Hermann Mögling und Hermann Gundert – Kulturelle Brückenbauer
Vorgetragen von Bischof Dr. Christopher L. Furtado, Mangalore am 05.07.2002

 
 

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Im Modernisierungsprozess in Karnataka und Kerala, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, ragten Hermann Mögling und Hermann Gundert als bedeutende Persönlichkeiten hervor. Beide werden für ihren dauerhaften Beitrag und ihre Pionierarbeit auf den Gebieten der Sprachkunde, Literatur, Heimatkunde, des Journalismus sowie der Zusammenfassung und Veröffentlichung althergebrachter philosophischer und literarischer Werke geachtet. Sie sollten vor allem als kulturelle Brückenbauer betrachtet werden.

Sie waren Pioniere, indem sie eine neue Qualität der Beziehungen zwischen Ost und West herstellten, zwischen Indien und Deutschland, die auf gegenseitiger Wertschätzung und Respekt sowie auf einer Bereitschaft, zu teilen und vom andern zu lernen, beruhten. Der Grundstein, den sie legten, hat mehr als anderthalb Jahrhunderte überstanden und viele nachfolgende Lehrergenerationen haben aus dem Nachlass dieser beiden großartigen Männer Inspiration und Lenkung erfahren.

Mögling und Gundert waren Zeitgenossen und wirkten als Missionare der Basler Missionsgesellschaft.

Mögling kam 1836 in Mangalore an und Gundert trat 1838 in den Dienst der Basler Mission ein, um in Talassery im Bundesstaat Kerala zu arbeiten. Beide waren auch Freunde. Es war Mögling, der die Initiative übernahm, indem er Gundert vorschlug, für die Basler Mission zu arbeiten. Gundert war nach Indien gekommen, um frei zu arbeiten und trat später kurz der englischen Mission bei, um endlich für die Basler Mission als Missionar zu arbeiten. Obwohl sich beide nicht vollständig glichen, hatten sie indes einen ähnlichen Hintergrund, stammten sie doch beide aus Württemberg, hatten Theologie studiert und waren auf anderen Gebieten im Maulbronner Klosterseminar sowie im Tübinger Stift ausgebildet worden. Beide gerieten unter Einfluss des zeitkritischen Liberalismus, ihre geistige Haltung blieb jedoch vom württembergischen Pietismus geprägt. Sie unterschieden sich stark von vielen Missionaren dieser Zeit. Während die Mehrzahl der Missionare im 19. Jahrhundert in Kerala und Karnataka Handwerker-Missionare waren, gehörten diese beiden einer Gruppe von gelehrten Missionaren an. Obgleich sie verpflichtet waren, das Evangelium zu predigen, Menschen zu bekehren und neue Gemeinden zu schaffen, zählt ihr Hauptverdienst, aufgrund dessen man sich ihrer noch heute erinnert, nicht zur Missionarsarbeit im wörtlichen Sinne. Beide waren Idealisten, die über eine umfassende Übersicht und Weitsicht sowie eine liberale Haltung gegenüber anderen Kulturen verfügten.

Warum kamen sie nach Indien? Ihr vorrangiger Antrieb und Ziel war die Missionierung. Sie wurden nach Indien gesandt, um die Botschaft Jesu Christi zu verbreiten und die Menschen zum Christentum zu bekehren, sie überwanden das engstirnige Verständnis von Mission und vertieften sich in die abenteuerliche Entdeckung einer anderen Kultur, Sprache, Religion und Gesellschaft. Oft wird gefragt, weshalb diese Missionare wie Mögling und Gundert so engagiert forschten, sammelten und veröffentlichten, vor allem auf den Gebietender Sprache, Folklore, Philosophie etc.. Hatte ihr sprachliches und gesellschaftliches Wirken eine direkte Beziehung und direkten Einfluss auf ihre priesterliche und missionarische Arbeit, oder war es nur eine Methode und Strategie, um besser bekehren zu können? Es konnte bislang keine zufriedenstellende Antwort gefunden werden. Angesichts ihrer wunderbaren Arbeit und der lebenslangen Anteilnahme und Verpflichtung, die sie gegenüber ihrem Wirken erkennen ließen, kann man kaum zu dem Schluss gelangen, dass ihr Beitrag zu Kultur und Gesellschaft nur ein unwesentlicher Nebenaspekt ihrer missionarischen Tätigkeit war. Er war integraler Bestandteil ihres Lebens und Arbeitens als Missionare in Indien.

Wir sollten uns zudem daran erinnern, dass ihre Vorgesetzten der Missionsgesellschaft in Basel ihre "weltlichen" Anstrengungen nicht immer wohlwollend zur Kenntnis nahmen und nicht unbedingt unterstützend für die Belange der kulturellen Missionierung durch Mögling, Gundert, Kittel und deren Gleichgesinnte eintraten. Ich bin der Auffassung, dass Gundert und Mögling, da sie einem liberal-pietistischen Hintergrund entstammten und mit dem Reichtum der althergebrachten indischen religiösen und kulturellen Ausprägungen konfrontiert waren, eine Pilgerfahrt unternahmen, die auf Erfahrungen durch Erforschung, Lernen und Umdenken hinzielte. Wenn der Glauben eine lange Reise und Bekehrung Veränderung ist, dann haben diese beiden Missionare nicht nur andere Leute mit deren gesellschaftlicher und kultureller Umgebung, sondern auch sich selbst zu einem neuen Verständnis von Wirklichkeit und Glauben während ihrer Beschäftigung mit Indien und seiner Kultur bekehrt.

Kolonialisierung und christliche Missionierung

Die christliche Missionierungsbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts wird normalerweise mit der Kolonialisierung durch westliche Länder in Verbindung gebracht. Geschichtswissenschaftler haben beide eng miteinander in Verbindung gebracht. Missionierung gilt als die religiöse Waffe der Kolonialisierung. Es besteht kein Zweifel, dass die Ausdehnung der Kolonialisierung im 16. Und 17. Jahrhundert durch Spanien und Portugal in Südamerika, Indien usw. stark miteinander in Verbindung standen. Sie gingen Hand in Hand bei Entdeckungen, Eroberungen, Unterdrückung und sogar der Vernichtung nicht-europäischer Kulturen zur Erlangung von Macht und materiellem Gewinn. Die Zusammenarbeit zwischen Kolonialisierung und Missionierung im 18. und 19. Jahrhundert scheint jedoch leicht unterschiedlich zu sein. Trotz dem sogenannten "Padroado"- Missionierungsstil waren die späteren Bewegungen meist nicht direkt vom Staat, König oder Kaiser finanziert. Es bestand keine direkte Zusammenarbeit, obgleich die Kolonialisierung den Missionen einen großen Vorteil bot, sich zu etablieren und sich unter dem Schutze der Kolonialmacht auszudehnen.

Was Indien anlangt, muss daran erinnert werden, dass die ersten deutschen Missionare von der Dänisch-Hallenseschen Mission bei ihrer Ankunft in der dänischen Kolonie in Tranquebar nicht freudig begrüßt, sondern vielmehr verachtet und vom Kommandanten schlecht behandelt wurden. William Carey, Baptist, Missionar aus England, der 1796 in Bengal eintraf, wurde es nicht gestattet, im Gebiet der Ostindien-Kompanie zu arbeiten, da seine Tätigkeit den kommerziellen Interessen der Kompanie widerstrebt hätte.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ihm und anderen englischen Missionaren gestattet, in Indien zu arbeiten. Eine Erlaubnis für nicht-englische Missionen erging 1833 und es ist mehr als ein Zufall, dass die schweizerdeutsche Basler Mission die erste Gruppe von Missionaren 1834 an die westindische Küste sandte. Hermann Mögling kam 1836 als Mitglied der zweiten Gruppe nach Indien.