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Ausstellung im Nicolaihaus Berlin |
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Weitere Texte zu Veranstaltungen am 17.05.2002 Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse" |
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Genau übermorgen vor 71 Jahren schrieb die legendäre Sängerin und Kabarettistin Claire Waldoff einen Brief an Gunter Böhmer, bedankte sich für Radierungen und lobte seine »Besessenheit, glauben Sie mir, das erst macht den echten Künstler aus. Ich freue mich, Ihnen eine gute Zukunft in der Kunst prophezeien zu können.« Aber auch Trost spendete sie dem 20-jährigen Studenten wenig später, es tue ihr leid, schreibt sie »dass Sie sich einsam fühlen in dem Sündenbabel und 4Millionenstadt und Wasserkopf Berlin«. Und: » Grüßen Sie bitte herzlich unsern verehrten lieben Meister Orlik.« Professor Emil Orlik, begnadeter Holzschneider, Porträtist des mondänen Berlins, Bühnen- und Kostümbildner Max Reinhardts, ist – neben Hans Meid – einer der beiden Berliner Lehrer Böhmers, sein wichtigstes Vorbild und von ihm geradezu überschwänglich verehrt. »Worte«, schreibt er in einem Briefentwurf an den »hochverehrten Herrn Professor und geliebten Meister«, »erreichen nicht das wundersame Gefühl: von ihnen Erkenntnisse zu hören, die ich schon dunkel ahnte, von Ihnen Dinge getan zu sehen, die ich in guten Stunden gedacht.« Ob das schwärmerische Schreiben wirklich den Adressaten erreichte, wissen wir nicht.
Denn bereits als Schüler hatte Böhmer auch an den geliebten Autor Hermann Hesse geschrieben – die Briefe aber nie abgeschickt. In einem imaginären Brief in einem seiner Schulaufsätze heißt es: »Lieber Hermann Hesse! Wir traurigen Schulbuben sind Dir so unendlich viel Dank schuldig. Keiner hat unsere Nöte und Qualen, unsere heimlichen Leiden und wehmütigen Freuden im Innersten so nachempfinden und gestalten können wie Du ... und niemand hat uns feinfühliger in unser eigenes Herz blicken heißen ...« Erst 1932 findet er den Mut, sich brieflich direkt an den geschätzten Autor zu wenden. Er plane, schreibt er an Hesse, zu dessen Büchern Radierungen zu machen, und legt Proben seines bei Orlik und Meid erworbenen Könnens bei. Hesse antwortet, er solle ihn doch einmal besuchen, wenn er in der Schweiz oder auf der Durchreise nach Italien sei. 1933 geht die Reise dann los, doch bevor Böhmer den Dichter persönlich in Montagnola im Tessin trifft, macht er auch in dessen Geburtsstadt Calw stattet er einen Besuch ab, um das bereits in Hesses Werken »Gelesene und Vorgestellte mit eigenen Augen zu erleben, mit eigenen Möglichkeiten aufs Papier zu bringen«. Noch heute gibt es Menschen in Calw, die sich an den zeichnenden Jüngling erinnern und auch daran, dass er den angebotenen Kuchen zu trocken fand. Als einer, der mit dem damals in Calw noch wenig beliebten Hesse zu tun hatte, war man schon irgendwie auffällig. »Dieser junge Mensch,« schreibt Hesse, »der mir so entzückende Zeichnungen mit seinen Briefen, und bald darauf eine Anzahl hervorragender Porträt-Radierungen schickte, hatte nicht nur eine Liebe zu meinen Gedichten und Erzählungen gefasst, sondern hatte sich auch in das Dorf Montagnola und die Landschaft »Klingsors« aus der Ferne so heftig verliebt, daß er am Ende dem Drang nicht mehr widerstehen konnte, seinen Traum zu verwirklichen und diese sagenhaften Gegenden aufzusuchen, nicht nur als Tourist und flüchtiger Besucher, sondern mit allem Zubehör des Malers und für möglichst lange Zeit. Seither hat Böhmer, mit einigen Unterbrechungen, Jahr um Jahr im Dorf Klingsors und in dessen Palazzo gehaust, und hat wie Klingsor um den Geist dieser Landschaft und um den malerischen Ausdruck für diesen Geist gekämpft, asketisch und besessen wie sein Vorgänger.« Es war nur eine Frage der Zeit, bis Böhmer, dieser Nachfolger des Malers Klingsors, an einer illustrierten Ausgabe von Hesses Erzählungen »Klingsors letzter Sommer« arbeitete. Probedrucke gab es bereits, aber es war 2. Weltkrieg. Bomben fielen auf die Druckerei und zerstörten die Druckplatten.. Über 50 Jahre Jahr später ist dann doch noch eine Prachtausgabe dieses Werkes erschienen. Die Originalvorlagen haben Gottseidank überlebt – in dieser Ausstellung sind sie zu bewundern. Viele »Stunden im Garten« – so der Titel einer Hesse-Dichtung, verbrachten Hesse und Böhmer gemeinsam. »Lieber, lieber Herr Hesse,« steht unter einem Brief von Gunter Böhmer, »nehmen Sie die herzlichsten Wünsche und viele tausend Grüße von Ihrem Gunter B., Gärtnerbursche und Bocciakugelbemaler.« Und später notiert er: »Ich war – um eine Wendung Hesses zu gebrauchen – sein ›Gartenbruder‹ (...) In diesen Zeiten stand nicht nur meine Staffelei oft zwischen Hesses Rebstöcken, lagen nicht nur meine Skizzenbücher neben seinen Gärtnergeräten: vor allem schleppten wir gemeinsam Gießkannen und Mistkübel (...)«
Zweimal hat Gunter Böhmer die Hexameter des Dichters mit Zeichnungen begleitet. Für die erste illustrierte Ausgabe schuf er vignettenartige Zeichnungen, die in der Sparsamkeit ihrer tiefschwarzen Pinselstriche an japanische Tuschezeichnungen erinnern. Ganz anders die Illustrationen beim zweiten Mal. Sie entstanden 1976, also Jahre nach Hesses Tod. Nicht nur die Technik der Zeichnung ist grundverschieden vom ersten Ansatz. Hesse selbst rückt mehr in den Mittelpunkt der Böhmerschen Zeichnungen. Es ist, als ließe Böhmer ihre gemeinsamen Stunden im Garten noch einmal Revue passieren. Zeigte sich Böhmer in den Illustrationen zu »Klingsor« und zu »Stunden im Garten« – jedenfalls in der früheren Ausgabe – noch von der heiteren Seite, vermitteln uns seine expressiven Bilder von 1981 zum »Steppenwolf« einen veränderten Böhmer, so wie ihn Hans Kinkel bereits Jahre zuvor beschreibt: »Längst hatten sich Gestik und Stimmung des Zeichenwerks gewandelt. Der heitere Klang war tragischen Dissonanzen, der sinnliche Charme düsteren Beschwörungen gewichen.« Im Jahre 1984 endlich macht sich Böhmer daran, den tragischen Schülerroman Hesses »Unterm Rad« zu illustrieren – oder genauer gesagt, dem Texterlebnis ein Bildererlebnis anzufügen. Zwar gibt er auch den Kapitelanfängen Bilder bei, Landschaften und Stadtansichten, verträumte Winkel, idyllische Plätze. Sie täuschen eine scheinbar heile äußere Welt vor. Im Kontrast dagegen versucht der Künstler in einem geschlossenen Bildanhang, die verletzte innere Welt sichtbar zu machen, mischt seine persönlichen Schul- und Kindheitserfahrungen mit denen des Protagonisten Hans Giebenrath und gibt dem Betrachter Platz für eigene Assoziationen, Gelegenheit zur eigenen Rückschau. Nicht fehlen dürfen in dieser Ausstellung Bilder, die uns die Landschaft vermitteln, in der Böhmer und Hesse lebten und arbeiteten. Auch der wunderliche Palazzo, die Casa Camuzzi, eine Kulisse für die Klingsor-Erzählung, in der sowohl Hesse eine Zeitlang, Böhmer über fünfzig Jahre lang lebten und arbeiteten, wird vorgestellt. Einige kleinformatige Tessin-Aquarelle sind Entwürfe zu einem ganz besonderen Geburtstagsgeschenk für Hermann Hesse: »Es war ein Buch,« berichtet Gunter Böhmer«, (...) das aus einer Folge von Aquarellen bestand, die ich auf Peter Suhrkamps Vorschlag hin gemalt hatte, es trug den Titel »Tessin« und sollte – seltsam genug – die gestaltete Huldigung der südlichen Landschaft an ›ihren‹ Dichter mit unserer gemeinsamen Widmung zum 80. Geburtstag des Jubilars verbinden. Und Hesse war entzückt, daß er dieses »sein«, bzw. unser Buch später vielfach verschenken könne, denn Suhrkamp wollte es – wenn auch nicht ausschließlich für ihn – edieren und ›total originalgetreu‹ drucken lassen, was er übrigens dann originalgetreu und total vergaß.« Ich glaube zwar, dass Gunter Böhmer froh darüber wäre, sein Werk in Berlin, hier, wo er einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung genossen hat, ausgestellt zu sehen. Ich weiß aber auch, dass er lange mit seinem Einverständnis für den Titel dieser Ausstellung gezögert hätte. »Freund und Illustrator Hesses, der Zeichner Gunter Böhmer« – das ist nun wirklich eine Verkürzung des Künstlers und seiner Kunst, die wir uns nur als Aufhänger im Hesse-Jubiläumsjahr erlauben. Immerhin sehen sie in dieser Ausstellung viel vom ganzen Böhmer. Auch wenn die Auswahl speziell von der Begegnung mit Hesse geprägt ist, gibt sie doch an diesem Beispiel einen Einblick in Böhmers künstlerische Entwicklung über ein halbes Jahrhundert. Mit der ungleich größeren Anzahl buchkünstlerischer Arbeiten für andere Autoren, angefangen bei Thomas Mann, und mit freien Zeichnungen und Malereien ließen sich weitere beeindruckende Kapitel aufschlagen. Schon Orlik hatte erstaunt bemerkt, dass sein Schüler Böhmer auch Maler sei und nicht allein »Freund und Kupferstecher«. Und natürlich wehrt sich Böhmer vehement dagegen, »den eitlen Eindruck zu erwecken, alles und jedes Fortschreiten meiner Entwicklung sei von mir passiv oder widerstandslos auf Hesse bezogen worden«, bekennt aber doch dankbar: »Die Freundschaft, mit der mich Hesse beschenkte, war ohne jeden Vergleich diejenige, der ich die meisten Anstöße, Spiegelungen und Bestätigungen verdanke, die mich auf vielen Stufen verstehend, anregend, fördernd begleitete.« Besonders aufschlussreich ist es, wenn Gunter Böhmer uns nicht nur mit der Zeichenfeder in Hesses Nähe führt. Er ist eine jener Doppelbegabungen – darin in umgekehrter Weise seinem Freund Hesse durchaus ähnlich – die höchst Lesenswertes zu Papier bringen, wenn sie die Zeichenfeder mit der Schreibfeder vertauschen. Mit Bild und Wort berichtet auch Böhmer von einem Hesse, der weit entfernt ist vom Klischee des weltfremden Eigenbrötlers. »Urgemütlich und plauderhaft, gesellig, ja galant« – so hat ihn auch Erika Mann beschrieben – »so kennen wir den ›Steppenwolf‹, dessen Weltscheu und Einsamkeitsbedürfnis verfliegen, sobald er mit Freunden um den Tisch sitzt«. Vielleicht erhält auch Ihr Hesse-Bild durch Böhmers Bilder ein paar neue Farbtupfer. |
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