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Rede zur Enthüllung der Hesse-Skulptur |
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Meine Enkeltochter hat mich gefragt, ob heute Hermann Hesse geboren wird. Und ich finde, dass dieser Vergleich ganz gut passt. Es wird heute zwar kein Kind geboren. Aber mit dieser Hesse-Skulptur kommt auch etwas Neues und etwas ganz Besonderes in unsere Stadt. Der Arbeitskreis Hermann-Hesse-Platz, der diese Skulptur und die Spendenaktion initiiert hat, will mit dieser Figur Hermann Hesse würdigen und ihn auf eine ganz andere Art und Weise erlebbar machen. Nicht als Denkmal auf einem hohen Sockel; nicht über seine Bücher, sondern als lebensgroße Figur mitten zwischen den Fußgängern. Wir danken allen ganz herzlich, die zum großen Erfolg dieser Aktion beigetragen haben. Sie zeigt in besonderer Weise die hohe Wertschätzung, die Hermann Hesse trotz mancher anderslautender Meldungen in seiner Heimatstadt Calw heute genießt.
Kurt Tassotti hat bei dieser Skulptur unsere Vorstellungen und die Vorstellungen der uns begleitenden Hesse-Experten in überzeugender Weise umgesetzt. Sie zeigt den etwa 55-jährigen Hesse, als er Anfang der 30er Jahre letztmals zu Besuch in Calw war. Er steht auf der Nikolausbrücke, blickt liebevoll, - vielleicht auch etwas kritisch - nach Calw, hat aber den Hut schon in der Hand und zeigt offen, dass er hier weder bleiben, noch zurückkehren will. 'Zwischen Verweilen und Aufbruch' hat Kurt Tassotti deshalb seine Skulptur überschrieben. Der Platz auf der Nikolausbrücke war Hesses erklärter Lieblingsplatz. Und ich behaupte, auf dieser Brücke hat Hermann Hesse seine ersten Erfahrungen als Brückenbauer gesammelt. Das ist zwar nicht immer die bequemste Position. Auf einer Brücke ist es manchmal ziemlich zugig. Deshalb wird sie oft gemieden, manchmal sogar von ganzen Staaten. Fast immer ist sie aber eine sehr erfolgreiche Position. Und aus diesem Blickwinkel ist Hermann Hesse gerade heute wieder sehr aktuell. Reich-Ranicki hat zwar vor einigen Wochen in seiner ZDF-Sendung 'Reich- Ranicki - solo' gemeint, eine Hesse-Renaissance werde es trotz diesem Jubiläum nicht geben. Er hat aber dazu gesagt, man könne sich im Leben über alles irren, so auch bei dieser Frage. Und ich denke, er irrt sich. 'Heimatliebe und Weltoffenheit', 'Treue zu Calw und nicht Wiederkommen'. Auch wenn es manchen verwirrt: Hesse hat es verstanden, solche Gegensätze problemlos in sein Leben zu integrieren. Nicht dadurch, dass er sie vermischt hat. 'Gestaltloser Nebel begegnet sich nie' schreibt Hesse einmal. Er verwischt keine Gegensätze und nivelliert auch nicht die Unterschiede. Er lässt alles so sein, wie es ist, sucht aber immer die Verbindung und das Gemeinsame, also eine Brücke, wo immer das möglich ist. Man kann dieses Symbol der Brücke oder dieses Wörtchen 'und' auch gleichsetzen mit Flexibilität, Dialog, Geduld, Toleranz, Versöhnung oder einfach nur mit Menschlichkeit. 'Zwischen Verweilen und Aufbruch' ist in der Summe eine Aufforderung, Gegensätze zu überwinden, und dafür jeden Tag nach neuen Wegen und neuen Anfängen zu suchen. Das heißt übrigens auch: Mit seinen eigenen zwei Seiten zurecht zu kommen, die jeder in sich trägt, und sie bei sich zu integrieren. Auch das geht immer nur über eine solche Brücke. Auch das ist mE die Botschaft Hermann Hesses, die er gelebt und über die er geschrieben hat, und die auch mit dieser Figur und ihrer besonderen Haltung vermittelt werden soll. Wo dies gelingt, entsteht Dynamik und viel Lebendigkeit, auch in einer Stadt. Und deshalb hat diese Figur gerade an diesem Platz für mich eine Symbolkraft, die weit über den heimatbezogenen Calwer Aspekt hinausgeht. Wenn nun einer meint, Calw würde Hesse mit dieser Figur für sich vereinnahmen, dann verschätzt er sich. Hesse lässt sich nicht vereinnahmen. Übrigens auch nicht von Marketingmanagern, und auch nicht dadurch, dass man ihm das Etikett 'Heimatdichter' anhängt. Daran wird sich auch durch diese Skulptur nichts ändern. Und ganz in diesem Sinne schreibt der Schriftsteller Shain Sinaria in dem von Uli Rothfuß herausgegebenen Buch 'Mein Hermann Hesse': Wir besitzen IHN nicht, wir werden von IHM besessen. Was hätte Hesse zu dieser Skulptur gesagt? Diese Frage wurde mir so oft gestellt, dass ich versucht habe, eine hypothetische Antwort aus seinem Werk herauszulesen. Es gibt in seinem Roman 'Steppenwolf' einen Abschnitt, in der Hesse seine Romanfigur Harry Haller (eines seiner vielen Spiegelbilder) zu einer Radierung - die Goethe zeigt - sagen lässt: 'Hoffen wir, dass Goethe nicht wirklich so ausgesehen hat! Diese Eitelkeit und edle Pose, diese mit den verehrten Anwesenden liebäugelnde Würde und unter der männlichen Oberfläche diese Welt von holdester Sentimentalität! Man kann ja viel gegen ihn haben, auch ich habe oft viel gegen den alten Wichtigtuer. Aber ihn so darzustellen, nein, das geht doch zu weit. Ein süßer und spießiger Salongoethe. Das Bild ärgerte mich und war mir scheußlich zuwider.' Das wollten wir also in keinem Fall, eine süße, schön frisierte Nippesfigur, die auch gut in eine gläserne Vitrine passen würde. Und wir waren uns auch hier völlig einig mit Hesse, der einmal geschrieben hat: 'Ich vermag jede Art von Qualität zu lieben, nicht aber die Quantität.' Was Hesse unter Qualität verstanden hat, kommt in einem Brief zum Ausdruck, den er an Gotthilf Hafner über eine von dem Züricher Bildhauer Otto Bänninger im November 1957 in Montagnola modellierte Bronze-Büste Hesses geschrieben hat: 'Die Büste von Bänninger halte ich von den wohl 100 Portraits, die es von mir gibt, für die beste, d.h. es ist ein Kunstwerk, hat Haltung, hat Reiz und ist dennoch überaus ähnlich.' Die Bänninger-Büste steht übrigens im Calwer Hesse-Museum. Ich glaube, lieber Herr Tassotti, dass Ihre Skulptur diesem Hesse-Ideal ziemlich nahe kommt. Wir danken Ihnen für dieses faszinierende Werk, dass Sie mit viel eigenem Herzblut für Calw gestaltet haben. Ich danke Ihnen auch für dieses spannende letzte Jahr, in der diese Skulptur entstanden ist. Für mich war das eine sehr fruchtbare Phase meines eigenen Lebens. Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister. Ich übergebe diese Skulptur namens der Spenderinnen und Spender und namens des Arbeitskreises Hermann-Hesse-Platz in die Obhut und in das Eigentum der Stadt Calw und ihrer Bürger. Ich bin mir sicher, dass die Figur nicht nur dastehen wird. Sie vermittelt eine Botschaft und wird deshalb auch etwas bewirken. Ich selbst wünsche mir, dass viele durch die Begegnung mit dieser Figur auf der Brücke mit den guten Kräften und der Faszination Hermann Hesses in Verbindung kommen. Mit Kräften, die etwas Gutes stiften. Und ich hoffe: Auch für unsere Stadt. |
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© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 14.08.2003 |
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