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Briefmarkenvorstellung "Hermann Hesse" |
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Weitere Texte zu Veranstaltungen am 18.07.2002 Weitere Texte von Dr. Klaus-Peter Hartmann |
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Fragen Sie nicht, wann und wo er geschrieben wurde! Verehrte Anwesende, liebe Freunde, Welch eine Würdigung meiner Person, eine Sonderbriefmarke anlässlich meines 125. Geburtstages! Erschien doch bereits am 16. Februar 1978 ein von dem Wuppertaler Künstler Prof. Gerd Aretz umgestaltetes Konterfei von mir als 50-Pfennig-Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland, und dies in einer Auflage von 12 Mio. Exemplaren. Ob mich damals – rein statistisch betrachtet – jeder/jede Fünfte der Bundesbürger auch rückseitig befeuchtet, aufgeklebt und versandt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Sicherlich schlummere ich auch in zahlreichen Sammlungen, in den Alben jugendlicher und weniger jugendlicher Philatelisten, weitergegeben an Kinder, Erben, Verramscher – der Erinnerung oder dem Vergessen anheim gestellt?
Bei aller Zurückhaltung hat mich damals besonders gefreut, mit den beiden Nobelpreis-Kollegen Gerhart Hauptmann und Thomas Mann auf einer Blockausgabe präsent gewesen zu sein. Schon in meiner Tübinger Zeit verehrte ich Hauptmann und schmückte meine Zimmerwand mit einer Photographie des verehrten Dichters und Dramatikers. Erst im September 1936 durfte ich ihn dann persönlich kennen lernen. Anders bei Thomas Mann: ihn traf ich bereits 1904 bei unserem gemeinsamen Verleger Fischer in München; wir waren in ständigem brieflichen und persönlichen Kontakt, und ich ließ den Glasperlen-Spielemeister "Thomas von der Trave" nicht nur den Namen sondern auch ausgeprägte Wesens- und Charakterzüge meines Freundes Thomas Mann annehmen. Dass mich exakt ein Jahr später, am 21. Februar 1979, auch die Schweizerische Bundespost in die Briefmarken-Serie "Wahlschweizer" aufnahm, allerdings "nur" in einer 8 Mio.-Auflage, ehrte mich ebenfalls. Und nun erschien anlässlich meines doch etwas "krummen" Geburtstages erneut eine Sondermarke – pardon! – ein Sonderpostwertzeichen, wie es amts- und neudeutsch offiziell heißt. Ungewöhnlich die Doppelportraitierung: Blick nach rechts, wie nach links, Blick nach unten wie nach oben, Portraits-Position im Vorder- und zugleich im Hintergrund – ob hier die Künstlerin Corinna Rogger aus Biberach auf die Steppenwolf-Zwiespältigkeit bzw. die seines Autors anspielt? Eine Zwiespältigkeit, die ja auch mein lieber Freund Gunter Böhmer so meisterhaft wider gibt?.
Und dennoch basieren die beiden divergierenden Portraits auf einer ruhenden weißen Identitätslinie und werden von der "sectio aurea", dem annähernden "Goldenen Schnitt" des Briefmarkenrandes wohlwollend eingefasst. Dann die beiden Farben des gedämpft leuchtenden Gelbs und des beruhigenden Blau-Grüns, – das Gelb, sowohl den Sonnenstrahlen ja sogar spurenhaft der Transzendenz verbunden, – das Grün – dem hoffnungsvoll Menschlichen, dem Beschaulichen und zugleich Inspirierenden zugewandt. Erneut diese Dualität in gleichzeitiger Kongruenz. Ich gestehe, ich fühle mich erkannt, ich fühle mich geschmeichelt. Zweifellos taucht bei einem Anlass wie heute – unausgesprochen oder artikuliert – die Frage auf: "war H. H. Philatelist, sammelte er Briefmarken?". Die Antwort: nein – für mich; ja – für meine Söhne, insbesondere für Bruno, dem ich immer wieder ein Album mit schönen "Märkli" habe zukommen lassen. Er hatte damit konkret-materialen Anteil an der Fülle von etwa 35.000 Briefen, die – wie meine Biographen ja bestens wissen – mich aus allen Teilen der Welt erreichten. Vice versa versandte ich bei meiner umfangreichen Korrespondenz mindestens die gleiche Zahl von Briefen und versah diese – sofern nicht per Boten überbracht, was auch häufig geschah – mit Serien-, Gedächtnis-, Jubiläums- und anderen Sondermarken, die auch symbolisch meinen Lebensweg begleiteten: Waren es ab 1912 vor allem die Symbole der Freiheit wie "Tellknabe" und "Helvetia", ab 1919 die Marken zum von mir so brennend herbeigesehnten Frieden nach dem Weltkrieg, so schmückten und zierten in weiterer Folge meine versandten Couverts immer wieder Briefmarken mit den Bildnissen von Persönlichkeiten, die ich schätzte und verehrte: z. B. 1938 Salomon Gessner, zu dessen Dichtung ich 1922 die Einleitung schrieb und 1940 Gottfried Keller, übrigens einer meiner Lieblingsschriftsteller. In Paranthese vermerkt sei, dass ich dankbar am 28. März 1936 den Gottfried-Keller-Preis der Zürcher Martin-Bodmer-Stiftung entgegennehmen durfte. Wenn ich mich recht entsinne, verwendete ich ab 1941 auch die Sondermarke Johann Kaspar Lavater, mit dem ich mich bereits 1892 in Maulbronn intensiv beschäftigt und darüber in den Briefen an meine Eltern nach Calw berichtet hatte. Die Symbole "Glaube, Hoffnung und Liebe" bzw. die "Pax-Motive" waren sicherlich ab 1945 ebenfalls auf meinen Briefen als Ausdruck der Friedens-Weltsehnsucht nach Beendigung des schrecklichen Kriegsterrors. Vielleicht konnte Bruno dem Briefumschlag, in dem ich ihm 1949 einen Brief mit Gedanken des Johann Heinrich Pestalozzi zusandte, die 1946 erschienene Marke eben dieses großen Pädagogen und Sozialreformers entnehmen. Ein Jahr später, 1947/48 – ob mich meine Erinnerung täuscht, mögen andere feststellen – versah ich Briefe mit dem Bildnis Jacob Burckhardts, den ich als größten Geschichtsschreiber verehrte. Bereits 1898 zählte er in Tübingen zu meiner Hauptlektüre und 1935 verfasste ich eine Rezension seiner "Kultur der Renaissance". Meine literaturwissenschaftlichen Exegeten wissen auch, dass ich den gewollten Zusammenhang zwischen "Pater Jakobus" im "Glasperlenspiel" und Jakob Burckhardt mit dieser Namensgleichheit zum Ausdruck bringen wollte. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit benutzte ich auch ab 1953 die Sondermarken mit dem Portrait des Kunstmalers Ferdinand Hodler, eines lieben Freundes von mir, den ich bereits in meiner Gaienhofener Zeit 1911 kennen lernen durfte. Und als ich 1914 in meinem Aufsatz "Deutsche Erzähler" dem Schriftsteller Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf einen ausführlichen Abschnitt widmete, ahnte ich noch nicht, dass ich 1954 und 1955 eine Briefmarke zu seiner Erinnerung für meine Korrespondenz würde verwenden können. Genau so wenig wie 1960 bei dem Maler Alexandre Calame, auf den ich bei meiner "Beschreibung einer Landschaft" 1946 einging. Als am 15. Juli 1957 die erste Europa-Briefmarke in der Schweiz erschien, war dies auch philatelistisches Zeugnis für das neue Denken, dem ich selbst viel Herzblut und literarische Anstrengungen gewidmet hatte. Sie erinnern sich vielleicht noch meiner Dankadresse an das Nobel-Komitee im November 1946, als ich von der "Gebärde der Versöhnlichkeit und des guten Willens" sprach, "die geistige Zusammenarbeit aller Völker wieder anzubahnen" oder in meinem Brief an Thomas Mann vom 23. Oktober desselben Jahres: "Das Europa, das ich meine, wird ein geistreiches Kraftzentrum sein". "Marke" – etymologisch aus der germanischen Wurzel "mark" abgeleitet – bedeutet "Zeichen, Prägung, Kennzeichen". So haben die eben in Auswahl aufgeführten Briefmarken "zeichenhaft" auch auf Menschen und Ideen, die meinen Lebensweg begleiteten und beeinflussten, hingewiesen. Und meine Söhne und Enkel können ihn spurenhaft, aber auch substantiell mit den vererbten kleinen bunten Wege"zeichen" wenigstens in besonderen "kennzeichnenden" Abschnitten nachverfolgen. Sicherlich versteht der moderne Mensch dies nicht als Philatelie im engeren Sinne; doch diese "Freundschaft", die in dem Wort "Philatelie" als tiefe Beziehung zur Geschichte, zur Kunst, Musik und Literatur, zum schöpferischen Akt des Menschen in der Kultur anklingt: - dieses Eins-Sein erfüllte mich mein ganzes Leben. Also doch "Philatelist"? Entscheiden Sie selbst! Verehrte Anwesende, liebe Freunde, es ist an der Zeit, den Brief zu beenden. Ich freue mich, dass der Philatelist, der heutige Brief-Bote und Lektor, in meiner ehemaligen Lateinschule, in der ich nicht viel Freude erlebte, schon des öfteren durch Ausstellungen, Seminare und Vorträge über Briefmarken solcherart kleiner Zeichen in meinem Sinne der Grenzüberschreitungen, der Kommunikation, der Verständigung über Nationen, Ethnien und Ideologien hinweg gesetzt hat. Ich danke – trotz meiner ja allseits bekannten Öffentlichkeitsscheu – dem Bundesministerium der Finanzen für die erwiesene Ehre. Vor allem danke ich, dass ich nicht zu einem selbstklebenden, gefälligen und glattrandigen Adhäsionsexemplar verurteilt wurde. In dieser heute vorgestellten Form habe ich durch die vier umlaufenden Zahnreihen auch als Briefmarke noch wenigstens etwas symbolischen "Biss". Mit freundlichen Grüßen und Dank an alle Geburtstagsgratulanten, Ihr sehr ergebener etc. etc. Meine sehr geehrten Damen und Herren, Bei all den gehörten Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Vermutungen – eines dürfen Sie zweifellos gewiss sein: dieser Brief wird niemals in den einschlägigen Veröffentlichungen zu – und jetzt nenne ich den Namen zum ersten Mal – Hermann Hesses Briefwechsel erscheinen!! 18-07-2002 Dr. Klaus-Peter Hartmann |
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© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 18.08.2003 |
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