Eröffnung der Ausstellung
     "Weltreligionen - Weltfrieden - Weltethos"
Rathaus, Calw, © Stephan Schlensog

 
 

[PDF-Format]

Weitere Texte zu Veranstaltungen am 20.07.2002

Weitere Texte von Stephan Schlensog

Weitere Texte zum Thema "Weltreligionen - Weltethos"

Nur allzu wenigen Menschen ist bewusst - vor allem nach den Ereignissen, die hinter uns liegen -, dass das Jahr 2001 von den Vereinten Nationen unter ein ganz besonderes Motto gestellt wurde: Es war das UN-Jahr des "Dialogs der Zivilisationen!" Der Vorschlag dazu kam - und dies wissen noch weniger Menschen - von der iranischen Regierung, genauer: vom iranischen Staatspräsidenten Seyed Mohammad Khatami. Dieser sagte am 21. September 1998 in einer programmatischen Rede vor der UN-Vollversammlung:

"Ich möchte im Namen der Islamischen Republik Iran vorschlagen, dass die Vereinten Nationen, als einen ersten Schritt, das Jahr 2001 zum "Jahr des Dialogs der Zivilisationen" ernennen. ... Zu den wichtigsten Zielen dieses Jahrhunderts gehört die Akzeptanz der Notwendigkeit und Bedeutung des Dialogs und die Ablehnung von Gewalt, die Förderung von gegenseitigem Verstehen im kulturellen, ökonomischen und politischen Bereich und die Stärkung der Grundlagen von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten."

Damals hätte niemand für möglich gehalten, dass aus diesem zunächst symbolischen Akt - mehr kann die Ausrufung eines UN-Jahres ja nicht sein - so schnell ein Programm von akuter politischer Dringlichkeit wird, dass jeden und jede von uns vielleicht mehr betrifft, als wir denken.

Unmittelbar vor diesem UN-Jahr berief Generalsekretär Kofi Annan eine 20köpfige Gruppe international anerkannter Persönlichkeiten - von deutscher dabei: Richard von Weizsäcker und Hans Küng. Ihre Aufgabe: Perspektiven zu entwickeln für eine Neugestaltung internationaler Politik angesichts der veränderten Herausforderungen, vor denen unsere Welt heute steht. Die Ergebnisse liegen mittlerweile auf deutsch vor unter dem Titel "Brücken in die Zukunft".

Die Ereignisse des 11. September und deren Folgen haben uns allen drastisch vor Augen geführt - und dies spiegelt sich auch in diesem Bericht wider - dass politisches Denken und Handeln auf allen Ebenen mehr denn je politische, wirtschaftliche, kulturelle und damit auch religiöse Aspekte zusammendenken muss.

Denn die Welt ist kleiner geworden - im Zeitalter von Globalisierung, Internet und Pauschaltourismus. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand für den Großteil der Europäer und Amerikaner die Welt faktisch aus Gläubigen, nämlich Christen, und aus Ungläubigen, die möglichst rasch zum Christentum zu bekehren seien. Heute leben selbst in ländlichen Gebieten Deutschlands Menschen verschiedener Kulturen und Religionen mehr oder weniger selbstverständlich nebeneinander, man kann sich faktisch kaum mehr ausweichen - sei es in den Schulen, im täglichen Leben, am Arbeitsplatz. Die Zeit der Gettos, des Lebens in unangetasteter Isolation ist faktisch vorbei: Kein Volk, keine Gruppe, keine Gemeinschaft kann sich auf Dauer mehr vom Rest der Welt abschotten, so unbequem dies im Einzelfall auch sein mag.

"Weltreligionen - Weltfrieden – Weltethos" - unter diesem Titel steht die hier gezeigte Ausstellung: Schon in den achtziger Jahren wurde uns - das heißt einem kleinen Universitäts-Team um den Tübinger Theologen Hans Küng - in Seminaren über Weltreligionen deutlich: Die großen Weltreligionen bieten mitunter sehr verschiedene Welt- und Menschenbilder, Philosophien und Lehrsysteme, Geschichtsentwürfe, Heils- und Erlösungslehren. Sie vertreten aber durchaus vergleichbare, mitunter sogar identische Positionen in der Frage, was sie vom einzelnen Menschen verlangen, wie sich die Menschen nicht nur miteinander, sondern auch der Umwelt gegenüber verhalten sollen.

Wir sprechen hier vom Ethos, das heißt von ethischen Maßstäben, Werten, persönlichen Haltungen. Jeder und jede von uns hat sein, hat ihr persönliches Ethos nach dem er oder sie lebt - sei es nun religiös begründet, nichtreligiös, durch Vorbilder geprägt oder durch Lebenserfahrungen entwickelt. Und dass die großen Weltkulturen in ganz zentralen Bereichen des Ethos übereinstimmen, die natürlich je nach Religion ganz verschieden begründet werden, dies haben wir - in Anlehnung an Begriffe wie Welt-Wirtschaft und Welt-Politik mit dem Begriff Welt-Ethos bezeichnet.

Die Weltethos-Idee will also nichts Neues erfinden. Ihr Anliegen ist vielmehr, das herauszuarbeiten, was den Religionen und Kulturen dieser Welt - bei allen noch so großen Unterschieden - gemeinsam ist: gemeinsam an Werten, Normen und Maßstäben.

Und es ist heute wichtiger denn je, sich diese Gemeinsamkeiten bewusst zu machen. Nur so können wir auf Dauer dem vielfach beschworenen "Clash of Civilizations", dem angeblich unausweichlichen "Zusammenprall der Kulturen" entgegenwirken. Denn dieser Zusammenprall ist nicht nur ein politisches Problem, er beginnt in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Schriftsteller Eugen Roth hat dies einmal treffend in seinem Gedicht "Nur" zum Ausdruck gebracht:

Ein Mensch, der, sagen wir, als Christ,
Streng gegen Mord und Totschlag ist,
Hält einen Krieg, wenn überhaupt,
Nur gegen Heiden für erlaubt.
Die allerdings sind auszurotten,
Weil sie des wahren Glaubens spotten!
Ein andrer Mensch, ein frommer Heide,
Tut keinem Menschen was zuleide,
Nur gegenüber Christenhunden
Wär jedes Mitleid falsch empfunden.
Der ewigen Kriege blutige Spur
Kommt nur von diesem kleinen "nur".

Und in der Tat, meine verehrten Damen und Herren: Wahr und falsch, Toleranz und Intoleranz, religiöse Hingabe und fanatischer Missbrauch, gehen quer durch alle Religionen! In allen Religionen wird und wurde Hass, Fanatismus und Gewalt auch dadurch legitimiert, dass man sich, seine Kultur, sein Weltbild, sein Glaubensbekenntnis den anderen gegenüber als überlegen, kultivierter, eben besser darstellt und dargestellt hat.

Und so lassen sich denn auch viele der weltweit tobenden und regional schwelenden Konflikte und Kriege auf Dauer nur dann erfolgreich läsen, wenn man die religiöse Dimension dieser Konflikte ernst nimmt. Wenn man die vorhandenen Gemeinsamkeiten nutzt für Dialog und Verständigung. Politische Konflikte sind allzu oft auch religiöse, kulturelle Konflikte, und so müssen die Friedensbemühungen von Politikern und Diplomaten mehr denn je auch auf der Ebene der Religionen und Kulturen unterstützt und begleitet werden.

Neben dieser religionspolitischen Dimension hat die Weltethos-Thematik aber eine zweite, allgemein-gesellschaftspolitische Dimension: Im Zeitalter zunehmender Globalisierung ist ein globales Ethos, eine kulturübergreifende Verständigung über einige wenige gemeinsame verbindende und verbindliche Standards notwendig. Denn eine Globalisierung der …konomie, der Technologie und der Kommunikation bringt eben auch eine Globalisierung der Probleme mit sich - von der …kologie über die Weltwirtschaft, des Weltklima bis hin zum organisierten Verbrechen.

Viele der uns bedrängenden globalen Probleme sind auch ethische Probleme. Sie haben zu tun mit ethischer Verantwortung, mit ethischen oder unethischen Strukturen und Verhaltensweisen. Und viele dieser Probleme werden wir langfristig nur dann in den Griff bekommen, wenn wir auch die Frage nach Werten und Normen stellen, wenn wir gemeinsame Spielregeln finden, die in Familie, Schule, Gesellschaft thematisiert und vermittelt werden. Und diese Wertevermittlung muss mehr denn je auch kulturübergreifend stattfinden, nicht nur weltweit, sondern auch hier bei uns in Deutschland.

Wenn Sie nun, verehrte Damen und Herren, diese Ausstellung im Foyer anschauen, dann werden Sie sehen: Hier soll niemand vereinnahmt werden, hier soll weder eine Einheitskultur geschaffen noch soll Religion auf Ethik reduziert werden. Vielmehr möchten wir zeigen und bewusst machen, dass ein elementarer Grundkonsens über einige verbindliche Werte und Maßstäbe von den großen religiösen Traditionen her gegeben ist. Dies zeigen die ersten sechs Ausstellungstafeln:

  • Mit Portraits der großen Leit- und Stifterfiguren: Symbolfiguren, die - in den meisten Fällen - nicht nur die jeweilige religiöse Botschaft verkündet und gelehrt haben, sondern zu deren Nachfolge in den verschiedenen Religionen aufgerufen wird: Buddha, Konfuzius, Jesus Christus, Moses und der Prophet Muhammad als Stifter- und Leitfiguren, aber auch zentrale Symbolfiguren wie etwa der Hindu-Gott Shiva.
     

  • Konkretisiert werden die ethischen Gemeinsamkeiten mit zentralen Heiligen Texten aus den verschiedenen Religionen.
     

  • Erläutert wird dies alles mit je einem Text von Hans Küng über das Wesen der jeweiligen Religion, mit knappen lexikalischen Beschreibungen und Informationen chronologischen Einordnung am linken Rand.
     

  • Illustriert schließlich mit Bildern aus den Religionen am unteren Rand der Tafeln und mit den Portraits moderner Repräsentanten.

Ganz besonders froh und dankbar bin ich, dass unsere "zwei-dimensionalen" Text- und Bildtafeln mit freundlicher und tatkräftiger Unterstützung der Staatlichen Museen zu Berlin noch ergänzt, mit Leben gefüllt werden konnten: mit wunderbaren Exponaten aus der Kunst und dem spirituellen Leben der Religionen. Besonders danke ich dafür der Generaldirektion und den Verantwortlichen der einzelnen Museen: des Museums für Indische Kunst, des Museums Europäischer Kulturen und den beiden hier engagierten Fachreferaten des Ethnologischen Museums. Ohne Ihre unbürokratische Mithilfe, ja ohne ihr tatkräftiges Helfen wäre dies vor allem in so kurzer Zeit nicht zu realisieren gewesen. Danken möchte ich auch von Herzen der jüdischen Gemeinde zu Berlin, die uns ebenfalls ganz spontan und unbürokratisch die meisten Exponate zum Judentum zur Verfügung gestellt hat.

Neben den hier dargestellten 6 Religionen, sehen sie draußen 6 weitere Tafeln, zusammengestellt in einem großen, umgehbaren Sechseck. Mahnende Hände möchten die Aufmerksamkeit des Beobachters lenken: darauf, dass jene großen ethischen Prinzipien, die den großen Weltkulturen zu allen Zeiten so wichtig waren und sind, noch heute ihre ungebrochene Relevanz haben. Vier ethischen Weisungen zeigen sie an, die keineswegs zufällig sind, sondern die auf zentrale Bereiche des menschlichen Lebens und der menschlichen Gesellschaft zielen:

  • Gewaltlosigkeit: "Du sollst nicht täten - aber auch nicht, foltern, quälen verletzen" - oder positiv "Hab Ehrfurcht vor dem Leben";
     

  • Gerechtigkeit: "Du sollst nicht stehlen - aber auch nicht ausbeuten, bestechen, korrumpieren" - oder positiv "Handle ehrlich und fair!";
     

  • Wahrhaftigkeit: "Du sollst nicht lügen - aber auch nicht täuschen, fälschen, manipulieren" - oder positiv "Rede und handle wahrhaftig!";
     

  • und, daran arbeiten sich freilich alle Religionen ab: Partnerschaft von Mann und Frau: "Du sollst nicht Unzucht treiben - aber auch nicht den Partner missbrauchen, erniedrigen, entwürdigen" - oder positiv "Respektiert und liebet einander!"

Gewissermaßen die große ethische Klammer um die Weltreligionen bildet die sogenannte "Goldene Regel", illustriert in verschiedenen Sprachen und Schriften, zentral in allen großen Religionen: "Was du nicht willst, das man dir tu, das tue auch nicht den anderen!" Und schließlich, hier illustriert nicht mit Religionsvertretern, sondern mit Humanisten, Politikern, Künstlern, die mit ihrem Lebenswerk allesamt dafür einstanden: das elementarere Grundprinzip der Menschlichkeit: "Jeder Mensch - ob Mann oder Frau, ob weiß oder schwarz, ob reich oder arm, alt oder jung - jeder Mensch soll menschlich behandelt werden", also nicht unmenschlich, nicht bestialisch.

So hoffe ich nun, liebe Zuhörerrinnen und Zuhörer,

  • dass viele auch zufällige Besucher dieses Hauses einen Blick auf unsere Ausstellung werfen und Zeit auch zum längeren Verweilen finden;
     

  • dass vor allem auch junge Menschen den Weg in diese Ausstellung finden und diese unter sich diskutieren. Allen, die diese Ausstellung hier möglich gemacht haben, der Stadt Calw und der Landesvertretung Baden-Württemberg, danke ich von Herzen.

Zum Schluss soll nun noch Hans Küng selber zu Wort kommen, der Kopf unserer Stiftung und der Initiator dieser hier skizzierten Ideen. Mit ihm konnte ich ab 1996 an der Entstehung von 7 Fernsehfilmen über die großen Weltreligionen arbeiten. Im letzten Film, dem Film über den Islam, stellt Hans Küng zum Schluss in Istanbul vor der großen Bosporusbrücke zwischen Europa und Asien die Frage, wer sich wohl im Islam, ja in den Religionen überhaupt in Zukunft durchsetzen wird:

"Werden es die Modernisten und Säkularisten sein, die meinen, auf Islam, Religion überhaupt verzichten zu können? Oder aber die Traditionalisten und Fundamentalisten, die mit einer genauen Befolgung der religiösen Schriften meinen, ihren Gesellschaften wieder ein neues geistig-moralisches Fundament geben zu können? Ich möchte hoffen, dass sich weder die einen noch die anderen voll durchsetzen. Sondern dass diejenigen wieder größeres Gewicht bekommen, die die Substanz ihrer Religion bewahren wollen, aber zugleich deren Botschaft in die heutige Zeit hinein zu übersetzen versuchen. Also weder ein gottloser Säkularismus noch ein weltfremder Fundamentalismus. Vielmehr eine Religion, die gerade dem Menschen von heute wieder einen Sinnhorizont, ethische Maßstäbe und eine geistige Heimat zu vermitteln vermag. Eine Religion jedenfalls, die nicht trennt und spaltet, sondern eine Religion, die verbindet und versöhnt. Denn was unsere Zeit vor allem braucht, sind Brückenbauer, Brückenbauer im großen und im kleinen. Brückenbauer, die bei allen Schwierigkeiten, Gegensätzen, Konfrontationen doch das Gemeinsame sehen: das Gemeinsame vor allem in den ethischen Werten und Haltungen. Die sich zu diesen gemeinsamen ethischen Werten und Maßstäben bekennen und sie auch zu leben versuchen."

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.