Hauptreferat von Prof. Scaria Zacharia im
  Seminar "Dr. Hermann Gundert, Hermann Hesse und Kerala" am 03.11.2001 in Talasseri, Südindien

 
 

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Hermann Gundert und Hermann Hesse im Malayalam1

Zu Beginn muss ich das Schlüsselwort Malayalam erklären. Heute ist Malayalam eine indische Sprache, die von mehr als dreißig Millionen Indern in Kerala gesprochen wird. Kerala ist der dicht besiedelte, kleine indische Staat an der Südwestspitze des indischen Subkontinents. Das Wort Malayalam jedoch bezeichnete bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts das Land oder das Gebiet, in dem Malayalam gesprochen wurde und das heute Kerala heißt. Der alte Name für das Gebiet ist Malabar. Sowohl Malabar als auch Malayalam bedeuten Bergland. Deshalb kann Malayalar oder Malayali entweder die Bewohner Keralas oder die Leute bezeichnen, die Malayalam sprechen. So ist es auch einleuchtend, dass mir die Überschrift, in der Malayalam vorkommt, die Freiheit gibt, Gundert und Hesse sowohl auf den Staat Kerala als auch auf die Sprache dieser Gegend zu beziehen. An dieser Stelle darf ich nicht versäumen hinzuzufügen, dass nach den ältesten verfügbaren Berichten die frühen bedeutenden Werke – wenn nicht gar die frühesten überhaupt –, die Malayalam als Bezeichnung einer Sprache benützen, Hermann Gunderts Malayalam-Grammatik (1851) und sein Malayalam-Englisch-Wörterbuch (1872) sind. Sogar heute noch werden diese Werke weithin verwendet, was durch die Nachdrucke mehrerer Verleger belegt wird.

Gundert hielt den Keralesen einen Spiegel vor
Man muss sich stets vor Augen halten, dass sich Gunderts Werke vom Wörterbuch, der Grammatik, bis in die Bereiche der Mythologie, Geschichte, Geographie und Folklore erstrecken. In allen diesen Werken war es ihm ein Anliegen, die lokale Perspektive zu berücksichtigen. Er schätzte das Wissen seiner Umgebung, und dieser Zugang führte in seinen Werken zu der feinen Mischung von Tradition und Modernität. Man kann auch sagen, dass in seinen Werken ein großartiger Dialog zwischen Ost und West zum Ausdruck kommt. Diese dialogische Grundeinstellung kann aus verschiedenen Blickwinkeln als Verwestlichung, Modernisierung, Orientalismus usw. betrachtet werden. Aber der wichtigste Punkt, der Gundert den Menschen in Kerala so ans Herz wachsen ließ, war seine Wertschätzung des lokalen Wissens. Man kann dies auch lokale Verwurzelung nennen. Er durchschaute die Dynamik der Gesellschaft und reagierte darauf im Stil eines keralesischen Gelehrten. Seine sprachwissenschaftlichen Werke schließen Ressourcen verschiedener Gesellschaftsgruppen ein und bilden so die multikulturelle Struktur Keralas ab.

Die Malayalam sprechenden Menschen sind unabhängig ihrer verschiedenen Religion, Kaste, Klasse oder Region immer stolz darauf, Dr. Hermann Gundert in die Liste der großen Förderer der Malayalam-Sprache aufzunehmen, und er wird bei denen, die Malayalam studieren, als bedeutender Guru, Lehrer, angesehen. Wie Murkot Ramunny aus Talasseri bezeugt, pflegte sein Vater, Murkot Kumaran – eine der Hauptfiguren in der Geschichte der keralesischen Renaissance –, seinen wissbegierigen Kindern zu sagen, wenn sie ernsthafte Fragen zu Kerala oder Malayalam hätten, sollten sie Gundert, d. h. seine Werke, zu Rate ziehen. Gundert symbolisiert für die Malayalam sprechenden Menschen Modernisierung, Technologisierung und Internationalisierung der Malayalam-Sprache und des keralesischen Wissens. Er war für die Veröffentlichung guter Grammatiken und Wörterbücher sowie für die Förderung des Druck- und Verlagswesens in Nordkerala verantwortlich. Dazu gehörte die Herausgabe der bahnbrechenden Zeitschriften im Malayalam (1847), die Vermittlung westlichen Wissens ins Malayalam über Zeitschriften, die Verbreitung von Schulbüchern und Nachschlagewerken, die Entwicklung eines modernen Schulsystems in Nordkerala und allem voran die Erhaltung und Vermittlung des literarischen Erbes Keralas. Gunderts erstes gedrucktes Werk (1843) ist die Zusammenstellung lokaler Legenden über den Ursprung Keralas, genannt Keralolpathi. Er schätzte die lokalen Legenden und stellte die verschiedenen Versionen davon zusammen, ließ sie drucken und machte sie so den einfachen Leuten Keralas zugänglich. Durch die Druckerzeugnisse wurde lokales Wissen allen Teilen der stark geschichteten Gesellschaft Keralas zugänglich gemacht. Die Darstellung ihrer eigenen Vergangenheit in ihrer eigenen Sprache erschloss sich ihnen durch die Veröffentlichung der Keralolpathi. Wie Gundert selbst bezeugt, war es dieses Werk, das ihn bei der lokalen Bevölkerung beliebt machte. Gundert kam die Rolle eines Spiegels zu, in dem die Menschen ihr eigenes Abbild in ihrer eigenen Literatur sehen konnten. Diese Darstellung löste viele Kettenreaktionen in der Gesellschaft Keralas aus, die eine detaillierte Analyse auf der Grundlage ausgefeilterer Theorien und Methoden des Neuen Historizismus verdienen. Von einem typischen westlichen Missionar erwartet man nicht, dass er eine solche Rolle spielt. Es sei daran erinnert, welch widriges Schicksal dem Buch von Bartholomäus Ziegenbalg,2 dem ersten protestantischen Missionar in Südindien, zuteil wurde. Dieser deutsche Missionar verfasste ein Werk über die Genealogie der indischen Götter.3 Die Missionsleitung verhinderte die Veröffentlichung, aber heute wird sie in der deutschen Indologie als bahnbrechendes Werk bewundert. Gundert und Ziegenbalg schätzten beide die Ursprünglichkeit der Kultur ihrer Umgebung.

Wären sie nur Missionare gewesen, hätten sie diese nie akzeptieren können. Gundert wird im modernen Kerala als Kulturheros geschätzt. Denn er war einer der Europäer, der das kulturelle Erbe der lokalen Bevölkerung verstehen, schätzen, analysieren und dokumentieren konnte, indem er moderne, westliche wissenschaftliche Methoden anwandte.

Die Offenheit gegenüber dem Anderen bei Gundert kann dem intellektuellen Klima in Tübingen zugeordnet werden, wo er studiert hatte, bevor er nach Indien ging. Der Orientalismus der Deutschen allgemein und das Denken Hegels, die in Tübingen vorherrschten, könnten Gundert dafür gerüstet haben, die Kultur Keralas in einer dialogischen Geisteshaltung zu verstehen und zu schätzen.

 

Alle müssen nach ihrer Fasson selig werden
Wie die Kulturgeschichte zeigt, war Kerala seit Urzeiten Treffpunkt von Kulturen. Dieses schmale Küstenland, das Kerala genannt wird, zog mit seinen natürlichen Häfen arabische und chinesische Schiffe an seine Küste. Diese Schiffe brachten Geschäftsleute und Abenteurer einschließlich religiöser Führer in die Siedlungen an der Küste. Mit den Geschäftsleuten kamen die großen Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam. Der brahmanische Hinduismus4 kam im Zuge der Wanderungsbewegungen der Arier im ersten nachchristlichen Jahrtausend ebenfalls nach Kerala. Buddhismus5 und Jainismus6 unterhielten auch wichtige Zentren in Kerala. Die örtliche dravidische Religion vermischte sich mit anderen indischen Religionen wie dem Brahmanismus, dem Buddhismus und dem Jainismus. Daraus wurde in Kerala der gegenwärtige Hinduismus mit seinen unendlichen Variationen auf allen Ebenen mitsamt der verschiedenen Orte und Arten des Gottesdienstes. Das Wort für Religion in der pragmatischen Denkweise der Gesellschaft Keralas ist Marga, Weg. Nach den heute verfügbaren Berichten werden Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam als Marga bezeichnet. Die typische religiöse Einstellung Keralas, über die religiösen Verschiedenheiten hinauszukommen, war und ist, dass "jeder nach seiner Fasson selig werden muss".

Juden, Christen und Muslime in Kerala
Diese drei Religionsgruppen bilden die Pfeiler der Religiosität Keralas. Obwohl zu diesem Thema bislang wenig geschrieben wurde, entwickelten diese Gruppen das gestaltende Prinzip der Malayalam sprechenden Gesellschaft, die einen beachtlichen Anteil von Christen (20%) und Muslimen (20%) aufweist. Die kleine jüdische Gemeinschaft Keralas, die hier mehr als zwanzig Jahrhunderte lebte und sich über sieben oder mehr Synagogen-Gemeinden verbreitete, haben nur angenehme Erinnerungen an ihren Aufenthalt in Kerala. Während der vorportugiesischen Zeit genossen diese drei semitischen Religionen nach lokalen Legenden und örtlichen Traditionen, die in Gestalt von Liedern überlebten, die Unterstützung örtlicher Herrscher. Die Überlieferung zeugt von großzügigen Einladungen und Schenkungen an die Juden, Christen und Muslime, Synagogen, Kirchen und Moscheen zu errichten und zu unterhalten. Eine besondere Gattung von Volksliedern – Synagogenlieder oder Kirchenlieder genannt – beschreiben die Geschichte der Erbauung jeder Synagoge oder Kirche. Das wiederkehrende Thema dieser Lieder ist die großzügige Schenkung und logistische Unterstützung durch örtliche Herrscher, die einer anderen Religion angehörten. Die Inschriften auf den Kupferplatten von Tarisappally (9. Jahrhundert) sprechen von Privilegien, die den Christen gewährt wurden. Die jüdischen Kupferplatten (10. Jahrhundert) legen Zeugnis von den Schenkungen und Privilegien an die Juden ab. Es ist hier anzumerken, dass Hermann Gundert die jüdischen Kupferplatten entzifferte und übersetzte (1843) und durch seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen weite Kreise auf sie aufmerksam machte.

Die Portugiesen, die im 15. Jahrhundert nach Kerala kamen, ärgerten sich über die traditionellen Christen, die glaubten, dass "alle nach ihrer Religion selig werden". Die Dekrete der Synode von Diamper (1599),7 die im Malayalam und mehreren europäischen Sprachen verfügbar sind, sprechen von diesem "Irrtum" der Thomaschristen und verschreiben die typische Medizin des europäischen Christentums. Dieses ausländische Eingreifen in die religiösen Organisationen Keralas, besonders in die der Juden, Christen und Muslime verletzte die örtlichen religiösen Grundsätze und verursachte in der Geschichte der hiesigen Religion Verwerfungen. Sogar auf den religiösen Bereich ganz Indiens bezogen, ragt die religiöse Erfahrung Keralas klar durch seine Achtung anderer Religionen heraus. Das beste Beispiel dafür ist das Leben und die Lehre von Sri Narayana Guru (1856-1928),8 der Schlüsselpersönlichkeit für die Modernisierung Keralas. Er stand für die Werte einer Zivilgesellschaft, in der jedes Mitglied frei sein soll, die Religion seiner/ihrer Wahl zu praktizieren. Was für eine Religion es immer sein mag, sie soll für das Gute der Menschheit einstehen. Narayana Gurus Aussagen wurden zu Normen der gesellschaftlichen Grundsätze Keralas innerhalb der säkularen Republik Indien. Diese Wechselbeziehung half, die Entwicklung Keralas zu einem typischen Modell werden zu lassen, das als die Erfahrung Kerala bezeichnet wird.

Die Erfahrung Kerala
Der Nobelpreisträger Amartya Sen interpretiert in seiner Eröffnungsrede für das Radcliff Institute an der Harvard University am 24. April 2001 die Erfahrung Kerala auf eine sehr treffende Weise:

"Es ist jedoch auch nötig, die begründete Unterscheidung hinsichtlich der Erfahrung Keralas herauszustellen. Es gibt noch andere besondere Merkmale Keralas, die in diesem Zusammenhang auch von Bedeutung sein können, zum Beispiel, dass Frauen innerhalb eines einflussreichen Teils der Hindubevölkerung (den Nayern) Eigentum besitzen können, dass Kerala der Welt gegenüber offen ist und wechselseitige Beziehungen mit ihr unterhält (hier ist die Anwesenheit der Christen mit einem Bevölkerungsanteil von etwa einem Fünftel zu nennen – die schon seit etwa dem vierten Jahrhundert in Kerala waren, also viel länger als zum Beispiel in Großbritannien – , ganz zu schweigen von den Juden, die kurz nach dem Fall Jerusalems nach Indien kamen) und dass die rührige linksgerichtete Politik dem Gleichheitsprinzip besonders verpflichtet war und das Ideal der Gerechtigkeit betonte (nicht nur zwischen Klassen und Kasten, sondern auch zwischen Mann und Frau)."

Hermann Hesse und Siddhartha im Malayalam
Dieses Merkmal der Gesellschaft verhalf Kerala dazu, seinen multikulturellen Charakter in allen Lebensbereichen zu gestalten. Zum Beispiel hat die Sprache Keralas ihren wachsenden Wortschatz durch eine umfangreiche Aufnahme von Lehnwörtern stetig bereichert. Über fünfzig Prozent des Malayalam-Wortschatzes stammt aus dem Sanskrit. Malayalam hat mehr als sechzig Laute und eine entsprechende Anzahl Grundbuchstabenzeichen, um die lexikalischen Einträge darzustellen, die von anderen Sprachen übernommen wurden. Heute benützt das gesprochene Malayalam und das Malayalam der Massenmedien eine große Anzahl englischer Wörter. Malayalam entlehnte eine große Zahl von Wörtern dem Arabischen und Portugiesischen. Auf literarischem Gebiet ist Malayalam die indische Sprache, in die die meisten Werke übersetzt werden. Die literarischen Klassiker des Sanskrit, Englischen und Bengalischen werden häufig übersetzt. Übersetzungen aus europäischen Sprachen wie dem Deutschen, Französischen, Spanischen usw. sind ebenfalls in großer Zahl verfügbar. Hier kreuzen sich die Wege Hermann Hesses mit Kerala. Während des 20. Jahrhunderts gelangten ständig neue Roman-Übersetzungen ins Malayalam. Dabei wurde auch der bedeutende Romanautor Hermann Hesse bei den Malayalam-Lesern eingeführt. Verschiedene Werke Hesses, einschließlich Gedichte und Kurzgeschichten wurden auf unterschiedliche Weise eingeführt, u. a. als Übersetzungen. Wir betrachten im Folgenden die Übersetzungen von Hesses gefeiertem Roman Siddhartha, um das Wesen der Aufnahme Hesses in Kerala nachzuvollziehen. Fragt man irgendeinen gewöhnlichen Malayalam-Leser: "wann besuchte Hesse Kerala?", unterbricht er einen nicht unvermittelt mit der biographischen Tatsache, dass Hesse Kerala nie besucht hat! Hesse wurde zu einem so beliebten Schriftsteller, dass ihn ein gewöhnlicher Leser neben Kalidasa, Shakespeare, Goethe oder Gundert als einen Teil des literarischen Malayalam-Erbes betrachtet. Hesse wurde durch die verschiedenen Übersetzungen von Siddhartha noch beliebter. Die Verfilmung von Siddhartha ließ Hesse zu einem Teil der volkstümlichen Kultur werden. In Kerala, wo beinahe alle lesen und schreiben können und wo die indischen Zeitungen mit der höchsten Auflage zirkulieren, ist das Verlagswesen sehr gut ausgebildet. Der Strom von Übersetzungen wird durch das Prinzip von Angebot und Nachfrage geregelt. Die kritischen Buchkäufer Keralas konsumierten mehr als 10.000 Exemplar des Siddhartha. Die Geschichte der Malayalam-Übersetzungen Siddharthas beginnt im Jahr 1957.

Siddhartha-Übersetzungen ins Malayalam

Jahr   Übersetzer   Verlag
1957   P. Kunhikrishna Menon   Parishad Bookstall, Ernakulam
1991   Venu V.   Dhanya Books, Aluva
1991   P. C. Nair   Kairali Books, Kottayam
1993   V. Raman Nair   D. C. Books, Kottayam
1994   derselbe   ebenda
1996   derselbe   ebenda
2000   derselbe   ebenda

1986 veröffentlichte der bekannte Malayalam-Literaturkritiker Prof. K. P. Appan einen langen Aufsatz über Hermann Hesses literarische Vision, speziell im Hinblick auf seine Romane. Diese von einem erfahrenen Kritiker der Malayalam-Literatur verfasste kritische Studie zu Hesse streicht die große Bedeutung des Dialogs heraus, der durch Werke wie Siddhartha im Malayalam befördert wurde. Er erkennt den intensiven Spiritualismus von Siddhartha, der die Sinnlichkeit des Körpers in angemessener Weise anerkennt. Siddhartha erlangt inneren Frieden ohne den Marga Buddhas anzunehmen. Er entdeckt seinen Weg durch Experimente mit der Wahrheit und selbst diese Versuche sind so dargestellt, dass ihre unabhängigen Werte deutlich werden.

Wer mit Hesses autobiographischen Schriften vertraut ist, in denen er auf Gundert eingeht, wird geneigt sein, die Rolle Buddhas in diesem Roman mit der Rolle Gunderts in Hesses spirituellem Weg in Verbindung zu bringen. Siddharthas ältester Samana weist auch einige Merkmale von Hesses Großvater auf. Siddhartha bewundert sie, muss aber über sie hinauskommen, um seinen Weg zu entdecken. In seinem autobiographischen Aufsatz über seinen Großvater schreibt Hesse von dieser Loslösung als Teil seiner Begegnung mit dem Großvater in Calw: "Es (Großvaters Zimmer, die Bücherregale usw.) sprach alles von einer Welt der Ordnung, Sauberkeit und Gültigkeit, aus der mich zu entfernen und zu verlieren ich den ersten fatalen Schritt schon getan hatte, eben den Schritt, wegen dessen ich mich hier zu verantworten haben würde."9 Im gleichen Aufsatz erläutert er diesen Punkt weiter und bezieht sich besonders auf ein von Gundert verfasstes Gedicht: "Ich wollte Ihnen nur sagen, wie lieb mir das Gedicht von Hermann Gundert ist, eine zarte Schlingpflanze um einen festen Stamm. Wichtig ist mir das, weil man so die Bedeutung der Familienüberlieferung erkennt: sie belastet, aber sie hilft auch weiter, wenn man über die kritischen Verknotungen hinüberkommt."10

Gundert, Hesse und das "Geniereisle" im Malayalam
Hesses Loslösung vom Elternhaus, wie sie u. a. im "Geniereisle"11 zum Ausdruck kommt, spiegelt sich in der charakterbildenden Reise des Siddhartha und in ähnlichen Romanen. Sie passt genau zu der in Hesses autobiographischen Schriften phantasievoll beschriebenen Beziehung. Die dialektische Beziehung zwischen Tradition und Veränderung war die stärkste emotional aufgeladene Auseinandersetzung, die die Gesellschaft Keralas in den letzten fünfzig Jahren durchmachte. Das Projekt der Modernisierung, in das sich das Individuum verheddert, ist ein immer wiederkehrendes Thema in der modernen Malayalam-Literatur. Die Suche nach der tieferen Bedeutung von Geist und Körper, Tradition und Moderne, Kultur und Natur und ihren Berührungspunkten bleibt das Hauptthema der Malayalam-Belletristik. Dieser Dialektik kommt in der aufstrebenden Gesellschaft eine zentrale Stellung zu. Sie wird von verschiedenen Religionen und Ideologien in unterschiedliche Richtungen vorangetrieben. Ein Soziologe kann dies als ein positives Zeichen einer jugendlichen Gesellschaft ansehen. Deshalb sind wir geneigt zu sagen, dass die Systeme der keralesischen Gesellschaft und der Malayalam-Literatur auf die charakterbildende Reise, wie sie in Hesses Werk beschrieben wird, abgestimmt sind. Wie Gideon Toury, der bekannte Professor für Übersetzungsstudien an der Universität Tel Aviv, feststellt, sollten Übersetzungen in Abhängigkeit von Systemen der Zielsprache analysiert und bewertet werden. Der Gedanke, dass die übersetzten Texte dem Original gegenüber treu sein müssen, wurde dabei fallen gelassen. Jede Übersetzung ist eine Wiedergeburt, und das Werk wird wiedergeboren, um eine Funktion im System der Zielsprache zu erfüllen.

 

Die Bindestrich-Gesellschaft12 als alternatives Modell
Das System des Malayalam hat sich über Jahrhunderte entwickelt und Antwort auf die Zeichen der Zeit gegeben. Die kulturellen und sprachlichen Wenden des Malayalam in den letzten vier Jahrzehnten können durch sorgfältiges Lesen der verschiedenen Übersetzungen von Siddhartha untersucht und dokumentiert werden. Das zu behandeln, können wir im Rahmen dieser Abhandlung nicht leisten. Aber man kann davon ausgehen, dass diese Übersetzungen und andere kulturelle Artefakte einschließlich der neu errichteten Gundert-Statue in der Stadt Talasseri Zeugnis von der multikulturellen Gesellschaft Keralas mit ihrer spirituellen Dimension ablegen. Die Geschichte der Religionen in Kerala zeugt von einer typischen und modellhaften religiösen Harmonie. Dr. M. G. S. Narayanan13 hat für die Vernetzung von Judentum, Christentum, Islam und anderen indischen Religionen in Kerala den Begriff "kulturelle Symbiose" geprägt. Diese Religionen fördern sich bis heute gegenseitig. Juden, Christen und Muslime spielten im Vorantreiben des keralesischen Außenhandels eine bedeutende Rolle. Die lokalen Herrscher hießen trotz ihrer religiösen Verschiedenheit die Händler willkommen, die unterschiedlichen Religionen angehörten. Die Toleranz, die sich auf gesellschaftlich-wirtschaftlicher Basis entwickelte, wird als kulturelle Symbiose bezeichnet. Ich möchte über diese Metapher hinausgehen. Als Sprachwissenschaftler möchte ich Kerala als eine Bindestrich-Gesellschaft beschreiben: Ein durch Bindestriche zusammengehaltenes Kompositum verhält sich wie ein einziges Wort; es besteht jedoch aus mehreren Wörtern, die durch Bindestriche voneinander getrennt sind. Oder man kann sagen, dass mehrere Wörter durch Bindestriche zusammengehalten werden und so ein einziges Wort bilden. Das Interessante am Bindestrich ist, dass er die Einheit eines zusammengesetzten Worts aufrechterhält und gleichzeitig die Grenzen der einzelnen Wörter bewahrt. Das gleiche gilt für die Gesellschaft Keralas. Die Einzigartigkeit des Judentums, des Christentums und des Islam sind im Malayalam wohl bewahrt. Das gilt für die Malayalam-Sprache und für die Gesellschaft Keralas. In seiner ganzen Geschichte hat die Gesellschaft Keralas den Gedanken eines Schmelztiegels oder einer gleichmacherischen Gesellschaft abgelehnt. Kerala konnte den Bindestrich-Charakter während der feudalen, kolonialen und demokratischen Perioden bewahren. Dieses Modell erfährt seine gestaltende Kraft eher durch Bescheidenheit als durch Arroganz, eher durch Verschiedenheit als durch Einheitlichkeit, eher durch Dialog als durch dogmatische Dekrete, eher durch Offenheit für Experimente mit der Wahrheit als durch Determinismus.

Das große Lied der tausend Stimmen
Es sei an diese Erfahrung erinnert, wie sie in Siddhartha beschrieben ist:

"Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluß, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das große Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß Om: die Vollendung."14

Der Gedanke an "Das große Lied der tausend Stimmen" bringt Siddhartha den Herzen der Leserschaft im Malayalam umso näher. Es ist Teil des allgemein verbreiteten Denkens, dass die Wahrheit nie unabhängig von den Gewohnheiten des Lesens, Hörens und Schreibens ist, die wir anwenden, um sie zu erlangen, sie zu erklären oder über sie zu sprechen. Für uns Leser im Malayalam ist das Lesen von Hesse ein Akt, bei dem wir uns aus mehrdeutigen Worten, sich überlappenden kulturellen Identifikationen und verschiedenen gesellschaftlichen Gewohnheiten neu erfinden. Diese Erfahrung ist in der gegenwärtigen Welt besonders wichtig. Heute müssen wir uns mit Terrorismus, Krieg und ethnischen Spannungen in verschiedenen Teilen der Welt auseinandersetzen. Globalisierung trifft auf ethnische Gewalt, die nationale Grenzen sprengt. Hermann Gundert, Hermann Hesse und das Malayalam stellen uns ein alternatives Modell vor, das Einheit in der Vielheit möglich macht. Diese Darstellung ist nur ein bescheidener Versuch, diese Erfahrung durch die Verbindung mit der Vergangenheit über den Impuls der Erinnerung zu verdeutlichen – Erinnerung an Hermann Gundert, Hermann Hesse und an die traditionelle Gesellschaft Keralas. Es ist ein Traum, der jedoch im Wachsein des Alltagsgeschehens geträumt wird – in der täglichen Praxis der Gesellschaft Keralas. Ich hoffe, dass die Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag von Hermann Hesse, die in Kerala eröffnet wurden, ein Modell der Bindestrich-Gesellschaft als mögliche Alternative für die Entstehung einer einpoligen Weltordnung vorlegen.


1 Vortrag beim Hermann-Hesse-Seminar anlässlich der Eröffnung des Hermann-Hesse-Jahrs 2002 in Talasseri am 3. November 2001. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Albrecht und Matthias Frenz.

2 Bartholomäus Ziegenbalg (1683-1719) kam 1706 an die Südostküste Indiens und ließ sich in Tranquebar nieder, das damals eine dänische Kolonie war.

3 Bartholomäus Ziegenbalg, Genealogie der Malabarischen Götter, hg. v. Wilhelm Germann, Madras & Erlangen 1867.

4 Der brahmanische Hinduismus kam etwa um 800 n. Chr. nach Kerala und verband sich dort mit der Lehre Sankaracharyas, der um diese Zeit in Kaladi in Nordkerala geboren wurde, und einer der bedeutendsten Reformer des Hinduismus ist. Die Brahmanen stellten die Priesterkaste und bestimmten weitgehend das geistige Leben.

5 Der Buddhismus geht auf Buddha (um 500 v. Chr.), den Erleuchteten, zurück. Unter Kaiser Ashoka (um 250 v. Chr.) erfuhr der Buddhismus seine größte Ausdehnung und erfasste außer wenigen Teilen um das Kap Kumorin auch ganz Südindien.

6 Der Jainismus geht auf Mahavira, einen Zeitgenossen Buddhas, zurück. In Südindien erlebte der Jainismus in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends seine höchste Blütezeit. Jainismus und Buddhismus wurden von dem sich reformierenden Hinduismus abgelöst, bzw. in diesen integriert.

7 Auf der Synode von Diamper (1599) zwang die Römisch-katholische Kirche ihre Vorstellungen den alten Thomaskirchen auf. Scaria Zacharia schrieb dazu: "Es ist völlig richtig, dass die Mehrheit der Thomas-Christen – auch die, die zur katholischen Kirche gehören – die Synode von Diamper als Eingriff der westlichen Kolonialisten in das religiöse und soziale Leben der einheimischen Christen betrachten. Sie haben diese Verletzung ihres gesellschaftlich-religiösen Lebens den Portugiesen nie verziehen." (Scaria Zacharia, A Grammatical Analysis of the Early Missionary Malayalam Prose Text Part I, Changanacherry 1990, S. LIX, zitiert nach: Hermann Gundert, Brücke zwischen Indien und Europa, hg. v. Albrecht Frenz, Ulm 1993, S. 180 [Brücke]; vgl. dort auch Stichwort "Diamper", bzw. "Udayamperur".

8 Vgl. Murkot Ramunny, "Sri Narayana Guru", in: Brücke, S. 197-200; vgl. dort auch Stichwort "Narayana".

9 Hermann Hesse, "Mein Großvater und die Geniereise", in: Stuttgarter Zeitung, 24.12.1954.

10 Ebenda; es handelt sich um das Gedicht mit der Überschrift "Am zwölften August 1833", vgl. Hermann Gundert, Quellen zu seinem Leben und Werk, hg. v. Albrecht Frenz, Ulm 1991, S. 33; ebenso Brücke, S. 67, 384.

11 In dem bereits zitierten Aufsatz Hesses in der Stuttgarter Zeitung fragt Gundert seinen Enkel: "So, du bist's, Hermann? Ich habe gehört, du habest neulich ein Geniereisle gemacht."

12 Zum Begriff Bindestrich-Gesellschaft (engl. hyphenated society) vgl. B. Turner, "Outline of a Theory of Citizenship", in: Chantal Mouffe (ed.), Dimensions of Radical Democracy: Pluralism, Citizenship, Community, London 1992, 2nd ed. 1995, Sp. 35.

13 Vgl. M. G. S. Narayanan, Perumals of Kerala, Calicut 1996. In diesem Werk arbeitet Narayanan die geschichtlichen Abläufe in Kerala zwischen 800-1124 n. Chr. heraus.

14 Hermann Hesse, Die Romane und die großen Erzählungen, 4. Bd., Frankfurt 1950, S. 258.