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Ansprache von Frau Ministerin Anette Schavan
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Wir gedenken heute des großen Sohns dieser Stadt. Wir gedenken heute, zu seinem 125. Geburtstag, des meistgelesenen deutschsprachigen Autors, des Weltbürgers und Brückenbauers zwischen West und Ost, zwischen europäischem Getriebensein und den Weisheitslehren Indiens und Chinas.
Ich meine, wir dürfen dabei gerade auch an den Schwaben Hermann Hesse erinnern:
Eine Musikalität und Harmonie der Sprache, die uns schon bei Friedrich Hölderlin und Eduard Mörike begegnet. Für das schwäbische Element in seiner Person und Biographie steht wohl allen voran sein geliebter Großvater, der berühmte Missionar, Indien- Gelehrte und Sprachforscher Hermann Gundert. Dieser hatte ihn nach seiner spektakulären Flucht aus dem Maulbronner Klosterseminar mit den Worten begrüßt: So, du bist's, Hermann. Wahrlich, dieses Geniereisle hat sich dann fortgesetzt: vom romantisch – urwüchsigen "Peter Camenzind" über die innere Zerrissenheit des "Steppenwolfs" bis zur ruhig – erstrahlenden Einheit des "Glasperlenspiels". Aus dem jungen Hermann, der so gerne an der Nikolausbrücke angelte und den Flößern zuschaute, ist einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts geworden. Meine Damen und Herren,
Woher kommt dieses Einzigartige? Woher kommt es, dass so viele Menschen, gleich welcher Nation, welcher Kultur und Sprache, die einmal in sein Werk eingetaucht sind, dieses Erlebnis immer wieder suchen und "ihren" Hermann Hesse oft ein Leben lang Herzen tragen? Der einsam Entrückte und doch an all den Verbrechen und individuellen Schicksalen seiner Zeit so sehend und wissend mitleidende, aber auch durch hundertfach und tausendfach geleistet Hilfe sich einbringende, durch unzählige Briefe am Weltgeschehen teilnehmende Mann in Montagnola:
Mit Thomas Mann verband ihn über viele Jahrzehnte nicht nur eine schwierige Zeitgenossenschaft, sonder tiefer gegenseitiger Respekt und herzliche Freundschaft. Der eine: norddeutsch, wohl temperiert und brillant, meisterhaft ironisch – distanzierend. Beide waren Nobelpreisträger. Beide waren Weltbürger. Beide wurden als Emigranten und Vaterlandsverräter beschimpft. Und doch haben sie unendlich viel geleistet, um dem deutschen Volk über die unsägliche Barbarei und Katastrophe hinweg sein Kostbares zu erhalten: nämlich seine Sprache. Die Sprache Goethes und Schillers. Hermann Hesse schenkte seinen Lesern ein Werk voller Tiefe und Zeitenfülle: gerade so, als würden sich in ihm alle Stufen und Schichten der Menschheitsgeschichte begegnen. Schafft er damit nicht das Gegenbild zu einer Gegenwart, die oft weder Vergangenes noch Künftiges zu kennen scheint? Der Wanderer und Gärtner, der Zauberer und Geschichtenerzähler, er möchte, dass wir das Staunen nicht verlernen. Er lehrte uns den Blick – nicht für das Fernste, sondern für das Nächste, auch für das Kleine und Unscheinbare. Er lehrte uns lauschen auf ewige Musik des Lebens, ein inneres Auge für das Lächeln Gottes. Er lehrte uns den Eigensinn. In den Worten von Konfuzius:
Er lehrte in einer – im Sinne Martin Heideggers- "verzweckten", von Geld und Zahl beherrschten Welt, Humor und Phantasie. Er hat in einem Jahrhundert der Technokratie und Hybris die sanfte Würde der Schöpfung, aller belebten und unbelebten Natur in seinem künstlerischen Schaffen festgehalten. Er hat in einem Jahrhundert dumpfer und brutaler Massenbewegungen das unveräußerliche Recht, Geist und Seele des einzelnen trotzig und beharrlich verteidigt. Er hat der großen Atomisierung und Zerstücklung unseres Zeitalters die unvergänglicher Idee der inneren Ordnung entgegengehalten, den Einklang als Wesen und Ziel der Welt. Hermann Hesse hat die Menschen und schließlich auch das Leben – sein Leben- gemocht. Am persönlichen Glück, das er durch schwere Krisen, Kämpfe und Wandlungen hindurch auf der weiten Reise seines Lebens wohl erlangen konnte, lässt er uns teilhaben. Sicher hat er oft nachgesonnen über die Worte von Novalis: |
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