Oberbürgermeister Werner Spec / Stadt Calw
Begrüßung anlässlich des Festakts am 16. Mai 2002 in der Berliner Philharmonie zur Eröffnung der Hesse-Ausstellung "Weltflechtwerk – Die Einheit hinter den Gegensätzen" im Kulturforum am Potsdamer Platz.

 
 

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Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich darf Sie zur feierlichen Eröffnung der Ausstellung "Weltflechtwerk – Die Einheit hinter den Gegensätzen" mit Bezügen aktueller gesellschaftspolitischer und globaler Themen und Brennpunkte zu den Kernaussagen im Werk Hermann Hesses hier in der Berliner Philharmonie herzlich begrüßen und willkommen heißen.

Ein besonderer Gruß gilt dem Kurator der Ausstellung, Ihnen Herr Dr. Meier-Dallach aus Zürich. Wir freuen uns auf Ihre Einführung im Kulturforum am Potsdamer Platz.

Besondere Worte des Dankes gelten auch dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Museen zu Berlin, Ihnen Herr Präsident Dr. Lehmann - sowie dem Direktor der Stiftung, Ihnen Herr Prof. Dr. Schuster, einem der bekanntesten Söhne der Stadt Calw - nach Hermann Hesse - , die Sie uns die Räumlichkeiten im Kulturforum zur Verfügung gestellt haben und deren konstruktive Unterstützung wir erfahren durften.

Als Geburtsstadt des im Jahr 1877 geborenen Schriftstellers und Nobelpreisträgers haben wir die Herausforderung gerne angenommen, Person und Werk Hermann Hesses aus Anlass des 125. Geburtsjubiläums zu würdigen.

Dass dieses, neben über 200 Veranstaltungen in Calw auch hier in der Bundeshauptstadt Berlin, aber auch an der früheren Wirkungsstätte seines Großvaters Dr. Hermann Gundert und dem Geburtsort seiner Mutter in Kerala, Südindien sowie in Brüssel, Budapest, Rom und anderen Städten sowie noch geplanten Projekten in Russland und China im Rahmen zahlreicher Ausstellungen, Symposien und Veranstaltungen, geschehen würde, haben wir bei den ersten Überlegungen vor mehr als drei Jahren weder geplant noch erahnt.

Das Veranstaltungsprogramm hat sich mit einer fast unglaublichen Eigendynamik von einer lokalen zu einer internationalen Ausrichtung entwickelt, die vor allem drei Umständen zu verdanken ist:

In erster Linie der hohen Aktualität und dem hohen internationalen Bekanntheitsgrad des literarischen Werks Hesses, des weltweit meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellers des 19./20. Jahrhunderts, das von den indischen Religionen ebenso inspiriert und geprägt ist wie dem chinesischen Taoismus, dem japanischen Zen-Buddhismus, ebenso wie von den griechischen Philosophen, den christlichen Mystikern und natürlich vom protestantischen Pietismus.

Diese umfassende und internationale Ausrichtung wäre unmöglich gewesen ohne die maßgebliche ideelle und materielle Unterstützung von vielen Seiten, für die ich heute nur stellvertretend einige Wenige dankbar nennen darf:

Ich danke den Gremien und Verantwortlichen für die Bereitstellung von Mitteln aus dem Bundeshaushalt und dem Hauptstadtkulturfonds Berlin, ganz besonders den Abgeordneten Frau Renate Gradistanac und Lothar Mark sowie dem Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Fuchtel als Vertreter beider großer Volksparteien, die ich gleichzeitig herzlich begrüßen darf. Auch hier gilt das Motto von der Einheit hinter den Gegensätzen.

Ich danke für die Unterstützung von Seiten der Landesregierung und der Landesstiftung Baden-Württemberg mit dem Ministerpräsidenten Erwin Teufel als Schirmherr sämtlicher Veranstaltungen, die eingebettet sind in die 50-Jahr-Feierlichkeiten des Landes Baden-Württemberg.

Mein herzlicher Gruß und Dank gilt auch Ihnen, sehr verehrter Herr Landrat Köblitz, für Ihre engagierte und tatkräftige Unterstützung.

Wichtige Partner aus dem Bankenbereich und der Wirtschaft haben erkannt, dass das bestehende Vakuum in einem wirtschaftlich dominierten Prozess der Globalisierung durch internationale kulturelle Begegnungen und geistigen Austausch abgebaut werden muss und haben durch ihre finanziellen Zuwendungen erheblichen Anteil an der Gesamtfinanzierung. Allen anwesenden Repräsentanten gilt deshalb heute mein und unser Dank.

Ein herzlicher Gruß gilt den Vertretern der Hermann-Hesse-Stiftung, Ihnen Herr Prof. Dr. Zeller und Ihnen Herr Teufel und nicht zuletzt den Gemeinde- und Ortschaftsräten unserer Stadt, die dieses Projekt kommunalpolitisch von Anfang an mitgetragen haben.

Ich danke für Ihr Verständnis, wenn ich auf weitere Einzelnennungen heute aus Zeitgründen verzichte, auch wenn noch viele an dieser Stelle eine Würdigung verdient hätten.

Ein herzliches Dankeschön sage ich aber auch dem Team unserer verantwortlichen Mitarbeitern und externen Kooperationspartnern, ohne deren hohes Maß an Kreativität und Belastbarkeit das Gesamtprogramm unvorstellbar gewesen wäre.

In über drei Jahren haben wir gemeinsam immer neu erfahren, was es bedeutet, im Sinne Hesses das Unmögliche anzustreben, um das Mögliche zu erreichen.

Ein ganz besonderer Dank gilt Ihnen, Herr Bundespräsident, sehr verehrter Herr Dr. Rau für Ihr Kommen, wir freuen uns sehr auf Ihr Grußwort.

Ein herzlicher Gruß und ein Dankeschön auch Ihnen, lieber Herr Prof. Kuschel, persönlich und stellvertretend für die Stiftung Weltethos, mit der wir die Freude einer angenehmen und befruchtenden Zusammenarbeit haben.

Wir freuen uns sehr auf Ihre Ansprache, die sich mit einem wichtigen Aspekt im Werk Hermann Hesses auseinandersetzt, nämlich der Botschaft der Humanität und Toleranz über alle nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg, dem Aspekt der Einheit hinter den Gegensätzen.

Die Einheit hinter den Gegensätzen könnte im vereinten Deutschland durchaus ein Leitmotiv für die mentale Realisierung der Wiedervereinigung sein, in einem Land, welches nicht allein über eine deutsche Kultur verfügt, sondern über eine Gesellschaft, die den Reichtum einer pluralen Zusammensetzung von Menschen unterschiedlicher Kulturkreise und Glaubensvorstellungen in sich birgt. Hermann Hesse war in diesem Sinne auch ein politischer Schriftsteller – auch wenn manche deutsche Germanisten im Unterschied zu ihren Kollegen im Ausland in ihrer oberflächlichen Wertung Hesse als unpolitisch gesehen haben oder gar als Jugendbuchautor abstempeln wollten.

Schon 1931 sah Hesse voraus, dass aus dem Nationalsozialismus nichts Gutes entstehen kann und es lange Zeit dauern werde, bis sich dieses Land wieder von diesem Schreckgespenst erholen würde. So wie er vor dem Nationalismus warnte, wendete er sich im übrigen auch gegen die Gewaltherrschaft des Kommunismus oder auch gegen jede Form extremen religiösen Fundamentalismus.

1955 merkte er der japanischen Gesamtausgabe seines Werkes an:

"Die ernsthafte und fruchtbare Verständigung zwischen Ost und West ist nicht nur auf politischem und sozialem Gebiet die große, noch unerfüllte Forderung unserer Zeit, sie ist eine Forderung und Lebensfrage auch auf dem Gebiet des Geistes und der Lebenskultur."

Der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington schreibt dazu in seinem Buch "Kampf der Kulturen" im Jahr 1996 zur Umgestaltung der Weltpolitik im 21. Jahr-hundert:

"Anstatt die vermeintlich universalen Aspekte einer Kultur zu propagieren, gilt es, im Interesse der kulturellen Koexistenz nach dem zu suchen, was den meisten Hochkulturen gemeinsam ist. Der konstruktive Weg in einer multikulturellen Welt besteht darin, auf Universalismus zu verzichten, Verschiedenheit zu akzeptieren und nach Gemeinsamkeiten zu suchen."

Trotz der globalen Fragen und Antwortansätze und der internationalen Ausrichtung der Veranstaltungen feiern wir natürlich auch bei uns in Calw mit rund 250 Einzelveranstaltungen von Ende Juni bis August diesen Jahres gebührend den 125. Geburtstag Hermann Hesses mit einem nicht nur literarischen Programm, das ich Ihrer Aufmerksamkeit widme. Unsere tägliche kommunalpolitische Arbeit wird sich zwar nicht auf eine höhere Politikebene bewegen. Wir haben aber im Verlauf der bisherigen Veranstaltungen, gerade gemeinsam mit den Menschen in Südindien gemerkt, wie wichtig auch im Sinn der lokalen Agenda 21 in der Folge der Konferenz von Rio die kulturübergreifende Vernetzung und Verbindung von Menschen auch auf lokaler Ebene, über die staatliche Politikebene hinweg geworden ist, und wie stark dies Interesse auch bei den Menschen in Indien war.

Wir freuen uns sehr in den nächsten Wochen und Jahren auf das Wiedersehen mit Menschen aus Indien, mit Hindus, Muslimen und Christen und darauf, dass wir nicht nur in der Ausstellung, sondern auch real einen Teil von der Einheit hinter den Gegensätzen erleben und erfahren können.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.