Besuche bei "Onkel Hermann"
Vortrag im Rahmen des Hesse-Jahres 2002, gehalten am 16.7.2002 in der Stadtkirche Calw
Marie-Luise Bodamer

 
 

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Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

Nun sind so viele gekommen, um mich zu hören - ich fürchte, ich muss Sie ein bisschen enttäuschen. Das, was ich zu berichten habe, ist nicht besonders viel. Es reicht nicht aus für einen Vortrag, allenfalls für eine Plauderei und ein wenig Erzählen.

Erzählen von ganz weit entfernten Zeiten: Ich war noch nicht 20, als ich meinen Onkel Hermann Hesse zum ersten Mal gesehen und mit ihm gesprochen habe. Und das kam so:

Meine Mutter, Fanny Schiler geb. Gundert, eine Kusine Hesses - ihr Vater und seine Mutter waren Geschwister - war ein wenig überarbeitet und erholungsbedürftig, da wurde sie von Freunden eingeladen auf eine dalmatinische Insel. Auch Hesses sagten mit Freuden ja zu ihrem Besuch, gab es doch schon über Jahre einen regen Briefwechsel zwischen Montagnola und Calw.

Als die Abreise naher rückte, wandte sich meine Mutter an mich: "Da muss ich ja, wenn ich zuerst Hermann besuche, ganz lang durch italienisches Gebiet fahren, und ich kann doch kein Italienisch, kannst du nicht mitkommen, ich lade dich ein, und du übersetzt."

Das war eine Aussicht! Doch musste ich erst noch um Urlaub nachkommen, es war ja mitten im Semester. Mein Lehrer lachte: "Aber das machen Sie ganz gewiss, das wird Ihnen gut tun, so eine schöne Reise." Die Kommilitonen bat ich, in den Vorlesungen gut aufzupassen und mir nachher ihre Notizen zu geben. Auf dem Rektorat war's auch nicht schwierig, 2-3 Wochen frei zu bekommen. Der damalige Rektor der Musikhochschule, Carl Wendling, war der frühere Geigenprofessor meiner Mutter, sie hatte vor ihrer Verheiratung sogar Schüler für ihn vorbereitet - und er war mir wohl gesonnen.

Also machten wir uns im Mai 1935 auf den Weg.

Hesses hatten uns ein Zimmer in der berühmten Casa Camuzzi besorgt. Vom Schlafzimmer ging's direkt auf die breite Terrasse, von deren Mäuerchen an stürzte der märchenhafte Park mit den südlichen Bäumen und Sträuchern weit ins Tal hinunter. Im Hof standen große geschweifte Töpfe mit Oleander.

Frau Camuzzi, die damals noch lebte, hatte uns unter einem großen Steinbogen hindurch zu unserem Zimmer geführt - zu unseren Zimmern muss ich sagen, denn vom ersten, dem Schlafzimmer, ging's durch eine hohe weiße Tür durch mehrere Prunkräume voller Staub und mit Hüllen bedeckter alter Möbel, blinden Riesenspiegeln mit Goldrahmen und Pfauenfedern dahinter, und verblichenen Bildern endlich in ein kleines modern eingerichtetes Bad. Die Wohnräume benutzten wir gar nicht, das Frühstück genossen wir auf der morgens schon warmen Terrasse unter bläulichem Himmel.

Erst machten wir Entdeckungsreisen durchs Dorf. Am Nachmittag kam Ninon, Hesses Frau, und holte uns in die Casa Rossa auf dem vom Dorf etwas entfernten Hügel.

Der Aufstieg vom unteren Tor, an dem "Bitte keine Besuche" stand, zum Haus hinauf, schien mir lang, und mit etwas Schaudern blickte ich auf den Zettel neben der Haustür, auf dem in wohlgesetzten Worten eines chinesischen Weisen (Meng Hsiä) stand: "Störet nicht, lasst mir meinen Frieden", und da wäre ich am liebsten wieder umgekehrt - man soll doch einen geistig Schaffenden, zumal einen, der so viel krank war, nicht stören.

Aber da ging die Türe schon auf, und er stand da mit ausgestreckten Armen, uns zu begrüßen.

Sehr lang, sehr schmal, mit heller Hose und Hemd, scharf und zugleich freundlich hinter seinen Brillengläsern vorblitzend. Es war sofort eine warme Atmosphäre, wir brachten Grüße von den Schwestern Adele und Marulla (sicher auch Geschenke), und schon waren die beiden, meine Mutter und Hesse, in endlosen Gesprächen über ihre Jugend und Calw, das Steinhaus, die Nagold, die Brücken - gibt's den Bäcker Giebenrath noch? das Georgenäum? die alte Lateinschule? Wie sieht's im Zwinger aus?

Wir wurden in den mittleren Raum hereingebeten, ich weiß nicht mehr, ob sie's die "Bibliothek" nannten: jedenfalls waren ringsum Bücherregale, auch über dem Türeingang. Dem gegenüber große Fenster zum Garten, die Berge auf der andern Seeseite grüßten herüber. Vor den Fenstern stand eine Couch, auf der zunächst Hesse Platz nahm, wir andern in Sesseln um einen kleinen Tisch, wo für den Tee gedeckt war.

Ninon schob den Teewagen herein, goss ein, bot Gebäck dazu an.

Inzwischen war das Gespräch bei der Politik angelangt, ein unerschöpfliches Thema in jenen Zeiten.

Hier brauchte niemand ein Blatt vor den Mund zu nehmen: Wir erfuhren von Emigrantenschicksalen. Hesses haben in aller Stille oft und viel geholfen, so dass jemand, der vertrieben wurde, in andern Ländern sich eine neue Existenz gründen konnte.

Vor allem hat Hesse später die Gelder des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und des Nobelpreises großenteils für Hilfe für Andere genutzt - aber nun habe ich vorgegriffen -, so weit war es ja damals im Jahr 1935 noch nicht.

Wir erzählten von unseren Erlebnissen, von Freunden, wie es in der Kleinstadt oder in der Musikhochschule in Stuttgart zuging. Alle noch so kleinen Einzelheiten fügten sich zu einem Bild der Lage.

Unversehens kamen wir auf die zeitgenossische Literatur zu sprechen. Da war Hesse unbestechlich. Er konnte sagen: "Der und jener schreibt einen guten Stil und hat zu Hoffnungen berechtigt, aber jetzt hat er sich vom Geschrei imponieren und einlullen lassen, er schreibt nichts Eigenes mehr, schade." Oder er lobte den Arzt Carossa für sein Festhalten an der Wahrheit. Ich fragte ihn über Romain Rolland aus, den ich damals sehr gerne las.

Da tauchte plötzlich hinter Onkel Hermanns Silhouette auf dem äußeren Sims eine wunderschöne große Katze auf und miaute. Ninon sprang auf: "Oh, Löwe kommt!" Sie öffnete das Fenster, und schon erschien der nächste Katzenkopf dahinter und der gestreifte "Tiger" war auch mit einem Satz auf dem Sofa. Beide wurden von Hermann und Ninon liebevoll begrüßt. Sie nahmen sehr gesittet auf ihrem Tuch Platz und es war, als ob sie zwar träge und mit etwas Abstand, aber doch aufmerksam der Unterhaltung lauschten.

Nach dem Tee wurden wir in den Garten geführt. Es ging durch das etwas kleinere Esszimmer auf eine Terrasse hinaus. Im Esszimmer fiel mir sofort ein schönes Bild von Calw auf, das Schober gemalt hat. Es war ein Geschenk der Stadt Calw zu irgendeinem Festtag.

Draußen zeigte uns Onkel Hermann die Bocciabahn, den großen Garten, seine Feuerstelle, die Beete, sein großes Sieb für die gute Erde. Ein paar Weinstöcke meine ich auch noch in Erinnerung zu haben, und ganz weit hinten am Hügel, wo der Garten schon beinahe in den Wald überging, die Oleanderplantage. - Noch jahrelang hatte wir in unserm Garten einen "Hesse-Oleander", den wir aus einem kleinen Zweig gezogen hatten.

Es mag am 2. Tag unsres Aufenthalts in Montagnola gewesen sein, dass wir eine kleine alte Dame trafen, die mit Hermann Hesse gerade beim Boccia-Spielen war. Es war Emmy Ball, die Witwe von Hugo Ball, dem ersten Biographen von Hesse (1927!). Da traf es sich für mich gut, dass ich dieses Buch schon gelesen hatte und mich an der lebhaften Unterhaltung beteiligen konnte.

Hugo Ball stammte aus Pirmasens, war Dramaturg in München und hatte 1916 zu den Dadaisten in Zürich gehört, bzw. hatte durch sein Kabarett "Voltaire" an der Spiegelgasse mit Hülsenbeck, Hans Arp und anderen die Gründung des Dadaismus 1916 eingeleitet. Er hatte 1923 über Byzantinisches Christentum geschrieben und war 1927 im Tessin gestorben.

Frau Ball war eine poetische Frau, 1885 an der Ostsee geboren, Schauspielerin, Kabarettistin, Dichterin, die zu vielen Lesungen eingeladen wurde, in der Schweiz, in Deutschland. Dabei rezitierte sie Gedichte oder las vor, das muss zauberhaft gewesen sein. Ein dicker Band ihrer Briefe an Hermann und Ninon Hesse ist eine wahre Fundgrube.

Wir haben mit ihr schöne Stunden im Hesse-Haus verbracht. Zuerst war sie sehr scheu, nachher gab's gute Gespräche.

Im Lauf dieser Tage hat uns auch Gunter Böhmer in sein Atelier im Dachgeschoss der Casa Camuzzi eingeladen. Er hat uns durch die ganze Villa geführt, bis wir ganz oben landeten und seine schönen Bilder ansehen konnten. Viele Landschaften, aber auch Porträts. Manchem Bild bin ich später in Ausstellungen wieder begegnet.

So haben wir vor dem Zweiten Weltkrieg etwa zwei oder drei Besuche in Montagnola gemacht. In der Zeit war Hesse schon mit dem Glasperlenspiel beschäftigt.

Im Dezember 1934 wurde in der "Neuen Rundschau" in Berlin Hesses endgültige Fassung des Vorworts zum Glasperlenspiel vorabgedruckt. Das gab natürlich Anlass, dass er über dieses Alterswerk auch mit uns sprach.

Ein Zitat aus diesem Buch: "Wer höher steigt und größere Aufgaben bekommt, wird nicht freier, er wird nur immer verantwortlicher" - und so hat er sich auch gefühlt - verantwortlich, und deshalb hat er auch die Tausende von Briefen beantwortet, die zu ihm kamen.

Es kam die Zeit des Kriegs. Da wurde die Verbindung meiner Mutter zu ihrem Vetter durch gelegentliche Briefe aufrecht erhalten.

Ich lese Ihnen deshalb jetzt einige Zitate.

Noch im Sommer 1939 schrieb Hesse: "Du hast wenig von mir gehört, aus guten, vielmehr schlechten Gründen. Ich habe große Mühe, jeden Tag fertig zu werden, fast jede Bewegung tut mir weh, die Augen schmerzen ohnehin immer, in den Fingern ist die Gicht, und die allgemeine Müdigkeit will seit dreiviertel Jahren nicht weichen. Na, nicht mehr davon! Vom Joseph Knecht ist wieder ein Kapitel fertig, er ist jetzt Glasperlenspielmeister geworden."

Im Dezember 39: "Die Verwirrung und der Hass in der Welt beruhen keineswegs auf einem Zuviel, sondern auf einem großen Zuwenig an Vernunft und Ehrerbietung vor dem Geist."

Im Jahr 1940 lese ich: "Von Josef Knecht sind über die bisher einzeln gedruckten Kapitel hinaus noch dreieinhalb Kapitel fertig, was zum Ganzen noch fehlt, ist nicht mehr als 2-3 Kapitel."

Und in einem andern Brief aus demselben Jahr: "Ein Leser schrieb mir neulich: Hier entsteht mitten in einer grauenhaften Zeit, und ganz entgegen den Lösungen, die sie uns aufdrängt, eine zauberhaft andere, neu und doch uralt. Welch ein Aufbau ist das! - Hesse fährt fort: "Es gibt also ein paar Leute, die für den Knecht bereit sind, und das genügt."

Am 19. April 42 schreibt Hesse, dass Natalina, die treue Haushilfe, gestorben ist: "ich glaube du hast sie auch gekannt. Ich lege dir das letzte Bild von ihr bei. Sie war seit September krank und starb im März. Ninon war die ganze Zeit treulich jeden Tag bei ihr, sie hat viel an ihr verloren, und aus Haus und Garten ist mit ihr der gute Geist entwichen." Ach, sie hat immer schon unter der Küchentür gestanden, wenn wir gekommen sind, strahlend.

1944 heißt es: "Freilich nehmen die Sorgen wieder überhand, jetzt wartet man wieder, seit neuen Angriffen auf Stuttgart, bang auf Nachrichten."

Im November 44: "Möchten wir uns noch einmal wieder sehen, und möchte Euer Tal doch möglichst wenig zerstört werden!"

Auch noch 1944 schrieb er: "Dieser Tage kam ein wunderliches Dokument von meinem Verleger. Er muss jedes Halbjahr Auskunft geben, wie viel Exemplare von jedem Buch verkauft und wie viele noch da sind. Da ist nun überhaupt nichts mehr da, die ohnehin kleinen Reste aller Auflagen sind durch Bomben zerstört.... Beim Demian, beim Siddhartha, beim Goldmund, dem Trost der Nacht etc etc, bei allen steht unter dem Titel: 'durch Fliegerangriff vernichtet.' So gerate ich, was niemand mir zugetraut hatte, unter die Opfer."

Weiter im Jahr 45, im März: "Es ist gut, dass Du die Musik hast, die große Helferin ... sie schafft einen Raum außerhalb oder oberhalb des Aktuellen."

Und an anderer Stelle: "Mit Quartettspielen und Üben rettest Du etwas hinüber in die Nachkriegszeit. Mit dem Gedichte schreiben ist's ähnlich, nur viel einsamer."

Besuche gab es dann erst wieder einige Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, in den Fünfzigerjahren. Vorher waren noch Briefe und Päckchen die Verbindung.

Zum Beispiel 1946 (Es kommt wieder ein Zitat): "Grüße bitte Rheinwald, er hat mir einen sehr schönen Vorschlag gemacht. Sollte die Hessefeier stattfinden und Hartmann dabei reden, so lernst Du an ihm einen der besten meiner Jugendkameraden kennen, ein Mann, treu und rein wie selten einer; mein nächstes kleines Büchlein, vier Aufsätze über Goethe, widme ich ihm."

Diese Feier war am 30. Juni 1946 im Festsaal der Spöhrerschule, Hartmann hielt die Festrede. Es kam die Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main im August 1946, und Anfang November der Nobelpreis für Literatur.

Auf dem Weg nach Frankfurt, wo sie Hesses Dank verlas, war Ninon bei uns zu Gast, wir erlebten die Feier am Radio.

Nun muss ich Ihnen noch etwas über Hesse und André Gide erzählen. Die beiden schätzten sich.

1947 steht in einem Brief:

"Beim Nobelpreis vor einem Jahr war es mir etwas peinlich, dass André Gide ihn noch nicht hatte, der um acht Jahre älter und mir in mancher Hinsicht überlegen ist. Jetzt ist zu meiner Freude das nachgeholt worden."

Und von André Gide ist überliefert, dass er in einem Gespräch mit Klaus Mann gesagt hat:

"Je tiefer ich H. Hesses Werk kennen lerne, um so bewunderungswürdiger erscheint er mir. Hesse besitzt alle Eigenschaften, die ich in der Kunst stets aufs höchste schätzte: jene seltene und kostbare Verbindung von Eleganz und Tiefe, von künstlerischer Disziplin und schöpferischer Kraft. Er besitzt außerdem einen ausgesprochenen Sinn für Humor, was für einen deutschen Schriftsteller eine Ausnahme darstellt. Er ist fähig, über sich selbst zu lachen, doch ohne Bitterkeit oder Zynismus, sondern mit heiter-ironischer Distanz. Gewiss, er hat unzweifelhaft den Nobelpreis verdient."

Ebenfalls im Jahr 1947 schreibt Hesse: "Liebe Fanny. Für Deinen lieben Brief und Dein Geschenk, die Radierung von der Brückenkapelle, sage ich Dir recht schönen Dank, mit beidem hast Du mir Freude gemacht. Das stundenlange Stehen auf dieser Brücke, mit meiner Angel, den Fluss, die Fische, die Nachbarschaft, den Verkehr auf der Brücke etc. beobachtend, war eins der besten Erziehungsmittel für meinen Beruf, weiß Gott, wer es mir eingegeben hat."

Ich erwähne noch, dass Hesse vom großen Calwer Hochwasser, Ende 1947, sehr berührt war und sich im Januar 48 intensiv nach dem Ergehen seines früheren Chefs Heinrich Perrot erkundigte.

Am 8. März 1951 war ich wohl allein in Montagnola, denn es existiert eine Postkarte von uns Dreien an meine Mutter nach Calw.

Ninon bedankt sich für ein Architekturbuch, das ich mitgebracht habe und fährt dann fort: "Es ist schön, Marlis nach so viel Jahren wieder gesehen zu haben, auch die Photos von Mann und Kindern! Wenn du am 13.3. um 20.30 Uhr Radio Paris Chaîne national hören kannst, wirst du einige deutsche Sätze, von Hermann gesprochen, hören. Es ist eine Trauerfeier für André Gide. Die Fortsetzung von Hermanns Ansprache wird französisch von einem Sprecher des Radio gesprochen. Sei herzlich gegrüßt von Deiner Ninon." Auf der andern Seite steht von Hesse: "Wir haben es hübsch gehabt mit Deiner Tochter und freuen uns, dass sie Dir von hier erzählen wird..."

Im Jahr darauf, 1952, schenkten wir Hesse zum Geburtstag eine Gemeinschaftsarbeit mit Fotografien von Calw und Umgebung. Mein Mann und der Fotograf Siegfried Seeger von Liebenzell waren daran beteiligt. Hesse schreibt: "Für Deinen lieben guten Brief und Dein schönes Geschenk sage ich Dir und dem Fotografen herzlichen Dank. Bei den Bildern von Hirsau, Zavelstein, Teinachtal war alles mir vertraut, aber Neubulach hatte ich ganz vergessen. Und dass als Letztes noch die Marmorsäge drin ist, freut mich und Ninon besonders."

Vom Frühjahr 1953 lese ich einen Abschnitt: "Wenn Du von Zürich aus den Besuch ermöglichen kannst, bist Du willkommen, notiere Dir für alle Fälle unsre Telefonnummer oder merke Dir, dass diese Nr. im Buch nicht unterm Namen Hesse, sondern Bodmer zu suchen ist."

Anfang März erfolgte also ein neuer Besuch bei Hesses. Nach dem Krieg wohnten wir nicht mehr in der Casa Camuzzi, sondern bei Frau Ceccarelli im Hotel Bella Vista (Bellevue) am Eingang von Montagnola, das heute von Frau Ceccarellis Tochter geführt wird. Der Vormittag gehörte Spaziergängen und kleinen Wanderungen, am Nachmittag und Abend waren wir bei Hermann und Ninon. Seine Schwester Marulla in Korntal war damals schon sehr krank. Er hat am Hang Primeln ausgegraben und uns mitgegeben für sie, meine Mutter brachte sie gleich nach der Rückkehr zu Marulla, die sich noch sehr darüber freute. Der 17. März war ihr Todestag.

Kurz darauf schrieb Hesse: "Es ist gut, dass Dein Besuch und Bericht samt den Primeln Marulla noch Freude machte. Für mich ist jetzt vieles vollends verstummt..."

Im August desselben Jahres schreibt er aus Sils, wo er zur Erholung war: "Doch gibt es, außer der Luft und Landschaft, immer wieder auch das Tröstende und Stärkende. Zum Beispiel wohnt seit Jahren jeden Sommer in unserem Hotel der beste heutige Cellist, Fournier, er ist heute das, was vor 25 Jahren Casals war. Wir haben einander früher nur aus der Ferne gegrüßt und sind erst dies Jahr wirklich miteinander bekannt geworden. Er bot mir an, eine Stunde oder zwei für mich zu spielen, und so hörten wir in seinem Zimmer, einen Stock über uns, zwei Solosuiten von Bach, und in allem Elend, das gerade an jenem Tag nicht klein war, ist das nährend und stärkend gewesen wie Speise und Trank. Wir sprachen auch über Musik und Musiker, seine Frau hat die Viardot [eine berühmte französische Sängerin] noch gekannt, und ich konnte ihm erzählen, dass ich noch eine der Töchter von Robert Schumann als alte Dame gekannt und zuweilen besucht habe (in Bern)."

Überhaupt die Musik - sie spielte doch, neben dem Schreiben und der Malerei, immer noch eine große Rolle in seinem Leben, wenn er auch selbst in der Zeit nicht mehr geigte, wie früher. In den Jahren um 1910 war meine Mutter als junges Mädchen mehrmals mit der Geige nach Gaienhofen gereist. Hesses erste Frau Mia war eine gute Klavierspielerin, und so haben sie zu dritt musiziert. - Seine Freundschaft mit Schoeck und anderen ist bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass der Pianist Edwin Fischer als junger Mann frühe Gedichte von Hesse vertont und sie ihm auch einmal in Bern im alten Haus am Melchenbühlweg vorgespielt hat. Die Pianistin Clara Haskil schätzte er hoch. Er hörte sie in Konzerten mit Mozart, Beethoven, Schumann. "Von den Waldszenen", sagte er, "ist mein Liebling der Vogel als Prophet."

In den Wintermonaten sind Hesses oft nach Zürich gereist, um Freunde zu besuchen und schöne Konzerte zu hören.

Ich erinnere mich auch an einen Besuch, als Ninon verreist war - sie arbeitete viel über Ausgrabungen in Griechenland und Kleinasien -, da kam dann jeweils einer der Söhne zum Vater, um ihm zu helfen und vorzulesen. Damals war es Bruno, der älteste Vetter. Sehr genau weiß ich noch eine Ausfahrt zu viert in ein etwas entferntes Bergdorf, das Hesse auch lang nicht mehr gesehen hatte. Am Ende der Ortschaft stand auf einem vorgeschobenen Hügel die Kirche mit sehr spitzem Turm, der direkt in die Bläue des Himmels hineinstach.

Bruno konnte mit dem Auto nur bis zur Dorfmitte fahren, wir stiegen aus und gingen die letzte Strecke zu Fuß hoch, Hesse trotz der Gicht und der vielen Schmerzen ohne Stock, in lebhaftem Gespräch uns alles erklärend. An dem Tag haben wir viel gelacht.

Denn das konnte er auch: herzhaft und befreiend lachen. Und noch eine Geste von ihm fällt mir ein: Beim Abschied stand er immer unter der Haustür und winkte uns mit beiden hoch erhobenen Armen nach.

Auch von andern Verwandten, die ihn besuchten, hörte ich das. Sie sehen, meine Erinnerungen an Hesse sind im Grunde heiter und freundlich. Die Besuche waren harmonisch und verwandtschaftlich vertraut, bei allem Respekt vor dem großen Denker und damals fast schon abgeklärten Weisen.

Ich hatte ihn in seinen Sturm- und Drangzeiten noch nicht gekannt und wusste von den vielen Krisen seines Lebens eben durch seine Bücher und durch Erzählungen. Umso bewunderungswürdiger war es für mich, dass er immer wieder aufgetaucht ist aus seinen schlimmen Zeiten, dass er daran gereift ist, dass er seinem kranken Körper so viele geistige Schöpfungen abgerungen hat.

Einmal schenkte er mir zum Abschied den Reklamband "Eine Bibliothek der Weltliteratur". Da kommt man sich winzig vor (heute noch), was man alles gelesen haben müsste - könnte -, und er hatte unendlich viel gelesen und in seinem enormen Gedächtnis behalten und hatte einen großen Überblick, und das war beglückend, einen solchen Menschen zu kennen.

Ich darf Ihnen noch eine Briefstelle lesen: "Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben - aber es hat nur genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind. Weil der Einzelne das nur unvollkommen vermag, hat man in den Religionen und Philosophien versucht, die Fragen tröstend zu beantworten. Diese Antworten laufen alle auf das Gleiche hinaus: den Sinn erhält das Leben einzig durch die Liebe. Das heißt: je mehr wir zu lieben fähig sind, desto sinnvoller wird unser Leben."

Und dann: Am 9. August 1962 ist mein Onkel still im Schlaf gestorben.

Ich schließe mit den Worten seiner Frau Ninon, die sie an Felix Braun, einen nach London emigrierten österreichischen Dichter, schrieb:

"Er wusste nicht, dass er schwer krank war (Leukämie). Die häufigen Bluttransfusionen seit Februar d. J. besserten sein subjektives Befinden immer wieder. Er hatte Freude, cittadino onorario von Montagnola geworden zu sein (Ehrenbürger) ... Er freute sich an dem kleinen Fest in Faido an seinem 85. Lebensjahr. Und noch am 8. August waren wir vergnügt beisammen - am Morgen im Wald riss er an einem morschen Ast, murmelte: ,Der hält noch', - am Nachmittag bezauberte er ein junges Mädchen, das zum Tee bei uns war. Abends gab er mir das Gedicht (sein letztes über eben jenen morschen Ast), - später las ich ihm vor wie jeden Abend. Dann hörte er eine Mozart-Klaviersonate im Radio. Er starb im Schlaf am Morgen des 9. August 1962."

Zum Schluss möchte ich noch einen Dank aussprechen: Nämlich an meinen getreuen Mahner, Herrn Kalmbach, der jedesmal, wenn wir uns trafen - schon vor Jahren -, anfing: "Frau Bodamer, wann schreibet Se denn Ihre Memoiren, des tät mi so interessiere, wie des domols beim Hesse war, könnet Se net was drüber schreibe?" Und jedes Mal lachte ich und tat es ab: "Da ist nicht viel Interessantes zu berichten, da haben wir meistens nur Familiäres besprochen." - "Ja, aber interessiere tät's me doch."

Und das nächste Mal: "Frau Bodamer, habet Se scho angfange an Ihre Memoire?" oder: "Wie weit sind Sie denn?" - oder: "Habet Se scho was aufgschriebe?" Und jedes Mal musste ich lachend verneinen.

Aber er hat es immerhin fertig gebracht, dass ich mich mit dieser Zeit meiner Jugend wieder mehr beschäftigt habe, und das Ergebnis haben Sie heute erlebt und gehört. Ich danke Ihnen.