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C. Immo Schneider |
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Hermann Hesses Gedicht Orgelspiel stammt aus dem Umkreis des Glasperlenspiel-Romans. in der vom Dichter 1937 als Privatdruck herausgegebenen Fassung wird es als Gedicht des Magister Ludi Josef Knecht bezeichnet, später jedoch nicht mit in die Auswahl seiner hinterlassenen Schriften aufgenommen, die einen wichtigen Teil des Romans bilden. "Die frühesten, undeutlichen Dämmerblider des Münsters", schreibt Hesse in Hermann Lauscher, "scheinen unzertrennlich mit dem Schall der Orgel (...) Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu hören." Es handelt sich hier offenbar um Reminiszenzen aus Hesses frühen Kinderjahren in Basel.
Die Orgel bedeutete Hesse von jeher ein besonderes Instrument, und Orgelspiel eine Kunst, die jegliche musikalische Virtuosität transzendiert. Sie ist ars sacra, heilige Kunst. Wo immer jemand Orgel spielt, da schwingt in der musica instrumentalis die musica mundana mit, jene göttliche Harmonie im Universum, welche auch zur musica humana gehört, der dem Menschen innewohnenden Musik. So führt der Organist Pistorius durch eine Passacaglia Buxtehudes den jungen Sinclair ins Mysterium des Abraxas ein, der alle Gegensätze in sich vereinigenden Gottheit; in der Betrachtung Alte Musik, die auf ein Orgelkonzerterlebnis im Berner Münster zurückgeht, erscheint der Organist vorübergehend als Vermittler zwischen real disharmonischer und ideal harmonischer Welt. Das an sich recht abstrakte Glasperlenspiel wird anschaulicher, wenn es der Dichter mit einer Orgel "von einer kaum auszudenkenden Vollkommenheit" vergleicht; "ihre Manuale und Pedale tasten den ganzen geistigen Kosmos ab, ihre Register sind beinah unzählig, theoretisch ließe mit diesem Instrument der ganze geistige Weltinhalt sich im Spiele reproduzieren." So verstanden, ist das Gedicht Orgelspiel ein Musterbeispiel für das Glasperlenspiel selbst. II Orgelspiel ist unter Hesses Gedichten über musikalische Themen (wie Flötenspiel mit 12 und Gavotte mit nurmehr 8 Zeilen) das längste. Es umfasst 180 Verszeilen und weicht auch in seiner Struktur beträchtlich von der häufig benutzten vierzeiligen Strophenform mit drei- und vierhebigem Metrum ab. In den verschiedenen Druckvorlagen ist die Versmasse in ungleich lange Gruppen eingeteilt – im Band V der Gesammelten Werke von 1957 in 6, im Typoskript, aufbewahrt im Marbacher Literaturarchiv sowie auch in späteren Ausgaben in 8 Abschnitte.
Seiner Vorrede eines Dichters zu seinen ausgewählten Werken von 1921 gemäß, bedeutet "Lyrik nicht bloß Versbauen, sondern vor allem Musikmachen." So fällt erst recht auch bei einem Gedicht wie Orgelspiel das Anmutungserlebnis der kontinuierlichen Sprachmusik stärker ins Gewicht als der selbstverständlich auch durchscheinende geistige Bauplan. Man lese daraufhin die Anfangsverse laut: Seufzend durchs Gewölbe zieht, und wieder dröhnend, Am unmittelbarsten von der Musikalität dieser Verse wird vermutlich ein der deutschen Sprache nicht mächtiger Zuhörer betroffen, dem das Spiel mit Assonanz und Alliteration, kurzen und langen, hellen, dunklen und gemischten Vokalen sowie stets den Ton verlängernden Diphthongen nicht zugleich auch sinngebunden und dadurch vom rein Musikalischen ablenkend erscheint. Ihn wird der Wechsel im Metrum vom 6-hebigen zum 5-hebigen Trochäus in der 1. und 2. Zeile als rhythmisch besonders reizvoll anmuten. (Er kommt übrigens noch an anderen Stellen zur Emphase oder Signalisierung eines neuen Gedankens vor – analog zu ähnlichen Praktiken in alter und neuer Musik.) Wer öfters Orgelmusik hört und vielleicht auch selbst Orgel spielt, mag durch die Worte 'seufzend' und 'dröhnend' an bestimmte Register im Manual und an das nachhaltige Vibrieren der tiefen 8- und 32-füßigen Stimmen im Pedal erinnert werden. Klingt es nicht wie eine erst später sich auflösende Dissonanz, wenn der zugehörige Endreim auf 'durchlichtet' in der 11. Zeile erst in der 14. Zeile nachfolgt, unterbrochen von dem vermutlich als Konsonanz verstandenen Paarreim 'Netzen' und 'Gesetzen' in der 12. und 13. Zeile? Dem unbefangenen Hörer wird vor allem, ohne dass er nach dem Warum zu fragen braucht, das Perpetuum mobile, der fortwährende Fluss des Orgelspiels, wie er besonders für Bachs Werke charakteristisch ist, selbstverständlich vorkommen, obschon er, genauer hingehört, dadurch gewährleistet ist, dass sämtliche 180 Verszeilen des Gedichts auf sogenannte 'weibliche' Reime, d. h. auf unbetonte Silben enden. Sie erfordern, dem von Anfang bis Ende durchgehaltenen trochäischen Metrum gemäß, die Fortsetzung mit einer betonten Silbe in der folgenden Verszeile. Dabei können als 'Trugschlüsse' die Zäsuren begriffen werden, wie sie innerhalb der 6 bis 8 unterschiedlichen Versgruppen als Punkte gekennzeichnet sind; als längere Pausen dienen die jeweils voneinander abgesetzten Abschnitte des Gedichtes. Hier wie auch anderswo in Hesses Lyrik, kommt offenbar ein aus der Vokalmusik her übernommenes Grundprinzip ins Spiel: wie genau nämlich Bau und Rhythmus der Sätze dem natürlichen Atem angepasst sind. So bilden Form und Inhalt, allein von der Klanggestalt her, eine in sich vollkommene Einheit. III Ungeachtet der Zäsuren, die einen neuen Gedanken inszenieren, bewegt sich das Gedicht gleichsam im Kreis um das Dreigestirn jener antiken, bereits von Pythagoras, Plato und systematisch von Boethius erfassten Klassifizierungsbegriffe, nämlich der bereits angedeuteten musica mundana, humana und instrumentalis. Ausgangspunkt scheint die musica instrumentalis, das Orgelspiel zu sein. Merkwürdigerweise sprechen aber die ersten 28 Verszeilen nicht davon, sondern vom Aufbau geistiger Räume, von Firmamenten 'aus töndenden Sternen' deren 'goldene Kugeln sich umkreisen'-: sie entwerfen Symbole der Vollkommenheit, der Sphärenharmonie, also der musica mundana. "Daß aus Blättern voll von Notenzeichen (...) solche Welt und Sternenchöre werden konnten" und "ein Orgelpfeifenchor sie in sich banne" deutet auf die enge Beziehung zwischen Musik, Mathematik und Physik im Zusammenklang des Universums hin. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, bedurfte es in der Tat, pars pro toto, 'hundert Meister' und 'vieler tausend Schüler'. Jahrhundertelang, mancherorts sogar über ein Jahrtausend, baute und erbaute man wieder ein Münster wie jenes, in dem der Organist spielt. Ein gotischer Dom - Zentrum und Inbegriff der bis zu diesem Zeitpunkt ihrer Vollendung angesammelten Tradition und Kultur im Dienste jenes Geistes, der 'herab auf Erden' kommen sollte! In diesem Sinne hat Anni Carlsson gerade den Strophenbau dieses Gedichtes mit den strengen Harmonien J. S. Bachs verglichen; Stil und Gestaltformen der Gotik hätten seine Sprache bereichert, nämlich 'der Kristall dieser Verse, der das Antlitz des abendländischen Geistes' zu spiegeln suche, sei 'selbst ein Spiegel dieses Geistes'. Dem man noch hinzufügen könnte, dass auch für Albert Schweitzer Bachs Orgelmusik, insonderheit seine großen Fugen, im Geist der gotisch-symbolischen Architektur jener Kathedralen wurzeln, deren jede ein Abbild der civitas coelestis, des Himmlischen Jerusalem, symbolisiert. Und keineswegs nur 'abendländischer' - auch orientalischer Einfluss zeigt sich in den auf noch weitaus älteren Grundelementen basierenden Bauformen der Gotik... Musica humana bezeichnet nicht nur Vokalmusik vermittels der menschlichen Stimme, sondern bezieht sich psychologisch ebenso auf die Sehnsucht des Menschen nach innerer und äußerer Harmonie, wie sie beim Spiel 'in der klaren Töneströme Rauschen', im 'Bau der Fugen und Sequenzen', in den 'geistbeherrschten Takten' zum Ausdruck kommt, nämlich 'auf dem Zauberpfad der Notenzeichen, dem Geäst der Schlüssel, Signaturen', auf dem 'Tastwerk mit Füß' und Händen', wie der Dichter orgelkundig formuliert. Bei der Verwandlung abstrakter Notenzeichen in Spiel wird Musik so recht, wie Hesse an anderer Stelle präzisiert, zur 'Einheit von Ratio und Magie'. IV Die musica humana und erst recht die musica instrumentalis bleiben freilich nicht ein für alle Male dieselben, sondern sind variabel - man denke hier nur an die modernen computergesteuerten Orgeln mit tausend möglichen Klangkombinationen. Ähnlich verhält es sich mit dem Glasperlenspiel und der Kastalischen Provinz, wie Josef Knecht durch den Historiker, Pater Jacobus, erkannte. So tritt auch im Orgelspiel-Gedicht gleichsam als Kontrapunkt zum Hauptthema die Idee, dass 'das Vollkommene ohne Dauer' sei und junge Zuhörer in dieser alten, komplizierten, durchgeistigten Musik nicht länger den Ausdruck ihres eigenen Lebens und der veränderten Zeitläufe wiederfinden. "In der Musik hat sich der deutsche Geist ausgeschwelgt und die Mehrzahl seiner tatsächlichen Aufgaben versäumt." Diese Worte schrieb Hesse bereits im Steppenwolf-Roman und bekundet dadurch sein Wissen um jenes 'gestörte Verhältnis der deutschen Geistigkeit zur Realität' (H. Mayer), woraus politisches Versagen ebenso wie die romantische 'Rauschmusik' Richard Wagners resultiert, die dem Dichter, nach kurzer Zuneigung in seiner Jugend, später mehr und mehr zum 'Inbegriff deutscher Großmannssucht' degeneriert. Dafür setzt er sich im Steppenwolf mit der Jazz-Musik auseinander, wie sie sich nach dem I. Weltkrieg in Europa zunehmend verbreitete. Hesse verstand sie als humoristische Ergänzung zur seriösen Musik. So trägt der Saxophonspieler Pablo, der im 'Magischen Theater', wo Bewusstes und Unbewusstes eins werden, Züge Mozarts, dessen Werke, besonders Die Zauberflöte, Hesse von jeher jene 'goldene Spur' bedeuteten, welche aus Melancholie und suizidalen Fantasien herausführen konnte. Das hat den Jazzforscher und Interpreten Joachim-Ernst Behrendt zur Behauptung verführt "Mozart ist Pablo". Die Gegenfrage: Ist Bach Jazz? klingt ebenso kontrovers. Wie steht es damit in Wirklichkeit? "Als Hesse den Steppenwolf schrieb", bemerkt der Jazz-Trompeter Don Cherry, "war er ein Revolutionär." Denn wie hätte der Dichter wissen können, dass seine Popularität in der amerikanischen Subkultur der Sechzigerjahre gleichzeitig mit der musikalischen Kultur der jungen Generation emporschnellte, jener Fusion music oder "Musik der großen Synthese", die auch weiterhin zur magischtheatralischen Lebensauffassung zeitgenössischer Jazz- und Rockmusiker gehört? "Mozart als Pablo und Bach als Tao" (Behrendt): davon ist weder im Orgelspiel-Gedicht noch im Glasperlenspiel-Roman die Rede. Hesse erscheint darin nicht als Revolutionär, sondern viel eher als Reaktionär, wenn er - und ausgerechnet in der Zusammenfassung am Ende der "allgemeinverständlichen" Einführung in die Geschichte des Glasperlenspiels klipp und klar feststellt: "Wir halten die klassische Musik für den Extrakt und Inbegriff unserer Kultur, wie sie ihre deutlichste, bezeichnendste Gebärde und Äußerung ist. Wir besitzen in dieser Musik das Erbe der Antike und des Christentums, einen Geist heiterer und tapferer Frömmigkeit, eine unübertrefflich ritterliche Moral." Der mit 'Humor' assoziierte Jazz im Steppenwolf wird im Glasperlenspiel mit dem Begriff 'Heiterkeit' überhöht, welcher eine natürliche, keinerlei künstlich aufgeputschte oder verkrampfte Fröhlichkeit und Freudigkeit bezeichnet. Als Jazz-Ersatz, so scheint es, genießt bei den Glasperlenspielern 'hohe Verehrung' die Musik-Ethik im alten China, wonach man 'den Wohlstand der Musik mit dem der Kultur und Moral' identifizierte. Hesse beruft sich auf einige Stellen aus dem Musikkapitel in Lü Be We's Frühling und Herbst (um 300-325 v. Chr.), besonders hinsichtlich der Tonart Tsing Tse, der 'Musik des Untergangs'. Diese kommt bereits in der 1920 publizierten Erzählung Klingsors letzter Sommer zur Sprache. Könnte es sein, dass Hesse damals an eine Beziehung zwischen ihr und dem Jazz gedacht hat? Oder geht es ihm dabei allgemein um den Missbrauch einer Musik, die immer mehr ihren subjektiven Charakter betont, worin etwa Hermann Kasack in seinem Essay über Hesses Verhältnis zur Musik den 'Frevel' erblickt, der 'zum Chaos führt'? V Zurück zum Orgelspiel-Gedicht, diesmal im Hinblick auf den Organisten, jenen 'alten Meister' oder 'geisterhaften Alten', wie er auch genannt wird. Was bewegt ihn, "nicht bekümmert (...), daß die Gemeinde, Schüler, Meister, Gläubige und Freunde sich verloren haben", immer weiter zu spielen, noch dazu "mit Registern immer leiseren Klanges", den "nur seine Ohren noch erlauschen"? Ähnlich wie in den Gedichten Bericht des Schülers, Alter Maler in der Werkstatt, Der alte Mann und seine Hände, Ein Traum, Der letzte Glasperlenspieler, so erscheint auch in Orgelspiel der alte Meister als mythische Figur, Archetyp des alten Weisen, wie er in der Komplexen Psychologie C.G. Jungs vorab in Märchen, Träumen, Wunschbildern von Helfern in Grenzsituationen als Symbol des Geistes bei Denkern und Dichtern aller Zeiten und Völker hervortritt, auch wenn er vorübergehend außer Mode gerät. Man denke nur an die Sinnverwandtschaft der Wörter modérn und môdern. "Was glänzt, ist für den Augenblick geboren", heißt es in Goethes Faust. Der bedeutende Kunsthistoriker, Ernst H. Gombrich (geb. 1909) teilt nicht nur mit dem Philosophen Karl Popper die Kritik an Hegel, demzufolge der geschichtliche Ablauf logisch und zwangsläufig sei. Er wendet sich auch entschieden gegen die Vorstellung von Fortschritt in der Kunst, dass "jeder Künstler verpflichtet ist, etwas Neues zu schaffen." Vielmehr gäbe es in jeder Zeit konservative Meister, die ausgezeichnet seien, aber oft unbekannt blieben, weil die heutigen Kunstkritiker, so Gombrich wörtlich, "Modeberichterstatter sind". Für ihn ist "ein Fehlweg" auch das "Aktualitätsgetue" und "dumme Gerede von Zeit und Zeitgeist." Er zitiert Dominique Ingres (1780-1867) den großen französischen Maler, dem man angeraten, er solle 'mit der Zeit gehen'. Worauf er geantwortet: "Aber wenn die Zeit unrecht hat?" Hesses Orgelspieler, "Sage halb, halb Spottfigur den Jungen" rückt demnach, wie ja auch Josef Knecht selbst, in die Nähe jener avataras, die auf Sanskrit Verkörperungen eines Göttlichen in Notzeiten der Geschichte bedeuten. Sie symbolisieren kompensatorisch das Gewissen der Menschheit. Analog dazu stellt Hesse im Glasperlenspiel-Roman, wie die Genese nahe legt, dem Dritten Reich nationalsozialistischen Ungeistes sein kastalisches Reich des Geistes gegenüber. Der alte Orgelspieler, wie anfangs erwähnt, stammt ebenfalls aus dem Bannkreis der Kastalischen Provinz und trägt selbst so manchen Zug des Altmusikmeisters und Mentors von Josef Knecht. Er fährt seinen Lieblingsschüler durch die Musik in die Geheimnisse der Meditation ein und bestärkt ihn auf allen wesentlichen Stufen seines 'Erwachens'. Dies sogar bis über den Tod hinaus. Denn als Josef Knecht den verstorbenen Meister noch einmal sieht, mutet ihn sein Totenantlitz an wie eine "stille Rune und Arabeske", wie "eine magische Figur" - wiederum, wie bei der Architektur alter Kathedralen, abendländische und morgenländische Chiffren vereinigend. Während draußen in der Welt die musica humana und instrumentalis Veränderungen unterliegt, 'Krieg und Hunger', Verfall und Untergang regieren, weiß der alte Meister, dass die musica mundana zutiefst invariabel ist und durch sein Orgelspiel aufgehoben wird. Hesse selbst schrieb 1937 an seinen Neffen Carlo Isenberg (latinisiert Carlo Ferromonte im Glasperlenspiel), dem er so viele musikwissenschaftliche Einsichten verdankt: "Im Gedicht 'Orgelspiel' ist natürlich nicht bloß (...) die wirkliche Orgel gemeint, sondern sie ist Symbol für die in vielen Generationen aufgebaute 'geistige' Kultur und Geistesmoral". Mit nachhaltiger Bedeutung nurmehr für Angehörige älterer Generationen? Ist es nur einer von ihnen, der gegen Ende des Gedichtes 'beim Dome lauschend stehen bleibt' und die 'aus Geistermunde heiter-ernster Väterweisheit Worte' vernimmt und sie einem Freunde 'flüsternd' weitergibt? "Ernste Scherze" nannte am Ende seines Lebens auch Goethe seinen Faust. Wir sollten auch nie vergessen, dass es sich beim Glasperlen- ebenso wie beim Orgelspiel (und in jeder echten Kunst) zwar um "tiefsten Ernst" handelt, der aber auch "höchstes Spiel" ist, wie es der Dichter Richard Dehmel (1863-1920) einmal ausgesprochen und der Kulturhistoriker Johan Huizinga (1872-1945) durch seinen Begriff des homo ludens anthropologisch begründet hat. Ein Zusatz aus dem oben zitierten Brief des Dichters klingt anders. Auf jener symbolischen Orgel nämlich, so vermutet er, wüssten auch noch heute viele "viele Junge zu spielen". Ein sehr optimistischer Zusatz, wie ja überhaupt Das Glasperlenspiel als Zukunftsroman die Hoffnung impliziert, dass unsere Welt, unsere Menschenwelt insbesondere, in ein paar hundert Jahren noch immer besteht, was im Moment wieder einmal gar nicht so selbstverständlich ist... auch der Magister Ludi fand in dem jungen Tito, aber auch in seinen fiktiven Inkarnationen als Regenmacher Beichtvater, Yogin, Organist ja immer wieder einen Nachfolger. Dieser Hoffnung entsprechen jedenfalls auch die so überaus sprachmusikalischen Schlussverse: Und so fließt im unterirdisch Dunkeln Mit dem 'unterirdisch Dunkeln', so scheint mir, ist nicht nur die Dunkelheit im Dom gemeint; der 'heilige Strom' bezeichnet nicht allein die Töne der Orgel, sondern zugleich jenes unformulierbare 'Geheimnis', das nur durch das Schöne als einem metaphysisch vereinigenden Ganzheitssymbol offenbar werden kann. Freilich: "Ob die Kunst und das Schöne", wie Hesse 1950 in einem seiner ca. 30 000 Briefe zu bedenken gibt, "den Menschen wirklich zu bessern und zu stärken vermögen, sei dahingestellt." Doch "zum mindesten erinnern sie uns, gleich dem Sternhimmel, an das Licht, an die Idee der Ordnung, der Harmonie, des 'Sinnes' im Chaos." VI In diesem Rahmen nicht weiter darauf eingegangen, sondern nur angemerkt sei, dass es in der englischen Literatur ein Hesses Orgelspiel verwandtes Gedicht gibt. Es stammt von Robert Browning (1812 – 1889), einem Dichter des 19. Jahrhunderts, dessen Werke sich durch Streben nach Objektivität und bewusster Psychologisierung auszeichnen. Nicht ausgeschlossen, dass es Hesse gekannt hat, denn er empfahl seinen Lesern in zwei Rezensionen von 1907/ 08 besonders den Briefwechsel zwischen Robert und seiner Dichter Gattin Elisabeth Barret-Browning. Das vergleichbare Gedicht handelt von Abt Vogler, der aus der Ich-Perspektive auf seiner von ihm eigens erfundenen Orgel improvisiert. Sprachlich und stilistisch ist es strenger als Hesses Gedicht und auch nicht so umfangreich, besteht aber immerhin aus 12 achtzeiligen, durchweg in Hexametern gehaltenen Strophen – ein Metrum, dessen relative Schwerfälligkeit weder der englischen noch der deutschen Sprache bekömmlich ist. Hesses Gedicht dagegen liest sich wesentlich flüssiger. Eine tiefer schürfende Interpretation lohnte sich. VII Abschließend noch einige Worte zu meiner Symphonischen Fantasie über Hesses Orgelspiel-Gedicht. Musik spricht für sich selbst. Sie mag beim ersten Anhören oder erst später oder überhaupt nie ankommen. Wozu dann überhaupt Erklärungen mit Worten, die, wenn sie nicht bloße captationes benevolentiae sein wollen, wie Entschuldigungen im voraus klingen - defensiv statt offensiv, wie es zum Wesen eigenständiger Musik gehört. Offensiv freilich oft im Sinne des lateinischen Verbs offendere, was auch 'beleidigen' heißt, in diesem Falle das Ohr, das äußere ebenso wie das innere. Letzteres wird einem immer wieder bewusst beim Anhören von Hessegedicht-Vertonungen verschiedener Komponisten. Hier aber geht es ja um weit mehr als nur ein Lied. Im Spiel ist die Übersetzung eines sehr vielschichtigen Textes in die Sprache der Musik. Meines Wissens gibt es unter den Tausenden von Hesseliedern keines, das Orgelspiel als Vokalmusik darbietet - als Klavierlied, Chor a capella oder auch mit Orchesterbegleitung. Dafür ist es nicht nur zu lang, sondern, wie im Vorangegangenen immer wieder betont, bereits zur Genüge in Sprache verwandelte Musik, die der zusätzlich musikalischen Bereicherung nicht weiter bedarf. (Das wusste Hesse offenbar selbst, wenn ihm an der Vertonung aller seiner Gedichte im Grunde herzlich wenig lag.) Anders verhält es sich mit dem gleichsam abstrakten Nachgestalten poetischer Texte. Je philosophisch detaillierter sie sind, desto schwerer sind sie durch das Medium einer vorab die Sinne ansprechenden Kunst widerzugeben. So ließ Joachim-Ernst Behrendt das Orgelspiel-Gedicht auf seiner Electrola-Schallplatte von 1974, Hesse Between Music, als Improvisation nachgestalten, wobei die anfangs barocken Orgelklänge mit instrumentaler Jazzmusik enden. In meiner 'Symphonischen Fantasie' - denn als lyrische Sprach-Symphonie verstehe ich dieses Orgelspiel-Gedicht - versuche ich Hesses poetische Gedanken nachzuvollziehen. Das Musikstück besteht, ähnlich wie die meisten Druckvorlagen des Poems, auch aus 8 Abschnitten oder musikalischen Elementen, die freilich nicht alle unmittelbar vom Text abgeleitet sind. Denn genügend Spielraum für die Fantasie - ein Hauptwesenszug ja auch des Glasperlenspiels selbst - sollte erst recht beim Komponieren erhalten bleiben. Die Fantasie wird eröffnet durch eine Toccata, die auf dem 5-Ton-Thema H-E-S-S-E basiert. Welcher Name eines anderen Dichters bietet eine so restlos unverkünstelte Widergabe durch die deutschen Bezeichnungen für unser westliches Zwölfton-System? (Bereits im Englischen und Französischen geht die Gleichung nicht auf.) Dasselbe gilt für B-A-C-H unter den Komponisten. Da Hesse in die hinterlassenen Gedichte Josef Knechts ausdrücklich eines mit dem Titel Zu einer Toccata von Bach aufgenommen hat, erinnert der Duktus der Einleitung meiner Fantasie (nicht ihre Harmonik) an Bachs berühmte Toccata in d-Moll (BWV 565). Das Thema der zugehörigen Fuge (nachdrücklich in Bachs 'Wasserton' A) symbolisiert als 2. Element jenen 'heiligen Strom', der das Gedicht von Anfang bis Ende durchfließt - vielfach mit anderen Motiven verschlungen und variiert. Als 3. Element folgt eine, der Kunst des alten Orgelspielers möglichst angemessene und nach ziemlich strengen Regeln konzipierte Fuge über ein eigenes Thema. Als Kontrapunkt zum Entwurf dieser quasi 'neoklassischen' Musik folgt als 4. Element, an die neue Musik der (damaligen) Jugend erinnernd, ein im übrigen sehr gemäßigter Jazz-Einschub, der jedoch als ostinates Bass-Thema bereits das 5. Element vorbereitet, das gleich darauf cum organo pleno, mit voller Orgel, ausgespielt wird, nämlich die Anfangstakte der gregorianischen Sequenz Dies irae, dies illa, auf das früher oder später folgende Jüngste Gericht anspielend - gleichgültig, ob man es säkular als Weltkrieg oder religiös als Apokalypse versteht, wie sie am Ende der Bibel und am Anfang des Korans verankert ist. Der rückläufigen Bewegung des Gedichtes, zuvor als Umkreisung von musica mundana, humana und instrumentalis umschrieben, entspricht als 6. Element eine Krebsfuge, in der das Thema der zuvor gespielten umgekehrt wird. Das 7. Element ist eigentlich nur eine Variation des Toccaten-Themas zu Anfang, insofern die Töne H-E-S-E (unter Auslassung des verdoppelten S) auch die Anfangstakte der Choralmelodie O Gott, du frommer Gott (Braunschweig 1648) zitieren. Der ganze Choral kommt an zwei Stellen vor, und zwar jeweils verschieden in Harmonik, Textur, Rhythmik, Tempo. Und das 8. Element? Seine Entdeckung überlasse ich gern der Fantasie meines verehrten Publikums... Natürlich bin ich mir selbst als alter Orgelspieler bewusst, den hohen Ansprüchen Hesses in seinem Gedicht mitnichten zu genügen, sondern höchstens als Vermittler zu dienen einer, wenn auch vom Dichter mit inspirierten, doch ansonst durch und durch menschlichen Musik. Eingesehene Literatur
C.I.S., Ellensburg, Juni 2002 |
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