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Petr Kučera, Marta Panušová |
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Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse" |
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Es ist allgemein bekannt, dass die indische Dichtung "Siddhartha" (erschienen 1922) eine wichtige Stellung im Werk von Hermann Hesse einnimmt. Schon der vom Autor selbst erfundene Untertitel "indische Dichtung" signalisiert eine starke Akzentuierung der ästhetischen Seite der prosaischen Form. Die Erzählung verbindet Hesses westliche Wurzeln mit einer nicht zuletzt von seinen familiären Verhältnissen geprägten Zuneigung zu Indien und zum Orient überhaupt. "Indien-Reisen waren zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches, ja geradezu modern geworden..... Aber für Hesse hatte Indien noch einen anderen Klang, es war die Heimat der Mutter, das Land, in dem der Vater, der Großvater gewirkt hatten und aus dem jener kleine tanzende Götze stammte, der viel bewundert und bestaunt aus dem großväterlichen Glasschrank geblickt und in so mancherlei Träumen des Knaben sein spukhaftes Wesen getrieben hatte." (Zeller 1997, 64) Nach seiner ersten Reise nach Indien stellt H. Hesse in seinem Buch "Aus Indien" folgende Überlegungen an: "Mein Weg nach Indien und China ging nicht auf Schiffen und Eisenbahnen, ich musste die magischen Brücken alle selber finden. Ich musste auch aufhören, dort die Erlösung von Europa zu suchen, ich musste aufhören, Europa im Herzen zu befeinden, ich musste das wahre Europa und den wahren Osten mir im Herzen zu eigen machen, und das dauerte wieder Jahre um Jahre des Leidens, Jahre der Unruhe, Jahre des Krieges, Jahre der Verzweiflung (sec. Zitiert bei Zeller 1997, 65-66. Alle diese Tatsachen und Hintergründe spiegeln sich nicht nur in der Thematik der Erzählung, sondern auch in der literarischen Ausdrucksweise wider. "Er träumte sich die Gestalt des idealen Inders, der er gern gewesen wäre und schrieb die Erzählung "Siddhartha". Es war die Beschreibung seines eigenen Weges nach innen (Rinser 1990, 21) Dem Schaffensprozess im "Siddhartha" liegt unseres Erachtens nach eine experimentelle künstlerische Absicht zu Grunde, die dem Rezipienten andeutet, dass die orientalischen Werte in einem literarischen Werk nur als erlebte ästhetische Erfahrung vermittelbar sind, und nicht in einer abstrakten Form, die versucht, das Publikum lediglich auf eine rhetorische Art und Weise zu überzeugen, wie es in westlichen Texten sehr häufig der Fall ist. Im Verlaufe der Arbeit an dieser Erzählung hat H. Hesse selbst gespürt, dass der Mangel an authentischen Erfahrungen für ihn ein fatales Hindernis im Prozess des Schreibens darstellt. Es war nicht notwendig nach Indien zu reisen, er musste "nur" sich selbst und seinen eigenen Platz in der Welt finden. Thema des Werkes ist die existenzielle Grundfrage nach dem Sinn des eigenen Lebens, die der Autor schon im ersten Kapitel explizit formuliert hat. Die Antwort bleibt allerdings bis zum Ende des Werkes offen. Siddhartha musste zuerst die wichtigsten sonnigen Momente des Lebens genießen sowie dessen Schattenseiten erleiden. Erst auf Grund einer solchen weltlichen Erkenntnis, die er letzten Endes wieder ablehnt, weil er ihre Vergänglichkeit und Eitelkeit erkannt hatte, konnte er seinen seit langem ersehnten Frieden in der Vereinigung mit der Natur finden. Während der europäische Vanitas-Gedanke, die auf das Alte Testament zurückgehende Klage über die irdische Vergänglichkeit, Pessimismus evozieren kann, bringt gerade diese Erkenntnis dem Siddhartha eine für uns Europäer "widersinnige" Erlösung und Befreiung. Der unlogisch optimistische Ausklang, bei dem der ewig suchende und im Dunkeln tappende Mensch zuerst alles verlieren muss, um später das Wichtigste finden zu können, beruht auf den östlichen philosophischen und religiösen Lehren, die vor allem die positiven Werte in den Vordergrund stellen. Als Symbol der Versöhnung dient H. Hesse ein Fluss, besser gesagt, das Wasser, das wie die Menschen ständig in Bewegung ist, nur stellt diese Bewegung keine Unruhe und keine weitere Suche nach Werten dar, sondern bedeutet Sicherheit und eine unzerstörbare Ordnung. Diese ewige Bewegung kann ein Lebewesen weder ändern noch beeinflussen. Es kann sie nur unbeteiligt beobachten, sich freiwillig anpassen, sich darein zu ergeben und dabei lernen, sich dadurch endlich selbst zu entdecken, sich selbst und die Welt zu lieben lernen und so den Sinn des eigenen Lebens zu finden. Ruhe und die eigene Identität findet man in der uns umgebenden Welt nicht, obwohl sie uns sehr viele Möglichkeiten und Impulse zur Selbstverwirklichung anbietet, denn sein eigenes Ich muss den Menschen in der Verbindung und Vereinigung mit der Natur suchen. "Siddhartha wendet sich von der buddhistischen Weltentsagung entschlossen zur Weltbejahung." (Küng 1990, 62) Die Frage nach der Selbstbestimmung des Menschen und dessen Rolle in dieser Welt haben auch andere Autoren des 20. Jahrhunderts gestellt, wie z. B. der französische Philosoph und Literaturästhetiker Maurice Blanchot, der sich in seinem Buch "L'espace littéraire" ("Literarischer Raum") dazu bekennt, dass wir immer, bei jeder Betrachtung der uns umgebenden Wirklichkeit glauben, nur diese Wirklichkeit zu sehen, ohne zu ahnen, dass wir gerade durch diese Wirklichkeit nur uns selbst sehen können. Dem eigenen Ich kann man nicht entfliehen, man muss sich nur von anderen uns störenden Dingen bewusst abgrenzen und sich selbst als Teil des Weltalls akzeptieren (Blanchot 1999, 176). "Im Siddhartha gelingt es Hesse, eine eigentümliche Verbindung von indischer Weltsicht und chinesischer Lebenshaltung literarisch zu gestalten" (Küng 1990, 64) "Was jedoch Siddhartha zur Dichtung macht, ist die Sprache...... 'Siddhartha' ist in einer gleichmäßig gehobenen poetischen Prosa von geradezu klassischem Zuschnitt geschrieben." (Schneider 1991, 80) Im Zusammenhang mit der neuen Auffassung von Orientalistik kristallisierte sich schon im 19. Jahrhundert in Europa die Idee einer neuen Epoche, in der das Sanskrit eine ähnliche Rolle spielen sollte wie die klassischen Sprachen zur Zeit der europäischen Renaissance. Die indischen literarischen Texte fanden in den intellektuellen Kreisen Europas eine durchaus positive Resonanz. Die lyrische Prägung des Dramas "Shakuntala" sowie der Mystizismus der hinduistischen Religion haben die deutschen und englischen Romantiker, vor allem Schlegel, Hörderlin, Shelley und Wordsworth tief beeinflusst. Der hochentwickelte indische Geist wurde allerdings zu der relativ weniger entwickelten Wirtschaft und Wissenschaft in einen Kontrast gesetzt. (Budil 2000, 26) Obwohl "die Beziehung zwischen den ästhetischen Konzepten der europäischen Moderne und der asiatischen Kultur bisher unerklärt geblieben sind" (Kuhn 1998, 131), kann man im "Siddhartha" doch mehrere Züge der orientalischen Literatur aufspüren. Die Bemühungen H. Hesses bewegen sich in Richtung einer systematischen Abschwächung der eurozentrischen Klischeevorstellungen. Begriffe, wie das 'Besondere', das 'Regionale', das 'Fremde' wurden zu Hesses Zeiten in Europa negativ oder mindestens mit Toleranz aufgenommen, während das Exotische für die Europäer attraktiv war. Es geht um eine Auflösung des Kerns der Begriffe. Mit dieser Idee sind in Europa modernistische Strömungen verbunden, doch bei Hesse handelt es sich um eine natürliche Anknüpfung an die östliche Gedankenwelt, in der er seit Jugendzeiten zu Hause war. Es handelt sich um eine logische Folge der Einbeziehung des Subjekts in den Erkenntnisprozess, wobei die Erkenntnis durch das Verständnis ersetzt werden sollte. Da sich H. Hesse von der chinesischen Poesie hat inspirieren lassen, kann man Siddhartha in ihren Intentionen lesen und vielleicht auch einigermaßen verstehen. Die chinesischen Gedichte werden in ihrem ursprünglichen Milieu als kleiner Teil des Ganzen, also als eine sogenannte 'absolute Synekdoche', wahrgenommen. Eine solche Rezeption ist für einen europäischen Leser nicht üblich, weil er andere im Text implizit vorhandene Instruktionen zum Lesen erwartet. H. Hesse bietet solche "Instruktionen" allerdings in hohem Maße an. Die ganze Erzählung kann man auf Grund dessen im Sinne der absoluten Synekdoche betrachten, weil Siddhartha letzten Endes selbst einsieht, dass er nur ein winziger Bestandteil der Natur ist, und nicht deren Mittelpunkt. Besonders deutlich tritt diese Lebenseinstellung im Kapitel "Am Flusse" und "Fährmann" zum Vorschein: Mit tausend Augen blickte der Fluss ihn an, mit grünen, mit weißen, mit kristallnen, mit himmelblauen. Wie liebte er dies Wasser, wie entzückte es ihn, wie war er ihm dankbar? Im Herzen hörte er die Stimme sprechen, die neu erwachte, und sie sagte ihm: Liebe dies Wasser? Lerne von ihm? O ja, er wollte von ihm lernen, er wollte ihm zuhören. Wer dies Wasser verstünde, so schien ihm, der würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse. (Hesse 1998, 88 - 89) Und wieder einmal, als eben der Fluss in der Regenzeit geschwollen war und mächtig rauschte, da sagte Siddhartha: 'Nicht wahr, o Freund, der Fluss hat viele Stimmen, sehr viele Stimmen? Hat er nicht die Stimme eines Königs, und eines Kriegers, und eines Stieres, und eines Nachtvogels, und einer Gebärenden, und eines Seufzenden, und noch tausend andere Stimmen?' 'Es ist so', nickte Vasudeva, 'alle Stimmen der Geschöpfe sind in seiner Stimme.' (Hesse 1998, 94) "Im 'Siddhartha' sucht Hesse vor allem die Musik Indiens zu erfassen. Er trägt ihren Klang seid frühestem Kindergedenken im Ohr, diesen hieratischen Dreiklang, der den Satz gleich einem Sternbild tönen lässt, in den er dreimal dasselbe sagt, nur in anderer Wendung. (Ball 1977, 131) H. Hesse präsentiert im "Siddhartha" die östliche Auffassung der Wirklichkeit in einer horizontalen Ebene, die in den Beziehungen einzelner Elemente der Realität keine Hierarchie sucht. In der Sprache manifestiert sich diese Tendenz z. B. bei einigen Satzverbindungen, die dem Sinn nach eigentlich Satzgefüge sind: Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Händlers. (S. 60) Manche bildhafte Ausdrücke werden von der westlichen Rezeption oft als metaphorische Beziehungen des Unterschiedlichen und des Ähnlichen interpretiert, während das östliche Herangehen darunter eine Erweiterung der synekdochischen Relation, d. h. eine Art Vertauschung von Teil und Ganzem versteht. Für die Bezeichnung eines Menschen werden häufig substantivierte Adjektive bzw. Adverbien benutzt, die seine existentielle Umwandlung betonen: Lachend rief Kamala: 'Nein, Werter, er genügt mir nicht'. (S. 53) Die gleiche Funktion haben substantivierte Partizipien: Langsamer ging der
Denkende dahin und fragte sich selbst. (S. 37) Diese Wortbildung bevorzugt Hesse sogar bei den Substantiven, bei denen eine andere Form geläufiger ist: 'Du bist der beste Liebende', sagte sie nachdenklich, 'den ich gesehen habe'. (S. 67) Den lyrischen Ausklang des Werkes betonen zahlreiche Wiederholungen, die an eine gleichsam religiös gehobene Ausdrucksweise erinnern: Schön war die Welt, bunt war die Welt, seltsam und rätselhaft war die Welt. (S. 38) Die Polarität zwischen den Werten, zwischen dem Suchen und Finden eines spirituell geprägten Individuums signalisieren sehr plastisch mehrere Kontraste: 'Suchen heißt: ein Ziel haben, Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.'(S. 118) Hermann Hesse schreibt im Jahre 1910 in einem Brief an Theodor Heuss: "Mir steht, als heimlichem Lyriker, der Wunsch nach einer Melodie vielleicht zuletzt doch höher, als der nach Durchdringung großer Stoffe." (sec. zitiert bei Zeller 1997, 56) Die Musikalität des Textes können wir auf mehreren Ebenen beobachten. Allein die phonetisch-phonologische Ebene steht sogar den romantischen Dichtern sehr nahe. Markant ist die Anhäufung von offenen Vokalen, unter denen der Laut "a" dominiert: Da stand sie auf und trat zu ihm her fragte, ob es wahr sei, dass die Samanas nachts allein im Walde schliefen und keine Frauen bei sich haben dürften. (S. 49) Gleichzeitig werden die für das Deutsche typischen Konsonantengruppen weitgehend minimalisiert. Diese Klangfärbung sowie die regelmäßige Satzmelodie tragen dazu bei, dass sich der Leser immer tiefer in die metaphysischen Vorstellungen versinken kann. Bernhard Zeller äußert sich zu diesem Thema wie folgt: "Die Musik gewann (bei H. Hesse) starken Einfluss auf Inhalt, Sprache und Klang seiner Dichtung" (Zeller 1997, 56). Doch wir gehen noch einen Schritt weiter und sind der Meinung, dass "Siddhartha" sogar als eine Art symphonischer Tondichtung betrachtet werden kann. Einzelne Kapitel sind wie die einzelnen Teile eines symphonischen Tondichtungszyklus relativ abgeschlossen und haben ein eigenes Thema, sind aber auch durch ein Leitmotiv - die Sehnsucht, den Sinn des Lebens zu finden - miteinander eng verbunden. Da diese Merkmale eher an der Romantik erinnern, können wir einer Theorie von Manfred Mixner zustimmen, wonach H. Hesse unter keinen literarischen Epochen- oder Stilbegriff einzuordnen sei, und es besser wäre, seine Werke nicht für Literatur des 20. Jahrhunderts, sondern für eine weitaus ältere zu halten. (Mixner 1983, 32) Damit Sie sich von all dem, was wir hier vorgetragen haben, eine bessere Vorstellung machen und einen längeren Text von Hermann Hesse genießen können, möchten wir Ihnen zum Ausklang unseres Beitrags den Anfang der Erzählung vorlesen.
Literatur: BALL, HUGO. Hermann Hesse. Sein Leben und sein Werk. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977. BLANCHOT, MAURICE. Literární prostor. Aus dem fr. Original L'espace litéraire (Éditions Gallimard,1955) ins Tschechische übertragen von Marie Kohoutová und Michal Pacvo?. Praha: Herrmann ? synové, 1999. BUDIL, IVO. Kulturní a sociální antropologie Indoevropan?. Plze?: Západo?eská univerzita v Plzni, 2000. HESSE, HERMANN. Siddhartha. Eine indische Dichtung. Mit einem Kommentar von Heribert Kuhn. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998. KRÁL, OLD?ICH. Na okraji obraznosti. In Mezi okrajem a centrem. Studie z komparatistiky II. Praha: Univerzita Karlova v Praze. Filozofická fakulta. Centrum komparatistiky, 1999, s. 9 – 35. KÜNG, HANS. Hermann Hesse als ökumenische Herausforderung. In Hermann Hesse und Religion. 6. Internationales Hermann-Hesse-Kolloquium in Calw 1990. Berichte und Referate. Hrsg. von Friedrich Bran und Martin Pfeifer. Bad Liebenzell: Gengenbach, 1990, S. 57 - 86. MIXNER, MANFRED. Hesse lesen. Erfahrungen mit seinen Romanen. In TEXT + KRITIK. Heft 10/11. München 1983, S. 26 – 32. RINSER, LUISE. Hermann Hesse und die fernöstliche Philosophie. In Hermann Hesse und Religion. 6. Internationales Hermann-Hesse-Kolloquium in Calw 1990. Berichte und Referate. Hrsg. von Friedrich Bran und Martin Pfeifer. Bad Liebenzell: Gengenbach, 1990, S. 17 - 31. ROTHFUSS, ULI. Hermann Hesse privat. In Texten, Bildern und Dokumenten. 2., erg. Aufl. Berlin: Edition q, 1997. SCHNEIDER, CHRISTIAN IMMO. Hermann Hesse. Orig.- Ausg. München: Beck, 1991. ZELLER, BERNHARD. Hermann Hesse. 32. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997. |
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