Sich Zeit zurückgeben.
Rede am 29.6.02 zur Eröffnung der Ausstellung "WeltFlechtWerk. Die Einheit hinter den Gegensätzen" im Hesse-Zentrum in Calw
Dr. Hans-Peter Meier-Dallach

 
 

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Ich erinnere mich noch gut an den kalten schönen Januartag des Jahres 2000, als ich von Schaffhausen her an den Umsteigestationen die jeweils etwas langsamer werdenden Züge wechselnd durch die lothargeschädigten Wälder in Calw anlangte. Ich kannte die Geburtsstadt von Hermann Hesse erst aus einem flüchtigen Blick auf die Homepage. Ich schritt durch die Gassen, wunderte mich, wie sich eine so kleine hübsche "Grosse" Kreisstadt nennt, besuchte das Museum und begann die ersten Gespräche über das Ausstellungsprojekt. Die Gespräche waren kurz, aber etwas Packendes war von Anfang an dabei – ein Stück Abenteuer. Die Stadt Calw wird im Jahre 2002 im großen Berlin mit einer Ausstellung auftreten. Calw wird demonstrieren, wie Kultur vom süddeutschen Rand in der neuen Weltstadt Berlins wandert, mit Hermann Hesse Funken wirft, und dann wieder in seine Geburtsstadt zurückkehrt. Sie kennen das Gefühl besser als ich, als Schweizer teile ich es, wenn man jeweils von Berlin zurückkehrt. Man fühlt sich wieder daheim und geborgen. In Berlin führt man ein Leben zwischen S- und U-Bahnstationen, eine Art unterirdisches Hin und Her, unterbrochen durch das Auftauchen in die Stadt. Von Eintauchen kann keine Rede sein, denn schon das Überqueren einer Strasse gleicht der Passage von der einen zur anderen Talseite einer Stadt. Und ausgerechnet die Calwer gehen ausgerechnet mit Hermann Hesse, der schon im Nürnberg der 20er Jahre das Zittern der Altstadt im zunehmenden Verkehr scharf und kritisch beobachtete, nach Berlin! Auf der Rückfahrt nach Zürich war mir eines klar – das gibt ein Abenteurer, das mich nicht mehr loslässt.

Und in der Tat, kann ich heute sagen, es war ein Abenteuer. Bald reihten sich Sitzungen, Workshops und eifrige Diskussionen. Dieser Anschub ist für eine thematische Ausstellung entscheidend. Sie entstand in langen, gemeinsamen Arbeitstagen mit der Ausstellungsarchitektur und –gestaltung, mit der Gruppe Graf und Kölmel aus Karlsruhe. Thematische Inhalte und die gestalterische Form waren miteinander zu verbinden. Interessant war diese Arbeit aus einem Grund. Es galt, kreative Unruhe zu stiften, die dem eigensinnigen Schriftsteller würdig war, der einst aus dem Städtchen und Elternhaus ausbrach, um sie immer wieder zurückzubringen – versteckt oft – aber als Erinnerung deutlich. Die Unruhe bedeutete eines: Wir wollten die biographische Ausstellung in Calw nicht wiederholen. Wir suchten die Rückkoppelung der heutigen Zeit, von Themen, wie sie von uns heute erfahren werden, auf das Werk und die Zeit, in der Hermann Hesse lebte und schrieb. In langen einsamen Stunden, in Gesprächen und Kontroversen entstand das Konzept der zehn Themenräume, die heute im Museum auf Sie warten. "WeltFlechtWerk. Die Einheit hinter den Gegensätzen" lässt die Besuchenden durch thematische Kammern schreiten. Diese Räume sind innerhalb des Museums nicht museal, sondern ein thematisches Spektrum der Gegenwart.

Darf man Literatur thematisch ausstellen und vom Aktuellen her deuten? Diese Frage stellen sich Lesende nicht, wenn sie sich auf das Werk eines Schriftstellers einlassen. Denn der Leser ist in der Regel kein Fachgermanist, sondern er beginnt zum Beispiel im Roman "Unterm Rad" zu lesen. Er fühlt das Faszinierende, wie eine alte vergangene Zeit, die Nagold, die Gassen, die übermütigen Spiele der Stadtbengel und die ersten Berührungen eines Mädchens, eine Kindheit aus den Zeilen spricht. Literatur lesen heißt Eintauchen in Erinnerungen und Geschichten aus einer früheren Zeit. Da lese ich am Schluss die Stelle des Todes von Hans Giebenrath. Die Schilderung legt ein trauriges, aber schönes Bild vom Tod aus. Und anderntags stoße ich in der Zeitung auf die kalte Berichterstattung über den Motorradunfall eines Jugendlichen auf der Strasse. Literatur springt mitten in unsere Gegenwart, in die Themen, die uns beschäftigen. Die thematische Ausstellung geht von dieser starken Seite der Literatur aus. Mit jedem Lesen wird ein Stück Vergangenheit in die Gegenwart und damit in die Zukunft eingebracht.

Warum diese und keine anderen Themen? – hat man mich zu Recht immer wieder gefragt. Hermann Hesse erleichtert die Ausarbeitung eines thematischen Konzepts. Er beginnt oft bei der äußeren natürlichen Erscheinungswelt der Dinge, zum Beispiel beim Blick in den Himmel als eine Art Inschrift von Zeichen. Achten Sie darauf, wie viel der Himmel über Berlin oder Calw, die Veränderungen, die über die Silberkugeln gleiten, darüber aussagen, was auf der Oberfläche passiert. Ein weiterer Themenraum zeigt Bilder aus dem Wirbel der Beschleunigung von Zeit, wie sie sich in der Veränderung der Landschaften zeigt, die Hermann Hesse früh im Tessin beobachtet hat. Faszinierend sind im Werk von Hermann Hesse die lebensnahen Schilderungen von Brüchen im Laufe des Lebens, von der Kindheit bis ins hohe Alter. Der Themenraum "Unterm Rad" und "Gratwanderung" führt die Besuchenden anhand von Bildern und Gegenständen durch literarische Darstellungen aus dem gleichnamigen Roman und dem Steppenwolf. Das Leitmotiv, das sich durch die Themenräume zieht, ist Beschleunigung und Tempo, auf die ruhige Rhythmen antworten. Im Raum "Explodieren und Sich-Finden" wird Literatur hörbar, gesprochen, zur Zeit als Lied, wie Augustinus sie umschrieb. Schnelle, extravertierte und explosive Rhythmen werden konterkariert durch langsame, introvertiere und zu einem Ruhepunkt hin zufließende Worte.

Hermann Hesse hat als Spätwerk das "Glasperlenspiel" hinterlassen. Darin gibt es spannende damalige Beobachtungen, z. B. das feuilletonistische Zeitalter, das heute ins Unglaubliche gesteigert uns fasziniert, aber auch ängstigt. Zugleich ist das Drama der Weltgesellschaft hier in aktueller Form präsent. Scherben zeigen Risse der heutigen Menschheit, so wie sie in Zeitungen täglich zu uns gelangen, Perlen symbolisieren Hoffnungen auf die Lösung weltweiter Probleme. Die Besucher werden aktiv. Sie setzen Scherben und Perlen selbst. Das Glasperlenspiel war ein Spiel, Hermann Hesse spielte selbst Boggia und zuweilen Karten. Literatur ist immer auch Spiel geblieben.

Die Ausstellung führt in den folgenden Räumen die Besucher in die Kreise der Kommunikation ein, aus welchen Hermann Hesse sein Werk entstehen und die er im Laufe seines Lebens wirken ließ. Die Weltbibliothek, das Erbe der großen Literatur, war für ihn ein unerschöpfliches Reservoir. Aus diesem hat er als Schriftsteller geschöpft und zwar auch als Mittler der Kultur. Das hohe, erhabene Dichterwort hat er selbst nicht aussprechen wollen, aber er hat es schriftstellerisch zeitgemäß rückgekoppelt und vieles auch großen Lesergruppen näher gebracht. Er war ein Kommunikationskünstler und großer Mediator. Er begegnet uns als Briefschreiber von der Jugend bis in die reifen Jahre. Am Schluss können die Besucher den Urakt der Literatur selbst mitvollziehen, in dem sie eine Botschaft an die Zukunft verfassen. Die thematische Ausstellung ist aktiv. Sie entsteht mit der Beteiligung der Besuchenden an jedem Ort neu. Eines ist mir in Berlin vorgestern aufgefallen – sie bewegt die Gemüter und das ist das wichtigste für eine Ausstellung.

Liebe Festgemeinde! Welches ist die "Gebrauchsanweisung", die ich Ihnen nahe legen kann? Sie ist ganz einfach und hat viel mit der Leitthematik der Ausstellung zu tun. Unser Leben hat einen Grad von Tempo, Zeitraffung und Gleichzeitigkeit erreicht, der für viele eine Schmerzgrenze überschreitet. Die Aussicht auf kommende Jahre lässt erwarten, dass das Tempo unseres Lebens nochmals steigen wird. Literatur ist ein Zeitbrecher, weil das Lesen der Zeilen Zeit braucht und Zeit schafft. Wenn Sie in die Ausstellung gehen, schreiten Sie durch Themenräume. Nehmen Sie sich die Zeit und verhalten Sie sich als "homo viator", wie Herr Prof. Dr. Schuster in Berlin meinte, und holen Sie sich dabei in den letzten Jahren verlorene Zeit wieder zurück. Auch kleine Momente Zählen!