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Eröffnung Hesse-Zentrum 29.06.02 durch |
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Weitere Texte zu Veranstaltungen am 29.06.2002 Weitere Texte von Prof. Uli Rothfuss Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse" |
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"Über Sinn und Unsinn von Gedenkjahren" - unter diesem Titel entbrannte vor gut zwei Jahren eine Debatte - über "den Erfolg der zahlreichen Jubiläumsfeiern, wissenschaftlichen Symposien und publikumswirksamen Attraktionen". Goethe-Jahr, danach das Nietzsche-Jahr, das Bach-Jahr, jetzt das Hesse-Jahr, das Schiller-Jahr 2005 anlässlich das 200. Todestages steht bevor. Massenkultur, Markt und neue Medien sind Schlagwörter, die unser Leben heute beherrschen, und mehr: Gedenkveranstaltungen werden nicht mehr nur geplant, sondern es werden Rituale kollektiven Erinnerns inszeniert; müssen inszeniert werden, um ein Kollektiv überhaupt noch wirkungsvoll erreichen zu können. Es kann heute nicht mehr nur darum gehen, ein erstarrtes Dichterbild zu pflegen, einen Dichterkult zu üben, oder am Fuße eines Denkmals zu sitzen und bloß noch Dekoratives hinzustellen, um eine ergriffene Zufriedenheit beim Hörer oder Betrachter zu verursachen.
Heute müssen sich verantwortungsbewusste Organisatoren Fragen stellen wie: Welche Gedächtniskultur pflegen wir überhaupt mit unseren Plänen? Welche wollen wir pflegen? Wie lassen sich Erfordernisse der Ökonomie mit der Tradierung dieses speziellen Kulturwissens verbinden? Welchen Stellenwert hat Literatur in einer Zeit, die von einer Mediengesellschaft, und zwar unumkehrbar, beherrscht wird? Es wird niemand den Sinn eines Gedenkjahres - oder eines - auch eines gewollten, weil doch etwas "krummen" - Jahrestages - infrage stellen. Sicher, das Jubiläumswesen kann seltsame Blüten treiben, oft droht es von kurzlebigen Marktinteressen bestimmt zu werden und kann dann auch eine angemessene Erinnerung an den Jubilar verhindern - ein Jubiläum hat aber immer auch eine "Aktivierungsfunktion" - Gedenkrituale als Denkmäler nicht im Raum, wie die neue Statue auf der Nikolausbrücke, sondern als "Denkmäler in der Zeit", wie dies die Gießener Literaturwissenschaftlerin Christine Lubkoll bezeichnet. Gegenwarts-Kultur ist eindeutig auch von den Marktgesetzen abhängig. Durch Marktgesetze werden althergebrachte Formen der kulturellen Erinnerung infrage gestellt, auch dessen muss man sich bei der Planung von literarischen Gedenkjahren bewusst sein; selbst der bildungsbürgerliche Kanon muss in diesem Zusammenhang grundsätzlich hinterfragt werden. Gedenkjahre können hingegen auch einen Rezeptionsprozess aktivieren und dauerhaft unterstützen: nicht nur wenn man sieht, mit wie viel Phantasie der Verlag Hermann Hesses dessen längst bekannte Werke in stets neuem Gewand präsentiert und uns deutlich wird, wie sehr solche Gedenkjahre gerade auch massiv der kalkulatorischen Seite des Verlagswesens zu Hilfe kommen, hier also der Markt funktionieren darf und soll; auch dadurch, dass auf Publikumsseite eine vielleicht neue Beschäftigung mit dem Werk des Dichters ansetzt - dadurch, dass einfach und vielleicht in neuen Zusammenhängen auf diesen hingewiesen wird. Möglicherweise ist das starre Festhalten an bürgerlichen Bildungsidealen heute überholt, in einer Zeit der - ich habe es bereits betont - der Massenkultur, der neuen Medien. Es müssen auch neue Wege der Öffentlichkeit, neue Wege an die Öffentlichkeit, gefunden werden: In der Präsentation eines Gedenkjahres, in der Präsentation von Literatur überhaupt, zumindest ergänzend zur herkömmlich-bekömmlichen, biografisch-konsekutiven Lebensschau eines Dichters, ist heute eben die Inszenierung gefragt: das In-Szene-Setzen von Literatur; Literatur nicht mehr nur als zentraler Mittelpunkt, sondern auch als Mittel zum Zweck, wo es trägt. Literatur als Transmissionsriemen für die Beförderung soziologischer Zusammenhänge. Hesse als Zeitgenosse, als Beantworter von Fragen unserer heutigen Fragen und nicht als Denkmal, das notorisch beharrt, das Vergangenheit löst. Mediale Inhalte, ökonomische Bedingungen, mentale Haltungen haben sich in der Gesellschaft verändert - in den letzten wenigen Jahren mehr als vorher in Dekaden; Einzelne, bloß noch traditionell Ausgerichtete, mögen da manchmal nicht mehr mitkommen - ihnen mag nichts mehr bleiben - im günstigen Fall als das bloße Sich-Wundern, sonst, im für sie ungünstigen, als ein maßloses, sich selbstinszenierendes Kritisieren. Die Gesellschaft schreitet weiter, sie wundert sich oft nicht einmal mehr und fragt nicht, sie lässt zurück. Kulturelle Vermittlung muß sich an dem Puls der Gesellschaft orientieren - Zukunft zwar aus der Herkunft, aber doch ins Kommende gerichtet: Deshalb haben wir in der Programmplanung uns für genau diese Ausstellungskonzeption, für die thematische Ausstellung WeltFlechtWerk, entschieden; deshalb haben wir uns für Ausstellungen und Programme in Berlin, Hesses "Nicht-Ort", dem aber heute zentralen Ort von gesellschaftlichen Entwicklungen und künstlerischen Prozessen in Deutschland, entschieden; deshalb haben wir als die Programmverantwortlichen uns entschieden, in unserer kleinen Stadt ein Literaturfest über zwei Monate hinweg zu inszenieren, das diesen Dichter vielfältig und eben nicht einseitig-monoton, kultpflegend in seine Stadt zurückholt. Ein Festival, das nicht nur und ausschließlich mit Hermann Hesse zu tun hat, sondern das bewusst viele Anklänge hereinholt: musikalische Beiträge, Anklänge der bildenden Kunst, theatralische Aktionen - allesamt künstlerische anspruchsvolle Beiträge, die durchaus breite Schichten der Bevölkerung und Gäste ansprechen und ihnen Kunst - auf ihrer jeweiligen Ebene - näherbringen. Gedenkjahre als Rituale der Erinnerung und als eine zeitgemäße Suche nach Möglichkeiten, sich nicht selbst zu feiern, sondern Adressaten auf innovativen Wegen zu erreichen - um sie nicht zum x-ten Abklatsch einer gemächlichen Literaturbegehung zumachen; als Chance auch, als Kulturträger Visionen zu entwickeln. Als Chance, Medien, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenzubringen. Das Ergebnis zeigt: eine Gratwanderung, und nur die ist spannend, und sie kann gelingen. Als Versuch, die Spannung zwischen wissenschaftlichen Ansprüchen und populärer Kommunikation auszuhalten, um eine möglichst breite Beteiligung an dem, was angeboten wird, zu erreichen. Wir haben versucht, all dies auf einen Nenner zu bringen. Für eine kleine Stadt wie Calw, für wenige Mitarbeiter wie die, die an diesem Projekt federführend mitgearbeitet haben, ein Wagnis. Unsachliche Kritik aus persönlichen Motiven heraus schmerzt höchstens kurzfristig, die spannenden Momente dieses Wagnisses überwiegen, und diese sind es, die für jeden einzelnen der Beteiligten motivieren, mit viel, viel persönlichem Engagement weiter zu schreiten, dennoch zu denken und gerade jetzt. Es war ein Vorstoß ins relativ Unbekannte. Dennoch, und vielleicht gerade deshalb: es macht Spaß, Dinge zu entwickeln, zu gestalten. Es macht Spaß, Rückmeldung zu bekommen: Dass die Ausstellung "WeltFlechtWerk" in Berlin zum Beispiel als "Musterbeispiel für innovative Umsetzung einer Literaturausstellung" durch den Studienbereich "Ausstellungskonzeptionen" einer Universität ausgesucht und als Lehrveranstaltung besucht wird; dass jemand an die Ausstellungsmacher eine Karte schreibt: "An alle, die diese Ausstellung erdacht und gemacht haben: Ich saß hier und dachte nach, weinte..." Das zählt: der Einzelne, und dies ganz im Sinne Hesses: Sei du selbst, sagt dieser, sei du es, der sich angesprochen fühlt. Festival und Ausstellungen gehören zusammen, sie sind eine Konzeption. Literatur, echte Literatur - auch die Hesses -, ist nicht rückwärtsgerichtet. Sie hilft uns in unserem Leben, sie unterstützt, verstört. Nicht uns alle insgesamt, sondern - ganz im Sinne Hesses - mich und dich und jeden einzelnen. Und zwar hilft, unterstützt, verstört Literatur in unserem heutigen Leben, nicht in dem, was hinter uns liegt. Literatur hat nach wie vor eine wichtige Funktion in einer zeitgemäßen, zeitgemäßen Werteorientierung, Literatur hat nach wie vor eine "aufklärerische" Funktion - die in die Zeit passen muss. In diesem Sinne, liebe Gäste, lassen Sie sich ein auf das, was Ihnen in Calw mit dieser neuen Ausstellungskombination und mit dem Festival in den nächsten Wochen geboten wird. Es lohnt sich. Danken möchte ich zuletzt Dir, lieber Hans-Peter Meier-Dallach, für einen spannenden Prozess der Entwicklung einer Konzeption, ich denke, wir sind uns in unserem soziologischen Ansatz des Denkens sehr nahe, und Euch beiden Stefan Kölmel und Markus Graf stellvertretend für das ganze Team der Ausstellungsgestalter, ich war immer wieder beeindruckt von Euren kreativen Impulsen. Vielen Dank. |
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© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 14.08.2003 |
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