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Zu Hesses 125. Geburtstag |
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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, Herr Professor Rothfuss, meine Damen und Herren Diese Auszeichnung zum 125. Geburtstag Hermann Hesses ist mir eine besondere Ehre. Ich danke Ihnen von Herzen. Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte, die zwar für mich bestimmt sind, aber zutiefst unserer aller Gefühle für Hermann Hesse ausdrücken.
Meine Ehrung freut mich besonders, denn sie krönt eine lebenslange Ehrung meinerseits für unseren Dichter, der uns alle zu einer neuen Lebensauffassung brachte. Ich war daher besonders dankbar und tief bewegt als ich Professor Rothfuss's Einladung erhielt. Es schien mir, dass diese Anerkennung nicht nur die Vergangenheit betraf (und ob ich die verdiene sei dahingestellt) sondern auch ein Zeichen für die Zukunft bleibt-eine Zukunft, die ich als Überachtzigjähriger wohl nicht mehr völlig erleben kann, die aber schon heute mit großer Klarheit vor uns steht. Was haben wir denn mit Hermann Hesse gemeinsam, dass er uns so viel sagen konnte? Von mir aus gesehen, hat er mein Leben mit einem Geist erfüllt, der heute noch nachklingt. Er war es, den ich in die Emigration mitnahm als ich im Alter von 19 Jahren nach England fuhr. Dort, und später in den USA, gab er mir einen Halt, der mir viel bedeutete. Der Hesse, den ich damals kannte, und der meine Zeitgenossen aus den 30er Jahren ebenfalls beeinflusste, war der Hesse von "Knulp" einerseits und "Demian" andererseits, ein Hesse also, der unsere jugendlichen Wünsche und Glauben direkt ansprach. Für mich war die Gemeinsamkeit, die uns Hesse nahebrachte die des malenden, zeichnenden Dichters, für den die leuchtende Natur und der darin ruhende Glaube ausschlaggebend waren. Dieser Glaube war konkret und zeitbestimmt. Ich erinnere mich an die vielen Fahrten als Teil der Jugendbewegung (nach 1933 natürlich in einem jüdischen Bund) an denen wir uns Hesses Geschichten und Gedichte vorlasen. Der Mensch Hesse, wie er in meinem Gedächtnis blieb, und dessen Biographie ich Jahrzehnte später in einem anderen Land und in einer anderen Sprache schrieb, war der Wanderer im besten Sinn, ein Träger der Romantik in das 20. Jahrhundert hinein. Er war der unstete Liebhaber der Natur von wirklichen Blumen und Bäumen und der wahren inneren Sinnlichkeit. Aber er war doch mehr. Die Grenzen seiner Kraft lagen weiter und tiefer. Hesse schrieb nicht nur vom dichterischen Glanz der Natur und ihrer bezaubernden Freiheit sondern auch von der Physiologie der menschlichen Seele überhaupt: vom psychologischen Trauma des "Steppenwolf" und den Pilgerfahrten des Geistes von "Siddhartha" zum "Glasperlenspiel". Diese Bücher offenbaren eine andere Seite des Hesseschen Schaffens, die Knulps und Goldmunds Sinnenfrohheit, in einem neuen Zusammenhang aufzeigt. Das Gegenspiel von Geist und Sinnlichkeit, das all seinen Werken die Spannung verleiht, wirkt auch als Bild innerer Zerrissenheit und der Sehnsucht nach Einheit. In der wirklichen Welt, in der Hermann Hesse lebte, von zwei Weltkriegen, Depression und Diktatur, von persönlichen Tragödien wie die Geisteskrankheit seiner ersten Frau und dem Selbstmord seines Bruders, bestand diese Spannung aus lebenslangen Krisen, die tief in sein Innenleben hineinragten und sein Lebenswerk bestimmten. Im "Steppenwolf" wird Harry Hallers vielfältiges Selbst im "magischen Theater" durch Spiel und Illusion zusammengefügt. Im "Glasperlenspiel" sind es Musik und Mathematik, sowie das Modell kirchlicher und weltlicher Hierarchien, die die kritische Spannung auflösen wenn auch am Ende der Magister Ludi, Joseph Knecht, den kastalischen Orden verlässt um in der natürlichen Welt seinen Tod zu finden. Doch die Generation, die aufwuchs als wir Eltern wurden – die Kinder der 60er und 70er Jahre – zeigten ähnliche Gefühle wie wir in ihrem Temperament und in ihren ästhetischen Anschauungen. Paradoxerweise brachten sie ihren Enthusiasmus über Nord- und Südamerika, Europa und Japan nach Deutschland zurück, wo sie Hesse in ihrer ursprünglichen Landschaft aufleben ließen. Die Linie blieb ununterbrochen. Doch die Natur wurde durch eine Vision der künstlerischen Einbildungskraft im "magischen Theater" Pablos neu erhellt. Der Wanderer Hesse wurde zu einem Zauberer der Seele, wie er es schon früher in seiner "Kindheit des Zauberers" gezeigt hatte. Zugleich leitete Hesse seine Leser mit "Siddhartha" in neue Bahnen durch eine immer tiefere Versenkung in indische und chinesische Gedankengüter. So unter den verschiedensten Lesern aus allen Teilen der Welt wurde das Hesse-Imago des jungen Wanderers zu dem eines jungen Dichters – eines Dichters der viel junger als er selbst war – der seine Bücher emsig in einer Mansarde vielleicht sogar in San Francisco tippt. Natur und stiller Glaube wurden jetzt durch eine höhere spirituelle Haltung erweitert. Ein Mann des Friedens, der lebenslang eine wohltätige Sicht der Menschheit im Auge hatte, wurde dennoch immer wieder vor Entscheidungen gestellt, die für ihn eine oder die andere Seite ein Kompromiss darstellen musste: in beiden Weltkriegen, zur Nazizeit, und auch in persönlichen Dingen. Er wollte nie heiraten und doch tat er es dreimal. Er wollte der einsame Heilige sein, der eine Vision der Klarheit und Menschlichkeit in Worte verwandelt und wurde immer wieder in die Klischeewelt seiner Umgebung gezogen. Und doch hat er immer wieder zu uns gesprochen. Es sei denn, dass wir deshalb von Hesse als von einem Heilenden sprechen können – einem Heilenden, der Wunden vieler Generationen. Und es war dass er so als Lehrer und Dichter vor uns trat. Der folgende Abschnitt aus einem von Hesses Märchen, "Der schwere Weg", mag als Illustration dienen: "Am Eingang der Schlucht, bei dem dunklen Felsentor, stand ich zögernd und drehte mich zurückblickend um. Sonne schien in dieser grünen wohligen Welt, über den Wiesen flimmerte wehend die bräunliche Grasblüte. Dort war gut sein, dort war Wärme und liebes Behagen, dort summte die Seele tief und befriedigt wie eine wollige Hummel in sattem Duft und Lichte. Und vielleicht war ich ein Narr, dass ich das alles verlassen und ins Gebirge hinaufsteigen wollte." Wie ich in meiner Biographie schrieb: "Dies ist nicht nur die Szene des Sehers und Dichters, sondern auch die eines Menschen, der im Weggehen ein letztes Mal die Welt überblickte, von der er sich los sagen muß: die Welt der Normalität." Als Maler und Seher führte uns Hesse dazu die normale Welt kennenzulernen und zu bewältigen innerhalb und außerhalb der Person – eine Welt, die zu ihrem eigenen Zusammenbruch führte. Der schwere Weg ist ein einsamer Weg für alle: einerseits der Weg der Psychoanalyse, eines bahnbrechenden Angriffs auf das innere Leben. Andererseits aber führte er auch zum Kampf gegen die äußere Gewalt, der politischen Macht und dessen furchtbare Folgen. Die Kunst, Klingsors großes Gemälde aus Hermann Hesses Imagination erschafft, blieb als ihr machtvolles Gegengewicht. Diese Gedanken strömten in mich hinein, als ich Professor Rothfusses E-Mail mit der Einladung las. Es tut mir nur leid, dass meine Freunde Volker und Ursula Michels nicht hier sein konnten. Wir drei arbeiteten zusammen an der deutschen Version meiner Biographie, die ursprünglich auf englisch in Amerika erschien: als Autor, Übersetzerin und Lektor mit feinem Resultat. Und Volker, wie wir alle wissen, hat viel von seinem Leben der Zukunft und Rezeption Hesses gegeben. Nun geht mein herzlicher Dank auch besonders an Herrn Professor Rothfuss für seine guten Worte sowie an die Stadt Calw und ihres Oberbürgermeisters mich auf diese Weise in ihren Kreis miteinzuschließen-zur Festlichkeit zu Ehren von Hermann Hesse, dessen Stimme von dieser Schwarzwälder Stadt weit über die Kontinente hinaus auch in meinem eigenen Land, der USA, ertönte und noch heute erklingt. Ich werde diese Stunde nicht leicht vergessen. |
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© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 11.10.2003 |
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