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"WeltFlechtWerk – Die Einheit hinter den Gegensätzen" von Kurator Dr. Hans-Peter Meier-Dallach
- Hermann Hesse in Themenräumen sichtbar gemacht. |
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Mein Vorredner, Herr Dr. Schuster, hat es anklingen lassen, was für die Konzeption der Ausstellung wesentlich war. Wir befinden uns in der Periode einer enormen Beschleunigung. Im alltäglichen Leben begegnen wir handy-zückenden Menschen, das Tempo der Beschleunigung im Verkehr und Siedlungsbau nimmt zu und die Lebenszyklen von Computern werden immer kürzer. Die Lesegeschwindigkeit und –flüchtigkeit wächst und Chancen hat nur noch, was zum schnellen und bald wieder vergessenen Bild wird. Da bildet die geschriebene, gehörte und gesprochene Literatur einen Ruhepol. Ein Werk, wie dasjenige von Hermann Hesse wahrzunehmen, verlangt Zeit, Langsamkeit und Ruhe. Literatur ist Widerstand gegen das "subito", das Diktat des Bildes, das im gleichzeitigen Blick die Zeit zusammenrafft. Literatur verlangt die Zeit der Zeile und Dauer. Auf das Vorher folgen – wie in der Musik – die jetzigen Worte und fügen sich die nachher gesprochenen Worte hinzu. In einem Raum hören die Besuchenden Literatur als gesprochene Zeilen, einmal im schnellen explodierenden Rhythmus, ein anderes Mal und gleichzeitig im langsamen, sich findenden Duktus. Wenn Sie nachher mit mir durch die zehn Themenräume schreiten, erwarten Sie in jedem Raum auch Bilder, z. B. im Raum "Wirbel der Beschleunigung" der Film mit Sequenzen von Bewegung und Veränderung in Landschaftsbildern aus der Biographie von Hermann Hesse. Warum? Der grosse Teil der Menschen und vorab der Jugend lebt heute in der Bilderwelt. Die Ausstellung wollte keine Fingerzeige erteilen: "hütet auch vor dem medialen Bilderkult!" Doch achten Sie auf die Inhalte und Schnitte der Bilder. Sie halten sich zurück und bewegen sich schweigend über die Wände. Sie wecken das Bedürfnis nach Worten, nach dem Urstoff der Literatur. Und auf diese Bilder legen sich zögernd einfache Sprachbilder aus einem sehr alltäglichen Bereich – der Bedeutung der Häuser, die Hermann Hesse als Speicher von Erinnerungen darstellt. Die Ausstellung will Literatur aus Tönen, Bildern und Passagen anklingen und sprechen lassen. In jedem Raum anders, aber anknüpfend an den vorherigen Raum, wie sich Literatur in Kapiteln zu einem Ganzen fügt. Hermann Hesse ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller und sein Werk gehört zu den meistgelesenen. Deshalb ist die Biographie der hier zu feiernden Person in einer neuen schlichten Weise lesbar dargestellt. Sie spricht aus Themen, die uns heute alle beschäftigen. Hermann Hesse eignet sich vorzüglich für diese zeitgemäße Übersetzung. Er hat die Themen in seiner Zeit aus den damaligen Ereignissen herausgelesen und ins Werk umgesetzt. In jedem Raum begegnet den Besuchern das Werk, der Schriftsteller im Spiegel eines Themas, so der Widersprüche des Heranwachsens und der Jugend, der Gratwanderung, zwischen Lust und Pflicht reif und älter zu werden. Hier sprechen Gegenstände in Vitrinen im Medium von Texten aus dem Steppenwolf. Eine Stärke im Werk von Hermann Hesse, die alltägliche Dingwelt in die Literatur einzubringen, leitete das Konzept und die Gestaltung an. Im zentralen Raum "Scherben und Perlen" tritt der Schriftsteller als Person auf, welche die Zerrissenheit und die Chancen zur Harmonie der modernen Gesellschaft scharf wahrgenommen und thematisiert hat. Die Besucher erleben hier das Glasperlenspiel, den im Vergleich zum populären Werk schwer verständlichen Roman, als Weltperlenspiel. Sie können am globalen Tisch selbst Scherben und Perlen, kritische und hoffnungsvolle Puzzles setzen, wie sich unsere Welt bewegt oder bewegen wird. In diesem und in folgenden Räumen treten die Besuchenden in eine aktive Rolle. Sie beginnen, in den Themenräumen mitzuspielen. Literatur ist nie fertig, sie beginnt mit jedem Lesenden wieder neu und sie regt an, sich an das Eigene zu erinnern oder Fremdes und Zukünftiges zu erkunden. Im letzten Raum, im Globus der Kommunikation, werden Karten und Botschaften an die Zukunft verfasst, die Teil dieser Ausstellung sind. Was mit dem geschauten Bild beginnt, endet mit dem selbst geschriebenen Wort. Hermann Hesses Person und Werk ist eine wunderbare Chance, Literatur auch für Außenstehende erlebbar und entstehen zu lassen. Als die grosse Gegenspielerin einer sich ständig beschleunigenden und verflüchtigenden Kultur. |
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© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 13.08.2003 |
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