Verleihung der Hermann-Hesse-Medaille
     der Stadt Calw an Prof. Dr. Ralph Freedman
am 02. Juli 2002

 
 

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Frau Kultusministerin,
Königliche Hoheit,
Damen und Herren Abgeordnete,
Herr Oberbürgermeister,
sehr verehrte Gäste,

lieber und sehr verehrter Herr Prof. Freedman,
wir freuen uns, dass Sie alle und ganz besonders Sie, lieber Herr Freedman, hier sind, in Hermann Hesses "kleinem, schwäbischem Schwarzwaldstädtchen", am Marktplatz – in Sichtweite des Ortes, an dem Hermann Hesse vor heute 125 Jahren das Licht der Welt erblickte.

Lieber Herr Professor Freedman: beim Blicken auf den heutigen Tag aus der Perspektive der vergangenen Wochen fragte ich mich immer wieder, wie es gelingen könne, Ihr Werk insgesamt und ihr Wirken für Hermann Hesse im besondern, während weniger Minuten im Rahmen einer Laudatio zusammenzufassen; zu vielfältig die Publikationen, um auch nur einen kleinen Einblick geben zu können. Sie waren und sind einer der großen Beförderer der deutschsprachigen Literatur des vergangenen Jahrhunderts in Amerika; gleichzeitig, und dies macht dieses Wirken nicht selbstverständlich, sind Sie ein Gebeutelter der Zeitläufe: mussten als junger, 19-jähriger Mensch, in letzter Minute gewissermaßen im Jahr 1939, von Ihrer Heimatstadt Hamburg aus fliehen, zunächst nach England und anschließend in die USA. Trotzdem Sie als junger Mensch weggejagt wurden aus Ihrem Vaterland behielten Sie der Literatur des Landes Ihrer Kindheit die Treue – bis hin zum Aufstieg in den akademischen Olymp als Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der renommierten Princeton University blieben Sie Ihren frühen literarischen Lieben, allen voran Hermann Hesse auch in Ihrer neuen Heimat treu. Früh beschäftigten Sie sich so nicht nur beruflich mit Hermann Hesse, Sie bewunderten ihn, Anfang der Sechziger Jahre erschienen dann erste Studien über ihn; ein weiteres Objekt Ihrer "Liebe" innerhalb der deutschsprachigen Literatur – und gerade erscheint der zweite Teil der Übersetzung der wichtigen Biografie – ist Hesses Zeitgenosse Rainer Maria Rilke.

Sie beschäftigen sich aber auch intensiv mit heutigen, zeitgenössischen Autoren: haben Sten Nadolnys Roman "Entdeckung der Langsamkeit" ins Amerikanische übersetzt, und Sie haben – wenige wissen dies, mit Ihrer ersten Buchveröffentlichung im Jahr 1948 unter dem Titel "Divided" selbst einen Roman veröffentlicht; das erzählerische Talent ist Ihnen geschenkt: gerade haben Sie ein Manuskript für einen Roman, "Mark on the Tooth" abgeschlossen – und diese Tatsache, selbst Autor erzählender Literatur und auch Literatur-Übersetzer zu sein, macht eine weitere Dimension Ihres Schaffens deutlich: Sie, Ralph Freedman, sind nicht nur und ausschließlich ein anerkannter Wissenschaftler und Pädagoge, der publiziert, Sie sind auch nicht ein bloßer wissenschaftlich tätiger Publizist, nein Sie sind viel mehr: Sie verfügen virtuos über die Klaviatur des poetischen und zugleich des in den USA ja zum Glück nicht wie hierzulande belächelten, unterhaltenden und spannenden Erzählens – eine Einheit, die man völlig unabhängig von einer wissenschaftlichen Fundierung, bereits selten genug findet -, Sie sind der Schriftsteller, der sich seine akademisch erarbeiteten Grundlagen zunutze macht, und Sie schreiben insbesondere mit Ihren Dichter- und Schriftstellerbiografien Bücher, die sich nicht in einem Fachjargon erschöpfen, sondern die selbst Literatur sind. Dies als das erste Kompliment. Denn, und dies ist mit einer der Gründe für die Verleihung der Hermann-Hesse-Medaille der Stadt Calw, der wichtigsten Auszeichnung, die diese Stadt zu vergeben hat, gerade in Ihrem Buch "Hermann Hesse. Pilgrim of Crisis" bzw. "Hermann Hesse. Autor der Krisis" in der deutschen Übersetzung, erschienen zunächst in New York im Jahr 1978, später nochmals im Jahr 1997, wird deutlich: Hier haben wir ein poetisches Erzählwerk, das unseren Schriftsteller Hermann Hesse in den Mittelpunkt stellt. Ein Glücksfall – wie jetzt übrigens auch diese Rilke-Biografie, die sich diesem großen Dichter ganz in der Tradition der Poetik Freedmans annähert.

1982 erschien Ralph Freedmans Hesse-Biografie – für den deutschen Leser angepasst und überarbeitet, da ursprünglich für eine kulturell anders orientierte Leserschaft in den USA geschrieben – in einer herausragenden Übersetzung von Ursula Michels-Wenz; Literatur, und darum handelt es sich bei der Biografie Ralph Freedmans, zu übersetzen, verlangt der Übersetzerin ein Höchstmaß an handwerklichem und an kreativem Können ab. Das Lesen der Biografie macht deutlich: auch im Deutschen ist der Text poetisch, spannend, stimmig; offenbar ging nichts von seiner Substanz verloren.

Was ließ die Biografie "Autor der Krisis" von Ralph Freedman schon kurz nach ihrem Erscheinen von der Presse und vom Lesepublikum so hoch gelobt werden, dass sie gleich als "das Standardwerk" über Hermann Hesse galt, "um das in Zukunft niemand herumkommt, der sich ernsthaft mit Hesse beschäftigen will", wie die Tageszeitung "Die Welt" meinte?

Die Antwort gibt auch Nino Erné, der diesen Satz damals für "Die Welt" schrieb – im übrigen selbst auch ein bedeutender Schriftsteller, der vielleicht deswegen auch zu dieser treffenden Einschätzung gefunden hat: "Der Leser erlebt" – in der Biografie von Ralph Freedman – "den Lebenskampf eines Menschen mit, der jeden ihn einengenden Alltagsrahmen, so sehr er sich zunächst gutwillig darin einzurichten versucht, schließlich sprengt: der sich gegen alles ihm Ungemäße durch Einsamkeit abschirmt und, wenn nichts anderes mehr hilft, in die Krankheit flüchtet bis hin zum Zusammenbruch, aus dem sich noch jedes Mal der Vogel Phönix wiedererhebt, ein neues Buch in Herz und Kopf."

Hermann Hesse als ein Pilger auf dem Weg der Krise. Dies ist es, was Ralph Freedman in seinem Buch eindrücklich und mit einer eindringlichen Sprache gestaltet: der Weg der Krise, der, im Leben erlebt, in Hesses Büchern Spiegelung findet; einer der Gründe, dass Hesse bei Millionen von Menschen Resonanz findet, die ihre eigenen Krisen gespiegelt sehen. Ralph Freedman ist dabei eine komplexe Komposition seiner Biografie gelungen: er isoliert Lebenskreise Hesses, die – im biografischen Überblick von heute aus gesehen – den Schriftsteller sich jeweils auf eine neue Stufe sich weiterentwickeln ließen – Entwicklungen, die in seinen Büchern nachvollzogen werden können:

Seine frühe Zeit: "Kindheit und Unbehagen", dann ein "erstes neues Leben": Vom Buchhändler zum Schriftsteller. Der Autor als Haushaltsvorstand, die Krise der Unvereinbarkeit dieser beiden Pole ist Inhalt des nächsten Kapitels. "Es war mir klargeworden, dass es moralisch nur noch eine Existenzmöglichkeit für mich gab", schrieb Hesse in seiner Betrachtung "Beim Einzug in ein neues Haus", "meine literarische Arbeit allem andern voranzustellen, nur noch in ihr zu leben". Als Vagabund im Reich der Phantasie ist das nächste Kapitel betitelt, der Autor als Seher und Dichter, der nochmals zurückblickt, ehe er sich der ungewissen Zukunft zuwendet. Das "vierte neue Leben" führt Hesse vom Sinnlichen zum Geistigen. Im letzten neuen Leben verblassen die Bedrängnisse des Krieges, Normalität kehrt in den Alltag Hesses zurück; er ist in der Geistigkeit angekommen.

Ralph Freedman findet in seiner Biographie mit diesen Lebenskreisen die ideale Methode, das Herausentstehen der Literatur Hermann Hesses aus seinen jeweiligen Lebenskrisen deutlich zu machen. Dass er dies, wie er selbst schreibt, als Biograf aus einer Liebe für seinen Gegenstand heraus gestaltet, macht das Buch darüber hinaus noch lesbar mit diesem charakteristischen und sympathischen Unterton, für die diese Biografie gerühmt wird.

Viele Leserinnen und Leser, meine sehr geehrten Damen und Herren, werden durch die weltweit verbreitete Biografie Ralph Freedmans – Übersetzungen wurden u.a. auch in Italien und Frankreich veröffentlicht – auch hier her in Hesses kleine Geburtsstadt Calw geführt, wo sie den Spuren nachgehen, die vom Dichter heute noch hier zu finden sind.

Damit hat Ralph Freedman nicht nur die nicht übertroffene und eine der anerkanntesten Biografien über Hermann Hesse geschrieben und sich bereits dadurch unschätzbare Dienste am Andenken unseres heute gefeierten Dichters erworben sondern auch einen großen Beitrag für die akademische Anerkennung der Literatur Hermann Hesses geleistet, viele, viele Menschen auf die Heimatstadt des Dichters hinzuweisen und manche sogar hier her zu führen.

Wir haben Ihnen zu danken, verehrter, lieber Herr Freedman: als Literaturwissenschaftler, als Erzähler der Biografie von Hermann Hesse, und wir haben Ihnen zu danken als großem Menschen, der auch in Zeiten der persönlichen Bedrängnis den Faden zur Literatur der deutschen Sprache nicht abreißen ließ und sich dieses letztlich doch zum Lebenswerk machte. Eine Ehrung zum heutigen Anlass kann deshalb nicht mehr sein als das minimale Anzeichen einer Gutmachung für Ihre Lebensleistung. Wir freuen uns alle, dass Sie diese annehmen.