Beschleunigung, Flucht und Heimat in der Großstadt - Beitrag zur Ausstellung "Weltflechtwerk. Die Einheit hinter den Gegensätzen" im Herrmann-Hesse Jahr am 27.06.2003 im Kulturforum Berlin
Dr. Hans-Luidger Dienel, Stand: 3. November 2002

 
 

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Einführung

Mobilität und Verkehr, somatisch gesprochen das Gleichgewichtsorgan, sind für unser Selbst-Bewusstsein von zentraler Bedeutung: Beschleunigung und Kurvenfahrt regen uns an, und das Wissen, wo oben und unten ist, gibt uns inneren Halt. So ist es bildlich auch mit der Beschleunigung des Lebens in der Großstadt. Der Beitrag über "Beschleunigung, Flucht und Heimat in der Großstadt" vergleicht Landflucht und Stadtflucht am Beispiel der Württemberger in Berlin und entwickelt daraus Konzepte für Raumpartnerschaften zwischen Kontrasträumen als nachhaltiges Wachstumsszenario für Urlaubsregionen. Berlin ist im ganzen 20. Jahrhundert Fluchtpunkt für Württemberger gewesen. Sie sind hierher gekommen wegen der Beschleunigung, der großen intellektuellen Freiheit, Weltläufigkeit und der neuen Möglichkeitsräume. Und sie haben kleinteilige, dörfliche Inseln im Großstadtmeer gegründet: Besenwirtschaften, Fluchträume für die Entschleunigung des Alltags. Viele Großstadtmenschen leb(t)en zugleich in mehren Welten: der Agglomeration und dem ländlichen Kontrastraum, dem Schrebergarten oder der Datsche im ländlichen Brandenburg oder an der Ostsee.

Hermann Hesse auf Großstadtflucht

"Ja, das möchste", schreibt Kurt Tucholsky 1927 in Berlin in seinem Gedicht "Das Ideal", "eine Villa im Grünen, mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße, mit schöner Aussicht, ländlich-mondän!"

Hesse hat es anders gemacht. Er zog wirklich weg aus der "Großstadt" Basel (mit 1900 120.000 Einwohnern) mit seiner ersten Frau Mia in das 300-Seelen Dörfchen Gaienhofen am Bodensee. Dort gab es damals noch kein elektrisches Licht oder eine Wasserleitung. Dort lebte er ein alternatives, stadtfernes bedürfnisloses, gesundes Künstlerleben, ein Kontrastprogramm zur Metropole. Sein Haus renovierte er selbst. Auf der Terrasse saß er im Sommer nackt, er kleidete sich zur Überraschung von überraschendem Besuch nur mit Brille, Sonnenhut und Zigarre. War das eine Schrebergartenidille? Ach, wie schön müsste das sein, ein Häuschen im Grünen, mit Frauchen im Garten, die Blumen begießen.

"Ich müsste aus tausend Gründen notwendig nach Berlin," schreibt Hesse 1905 aus Gaienhofen "und davor graut mir sehr. Das einzige, was mir an Berlin gefällt, ist, dass es so weit weg von hier liegt."1 Aber die Großstadt war immer nah. 100 Freunde und Kollegen besuchten Hesses allein im ersten Jahr. Es zogen auch Freunde nach, zum Beispiel Otto Dix und Erich Heckel aus Berlin, Ludwig Finckh aus Tübingen, Max Bucherer aus Basel, Wilhelm Steinhausen aus Frankfurt. Ein kleine Künstlerkolonie siedelte sich in Gaienhofen an. Zudem erhielt Hesse soviel Post, dass er selbst bereits Ende 1904 beim Großherzogtum Baden die Einrichtung eines eigenen Postamts für Gaienhofen beantragte.

Immerhin, sein Verleger Samuel Fischer (und ab 1934 dessen Nachfolger Peter Suhrkamp) saßen in Berlin, auch wenn sie selbst nur Zugezogene waren, Fischer aus Wien und Suhrkamp aus Tübingen. In späteren Jahren reiste Hesse auch nach Berlin. 1925 sogar einmal zu einem längeren "Kur"-Aufenthalt zu Samuel Fischer, 1926 wurde er in die neu eingerichtete Abteilung für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt, aus der er aber 1931 wieder austrat. Hesse brauchte nicht viel zu reisen, weil er doch den Leuten schreiben konnte – 35.000 Briefe sind erhalten – und auch brieflich Großstadtpolitik machen konnte. Der Briefwechsel mit Suhrkamp brachte diesen 1944 bekanntlich für ein Jahr hinter Gitter, was ihm nach 1945 wiederum half. 1952 schaltete sich Hesse aus Montagnola brieflich in die Suhrkamppolitik ein und schlug dem Verleger vor, den jungen Dr. Unseld – er hatte über Hesse promoviert – in den Verlag zu holen, ein äußerst folgenreicher Wink.

Hesse war Teil einer bürgerlichen Bewegung, die Ulrich Linse sie in seinem Buch "Zurück, O Mensch, zur Mutter Erde" beschrieben hat. Sie war in Deutschland stärker als in allen anderen europäischen Ländern. Überall in Deutschland entstanden nach 1890 Landkommunen: fromme Bruderhöfe, vegetarische Lebensgemeinschaften, völkisch-nationale Siedlungen oder jüdische Kibbuzim.2 Und dann – viel zahlreicher – die gemäßigteren Varianten, die ein gleichzeitiges Leben in der bürgerlichen Gesellschaft ermöglichten.

So gründete im vegetarischen Restaurant Ceres in Berlin-Tiergarten am 28. Mai 1893 ein Kreis von 18 Lebensreformern unter der Führung des Kaufmannes Bruno Wilhelmi die Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden. Die extremen Großstadtflüchter zogen in die Bruderhöfe in der fernen Röhn; - Wilhelmi und Kollegen gründeten und siedelten westlich von Oranienburg auf 200 Morgen Land, später auf 500 Morgen. Der Name "EDEN" wurde in bewusster Anlehnung an den biblischen Garten Eden gewählt, um damit ein großstadtfernes, natürliches Leben auf gemeinsamen Boden als Ziel der Genossenschaft zum Ausdruck zu bringen. Das von Wiese und Buschwerk bewachsene Gelände wurde in Parzellen (in der Kolonie sprach man von Heimstätten) von 2.800 qm aufgeteilt. In der ersten Ausbaustufe entstanden so 80 Gärten. Nachdem der Boden durch schwere körperliche Arbeit verbessert worden war, konnten die ersten Obstbäume, Beerensträucher und Pflanzen in den Boden gebracht werden

Dann waren da noch die Gartenstädte im Umland der großen Metropolen und die Wandervereine, in Berlin vor allem der 1900 gegründete Wandervogel, Ausschuss für Schülerfahrten, und – breiter – eine gesamtgesellschaftliche romantische Bewegung hin zur Natur.3

Der Wiener Satiriker Franz Blei machte sich über dieses weich gewaschene Kontrastprogramm zur Großstadt lustig und schrieb über Hesse: "Die Hesse, so wird eine liebliche Waidtaube genannt, die man wild nicht mehr antrifft. Ihrer Zierlichkeit wegen wurde sie ein beliebter Käfigvogel, die den Besucher damit ergötzt, dass er sich auch im Käfig immer noch gebärden tut, als wäre er im freien Walde. Das verschafft dem Stadtbewohner die Sensation der Natur und solches wird erhöht von ganz kleinen Drüsen, aus denen sie einen Geruch absondert, der leise an Tannenduft erinnert."4

Hesse wiederum verlässt Gaienhofen nach acht Jahren, weil er dort zu heimisch geworden war und zieht in die Nähe von Bern, in das Haus seines kurz zuvor gestorbenen Malerfreundes Albert Welti. Doch nach weiteren acht Jahren verlässt Hesse auch die schweizerische Hauptstadt wieder und zieht nach Montagnola im Tessin. Im Sommer hat Hesse noch ein zweite Heimat im Engadin in Sils-Maria im Hotel Waldhaus. Seit 1909 reist Hesse schreibt rückblickend: Ich spürte, dass dieses … Hochtal mich angeht, mir etwas Wertvolles zu geben oder zu fordern habe." Dieses Leben in mehreren Heimaträumen zugleich ist das Kernthema dieses Beitrags.

Der heutige Kurdirektor von St. Moritz, Dr. Hans P. Danuser, weiß, dass es weltweit Menschen gibt, deren zweite Heimat St. Moritz ist. New Yorker, die sich in ihrem Quartier in der 42. Strasse auf Manhattan und im Bristol in St. Moritz zuhause fühlen.5 Hesses Erfolg beruht auch darauf, dass sein Kontrastprogramm auch die gegenwärtige Lebenswirklichkeit trifft. Er gehört zu der beschleunigten Metropole, als Antipode, als Gegenüber, als Alternative. Hesse lebte in Kontrasträumen. Und er lebte unterwegs, war auf Wanderschaft, unstet zog es ihn weiter.

Mit diesen Bemerkungen zu Hermann Hesse wollen wir auf die komplementäre Sehnsucht nach Beschleunigung und Ruhe zugleich überleiten und schließlich auf das Konzept der Kontrasträume und der sie verbindenden Raumpartnerschaften kommen.

Beschleunigung und Selbstbewusstsein

Wer nach Gründen für die Sehnsucht nach Beschleunigung sucht, landet leicht bei ethologischen und psychologischen Erklärungen. Der Mensch als Lauftier, als Steppen- und Savannenläufer, als Rudeltier, immer unterwegs, die freie Sicht suchend, Jäger und zugleich Gejagter.

Der Hallenser Psychologe Rainer Schönhammer kommt mit anderen, aber ebenfalls somatischen Deutungen: Er hat empirisch nachgewiesen, dass das Gleichgewichtsorgan für unser Selbst-Bewusstsein von zentraler Bedeutung ist, das Beschleunigung und Verzögerung uns anregen. Nicht von ungefähr kommen gute Ideen oft beim Gehen. So erklärt sich Schönhammer die Aggressivität vieler Radler aus ihrer Motorik heraus: "Der Schwung des Radfahrers macht den Fußgänger, ja die ganze Welt zum Hindernis. Gebremster Schwung macht ihn wütend, denn der Kern von Wut ist immer die Einschränkung von Bewegungsfreiheit." Die Übersetzung ins Radlerdeutsch steht auf patzigen Aufklebern, erhältlich in ADFC-Büros: "Macht Platz – Fahrrad kommt!"6 So ist es bildlich auch mit der Beschleunigung des Lebens in der Großstadt. Die Großstadt wird gesucht, sie ist attraktiv. Großstadtflucht ist zuerst einmal Flucht der auf dem Lande lebenden Menschen in die Großstadt. Menschen ziehen in die Großstadt, um das Gefühl der Beschleunigung und damit verbunden der Freiheit persönlich zu erleben.

Flucht in die Großstadt und in das Ländle in Berlin: Württemberger in Berlin

So ging es vielen Württembergern, die nach Berlin zogen. Berlin ist im ganzen 20. Jahrhundert Fluchtpunkt für Württemberger gewesen. Sie sind hierher gekommen wegen der Beschleunigung, der großen intellektuellen Freiheit, Weltläufigkeit und der neuen Möglichkeitsräume.

Einmal angekommen, schlug die Sehnsucht oft um. Wo waren die dunklen Tannen des Schwarzwalds, das schwäbische Meer? Zeppelin ging es so, als er 1887 außerordentlicher Württemberger Gesandter und Bevollmächtigter Minister beim Bundesrat in Berlin wurde. Oder nehmen wir Christian Ströbele, den bekannten "Kreuzberger" Grünen. Er hat sich in Kreuzberg eine Gegenwelt geschaffen, die ihn 2002 direkt in den Bundestag gewählt hat. So haben viele Schwaben in Berlin kleinteilige, dörfliche Inseln im Großstadtmeer gegründet, zum Beispiel die Besenwirtschaften, Fluchträume für die Entschleunigung des Alltags.

Nicht nur auf de schwäbsche Eisebahne gibt es viel Restauratione, wo ma esse, trinke ka, alles was der Mage ma. Das bekannte "Rulla, rulla, rullala, rulla rulla rullala, Schtuegert, Ulm und Biberach, Mekkebeure, Durlesbach." war auch so ein sympathischer Versuch der Entschleunigung des modernen Transportsystems Eisenbahn. Auf der schwäbsche Eisebahne ging es nicht um Geschwindigkeit, dafür gab es zu viele Haltstatione, sondern ums Essen.

In Berlin laden ein die Besenwirtschaft in der Uhlandstraße, das schwäbische Lokal Antiqua in der Eisenacher Straße und etwas weiter die Straße herunter der "Landwirt" mit sehr schönem Biergarten. Sodann die "Feinbeckerei" in der Vorbergstraße, das Lucas in der Cranachstraße in Friedenau, der "Söhnelhof" in Kohlhasenbrück, bei letzterem hat das Ländle schon ländlichem Charakter.7 Im Gerstensack in Kreuzberg (Fichtestraße 31) sitzt man im Winter am Kamin, im Weinrestaurant "Spirale" in Tiergarten wie in einer Schwarzwaldstube. Auch in den östlichen Stadtteilen sind nach 1990 schwäbische Restaurants gewachsen, so das "Prinzipium" der Gebrüder Prinz in der Wolfshagenerstraße in Pankow.

Auch auf der grünen Woche gibt es viel württembergischen Wein. Weinkauf ist in Deutschland ein raumpartnerschaftliches Verhalten. Gekauft wird traditionell zu einem erheblichen Teil beim Winzer direkt. Die Beziehungen werden nicht selten vererbt. Der Kundenmessencharakter der Grünen Woche ist zum Teil den württembergischen und badischen Winzern zu verdanken. Auf den Stadtfest "Kreuzberger Nächte" finden wir regelmäßig ein Württemberger Weinfest.

Zu den bekannteren schwäbischen Weinhandlungen in Berlin gehört die Markgräfler Weinhandlung in Charlottenburg, der Weinleiner in der Goethestraße, das Badische Weinhaus in Schöneberg, die Weinhandlung Württemberg in Moabit, Siekes Weinhaus in der Chausseestraße, die Weinhandlung Autos und Weine in Schöneberg.

Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht aufschlussreich, dass die innovativsten schwäbischen Unternehmer in Berlin sich in ihrem sprichwörtlichen schwäbischen Erfindergeist auf Fluchträume konzentrierten und Ideen für Behausung und Gebäude umgesetzt haben. Dazu gehören Peter Dussmann und Werner Gegenbauer, beide im Gebäudemanagement, oder der Stadtmöbelhersteller Hans Wall und der Kraichgauer Klaus E.H. Zapf, heute der größte deutsche Umzugsunternehmer. Die Kreativität der Württemberger in Berlin richtete sich insbesondere auf die Behausungen, und damit vielleicht unterbewusst auf Kontrasträume.

Kontrastäume und Raumpartnerschaften

Diese Suche nach Kontrasträumen war der Ausgangsbefund für ein anwendungsorientiertes Forschungsvorhaben am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin, dass im folgenden erläutert werden soll.

Start und Ausgangspunkt war, wie gesagt, die Beobachtung, dass viele Menschen heute mehrere räumliche Zuhause haben; - eines in der Stadt und ein zweites im Erholungsraum, zum Beispiel in ihrer Ferienwohnung oder auch schlicht in einem Hotel, einer Pension oder einem Waldstück, das sie immer wieder aufsuchen.

Ein zweiter Befund war, dass diese Menschen sich in "ihrem" Erholungsraum anders bewegen, als diejenigen Reisenden, die zum ersten Mal da sind. Sie sind eher offen für den introvertierten Charakter der Landschaft – Ruhe und Natur – und nicht nur für Veranstaltungen und Attraktionen, nehmen eher gezielt Kontakt mit Einheimischen auf, schlagen nicht laut mit den Autotüren, werfen keine Cola-Dosen aus dem Fenster, sind als Ferienhausbesitzer gegen weiteren Zuzug oder für die Verschönerung des Ortes; - kurz, sie verwirklichen einen nachhaltigeren Freizeit- und Urlaubsverkehr als andere.

Ein dritter Befund war die Existenz von komplementären Räumen, die durch ihre Unterschiedlichkeit – Goethe sprach bei den Farben im Farbkreis von Gegensätzlichkeit und Gegenfarben – aufeinander bezogen sind. Gegensätzliche Räume haben etwas miteinander zu tun, sie ziehen sich an, sie sind füreinander attraktiv.

Aus diesen empirischen Befunden haben wir das Konzept der Raumpartnerschaft entwickelt. Raumpartnerschaften gehören dabei zu dem Typ der Regionalpartnerschaften und/oder Long-Distance-Partnerschaften zwischen lokalen Gebietskörperschaften, die in unterschiedlichen Formen bereits seit vielen Jahren zunehmen, als Städtepartnerschaften, Städtepatenschaften, Klimabündnisse etc. In jedem Fall nehmen lokale Gebietskörperschaften, Kommunen oder Landkreise formale Beziehungen mit anderen Regionen auf. In erweitertetem Sinne können Raumpartnerschaften auch private Akteure, etwa Hotelverbände, in komplementär aufeinander bezogenen Räumen verbinden.

Raumpartnerschaften sind etwas Ähnliches wie Städtepartnerschaften, allerdings nicht zwischen ähnlichen Städten, sondern zwischen komplementären Räumen. Sie unterstützen das räumliche Heimatgefühl im Kontrastraum durch ungewöhnliche Aktivitäten und Angebote. Gezielte Raumpartnerschaften zwischen Kontrasträumen, etwa der Agglomeration Berlin und dem Erholungsraum Usedom, fördern die doppelte räumliche Identität der Einwohner und bieten viele Anknüpfungspunkte für nachhaltige Wachstumschancen im Freizeitverkehr.

Maßnahmen im Rahmen einer Raumpartnerschaft beziehen sich allerdings nicht nur auf das Zielgebiet, sondern auch auf das Quellgebiet: Dieses soll für die Freizeit so attraktiv gestaltet werden, dass das Bedürfnis, diese woanders zu verbringen, vermindert wird.

Faktisch gibt es bereits viele Raumpartnerschaften zwischen Agglomerationen und Erholungsgebieten, etwa zwischen Hamburg und Sylt, Berlin und Usedom, Zürich und dem Engadin, jedoch eher auf der Ebene der privaten Akteure, weniger der regionalen Politik.

Der Begriff "Raumpartnerschaften" symbolisiert ein wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen mehr oder weniger gleichrangigen Akteuren. Solche Partnerschaften sind voraussetzungsvoll, weil die "Tauschrelation" einigermaßen ausgeglichen sein muss, wenn die Partnerschaft stabil bleiben soll. Unterscheiden sich die Partner in vielen Dimensionen (wie im Beispiel Berlin und Usedom) und sind die Gemeinsamkeiten, die eine Partnerschaft lohnend machen, entsprechend schwach ausgeprägt, kann die Partnerschaft nur überleben, wenn die Tauschrelationen über andere Interessenbefriedigungen angereichert werden.

Wenn aber Raumpartnerschaften wenig Kooperationsgemeinschaften haben, so wäre immerhin eine "Interessengemeinschaft" auf der Basis einer "Nachfrage-Angebot-Konstellation" denkbar: Wirtschaftsstarke Räume verbinden sich mit Tourismus-Räumen und entwickeln eine "Nachfrage-Angebot-Partnerschaft", bei der die wirtschaftsstarke Region "Nachfrager" entsendet, die andere Region "Freizeitangebote" entwickelt, und beide dafür gemeinsam bessere Voraussetzungen schaffen. Die (beliebigen) Markt-Beziehungen der Freizeit- und Tourismus-Nachfrage würden dabei durch Verhandlungs-Beziehungen ergänzt werden, die auch dazu führen könnten, dass die "nachfragende Region" sich an der Entwicklung der "anbietenden Region" beteiligt. Für Raumpartnerschaften im Tourismus- und Freizeitsystem in räumlicher Distanz zueinander (long distance-Raumpartnerschaften) stellt deshalb die Suche nach Gemeinsamkeiten und partnerschaftlicher Stabilität auf Tauschbasis den zentralen strategischen Hebel dar.

Effekte von Raumpartnerschaften

Durch die Bildung von Raumpartnerschaften besteht die Aussicht, die Verkehrsbeziehungen zwischen urbanem Wohnort und konstrastreichem Naherholungsgebiet nachfrageorientierter zu gestalten und gleichzeitig ressourcensparend zu bündeln. Die Angebote müssen dabei so konzipiert werden, dass der Gebrauch vollständig in Routinen eingelagert werden kann und ein "Nutzen ohne Nachzudenken" - ähnlich wie bei der Reise mit dem eigenen Auto - möglich wird. Damit sind vor allem Veränderungen der Verkehrsorganisation angesprochen.

Zweitens stellen Raumpartnerschaften auch die Mobilität im Naherholungsgebiet sicher. Hier müssen dem Naherholungsraum angepasste neue Produkte und Mobilitätsdienstleistungen angeboten werden, die intermodales Verkehrsverhalten problemlos ermöglichen. Für Bahnreisende z.B. am Bahnhof des Naherholungsortes ein preisgünstiger Leihwagen zur Verfügung stehen, der für die Weiterreise genutzt und bei Nichtgebrauch an verschiedenen Orten wieder abgegeben werden kann, so dass er für andere zur Verfügung steht. Naherholungsgebiete bieten außerdem gute Voraussetzungen, neue Produkte und Mobilitätsdienstleistungen anzubieten und zu erproben, Kontrasträume sind Testräume. Vorstellbar sind z.B. abgas- und lärmarme Hybrid- oder Elektrofahrzeuge, öffentliche Fahrräder sowie neue Nutzungsformen des Automobils wie CarSharing. Außerhalb ihrer stark durch Routinen besetzten gewohnten Arbeits- und Wohnumgebung sind Menschen tendenziell offener für das Experimentieren mit neuen Produkten und das Einüben von neuen Verhaltensmuster. Diese Ausnahmesituation am Urlaubsort, die das Aufbrechen von Routinen erleichtert, könnte gerade im stark durch Routinen und affektiven Bindungen geprägten Verkehrsbereich genutzt werden.

Zwischen den Kontrasträumen muss drittens die "mentale Erreichbarkeit" hergestellt oder verbessert werden. Die Herstellung einer kognitiv-emotionalen Repräsentanz ist ein kritischer Faktor einer erfolgreichen Raumpartnerschaft. Der Zielgruppe, d.h. dem jeweiligen Kunden, muss einerseits vermittelt werden, wie der Naherholungsort auch ohne eigenes Auto erreicht werden und im Freizeitort "mobil" geblieben werden kann. Die Raumpartnerschaft zwischen Heimatort und Naherholungsgebiet bietet zur Schaffung "mentaler Erreichbarkeit" gute Voraussetzungen, weil durch dieses Instrument eine kognitiv-emotionale Verbindung zwischen dem gewohnten Alltagsraum und dem ungewohnten Freizeit- und Urlaubsraum aufgebaut wird. Bekannte Institutionen und Akteure des urbanen Heimatraums bürgen dabei für die Qualität der Erreichbarkeit und der Mobilitätsdienstleistungen im kontrastreichen Freizeitraum. Die Raumpartnerschaft ist insofern ein Katalysator, um das Naherholungsgebiet selbst, den umweltfreundliche Transfer und die dortigen Mobilitätsbedingungen im Bewusstsein der urbanen Zielgruppe zu konstituieren.

Kontrasträume in der eigenen Wohnung

Der Ansatz der Kontrasträume lässt sich mit Gewinn aber auch auf die eigenen vier Wände anwenden. In einem Forschungsvorhaben über die selbständige Lebensführung von Senioren wurde am Zentrum Technik und Gesellschaft das Bild des Lebens in Kontrasträumen als produkt- und dienstleistungsgenerierendes Leitbild für die Gestaltung von Wohnung und Hausgeräten für ältere Menschen genutzt.. Der Wunsch nach Kontrasträumen spiegelt das Bedürfnis älterer Menschen nach Kommunikation, nach Nähe auf Distanz, nach Mischung von privatem und öffentlichem Raum, nach Kontrasten, Kontrasträumen und Kontrastzeiten im Tagesverlauf, insbesondere innerhalb der eigenen Wohnung.8

Kontrasträume und Kontrastzeiten sind für das erfüllte Leben wichtig. Ältere Menschen haben aber in der Regel weniger Kontrasträume und –zeiten als jüngere Menschen, weil sie in der Regel nicht berufstätig sind, die Kinder aus dem Haus sind, es Mobilitätseinschränkungen gibt, letztere oft weniger physisch als den bei Frauen noch oft fehlenden Führerschein. Menschen brauchen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit unterschiedliche Umgebungen, in denen sie sich selbst als unterschiedlich erleben können: liebende Mutter und berufstätige Wissenschaftlerin, Fußballfan und Kirchenchor, Alltag und Sonntag, Arbeit und Urlaub usw. Im Alter vermindern sich diese Kontrasträume. Das Ausscheiden aus dem Beruf, die Aufgabe des Schrebergartens, weil die Arbeit zu schwer wird, das Ende im Chor, weil die Stimme nicht mehr trägt, ... führen dazu, dass ältere Menschen einen ungleich größeren Teil des Tages in den eigenen vier Wänden verbringen.

Umso wichtiger sind Kontrasträume und –angebote in der eigenen Wohnung. Neben dem Fernsehen und Telefonieren kann das der Computer sein, aber auch eine Wiederbelebung des Kochens durch neue Dienstleistungen. Der Kontrastraumansatz eröffnet auch Perspektiven, über eine Vergrößerung der Wohnungen von Senioren nachzudenken. Große Wohnungen sind für Senioren vom Kontrastraumansatz aus gesehen, wichtiger als für junge Menschen. Es ist nämlich wünschenswert, dass Wohnungen im Alter tatsächliche Kontrasträume bereithalten: Räume zum Kochen und Essen, zum musizieren, spielen, lesen und Forschen, Sport machen; Besprechungszimmer und Besuchsräume. Bäder, die zum "planschen" einladen, und nicht nur der puren Körperreinigung dienen. Im Zusammenhang dieser Vorstellung vom Wohnen im Alter können ganz neue Produktwelten entwickelt werden, die Senioren stärker als bisher als wichtige Gruppe in der Freizeitgesellschaft wahrnehmen.

Warum nicht ein Nähzimmer, ein Musikzimmer oder auch ein Spielzimmer? Warum nicht Brettspiele für Senioren, die dann nicht Karriere und Monopoly sondern "Mein Leben", oder "Familie" heißen? Größere und kontrastreiche Wohnungen barrierefrei zu gestalten ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Für die zumindest in Berlin daniederliegende Bauwirtschaft gäbe es hier viel zu tun. Volkswirtschaftlich gesehen eröffnen sich nachhaltige Wachstumschancen für unsere unter oft plumpen Vermeidungsstrategien leidende Gesellschaft.

Ausblick

Ob diese Konzepte tragen, muss sich erst noch zeigen. In jedem Fall aber werden Konzepte, welche den Kontrast und die Raumpartnerschaft aufgreifen und intelligent umsetzen, zukünftig für die Gestaltung und Steuerung von Freizeitverkehren und der Wohnungsgestaltung eine größere Rolle spielen müssen.

Es gibt Regionen in Deutschland, die wie die Farben in Goethes Farbenkreis auf einander bezogen sind, die füreinander als Kontrasträume wichtig sind oder wichtig werden könnten. Durch die Bildung von Raumpartnerschaften besteht die Aussicht, die Verkehrsbeziehungen zwischen urbanem Wohnort und konstrastreichem Urlaubsgebiet nachfrageorientiert zu bündeln. Zwischen Kontrasträumen lohnt sich nämlich auch ein schnelles öffentliches Verkehrssystem. Attraktive Raumpartnerschaften ersetzen außerdem einen Teil des Fernreiseverkehrs.

In diesem Sinne können wir auch den Untertitel der Ausstellung "Einheit hinter den Gegensätzen" verstehen. Auch Calw und Berlin sind keine Gegensätze sondern Kontrasträume, Komplementärfarben in Goethes Farbenkreis, oder, wie Goethe sagte, Gegenfarben.

1 Zitiert nach: Volker Michels: "Möglichst weit weg von Berlin!" Hermann Hesse am Bodensee. In: HHP 25.6.1999.

2 Ulrich Linse: Zurück, O Mensch, zur Mutter Erde. Landkommunen in Deutschland 1890-1933. München 1983.

3 Hans-Liudger Dienel: Herrschaft über die Natur. Naturvorstellungen deutscher Ingenieure 1871-1914. Stuttgart 1992; Ders.: Homo Faber, oder: der technische Weg zur Natur. In: W. Nachtigall u. C. Schönbeck (Hg.): Technik und Natur. Düsseldorf 1994 (= Technik und Kultur, Band 6), 13-84; Herrschaft über die Natur? Naturvorstellungen deutscher Ingenieure im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Lothar Schäfer und Elisabeth Ströker (Hg.): Naturauffassungen in Philosophie, Wissenschaft, Technik. Band 3. Aufklärung und späte Neuzeit. Freiburg/München 1995, 121-149.

4 zietiert nach: Volker Michels: "Möglichst weit weg von Berlin!" Hermann Hesse am Bodensee. In: HHP 25.6.1999.

5 Raumpartnerschaften verbinden Kontrasträume. Zwischenbericht. Berlin 2001. www.raumpartnerschaften.de

6 Rainer Schönhammer: Psychologie der Gestaltung von Transportmitteln für den öffentlichen Nahverkehr. In: Report Psychologie 23(1998), 130-138. Beate Greger-Horstkötter&Sühelyla Kabil: Angstlust. Das Leben ein "thrill". Wer lebt dieses Motto? Eine Untersuchung am Beispiel von Fallschirmspringern. Diplomarbeit Berlin 2001.

7 Gerhard Drexel: Das Ländle in Berlin. Badisches und Schwäbisches in der Hauptstadt. Berlin 2001.

8 Dienel, Hans-Liudger, Cornelia Foerster, Beate Hentschel, Carten Zorn und Christine von Blanckenburg (Hg.): Technik, Freundin des Alters. Vergangenheit und Zukunft später Freiheiten. Stuttgart 1999


Weiterführende Literatur:

BBR (1999) (Hg.): Modellvorhaben "Städtenetze". Neue Konzeptionen der interkommunalen Kooperation, Bonn:

Benz, A. (2001): Vom Stadt-Umland-Verband zu "Regional Governance" in Stadtregionen, in: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaften, 40.

Danielzyk, Rainer (2000): Kooperation zwischen Stadt und Land – Ansätze und Perspektiven. Wien/ Oldenburg.

Dienel, Hans-Liudger (1997): Ins Grüne und ins Blaue. Freizeitverkehr im West-Ost-Vergleich BRD und DDR, 1949-1990. In: Hans-Liudger Dienel/Barbara Schmucki: Mobilität für alle. Geschichte des öffentlichen Personenverkehrs in der Stadt zwischen technischem Fortschritt und sozialer Pflicht. Stuttgart, 221-251

Dienel, Hans-Liudger, Andreas Knie (1999): Kontrasträume im Freizeit- und Urlaubsverkehr. Raumpartnerschaften und räumliche Aktionsmuster von Reisenden. In: Ulrich Brannolte, Kay Axhausen, Hans-Liudger Dienel, Andreas Rade (Hg.): Freizeitverkehr. Innovative Analysen und Lösungsansätze in einem multidisziplinären Handlungsfeld. Berlin.

Dienel, Hans-Liudger, Cornelia Foerster, Beate Hentschel, Carten Zorn und Christine von Blanckenburg (Hg.): Technik, Freundin des Alters. Vergangenheit und Zukunft später Freiheiten. Stuttgart 1999.

Fürst, Dietrich (1998): Projekt- und Regionalmanagement, in: ARL (Hg.): Methoden und Instrumente der räumlichen Planung. Handbuch, Hannover, 237-253

Gualini, E. (2001): Planning and the intelligence of institutions. Interactive approaches to territorial policy-making between institutional design and institution-building, Aldershot

Heinickel, Gunter, Hans-Liudger Dienel (2001) (Hg.): Mobilitäts- und Verkehrsforschung. Neuere empirische Methoden im Vergleich. Berlin.

Heinze, G. Wolfgang (2000): Die Wiederentdeckung der Nähe im Stadt-Land-Verbund. In: IFMO (Hg.): Freizeitverkehr. Aktuelle und künftige Herausforderungen und Chancen. Berlin/Heidelberg/New York, 111-121.

Heinze, G. Wolfgang, Heinrich H. Kill (1997): Freizeit und Moblilität. Neue Lösungen im Freizeitverkehr. Hannover.

Leitermann, Walter (1997): Die historische Entwicklung des Partnerschaftsgedankens nach dem zweiten Weltkrieg aus deutscher Sicht. In: Kremp, Werner; Mielke, Gerd: Kommunale Partnerschaften. Krise und Chancen eines Modells. Kaiserslautern.

Würges, J. (2000): Städtenetze als Perspektive der interkommunalen Zusammenarbeit, in: Materialien des Instituts f. Kulturgeographie, Stadt- und Regionalforschung der J.W.Goethe-Universität Frankfurt, Frankfurt, 107-203.


Zum Autor:

Hans-Liudger Dienel leitet als wissenschaftlicher Geschäftsführer das Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin und ist zugleich Geschäftsführer des Nexus Insitut für Kooperationsmanagement und interdisziplinäre Forschung. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Geschichte und Zukunft von Mobilität und Verkehr in Stadt und Land. In seinen Projekten verbindet Dienel geistes- und technikwissenschaftliche Ansätze zu neuen sozialen und technischen Innovationen. Einen Einblick in seine Arbeit geben: www.ztg.tu-berlin.de, www.nexus-berlin.com, www.raumpartnerschaften.tu-berlin.de, www.eventverkehr.de