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Paul Rathgeber |
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Schon zu Lebzeiten Hermann Hesses (1877 – 1962) hatte der damalige Stadtarchivar von Calw, Walter Staudenmeyer, Erstausgaben, Fotos, Briefe und andere Erinnerungsstücke des Nobelpreisträgers und großen Sohnes der Stadt Calw gesammelt. Diese Konvolute – vom Dichter selbst an die Stadt Calw geschickt – waren auf Nachfrage hin mit seiner Erlaubnis ("wenn sie es unbedingt wollen!") zu einer Gedenkstätte zusammengefasst worden. Nach dem Tod Hesses 1962 hatte die Stadt unter anderem die Sammlung Lüttich aus Köln erworben und dann 1965 die Erinnerungsstätte im Palais Vischer, dem Museum der Stadt, zusammen mit dem Stadt- und Hesse-Archiv neu geordnet und eröffnet. Als 1990 der Beschluss gefasst wurde, die Gedenkstätte zu einem Museum zu erweitern, wurde das Haus Schüz am Oberen Marktplatz gewählt. Kaum vorstellbar war, "wie diese weitläufigen und großzügigen Räume im 1. Stockwerk des Hauses je einmal voll zu kriegen wären", so der Herausgeber der Werke Hesses beim Suhrkamp Verlag Volker Michels, der die Konzeption dieses Museum entworfen hatte. (Seine Rede, die er bei der Eröffnung des Museums im Mai 1990 gehalten hatte, ist hauptsächlich Grundlage dieses Beitrags.) Volker Michels: "Doch einmal begonnen, bin ich mit Heiko Rogge – meinem einfallsreichen gestalterischen Partner bei dieser Aufgabe – über der Vielfalt der darstellungswürdigen Themen und Aspekte in immer größere Bedrängnis gekommen, so dass wir schließlich unsere liebe Not hatten, auch nur das Wichtigste halbwegs repräsentativ unterzubringen. So unerschöpflich ist dieser Dichter der vielen Gesichter."
In der württembergischen Schwarzwaldstadt erwartet den Besucher damit die umfassendste Dauerausstellung über Hermann Hesse in Europa. Weitere Hesse-Museen sind in späterer Zeit in Gaienhofen/Bodensee und in Montagnola/Tessin eingerichtet worden, die sich jeweils mit der Zeit des Aufenthaltes Hesses an diesen Orten auseinandersetzen. Derzeit wird in Korea ein großes Hesse-Museum geplant, das sogar das Geburtshaus aus Calw originalgetreu in Fernost nachbauen will. In einem historischen Gebäude (Haus Schüz) mit Blick auf den Marktplatz und das Geburtshaus Hesses, zeigt die Stadt Calw bzw. das Museum in zehn Räumen die Lebens-, Werk- und Wirkungsgeschichte des populärsten und in aller Welt meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellers unseres Jahrhunderts. Den einzelnen Räumen sind Themen und Episoden des Lebens Hermann Hesses zugeordnet. Wir erlauben uns Volker Michels aus seiner unveröffentlichten Rede anlässlich der Eröffnung des Museums weiter zu zitieren: "Man hat Hermann Hesse vorgeworfen, er sei ein ewig Pubertierender geblieben, nur weil unsereiner es in der Regel bei der einen Pubertät bewenden lässt und dann – einmal in Sicherheit – die eingefahrene und bewährte Spur selten mehr verlässt. Hesse dagegen hat sich unter dem Druck innerer und zeitgeschichtlicher Entwicklungen immer wieder gewandelt, viele Häute abgelegt, viele Stufen und Metamorphosen durchlaufen, deren äußere Stationen von Calw bis Montagnola alle ihr eigenes, unverwechselbares Klima und Aroma haben, deren wichtigste es nun in den Räumen des Museums möglichst originalgetreu nachzubilden galt". So versucht jeder Raum eine Station und innere Landschaft zu schildern, sei es nun die theologisch-missionarische Atmosphäre des Elternhauses und deren weltumspannende Bekehrungspublizistik, sei es die Geborgenheit im ländlich-idyllischen Calw der Jahrhundertwende, die lebenslange Prägung durch das Maulbronner Seminar, die vergeblichen Normalisierungs-Torturen in den Anstalten von Bad Boll und Stetten, die Selbstbefreiungsstationen Tübingen und Basel, die "erste legitime Werkstatt" als freier Schriftsteller am Bodensee, die alternativen Reisen durch das Italien des Franz von Assisi, zur "buddhistischen" Askese auf den Monte Verita und zu den fernöstlichen Schauplätzen europäischer Kolonialisierung und "Heidenmission", die Aufenthalte im preußen-gegnerischen München, der den wilhelminischen Größenwahn bekämpfenden Zeitschriften "Simplicissimus" und "März", die Übersiedlung nach Bern und die Bleiwüste des Ersten Weltkriegs, die Antikriegs-Publizistik, die ihn dazu nötigte, sich einen Decknamen zuzulegen, das Aufatmen im Tessin mit der expressionistischen Farbexplosion des Südens, die Versuche, ihnen in Bild und Wort gerecht zu werden, die Lebensgier des fünfzigjährigen Steppenwolf auf den Maskenbällen von Zürich, das Kreuzfeuer der Polemik während der NS-Jahre, Emigrantenfürsorge und Glasperlenspiel-Konzeption und schließlich der Ausklang in kastalischer Reife und Heiterkeit als Orientierungspunkt für viele tausend Besucher und Briefeschreiber. Eine merkwürdige Ironie des Schicksals hat Hesses rigorose Öffentlichkeitsscheu dann doch noch korrigiert, war er doch neunzehn Jahre mit einer Berufsfotografin verheiratet (1904 – 1923), der Baslerin Maria Bernoulli (1868 – 1963), der Mutter seiner drei Söhne, deren Jüngster gleichfalls ein außerordentlich talentierter Berufsfotograf wurde, so dass uns heute ausgerechnet vom medienscheuen Hermann Hesse mehr Bilder überliefert sind als wohl von den meisten Schriftsteller-Kollegen seiner Generation. Davon hat unser Museum natürlich sehr profitiert. Freilich sind die wenigsten dieser Bilder im Verlauf seines Lebens an die Öffentlichkeit gekommen, sondern erst im etwas nachsichtigeren Klima seiner letzten Lebensjahre. Die meisten jedoch kamen erst nach Hesses Tod in seinem Nachlass zum Vorschein, so dass auch die bildliche Überlieferung, ähnlich wie die beispiellose Verbreitung seiner Bücher posthum und ohne das geringste Zutun ihres Autors erfolgte. Als Hermann Hesse mit 85 Jahren starb, fand sich in seinem Haus in Montagnola ein schriftstellerischer Nachlass, der quantitativ gesehen etwa das Doppelte umfasste, was Hesse zu seinen Lebzeiten in Buchform vorgelegt hatte. So übersichtlich und sinnreich diese Arbeiten vom Autor geordnet, katalogisiert und beschriftet waren, fand sich kein Sterbenswörtchen darüber, was nach seinem Tod damit geschehen sollte. Zu befinden, ob es der Rede wert sei, sie ans Licht der Öffentlichkeit zu holen, war Sache der Nachwelt und von ihm weder zu fördern noch zu verhindern. Dass er sie aufbewahrt hatte, musste genügen. Zunächst hatten die Nachkommen, seine Frau Ninon (Dolbin geb. Ausländer 1895 – 1966) und die Söhne, die schwierige Aufgabe, darüber zu entscheiden. Es kam zu einer Teilung des Nachlasses. Das literarische Gewichtige, die Manuskripte und Typoskripte sollten als Dauerleihgabe nach Deutschland kommen. Sie wurden Bernhard Zeller, Hesses Biographen (rororo Bildmonographien rm 85, 1963) als Grundstock und Depositum für das damals erst geplante Deutsche Literaturarchiv in Marbach anvertraut. Hesses Hausrat dagegen, der größte Teil seiner Bibliothek und die Hälfte der wichtigsten Leserbriefe blieb in der Schweiz und kam in die Berner Landesbibliothek. Leihgaben aus beiden Archiven, dem schweizerischen wie dem schwäbischen, finden sich nun im Calwer Hermann-Hesse-Museum erst mal wiedervereinigt. Wenn schon sonst allenthalben das gewaltsam Getrennte zusammengeführt wird (beachte die Wiedervereinigung von BRD und DDR 1990), warum nicht auch bei Hermann Hesse. Dank der Hilfsbereitschaft seiner Söhne Bruno, Heiner, seiner Schwiegertochter Isabelle, sowie von Rätus Luck, dem damaligen Leiter der Schweizerischen Landesbibliothek, ist es geglückt, nun allerhand Verstreutes wiederzuvereinigen: Das große Ölbild der Stadt Calw von Peter Jakob Schober, das als Geschenk der Heimat seit Hesses 80. Geburtstag in seinem Esszimmer hing, die Brille, Utensilien von seinem Schreibtisch, ja sogar die alte Schreibmaschine aus dem Jahr 1901, die er zärtlich seine Lokomotive nannte, weil sie ihm alle seine Werke transportierte und über die er 1926 in der selbstironischen "Ballade vom Klassiker" ahnungsvoll geschrieben hat: "Unter anderen herrlichen Trophäen (Heute steht diese Schreibmaschine in Gaienhofen und ein weiteres Modell in Montagnola. Dafür ist im Calwer Museum Hesses Reiseschreibmaschine von 1927 zu sehen). Aber auch sein damals viel benutzter Reisekoffer, seine Taschenuhr und ein Stuhl, alles aus Hesses Bodensee-Jahren, und aus Montagnola die Gartengeräte, sowie das Klappstühlchen und der Rucksack, die ihn auf all seinen Aquarellierausflügen begleitet haben, konnten hier wieder zusammengeführt werden. Anderes, wie das Schulbänkchen aus Hesses Calwer Lateinschulzeit und der schmiedeeiserne Blumenständer, an dessen Fertigung in der Perrot'schen Werkstatt der junge, damals als "Landexamens-Schlosser" verspottete Hesse selbst beteiligt war, fand sich noch vor Ort. 17jährig berichtete er über diese ganz und gar unliterarische Calwer Tätigkeit einem Schulkameraden ins Maulbronner Seminar, dem er eben erst entlaufen war: "In der Mechanik habe ich immerhin einiges gelernt, verstehe eine Nähmaschine zu zerlegen, eine Drahtleitung zu ziehen, Eisen zu drehen, Schrauben zu machen, eine Säge zu hauen... kann Elementläutwerke einrichten, Most trinken, Lehrlinge kommandieren, von Leitern herabfallen, Hosen zerreißen und was sonst noch zur Mechanik gehört." Soviel zu den durchaus auch folkloristischen Aspekten dieses Museums. Im Folgenden wird die inhaltliche Konzeption an den beiden ersten Räumen verdeutlicht und nur skizzenhaft für die anderen Räume aufgeführt: 1. Raum: Die eigentliche Ausstellung setzt ein mit einem Blick auf die pietistische Herkunft und das missionarische Sendungsbewusstsein seiner Vorfahren. Beginnend mit Jakob Böhme, dem Grafen Zinzendorf, den schwäbischen Theologen Bengel und Oetinger, dem Popularisator Christian Gottlob Barth, bis hin zu den Missionaren Hermann Gundert, dem Großvater und Marie und Johannes Hesse, den Eltern des Dichters, zeigt sie den religiösen Hintergrund seiner Abstammung. Historisch gesehen ein weiter Weg von mystischer Glut, über das Aufbegehren gegen die Staatskirche, deren Prälaten in Parlament und fetter Pfründe saßen, bis hin zum Separatismus, zum sektiererischen Niedergang zu Frömmelei, konfessioneller Enge und missionarischem Bekehrungseifer, der zuweilen in alleinseligmachenden Dünkel und in eine kaum weniger problematische Missions-Industrie mündete. Um dieses religiöse Umfeld zu verdeutlichen, ist der erste Raum im neugotischen Stil einer Hauskapelle der Jahrhundertwende gestaltet und auch die Folgen dieser Herkünfte miteinbezogen: der evangelische Missionsverlag in Basel, samt seinem außerordentlich potenten Ableger vor Ort, der Verlag der Calwer Vereinsbuchhandlung, der sich unter der Leitung von Hesses Großeltern und Eltern zu einem der größten konfessionellen Verlage in Deutschland entwickelt hat. Sein Motto "Veritas persuadet" = "die Wahrheit überzeugt", war ebenso selbstbewusst wie problematisch. Denn was ist die Wahrheit? Ist es das Weltbild, das dieser Missionsverlag verbreiten wollte? Problematisch zumindest für Hermann Hesse, der sich an diesem Anspruch wundgerieben und ihn später auf seine Weise mit ganz neuer Bedeutung gefüllt und legitimiert hat. 2. Raum Er veranschaulicht einiges von dem, was vom Erbe der Väter in Hesses Lebenswerk weitergewirkt hat: Unter dem Motto "Mission ohne Institution" wird sein säkularisiertes, überkonfessionelles Christentum der Tat gezeigt, das in Antworten auf 35 000 Leserbriefen, eine riesige und oft sehr lästige soziale Bürde war, die er auf sich nahm, weil er sich für die Wirkungen seiner Bücher verantwortlich fühlte – im Gegensatz zu den meisten Kollegen, die ihr Sozialverhalten lieber auf ihre Bücher beschränken. Ein anderes Beispiel sind Hesses Versandaktionen in und nach den beiden Weltkriegen mit Lebensmittelpaketen an bedürftige Freunde und Kollegen. Dann Hermann Hesses Weltoffenheit in Form von annähernd 3000 Buchbesprechungen in mehr als 60 verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften von der Jahrhundertwende bis in die Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Auch die Tradition des Traktat-Versands in Form von hunderten von Privatdrucken ist ein von Hesse säkularisiertes pietistisches Erbe. Der weltweiten Verbreitung der Schriften des Basler und Calwer Missionsverlages entspricht – freilich ohne das geringste Zutun Hermann Hesses – die internationale Wirkung seiner eigenen Bücher, der man das Motto geben könnte: Wer sich der Welt öffnet, dem öffnet sich die Welt. Doch ist bei Hesse aus missionarischer Aufdringlichkeit Toleranz und poetische Eindringlichkeit geworden. Bei der Betrachtung der Buchumschläge von Übersetzungen der Schriften Hermann Hesses aus aller Welt, kommt sicher keine Langeweile oder Monotonie auf. Die stilistische Bandbreite ist verwirrend. Die größten Gegensätze scheinen miteinander vereinbar zu sein. Und dies ist ebenso bezeichnend für die Wirkungsgeschichte dieses Autors wie das sich stets wiederholende Staunen von koreanischen, amerikanischen, japanischen und anderen nicht deutschen Lesern, die verblüfft darüber sind, dass Hermann Hesse ein Europäer und nicht ihr Landsmann ist, da doch die Probleme, die sie in seinen Büchern finden ihre eigenen seien und von einem Ausländer und noch dazu einem, der so lange vor ihnen gelebt hat, unmöglich gekannt werden könnten.
3. Raum: Urbild aller Menschenheimaten und Menschengeschicke. Der wohl schönste Raum des Museums mit Blick auf den Calwer Marktplatz ist der Kindheit und Jugend Hesses in Calw gewidmet: seine Schulzeit in der Lateinschule, der Aufenthalt in der Klosterschule Maulbronn und schließlich durch die Not der Pubertät bedingt seine Zeit in der Heilanstalt in Stetten im Remstal, als Mechanikerlehrling bei der Firma Perrot in Calw bis hin zu seiner Ausbildung als Antiquariatsgehilfe in Tübingen.
4. Raum: Durch zielstrebige Umwege: Tübingen, Basel, Italien kommt es zur erfolgreichen Publikation seines ersten Romans "Peter Camenzind".
5. Raum: Die Episode der Sesshaftigkeit, die Zeit am Bodensee (Gaienhofen), die Zeit in München und seine Reise nach Indonesien werden in diesem Raum vorgestellt. Hesse als Familienvater und als Herausgeber der Zeitschrift "März" und Mitarbeit beim "Simplicissimus".
6. Raum Die Wahlheimat Schweiz und der Erste Weltkrieg. Hesse zieht nach Bern und wird dort Mitbegründer der Kriegsgefangenenhilfe in Bern beim Roten Kreuz. Gezeigt wird auch der leidvolle Weg vom Verbot seiner Zeitungsartikel über den Krieg, seine Reaktion darauf mit dem Pseudonym Emil Sinclair und der Publikationsgeschichte des "Demian". 7. Raum Der Neubeginn im Süden als Maler in Montagnola. Seine Arbeit im Garten, die Entstehungsgeschichte des "Siddhartha" und vor allem einige seiner Aquarelle sind in diesem Raum zu sehen.
8. Raum Vom Steppenwolf zum Magister ludi, dieses Thema beschreibt das Leben der zweiten und dritten Ehe und dann seine Entwicklung von dem viel beachteten Werk "Steppenwolf" über die Zeit des Zweiten Weltkrieges und seine Zeitkritik bis hin zu den Utopien der "Morgenlandfahrer" und dem "Glasperlenspiel", dem programmatischen Roman Hesses am Ende des Krieges. 1946 wird er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und auch durch Theodor Heuss vermittelt zu einem anerkannten Schriftsteller und Lyriker. Im Foyer des Hesse-Museums werden wechselnde Sonderausstellungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten aus dem Werk Hermann Hesses gezeigt. Das Hesse-Archiv befindet sich im gleichen Gebäude. Nahezu sämtliche Erstausgaben der Bücher Hesses und Sonderdrucke sind durch verschiedene Stiftungen, Schenkungen und Ankäufe hierher gekommen und aufbewahrt. Der Schriftverkehr mit der Stadt Calw und einzelnen hiesigen Freunden, Bekannten und Verwandten sind archiviert. Sekundärliteratur und eine große Zeitungsausschnittsammlung sind durch einen Katalog erschlossen. Die Hauptüberlieferungen des Schriftstellers aber sind wie oben schon gesagt im Deutschen Literaturarchiv und der Schweizerischen Landesbibliothek. In der Stadt ist - unabhängig vom Hesse-Museum und Archiv - bei der Kreissparkasse Calw die Sammlung Martin Pfeifer untergebracht und hervorragend erschlossen. Dieses Institut besitzt auch über 100 Hesse-Aquarelle. Zusammen mit dem SWR-Baden-Baden wurde die Calwer Hermann Hesse-Stiftung errichtet, die sowohl alle 2 Jahre einen Preis verleiht als auch jedes Jahr ein Stipendium vergibt. Im Erdgeschoss, dem Kassen- und Verkaufsbereich des Museums bzw. Zentrums befindet sich auch ein Vortragssaal (70 Personen) in dem Lesungen und musikalische Veranstaltungen möglich sind. Dieser Bereich wird auch genutzt, um eine Einführung in das Hesse-Museum zu geben. In naher Zukunft werden dort audio-visuelle Medien (Filme, Hesse-O-Ton u.a.) eingesetzt werden können.
Die neue Dauerausstellung im Hermann-Hesse-Zentrum in Calw. WeltFlechtWerk – Die Einheit hinter den Gegensätzen Zu der biographischen Dauerausstellung im zweiten Stock hat der Gemeinderat der Stadt Calw beschlossen, aus Anlass des 125. Geburtstages Hermann Hesses im darunter liegenden Stockwerk eine thematische Ausstellung, quasi als Unterbau zur bestehenden Ausstellung zu schaffen. Fast zeitgleich mit der Eröffnung im Berliner Kulturforum (Mai 2002) wird in Calw die Ausstellung WeltFlechtWerk aus der Taufe gehoben. Konzeptionell wurde diese eher virtuelle Ausstellung durch Dr. Hans-Peter Meier-Dallach, Zürich, in Zusammenarbeit mit dem Graphikbüro Graf und Kölmel, Karlsruhe erarbeitet. Sie soll den Besucher, der sich für das Werk und die Biografie von Hermann Hesse interessiert, aufhorchen lassen. Der neue Ausstellungsteil bietet eine Szenografie, die heutige Erfahrungen und Befindlichkeiten sinnenfällig mit Grundspannungen von Hermann Hesses Leben und Werk in Beziehung bringt. Literarisch interessierte Besucher können sich neu einstimmen, finden für sich oder andere vielleicht einen neuen Zugang. Aus der Beschreibung der Konzeption: Die neue Dauerausstellung hat eine weitere Aufgabe. Viele der Besucher der Stadt Calw zählen nicht zur literarisch orientierten Schicht; dazu gehören gerade auch Schüler und Jugendliche. Hier setzt die Ausstellung an. In speziell dafür geschaffenen Themenräumen weckt sie Neugier bei einem breiten Publikum. Was haben heutige Entwicklungen, Themen, Probleme und Ereignisse mit der Zeit zu tun, in der Hermann Hesse lebte, sich mit ihr auseinander setzte, Bücher und Briefe schrieb? Leitfaden für die neue Ausstellung sind die Spannungen und die Suche nach der Einheit hinter den Gegensätzen, wie sie im Werk des Dichters anklingen und heute besonders aktuell sind. In den Themenräumen werden einzelne angesprochen und aufgerufen, selbst aktiv zu werden. Himmel über der Stadt. Die Ausstellung bringt die äußere Umgebung ins Spiel. Der Himmel und die Stadt werden eingespiegelt. Die symbolische Bedeutung des Himmels, von Wolken, der Weite, im Werk Hesses das Motiv der Urelemente, stimmt ein, und führt in das Museumsgebäude bzw. in den Raum hinein. Im Rad der Beschleunigung. Heute ist die rasante Beschleunigung der Lebensbereiche Alltagserfahrung für alle geworden. Eine Videoinstallation zeigt in einer Folge von Bildern Formen des Lebenstempos, der Beschleunigung und Hektik. Im Kontrast dazu stehen die Häuser und Orte, wo der Schriftsteller gelebt hat und die er als Ruhepunkte in seinem Werk beschreibt. Unterm Rad. Kindheit und Jugend sind in Hesses Werk entscheidend. Die Besucher erleben in einer Inszenierung von aktuellen Jugendszenen das Heute. Eingespiegelt sind Bilder der Jugend aus älterer Zeit. Aus diesen beginnt das bekannte Jugendwerk "Unterm Rad", die Literatur, zu sprechen. Wie lebt sich Kindheit und Jugend heute - wie waren Jugendschicksale früher? Du und ich sind Du. Die Popularität Hesses begründet sich u.a. darin, dass er die Lebensphasen, dazwischen liegende Spannungen und Krisen literarisch zum Ausdruck gebracht hat. Die Besucher erleben den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, von der Mitte des Lebens ins Alter. Die spannungsreichen Darstellungen aus "Narziss und Goldmund" und des "Steppenwolfs" schaffen Bezüge zu dem, was die Besucher im eigenen Leben spüren. Explodieren - sich finden. In diesem Themenraum erleben die Besucher, dass Literatur aus Tönen entsteht. Zwei unterschiedliche Stimmen sprechen lyrische Texte , solche, die ruhig, organisch und harmonisch klingen, gegenüber Textstellen, die schnell, unruhig und expressiv sind. Die Spannung zwischen Einkehr und Ausbruch wird akustisch erlebt. Mittelpunkt. "Wer bin ich?" Diese Frage stellt sich immer wieder im Werk von Hermann Hesse. Der speziell dieser Frage gewidmete Raum, der "Null-Raum" ist leer und der Besucher ist unerwartet auf sich gestellt, nimmt sich wahr als Individuum. Haben wir selbst einen Ruhe- und Mittelpunkt in uns oder verlieren wir uns in den unzähligen Attraktionspunkten der Konsumgesellschaft? Scherben und Perlen. Hermann Hesses Roman "Das Glasperlenspiel" enthält eine alte Utopie, jene der universalen Harmonie, und zugleich die immer wiederkehrende Erfahrung ihres Verfalls: aus Perlen werden Scherben. Der Raum greift diese Idee auf und lässt die Besucher an einem Weltperlenspiel teilnehmen. Scherben zeigen, was die heutige Weltgesellschaft spaltet . Was die Menschheit zusammenführen kann, steht auf den Perlen. Die Besucher sind aufgefordert in der Ausstellung Scherben und Perlen auf einem großen Leuchttisch zum Weltbild zusammen zu setzten. Was ist Harmonie (Perlen), was Disharmonie (Scherben)? Im Globus der Kommunikation. Hermann Hesse war ein starker Kommunikator. Seine Bücher schrieb er im Blick auf seine "Weltbibliothek", die im Menschheitsgedächtnis beginnt und bis in seine Zeit fortdauert. Sie ist für die Besucher grafisch dargestellt. Wichtig waren dem Schriftsteller aber die Briefe. Seit seiner Jugend bis zum Tod hat er ein dichtes Flechtwerk von Briefen verfasst. Ausschnitte dieses Flechtwerkes sind in der Ausstellung mit Kurzzitaten sichtbar. Auch in diesem Raum können die Besucher aktiv werden. Sie schreiben E-mail-Botschaften an die Zukunft der kommenden Generation. Diese fließen im letzten Raum der Ausstellung, in der "virtuellen Wolke", als Lauftext über die Decke. Die Ausstellung erzeugt von den Besuchern selbst verfasste Botschaften. Ziel der Ausstellung ist, individuelle Besucher, Gruppen und besonders Schüler am Beispiel von Themen mit Literatur ins Zwiegespräch zu bringen. Für die biographische Ausstellung über Hermann Hesse im oberen Stock wird Interesse auch bei jenen geweckt, die weniger an Literatur interessiert sind. Im Hermann-Hesse-Zentrum Calw werden diese beiden Ausstellungen, die thematische und interaktive Form, mit der biographischen und betrachtenden Art, zusammenspielen. In der Broschüre, welche die Begehung der thematischen Ausstellung begleiten kann, werden nebst Informationen Fragen gestellt, die sich für Erwachsene und Jugendliche eignen, Themen und Inhalte der Ausstellung tiefer wahrzunehmen, für sich selbst und im Blick auf das heutige Leben auszuwerten. Diskussionen werden angeregt. Die Botschaften an die Zukunft im letzten Themenraum lassen einen Endlostext entstehen, der Hinweise über Stimmungen und Befindlichkeiten unserer Zeit vermitteln kann. Auseinandersetzung mit dem Werk Hesse, der eigenen Person, der Welt! Das Hermann-Hesse-Museum Calw wird durch die biographische und themenbezogene Ausstellung in Verbindung mit dem Hesse-Archiv und dem Vortragssaal im gleichen Haus zu einem Hesse-Zentrum Calw. Kein Dichterhaus im eigentlichen Sinn, aber durch den möglichen Blick auf das Geburtshaus und den Marktplatz der Stadt Calw, durch die lokale Nähe zu vielen Orten, die für sein literarisches Schaffen schon in seiner Jugend bestimmend und prägend geworden sind, hat das Haus Schüz, Marktplatz 30 seinen Platz in der Reihe der Häuser, die in dieser Publikation beschrieben sind. |
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© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 22.08.2003 |
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