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Hauptreferat von Prof. Scaria Zacharia im |
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Weitere Texte zu Veranstaltungen am 03.11.2001 Weitere Texte zum Thema "Südindien" |
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Hermann Gundert und Hermann Hesse im Malayalam1 Zu Beginn muss ich das Schlüsselwort Malayalam erklären. Heute ist Malayalam eine indische Sprache, die von mehr als dreißig Millionen Indern in Kerala gesprochen wird. Kerala ist der dicht besiedelte, kleine indische Staat an der Südwestspitze des indischen Subkontinents. Das Wort Malayalam jedoch bezeichnete bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts das Land oder das Gebiet, in dem Malayalam gesprochen wurde und das heute Kerala heißt. Der alte Name für das Gebiet ist Malabar. Sowohl Malabar als auch Malayalam bedeuten Bergland. Deshalb kann Malayalar oder Malayali entweder die Bewohner Keralas oder die Leute bezeichnen, die Malayalam sprechen. So ist es auch einleuchtend, dass mir die Überschrift, in der Malayalam vorkommt, die Freiheit gibt, Gundert und Hesse sowohl auf den Staat Kerala als auch auf die Sprache dieser Gegend zu beziehen. An dieser Stelle darf ich nicht versäumen hinzuzufügen, dass nach den ältesten verfügbaren Berichten die frühen bedeutenden Werke – wenn nicht gar die frühesten überhaupt –, die Malayalam als Bezeichnung einer Sprache benützen, Hermann Gunderts Malayalam-Grammatik (1851) und sein Malayalam-Englisch-Wörterbuch (1872) sind. Sogar heute noch werden diese Werke weithin verwendet, was durch die Nachdrucke mehrerer Verleger belegt wird. Gundert hielt den Keralesen einen Spiegel vor Die Malayalam sprechenden Menschen sind unabhängig ihrer verschiedenen Religion, Kaste, Klasse oder Region immer stolz darauf, Dr. Hermann Gundert in die Liste der großen Förderer der Malayalam-Sprache aufzunehmen, und er wird bei denen, die Malayalam studieren, als bedeutender Guru, Lehrer, angesehen. Wie Murkot Ramunny aus Talasseri bezeugt, pflegte sein Vater, Murkot Kumaran – eine der Hauptfiguren in der Geschichte der keralesischen Renaissance –, seinen wissbegierigen Kindern zu sagen, wenn sie ernsthafte Fragen zu Kerala oder Malayalam hätten, sollten sie Gundert, d. h. seine Werke, zu Rate ziehen. Gundert symbolisiert für die Malayalam sprechenden Menschen Modernisierung, Technologisierung und Internationalisierung der Malayalam-Sprache und des keralesischen Wissens. Er war für die Veröffentlichung guter Grammatiken und Wörterbücher sowie für die Förderung des Druck- und Verlagswesens in Nordkerala verantwortlich. Dazu gehörte die Herausgabe der bahnbrechenden Zeitschriften im Malayalam (1847), die Vermittlung westlichen Wissens ins Malayalam über Zeitschriften, die Verbreitung von Schulbüchern und Nachschlagewerken, die Entwicklung eines modernen Schulsystems in Nordkerala und allem voran die Erhaltung und Vermittlung des literarischen Erbes Keralas. Gunderts erstes gedrucktes Werk (1843) ist die Zusammenstellung lokaler Legenden über den Ursprung Keralas, genannt Keralolpathi. Er schätzte die lokalen Legenden und stellte die verschiedenen Versionen davon zusammen, ließ sie drucken und machte sie so den einfachen Leuten Keralas zugänglich. Durch die Druckerzeugnisse wurde lokales Wissen allen Teilen der stark geschichteten Gesellschaft Keralas zugänglich gemacht. Die Darstellung ihrer eigenen Vergangenheit in ihrer eigenen Sprache erschloss sich ihnen durch die Veröffentlichung der Keralolpathi. Wie Gundert selbst bezeugt, war es dieses Werk, das ihn bei der lokalen Bevölkerung beliebt machte. Gundert kam die Rolle eines Spiegels zu, in dem die Menschen ihr eigenes Abbild in ihrer eigenen Literatur sehen konnten. Diese Darstellung löste viele Kettenreaktionen in der Gesellschaft Keralas aus, die eine detaillierte Analyse auf der Grundlage ausgefeilterer Theorien und Methoden des Neuen Historizismus verdienen. Von einem typischen westlichen Missionar erwartet man nicht, dass er eine solche Rolle spielt. Es sei daran erinnert, welch widriges Schicksal dem Buch von Bartholomäus Ziegenbalg,2 dem ersten protestantischen Missionar in Südindien, zuteil wurde. Dieser deutsche Missionar verfasste ein Werk über die Genealogie der indischen Götter.3 Die Missionsleitung verhinderte die Veröffentlichung, aber heute wird sie in der deutschen Indologie als bahnbrechendes Werk bewundert. Gundert und Ziegenbalg schätzten beide die Ursprünglichkeit der Kultur ihrer Umgebung. Wären sie nur Missionare gewesen, hätten sie diese nie akzeptieren können. Gundert wird im modernen Kerala als Kulturheros geschätzt. Denn er war einer der Europäer, der das kulturelle Erbe der lokalen Bevölkerung verstehen, schätzen, analysieren und dokumentieren konnte, indem er moderne, westliche wissenschaftliche Methoden anwandte. Die Offenheit gegenüber dem Anderen bei Gundert kann dem intellektuellen Klima in Tübingen zugeordnet werden, wo er studiert hatte, bevor er nach Indien ging. Der Orientalismus der Deutschen allgemein und das Denken Hegels, die in Tübingen vorherrschten, könnten Gundert dafür gerüstet haben, die Kultur Keralas in einer dialogischen Geisteshaltung zu verstehen und zu schätzen.
Alle müssen nach ihrer Fasson selig werden Juden, Christen und Muslime in Kerala Die Portugiesen, die im 15. Jahrhundert nach Kerala kamen, ärgerten sich über die traditionellen Christen, die glaubten, dass "alle nach ihrer Religion selig werden". Die Dekrete der Synode von Diamper (1599),7 die im Malayalam und mehreren europäischen Sprachen verfügbar sind, sprechen von diesem "Irrtum" der Thomaschristen und verschreiben die typische Medizin des europäischen Christentums. Dieses ausländische Eingreifen in die religiösen Organisationen Keralas, besonders in die der Juden, Christen und Muslime verletzte die örtlichen religiösen Grundsätze und verursachte in der Geschichte der hiesigen Religion Verwerfungen. Sogar auf den religiösen Bereich ganz Indiens bezogen, ragt die religiöse Erfahrung Keralas klar durch seine Achtung anderer Religionen heraus. Das beste Beispiel dafür ist das Leben und die Lehre von Sri Narayana Guru (1856-1928),8 der Schlüsselpersönlichkeit für die Modernisierung Keralas. Er stand für die Werte einer Zivilgesellschaft, in der jedes Mitglied frei sein soll, die Religion seiner/ihrer Wahl zu praktizieren. Was für eine Religion es immer sein mag, sie soll für das Gute der Menschheit einstehen. Narayana Gurus Aussagen wurden zu Normen der gesellschaftlichen Grundsätze Keralas innerhalb der säkularen Republik Indien. Diese Wechselbeziehung half, die Entwicklung Keralas zu einem typischen Modell werden zu lassen, das als die Erfahrung Kerala bezeichnet wird. Die Erfahrung Kerala "Es ist jedoch auch nötig, die begründete Unterscheidung hinsichtlich der Erfahrung Keralas herauszustellen. Es gibt noch andere besondere Merkmale Keralas, die in diesem Zusammenhang auch von Bedeutung sein können, zum Beispiel, dass Frauen innerhalb eines einflussreichen Teils der Hindubevölkerung (den Nayern) Eigentum besitzen können, dass Kerala der Welt gegenüber offen ist und wechselseitige Beziehungen mit ihr unterhält (hier ist die Anwesenheit der Christen mit einem Bevölkerungsanteil von etwa einem Fünftel zu nennen – die schon seit etwa dem vierten Jahrhundert in Kerala waren, also viel länger als zum Beispiel in Großbritannien – , ganz zu schweigen von den Juden, die kurz nach dem Fall Jerusalems nach Indien kamen) und dass die rührige linksgerichtete Politik dem Gleichheitsprinzip besonders verpflichtet war und das Ideal der Gerechtigkeit betonte (nicht nur zwischen Klassen und Kasten, sondern auch zwischen Mann und Frau)." Hermann Hesse und Siddhartha im Malayalam Siddhartha-Übersetzungen ins Malayalam
1986 veröffentlichte der bekannte Malayalam-Literaturkritiker Prof. K. P. Appan einen langen Aufsatz über Hermann Hesses literarische Vision, speziell im Hinblick auf seine Romane. Diese von einem erfahrenen Kritiker der Malayalam-Literatur verfasste kritische Studie zu Hesse streicht die große Bedeutung des Dialogs heraus, der durch Werke wie Siddhartha im Malayalam befördert wurde. Er erkennt den intensiven Spiritualismus von Siddhartha, der die Sinnlichkeit des Körpers in angemessener Weise anerkennt. Siddhartha erlangt inneren Frieden ohne den Marga Buddhas anzunehmen. Er entdeckt seinen Weg durch Experimente mit der Wahrheit und selbst diese Versuche sind so dargestellt, dass ihre unabhängigen Werte deutlich werden. Wer mit Hesses autobiographischen Schriften vertraut ist, in denen er auf Gundert eingeht, wird geneigt sein, die Rolle Buddhas in diesem Roman mit der Rolle Gunderts in Hesses spirituellem Weg in Verbindung zu bringen. Siddharthas ältester Samana weist auch einige Merkmale von Hesses Großvater auf. Siddhartha bewundert sie, muss aber über sie hinauskommen, um seinen Weg zu entdecken. In seinem autobiographischen Aufsatz über seinen Großvater schreibt Hesse von dieser Loslösung als Teil seiner Begegnung mit dem Großvater in Calw: "Es (Großvaters Zimmer, die Bücherregale usw.) sprach alles von einer Welt der Ordnung, Sauberkeit und Gültigkeit, aus der mich zu entfernen und zu verlieren ich den ersten fatalen Schritt schon getan hatte, eben den Schritt, wegen dessen ich mich hier zu verantworten haben würde."9 Im gleichen Aufsatz erläutert er diesen Punkt weiter und bezieht sich besonders auf ein von Gundert verfasstes Gedicht: "Ich wollte Ihnen nur sagen, wie lieb mir das Gedicht von Hermann Gundert ist, eine zarte Schlingpflanze um einen festen Stamm. Wichtig ist mir das, weil man so die Bedeutung der Familienüberlieferung erkennt: sie belastet, aber sie hilft auch weiter, wenn man über die kritischen Verknotungen hinüberkommt."10 Gundert, Hesse und das "Geniereisle" im Malayalam
Die Bindestrich-Gesellschaft12 als alternatives Modell Das große Lied der tausend Stimmen "Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluß, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das große Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß Om: die Vollendung."14 Der Gedanke an "Das große Lied der tausend Stimmen" bringt Siddhartha den Herzen der Leserschaft im Malayalam umso näher. Es ist Teil des allgemein verbreiteten Denkens, dass die Wahrheit nie unabhängig von den Gewohnheiten des Lesens, Hörens und Schreibens ist, die wir anwenden, um sie zu erlangen, sie zu erklären oder über sie zu sprechen. Für uns Leser im Malayalam ist das Lesen von Hesse ein Akt, bei dem wir uns aus mehrdeutigen Worten, sich überlappenden kulturellen Identifikationen und verschiedenen gesellschaftlichen Gewohnheiten neu erfinden. Diese Erfahrung ist in der gegenwärtigen Welt besonders wichtig. Heute müssen wir uns mit Terrorismus, Krieg und ethnischen Spannungen in verschiedenen Teilen der Welt auseinandersetzen. Globalisierung trifft auf ethnische Gewalt, die nationale Grenzen sprengt. Hermann Gundert, Hermann Hesse und das Malayalam stellen uns ein alternatives Modell vor, das Einheit in der Vielheit möglich macht. Diese Darstellung ist nur ein bescheidener Versuch, diese Erfahrung durch die Verbindung mit der Vergangenheit über den Impuls der Erinnerung zu verdeutlichen – Erinnerung an Hermann Gundert, Hermann Hesse und an die traditionelle Gesellschaft Keralas. Es ist ein Traum, der jedoch im Wachsein des Alltagsgeschehens geträumt wird – in der täglichen Praxis der Gesellschaft Keralas. Ich hoffe, dass die Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag von Hermann Hesse, die in Kerala eröffnet wurden, ein Modell der Bindestrich-Gesellschaft als mögliche Alternative für die Entstehung einer einpoligen Weltordnung vorlegen. 1 Vortrag beim Hermann-Hesse-Seminar anlässlich der Eröffnung des Hermann-Hesse-Jahrs 2002 in Talasseri am 3. November 2001. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Albrecht und Matthias Frenz. 2 Bartholomäus Ziegenbalg (1683-1719) kam 1706 an die Südostküste Indiens und ließ sich in Tranquebar nieder, das damals eine dänische Kolonie war. 3 Bartholomäus Ziegenbalg, Genealogie der Malabarischen Götter, hg. v. Wilhelm Germann, Madras & Erlangen 1867. 4 Der brahmanische Hinduismus kam etwa um 800 n. Chr. nach Kerala und verband sich dort mit der Lehre Sankaracharyas, der um diese Zeit in Kaladi in Nordkerala geboren wurde, und einer der bedeutendsten Reformer des Hinduismus ist. Die Brahmanen stellten die Priesterkaste und bestimmten weitgehend das geistige Leben. 5 Der Buddhismus geht auf Buddha (um 500 v. Chr.), den Erleuchteten, zurück. Unter Kaiser Ashoka (um 250 v. Chr.) erfuhr der Buddhismus seine größte Ausdehnung und erfasste außer wenigen Teilen um das Kap Kumorin auch ganz Südindien. 6 Der Jainismus geht auf Mahavira, einen Zeitgenossen Buddhas, zurück. In Südindien erlebte der Jainismus in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends seine höchste Blütezeit. Jainismus und Buddhismus wurden von dem sich reformierenden Hinduismus abgelöst, bzw. in diesen integriert. 7 Auf der Synode von Diamper (1599) zwang die Römisch-katholische Kirche ihre Vorstellungen den alten Thomaskirchen auf. Scaria Zacharia schrieb dazu: "Es ist völlig richtig, dass die Mehrheit der Thomas-Christen – auch die, die zur katholischen Kirche gehören – die Synode von Diamper als Eingriff der westlichen Kolonialisten in das religiöse und soziale Leben der einheimischen Christen betrachten. Sie haben diese Verletzung ihres gesellschaftlich-religiösen Lebens den Portugiesen nie verziehen." (Scaria Zacharia, A Grammatical Analysis of the Early Missionary Malayalam Prose Text Part I, Changanacherry 1990, S. LIX, zitiert nach: Hermann Gundert, Brücke zwischen Indien und Europa, hg. v. Albrecht Frenz, Ulm 1993, S. 180 [Brücke]; vgl. dort auch Stichwort "Diamper", bzw. "Udayamperur". 8 Vgl. Murkot Ramunny, "Sri Narayana Guru", in: Brücke, S. 197-200; vgl. dort auch Stichwort "Narayana". 9 Hermann Hesse, "Mein Großvater und die Geniereise", in: Stuttgarter Zeitung, 24.12.1954. 10 Ebenda; es handelt sich um das Gedicht mit der Überschrift "Am zwölften August 1833", vgl. Hermann Gundert, Quellen zu seinem Leben und Werk, hg. v. Albrecht Frenz, Ulm 1991, S. 33; ebenso Brücke, S. 67, 384. 11 In dem bereits zitierten Aufsatz Hesses in der Stuttgarter Zeitung fragt Gundert seinen Enkel: "So, du bist's, Hermann? Ich habe gehört, du habest neulich ein Geniereisle gemacht." 12 Zum Begriff Bindestrich-Gesellschaft (engl. hyphenated society) vgl. B. Turner, "Outline of a Theory of Citizenship", in: Chantal Mouffe (ed.), Dimensions of Radical Democracy: Pluralism, Citizenship, Community, London 1992, 2nd ed. 1995, Sp. 35. 13 Vgl. M. G. S. Narayanan, Perumals of Kerala, Calicut 1996. In diesem Werk arbeitet Narayanan die geschichtlichen Abläufe in Kerala zwischen 800-1124 n. Chr. heraus. 14 Hermann Hesse, Die Romane und die großen Erzählungen, 4. Bd., Frankfurt 1950, S. 258. |
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