Ort an dem Dr. Hermann Gundert die letzten 30 Jahre seines Lebens verbrachte. Hier vollendete der berühmte Missionar und Sprachwissenschaftler seine Studien mit der Publikation des Malayalam-Englisch Wörterbuches, das bis zum heutigen Tag als eines der wichtigsten Werke der Malayalam Sprache bekannt ist.

Gundert war sehr in seine indischen Studien vertieft. Als er nach Deutschland zurückkehrte, nahm er die Stelle als Leiter des Calwer Verlagsvereins nur unter der Bedingung an, dass er Zeit dafür bekäme seine Studien zu beenden.

Hermann Gundert war eine außergewöhnliche Person. Nachdem er seine theologischen Studien beendet hatte, studierte er Sprachwissenschaften und ging nach England. Später zog er nach Südindien, wo er über zwanzig Jahre lang als Missionar und Sprachwissenschaftler in Malabar - dem heutigen Nordkerala, tätig war. Zu jenen Zeiten war Indien politisch von den Briten beeinflusst, im besonderen Malabar als britische Kolonie. Aus deutscher Sicht bekam dieser Teil der Welt keine Aufmerksamkeit - im Gegensatz zu den Niederlanden und Großbritannien, die aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen großes Interesse an Südindien hatten. Bei Gundert war das anders. Er war von ganzem Herzen Humanist und ein großer Bewunderer der indischen Kultur. Er kann als Vermittler der indischen Literatur und Philosophie in unserem Land bezeichnet werden.

Als Bürger der Stadt Calw sind wir sehr stolz, das Hermann Hesse in unserer Stadt geboren wurde. Hermann Gundert war sein Großvater und hatte großen Einfluss auf seine literarische Arbeit. Wenn man seine Bücher liest, kann man die Spannungen nachvollziehen, die Hesse prägten - zwischen dem toleranten Großvater Gundert und der strengen christlich orientierten Erziehung, die Hesse durch seine Eltern erfuhr. Gundert vereinte beide Seiten - eine tiefe Religiosität und eine Weltoffenheit. Zum Beispiel bekam Gundert Besuch von Leuten aus aller Welt. Dies war zur damaligen Zeit sehr außergewöhnlich für unsere kleine Stadt, und ich bin mir sicher, dass es gerade dieser Einfluss war, der Hesse dazu bewegte seinen bekannten Roman "Siddhartha" zu schreiben - ein Buch, das übrigens mein Lieblingsbuch ist.

Das alte, wie auch das heutige Calw ist ein Ort von besonderer landschaftlicher und architektonischer Schönheit. Enge Straßen und Alleen, Plätze und Brücken laden den Besucher zu verweilen ein, um die gemütliche Atmosphäre zu genießen. Der besondere Charakter dieser Stadt, die im Tal der Nagold liegt und an den Hängen auf beiden Seiten des Flusses bevölkert ist, hat eine lange und ereignisreiche Geschichte. Das erste historische Zeugnis lässt sich bis 1075 zurückverfolgen. Calw erhielt schon im 13. Jahrhundert, wahrscheinlich vom Calwer Grafen Gottfried III, das Stadtrecht.

Da sich das Nagoldtal nicht zur Nutzung der Landwirtschaft eignete, ließen sich Handwerker in Calw nieder: Weber, Färber und Gerber. Im späten Mittelalter war Calw eines der wichtigsten Handelszentren für Textilien von Baden-Württemberg. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es den Bürgern von Calw ihre Stadt in einer sehr kurzen Zeit wieder aufzubauen, nachdem sie 1634 während des 30jährigen Krieges zerstört worden war. Ab 1692 nahm der Holzhandel zu und wurde immer bedeutender. Die dritte kommerzielle Säule von Calws Kaufleuten, war der Salzhandel des 18. Jahrhunderts.

Unglücklicherweise kam diese Blütezeit zu einem Ende. Die Entwicklung der Stadt stagnierte aus mehreren Gründen. Einer von ihnen ist die schwierige Verkehrssituation. Die Hauptverkehrsstraßen änderten sich und das tiefe und enge Tal verlor dadurch seine zentrale Stellung. Außerdem übernahm in der Textilindustrie die Baumwolle den Platz der Wolle - eine Entwicklung der Calw nicht folgen konnte. Mit dem Kriegsbeginn zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Norditalien verlor Calw seinen wichtigsten Handelspartner. Ein weiterer Grund ist der Mangel an Industrie und Kommerz bedingt durch die topografisch ungünstige Lage Calws.

Heute ist Calw eine Kreisstadt mit ca. 23 500 Einwohnern. Zwischen 1938 und 1975 wurden einige kleinere Ortschaften eingemeindet, wie zum Beispiel Hirsau, das für sein historisches Kloster berühmt ist. Hirsau war im 10. Jahrhundert das Zentrum des Klosterlebens.

Neben seiner Bedeutung als Ort der Textilindustrie und der Kaufleute, haben in der Stadt Calw einige berühmte Menschen gelebt. Zum Beispiel U. Ruehlein, der erste Autor, der schon 1503 ein Buch in deutscher Sprache über den Erzbergbau geschrieben hat, auch wenn zu dieser Zeit wissenschaftliche Literatur in der Regel in Latein geschrieben wurde. Er wurde in Calw geboren. Johann Valentin Andreae, der Initiator der Rosenkreuzer Bewegung und eine wichtige Persönlichkeit des religiösen Lebens im 17. Jahrhundert im Staat Württemberg. Ebenso möchte ich Vater und Sohn Gärtner erwähnen, beide waren Biologen, die die Sexualität der Pflanzen erforscht und aufgezeigt haben. Ihre Arbeit war die Grundlage für Darwins Abstammungstheorie oder Mendels Vererbungslehre. Und zu guter Letzt Hermann Hesse, der Enkel von Hermann Gundert und der berühmteste Sohn unserer Stadt. Wie Sie sehen hat sich Calw schon immer eher mit Kultur als mit Ereignissen von Krieg, Schlachten oder Dynastien identifiziert, wie viele andere mittelalterliche Städte in Europa zu diesen Zeiten.