Rede von Udo Würtenberger am 21.07.2002
     zur Ausstellungseröffnung "Der Zwerg"

 
 

[PDF-Format]

Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse"

Meine sehr geehrten Damen und Herrn, liebe Freunde und Bekannte,

"Schokolade schmeckt gut, Senf schmeckt gut, wie muss erst Schokolade mit Senf schmecken! Ich hasse illustrierte Romane, die Illustrationen schließen die Phantasie des Lesers aus!" Dieses Verdikt stammt von Thomas Theodor Heine und der gehörte mit Eduard Thöny und Olaf Gulbransson zur gefürchteten Zeichnergarde der satirischen Zeitschrift "Simplizissimus".

Trotzdem ließ sich Heine von seinem Verleger Hans von Weber überreden, Illustrationen zu Hebbels "Judith" zu gestalten und schuf damit eine der bemerkenswertesten Illustrationen des deutschen Jugendstils. Die Illustration, glaube ich, muss in ihrem Anspruch eine Ergebenheit gegenüber der Literatur, ein Zurücktreten hinter sie, bewahren. Das heißt aber keineswegs eine sklavische Abhängigkeit. Beim Illustrieren darf es nicht eigentlich um Bebilderung gehen. Stattdessen versuche man eine Beziehung zum geschriebenen Wort aufzubauen, die es dann bildnerisch zu formulieren gilt.

Mit meinen Gestaltungsmitteln Form und Farbe und mit subjektiven Assoziationen versuche ich etwas Eigenständiges neben den Text zu stellen. So blüht die Liebe der Margherita zu Baldassare für mich im Frühjahr auf. Ich unterlege dem Bild eine große Magnolienblüte, sie steht zugleich symbolisch für die Vergänglichkeit. Ich erlebe in unserem Garten in Calw in jedem Frühjahr den kurzen Zauber der Sternmagnolie. Einem anderen Anschauen verdankt das letzte Bild des Buches seine Gestalt.

Der Zwerg entschließt sich, den vergifteten Wein zu trinken. Er steht in der Gondel. Der Gondoliere war schon fertig als Tod - als Skelett - ins Holz geschnitten. Da besuchte ich das Ägyptische Museum in Leipzig und begegnete Anubis. Hesse hat uns den >Zwerg< als einen hochgebildeten Menschen geschildert. Kann es da nicht sein, dass dem Zwerg in seiner Todesstunde der Totengott der Ägypter erschienen ist? Nun steuerte Anubis die Gondel, und ich konnte dies Bild abschließen.

"Dass man von jedem Besuch in Italien ein unschätzbares inneres Kapital mitbringt, das sich auch äußerlich gut verzinst, dafür garantiere ich Ihnen völlig..." schreibt Hesse an den Kunstmaler und Architekten Hermann Haas. Von einer Italienreise muss Hesse die Idee zu diesem Märchen mitgebracht haben.

1903 entstanden, spielt es in Venedig. Hesse hat sich lange dort aufgehalten. Was hat mich veranlasst, Hesses "Zwerg" zu illustrieren? Auf meinem Nachttisch liegt seit Jahren das Buch >Daphnis und Chloe< von Longus mit der herrlichen Holzschnittfolge von Maillol. 1985 sah ich in einer Ausstellung in Calw den Lithographiezyklus von Chagall zum selben Thema. Von beiden Bildfolgen fasziniert, entstand der Wunsch, einmal einen Zyklus zu einem literarischen Text zu gestalten. Und was könnte sich besser eignen als eine Geschichte - ich zitiere Hesse - "von einer schönen Dame, einem Zwerg und einem Liebestrank, von Treue und Untreue, Liebe und Tod" - Zitatende.

Der zweite Anlass hat etwas mit meinem Großonkel Ernst Würtenberger zu tun.

Er war Holzschneider und Porträtist in Süddeutschland, war mit Hesse befreundet und hat ihn porträtiert. Hesse beauftragte ihn, sein "Alemannenbuch" mit Holzschnitten verschiedener Künstler auszustatten. So dachte ich, warum soll nicht einmal wieder ein Würtenberger etwas mit Hesse zu tun haben? Vielleicht sollte ich noch erklären, warum ich mich dem Holzschnitt verschrieben habe. Sein scharfkantig-straffer Formcharakter kommt meinem Bestreben nach Einfachheit und Bestimmtheit entgegen. Ich freue mich daran, die Eigenschaften des Holzes auszuloten und die an seiner Oberflächenstruktur, an seinen Unebenheiten ablesbare Eigengeschichtlichkeit in das künstlerische Kalkül einzubeziehen. Im Spannungsfeld zwischen Linie und Fläche, Struktur und glatter Fläche, zwischen Hell und Dunkel versuche ich meinem inneren Bild Ausdruck zu geben.

Ich habe das Buch mit sechs Holzschnitten illustriert. Da ich für jedes Bild zwei Druckstöcke benötige, sind das bei 120 Exemplaren 1440 Druckvorgänge. Das heißt 1440 mal Farbe auf den Druckstock auftragen, 1440 mal ein Blatt auflegen, 1440 mal mit der Zylinderwalze über das Papier rollen und 1440 mal einen Platz zum Ablegen des Papiers im Haus suchen. Wenn auf Tischen und Schränken, in Regalen und auf Sofas abgelegte Blätter zum Trocknen liegen, dann war Drucktag im Hause Würtenberger. Ich kann mich an den Waschtag in meiner Kindheit erinnern. Da ging man meiner Mutter besser aus dem Weg. Es herrschte eine etwas angespannte Atmosphäre. Eine solche Stimmung herrscht wohl auch am Drucktag im Hause Würtenberger.

Zum Schluss möchte ich mich bei der Stadt Calw, also bei Ihnen Herr Rathgeber, bedanken, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, in Berlin und hier mein Buch und den Holzschnittzyklus vorzustellen. Besonders danke ich dir Christine für das herrliche Klavierspiel.

Ihnen danke ich fürs Kommen und fürs Zuhören und nun freue ich mich auf die Lesung des Märchens durch meine Tochter.