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Sinnfindung und Spiritualität im Werk von Hesse |
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Die außergewöhnliche Wirkungsgeschichte von Hesses Werken in aller Welt sehe ich als Tiefenpsychologe und Psychoanalytiker in der Wegweisung des Dichters zu einem ganzheitlichen und sinnerfüllten Leben. Über 100 Jahre haben Menschen, besonders junge Menschen mit ihrem Sturm und Drang, durch die Leitfiguren in Hesses Werken geistige Orientierung gefunden. Während für die Liebhaber der Dichtung und für die Literaturwissenschaftler vor allem die Ästhetik der Sprache und überwiegend schöngeistige Betrachtungsweisen das Interesse an Hesses Werken bestimmen, zähle ich mich zu dem großen Heer der Leserinnen und Leser, die Sinnfindung darin suchen und Wegweisung zu einer ganzheitlichen Spiritualität. Nach meiner lebenslangen Beschäftigung mit den Werken von Hesse und mit der unübersehbaren Fülle an Deutungen und Sekundärliteratur habe ich den Eindruck gewonnen, dass meine Thematik noch lange nicht den Raum einnimmt, die sie verdient hat. Einleitend möchte ich feststellen, dass die Suche nach Sinn und geistiger Orientierung im Werk Hesses immanent ist. Damit soll auch gesagt sein, dass es nicht um eine Psychologisierung des dichterischen Werkes geht, sondern um eine Zusammenschau von verdichteten Erfahrungen im Werk des Dichters mit dem tiefenpsychologischen Erfahren der Therapeuten im Prozess der Ganzwerdung, Heilung und Individuation. So hat Hesse selber in einem Brief an S. Freud am 09.09.1918 geschrieben: "Verehrter Herr Professor! Dass Sie mir ein Wort des Dankes sagen, berührt mich ganz wie eine Beschämung, denn im Gegenteil bin ich es, der Ihnen tiefen Dank schuldet. Ihn heute ein erstes Mal auszusprechen, ist mir eine große Freude. Die Dichter waren ja unbewusst immer Ihre Bundesgenossen, sie werden es immer mehr auch bewusst werden. In herzlicher Verehrung Ihr Hermann Hesse".1 Ähnlich anerkennende Worte finden sich im Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und C. G. Jung. Auf die hilfreichen therapeutischen Erfahrungen in den analytischen Gesprächen mit C. G. Jung und seinem Schüler Dr. Lang werde ich in späteren Zusammenhängen zu sprechen kommen. Lassen wir einleitend zum Thema Sinn Hesse selber zu Worte kommen aus einem seiner Briefe: "Das Leben hat so viel Sinn, als wir ihm zu geben vermögen. Die Bibel und das Dogma und alle Philosophien sind nur eine Hilfe, diese Sinngebung zu erleichtern. Die Natur, die Pflanze und das Tier, bedarf der Sinngebung nicht, weil sie den Gedanken und die Sünde nicht kennt, sie lebt naiv und unschuldig. Wir Menschen sind weniger als Tiere, wenn wir versuchen wollen, ohne Sinn zu leben. Sinn gewinnt das Leben, wenn wir es, soweit möglich, dem naiven Streben nach egoistischer Lust entziehen und in einen Dienst stellen. Wenn wir diesen Dienst ernst nehmen, kommt der Sinn von selbst"2. Ob der Sinn sich tatsächlich von selber einstellt, möchte ich kritisch hinterfragen. Wenn wir dazu Hesses Romanfiguren belauschen, können wir miterleben, wie mühsam die Sinnliche ist, welche geistige Arbeit zu leisten ist, um eine Sinngebung zu schaffen, bis sich eine Sinnfindung ergibt. Es geht bei unserem Thema und im Werke von Hesse also um eine fortwährende Bemühung und Besinnung auf die grundlegenden Werte unserer Kultur und eine Sinngebung für das individuelle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Was wir gegenwärtig als Sinnliche bezeichnen, hat in der Geistesgeschichte der Menschheit eine lange Tradition. Die alten Griechen schrieben über die Eingänge ihrer Tempel: ERKENNE DICH SELBST! Für die therapeutische Arbeit in der Gegenwart lautet ein grundlegendes Motto: WERDE, DER DU BIST! Mit entsprechenden Bildern und Worten hat Hesse diese grundlegenden Erfahrungen in seinem "Demian" beschrieben. Nach den vorliegenden tiefenpsychologischen Deutungen dieses Werkes 3, denen sich der Referent anschließt, spiegeln sich in diesem Werk die therapeutischen Erfahrungen bei Dr. Lang und C. G. Jung. In den verschiedenen Romangestalten und insbesondere in den Dialogen des Sinclair mit Pistorius erkennen die Kundigen die Einflüsse und den Niederschlag der therapeutischen Erfahrungen. Um in seiner existenziellen Lebensproblematik nicht erkannt zu werden, wählte Hesse das Pseudonym Sinclair, um von seinen Leserinnen und Lesern nicht erkannt zu werden. Dazu heißt es in einer Neuausgabe von "Sinclairs Notizbuch": "Unter dem Zeichen Sinclair steht für mich heute noch jene brennende Epoche, das Hinsterben einer schönen und unwiederbringlichen Welt, das erst schmerzliche, dann innig bejahte Erwachen zu einem neuen Verstehen von Welt und Wirklichkeit, das Aufblitzen einer Einsicht in die Einheit im Zeichen der Polarität, das Zusammenfallen der Gegensätze...".4 Dieses neue Verständnis des Lebens und die Einheit im Zeichen der Polarität sowie die Vereinigung von Gegensätzen verdankt Hesse den genannten Therapeuten und den Studien von C. G. Jungs Werken. In der lebensbedrohlichen Identitätskrise und in den Zeiten der Selbstmordgefährdung waren Dr. Lang und später C.G. Jung (1920/ 21) hilfreiche Begleiter. Neben den psychotherapeutischen Behandlungen waren es vor allem seit 1914 die Studien von allen wichtigen Büchern von Freud und Jung und u.a. Psychoanalytikern, die Hesse ein tiefes Verständnis der Kreativität des Unbewussten vermittelten.5 Die analytischen Erfahrungen und die Literaturstudien verhalfen Hesse dazu, seine Träume, Phantasien und Imaginationen zu einer Quelle der dichterischen Inspiration werden zu lassen. Nach dieser kurzen Hinführung durch die Erhellung des psychoanalytischen Hintergrundes des dichterischen Schaffens zeige ich jetzt durch Zitate aus dem "Demian", wie die Themen der Selbsterkenntnis und Selbstfindung dem Werke immanent sind. Bereits im ersten Kapitel heißt es programmatisch: "Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann".6 Zu der Sinngebung durch die Selbstfindung gehört nach Hesse das Sparbewusstsein für die zwei Welten in der eigenen Seele, die wir mit geistigen Strebungen und als Auseinandersetzung mit den Triebimpulsen beschreiben können. In diesem Nebeneinander und Durcheinander der zwei Welten geht es nicht um ein Entweder - oder, sondern um das Anzustrebende: sowohl als auch! In den frühen Erzählungen und Romanen scheint dieses Miteinander noch nicht befriedigend zu gelingen, wie in den späteren Werken. Indem sich Hesse, wie viele andere Menschen, sich die Probleme von der Seele schreiben, bringt dies oftmals eine Entlastung vom eigenen geistigen und seelischen Druck, selten jedoch eine ganzheitliche Heilung und eine Ganzwerdung der Person. Dazu bedarf es bei tieferen geistigen und seelischen Störungen der Beziehung und der Begegnung mit einem anderen Menschen. In der psychoanalytischen Behandlungsmethode bezeichnen wir dies als Übertragungs-Beziehung im Sinne des Bibelwortes: "Einer trage des anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen!".7 Hilfreich sind jene Menschen als Begleiter auf dem Wege der Ganzwerdung und Sinnfindung, die wie Kain und Demian ein Schutzzeichen auf der Stirn tragen. Es sind Menschen, die durch ihre Erfahrungen und Leiden gezeichnet sind und zugleich dadurch ausgezeichnet sind, andere ein Stück weit zu begleiten. Diese Funktion hat Max Demian, dessen Name Hesse nicht erfunden hat, sondern im Traum kennengelernt hat. Dieser Demian ist der "Dämon" von Sinclair. Tiefenpsychologisch würden wir sagen: Das innere Selbst oder das höhere Selbst von Sinclair - Hesse. Nach Sokrates ist das Daimonion eine innere Stimme, die als Warnung empfunden wird, wenn der Mensch gegen das Gute verstößt. Seit Heraklit, Plato und den Stoikern ist der Dämon im Menschen jene unbegreifliche Kraft, die den Menschen zu seiner schicksalhaften Bestimmung treibt. Erst im Christentum bekommt das Dämonische eine negative Bedeutung. Hesse knüpft mit der Wahl des Namens Demian an die ursprüngliche Bedeutung an und schreibt im ersten Kapitel des Demian: "lch beginne die Lehren zu hören, wie mein Blut in mir rauscht".8 Dieses Sprachbild hat mich auf die Idee gebracht, dass Dämonische mit dem hebräischen Wort für Blut: "dam" in Verbindung zu bringen. Durch Demians Deutung der biblischen Geschichte von Kain und Abel erfährt Sinclair, dass Kain gar nicht der Böse und Abel der Gute sei. Plötzlich schießt es Sinclair durch den Kopf, dass dieser Demian so eine Art Kain sei. Durch die anhaltende intensive Beschäftigung mit Demian verinnerlichte Sinclair ihn derart, dass er schließlich auch in seinen Träumen erschien. "lch träumte wieder von Misshandlungen und Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer war es diesmal Demian, der auf mir kniete. Und das war ganz neu und machte mir tiefen Eindruck - alles, was ich von Kromer und der Qual und Widerstreben erlitten hatte, das erlitt ich von Demian gerne und mit einem Gefühl, das ebenso wohl Wonne wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich zweimal, dann trat Kromer wieder an seine Stelle".9 Mit dieser Rückführung des Entwicklungsschrittes von Demian zu Kromer beschreibt Hesse den tiefenpsychologischen Prozess der Regression, die ohne therapeutische Bearbeitung zur Depression führt, wie Hesse sie oftmals durchleiden musste.10 Ein weiterer Aspekt der Regression wird mit der Handlung geschildert, dass Sinclair seine kleinen Schandtaten und die sogenannten Sünden nicht mit Demian bespricht, sondern der Mutter beichtet. Ähnlich wie in der biblischen Geschichte von der Umkehr und Heimkehr des verlorenen Sohnes kehrt Sinclair - Hesse zu diesem Zeitpunkt wieder zu den alten vertrauten Lebensmustern zurück, die jedoch der weiteren Individuation nicht förderlich sind. Der weitere Individuationsprozess wird im Verlaufe der Handlung durch Pistorius gefördert, ein Pseudonym für seinen späteren Psychoanalytiker Dr. Josef Lang, der Sinclair - Hesse half, die Träume zu deuten und die innere Stimme zu hören und deren Botschaft zu verstehen. So wird Sinclair von Pistorius belehrt: "Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen gelebt hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, als Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge wiederfinden, es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote, Alte und Neue Testamente, alles würde es wieder produzieren".11 Indem wir Menschen diese Möglichkeiten in uns ahnen und uns teilweise bewusst machen, haben wir Teil an der beständigen Erschaffung der geistigen Welt und der seelischen Innenwelt. Fast wortwörtlich entsprechen diese Beschreibungen den Archetypen von C. G. Jung und dessen Vorstellung vom kollektiven Unbewussten.12 Die gleichen Einsichten vermittelte Dr. Lang Hesse in den etwa 130 analytischen Sitzungen, dass nämlich die Selbsterkenntnis und die Selbstwerbung den Menschen zum Menschen mache. Ferner, so heißt es im Demian, "lehrte mich Pistorius den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen Worten, in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets Wertvolles fand. Sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das Beispiel".13 Das Ziel der Selbsterkenntnis des Sinclair - Hesse wird schließlich dahingehend zusammengefasst, "dass es der wahre Beruf für jeden ist, zu sich selbst zu kommen!".14 Fast beschwörend heißt es an anderer Stelle: "Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führt!".15 Die gleichen Gedanken schreibt Hesse in seinem Aufsatz: "Künstler und Psychoanalyse" im Jahr 1918 wie folgt: "Wer den Weg der Analyse, das Suchen seelischer Urgründe aus Erinnerungen, Träumen und Assoziationen, ernsthaft eine Strecke weit gegangen ist, dem bleibt als bleibender Gewinn, das was man etwa das "innigere Verhältnis zum eigenen Unbewussten" nennen kann. Er erlebt ein wärmeres, fruchtbareres, leidenschaftlicheres Hin und Her zwischen Bewusstem und Unbewusstem; er nimmt von dem, was sonst "unterschwellig" bleibt und sich nur in unbeachteten Träumen abspielt, vieles mit ans Licht herüber".16 Die genannte fruchtbare Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten, um sich aus den schöpferischen Quellen der Seele inspirieren zu lassen, wird von C. G. Jung auf die transzendente Funktion der Seele zurückgeführt. Sie ermöglicht eine Synthese zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten, indem durch die Bildung der vereinigenden Symbole eine Überwindung der Gegensätze und eine Heilung der neurotischen Verzerrungen des Lebens möglich wird. Insbesondere ermöglicht diese Funktion die schöpferischen Potentiale des Unbewussten zu nutzen. Daher hielt C.G. Jung die transzendente Funktion für den wichtigsten Faktor im psychologischen Prozess. Ein uraltes Symbol für dieses stetige Hin und Her zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten, zwischen dem Ich und dem Selbst und letztlich zwischen dem Menschen und Gott ist die Himmelsleiter im Traum von Jakob.17 Er sieht im Traum die Engel aufsteigen und niederkommen. Sie tragen die Sehnsüchte und Gebete zu Gott und bringen die göttlichen Botschaften zu den Menschen. Darin geschieht lebendige spirituelle Erfahrung, auf die ich später zu sprechen komme. Zu den fortwährenden Auseinandersetzungen zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten im Individuationsprozess gehören nach dem Modell der Individuation von C. G. Jung und den therapeutischen Erfahrungen: Die Auseinandersetzungen mit dem "Schatten"
Anschauliche Beschreibungen des Schattens finden sich in den zahlreichen Quälereien, die Franz Kromer dem Sinclair bereitet. In dem weiteren Entwicklungsprozess erkennt Sinclair, dass die dunklen Persönlichkeitsanteile, die er bisher bei Kromer kennengelernt hatte und fernerhin auf ihn projizierte auch in ihm selber vorhanden sind. Dies führte zunächst zu einer übertriebenen Selbstkritik. Als Sinclair - Hesse eines Morgens nach einem Saufgelage in seinen stinkenden Kleidern erwacht, erkennt er unwiderruflich seinen bisher verdrängten "Schatten": "So sah ich aus, ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein, eine wüste Bestie, so von scheußlichen Trieben überrumpelt ... das war ich!".18 Die drastische Beschreibung des Schattens macht zunächst eine Übertreibung deutlich, die häufig zu Beginn des analytischen Prozesses durchlitten wird. Hesse zeigt an zahlreichen Gestalten in seinen Erzählungen und Romanen, wie die nicht hinlänglich bearbeiteten und integrierten Schattenanteile zur Verzweiflung und in die Depression treiben, gelegentlich bis hin zu Selbstmordabsichten. Weitere Aspekte des Schattens finden sich im "Steppenwolf", die Geschichte eines Menschen, der darunter leidet, dass er zur Hälfte ein Mensch und zur anderen Hälfte ein Wolf ist. Dazu heißt es in einem Brief an Georg Reinhart vom 18.08.1925: "Die eine Hälfte will fressen, saufen, morden und dergleichen einfache Dinge, die andere will denken, Mozart hören und so weiter, dadurch entstehen Störungen, und es geht dem Manne nicht gut, bis er entdeckt, dass es zwei Auswege aus seiner Lage gibt, entweder sich aufzuhängen oder aber sich zum Humor zu bekehren".19 Hesse hatte eine Zeitlang versucht, durch die Vorbilder von Goethe, Gottfried Keller und andere Dichter sich eine schöne und harmonische Weltsicht aufzubauen, in der das Gute und Reine sowie der Sinn für das Heilige betont wurden. Doch es war letztlich eine verlogene Welt, in der das Wilde und Triebhafte, das Dunkle und Chaotische ausgespart wurden. Das rächte sich im Seelenleben von Hesse durch die genannten depressiven Stimmungen, die ihn in Alkoholismus und bis an den Rand des Wahnsinns trieben. Es geht also nicht um das Verdrängen dieser Seelenkräfte, sondern um das Verstehen, um sie zur Sprache zu bringen und als unerlöste Anteile der Seele zu erlösen und zu integrieren. Die grundlegende nächste Seelenarbeit, die gelegentlich auch das Gesellenstück im Individuationsprozess genannt wird, ist die Begegnung und Auseinandersetzung mit den Seelenbildern von Anima und Animus. Sie sind innere Seelenpartner und Partnerinnen in jeder Frau und jedem Manne. Während Jung in seinem ursprünglichen Konzept nur den Männern eine Anima zudachte und den Frauen einen Animus, gehen wir in dem erweiterten Konzept davon aus, dass beide Geschlechter an ihren Erscheinungsbildern Anteil haben. Anima und Animus sind personifizierte Erscheinungsbilder eines Archetypus des Lebens und ermöglichen Beziehungen zum Unbewussten, speziell zum kollektiven Unbewussten und beeinflussen die Kommunikation zwischen den Menschen. Diese Seelenbilder bringen weibliche Erlebnisqualitäten und männliche Eigenschaften in jedem Menschen zum Ausdruck. Sie ermöglichen emotionale Erfahrungen, wie z.B. Liebe und Hass, erotische Empfindungen und romantische Gefühle einerseits oder Verstimmungen und Launenhaftigkeit andererseits, wenn man sie nicht beachtet. In den Träumen erscheint die Anima in den verschiedensten Frauengestalten (z.B. als Freundin und Geliebte, oder als Kollegin und Hexe, als Hure oder als Heilige, um nur einige Beispiele zu nennen). Der Animus erscheint häufig in Personifikationen als Freund und Kollege, als Arzt, Richter oder Therapeut. Im Individuationsprozess verhelfen diese inneren Seelenpartner zur Ablösung von den Elternbindungen. In ihrer inspirierenden Funktion scheinen diese Seelenbilder eine große Ähnlichkeit zu den Musen der Antike zu haben, die als "Nährerinnen" der Seele und als ,,Erheberinnen der denkenden Kraft" bezeichnet werden.20 Die verschiedenen Aspekte der Anima werden in den Werken von Hesse dargestellt durch Beatrice und Mutter Eva im Demian. Beatrice ist die von Dante in seinen Dichtungen verklärte Jugendgeliebte. Sinclair dient sie als Projektionsinstanz für seine erotischen Wünsche und die Sehnsucht nach Liebe und Ganzwerdung. Die Begegnung mit der Anima hat für Sinclair eine verwandelnde Kraft, indem er von einem Tag auf den anderen seine nächtlichen Zechtouren fernbleibt und beginnt, ein ordentliches Leben zu führen. Obwohl Sinclair mit Beatrice kein einziges Wort spricht, hat sie dennoch einen tiefen Einfluss auf ihn. "Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und Kleidung".21 Einen weiteren Aspekt der Anima träumt Sinclair von Frau Eva "auch hatte ich Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mundete. Sie war ein Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen uns und fühlten uns zueinander hingezogen, blieben beisammen und drehten uns selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen umeinander".22 In den weiteren Phantasien zu Frau Eva kommt es zu einer romantischen Verklärung. "Oft hörte ich Worte von ihr, die mir klangen wie Antworten meines Unbewussten auf brennende Fragen, die mich bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor sinnlichem Verlangen brannte und Gegenstände küsste, die sie berührt hatte. Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit und Symbol übereinander. Dann geschah es, dass ich daheim in meinem Zimmer an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme und wusste doch nicht, ob sie wirklich und nicht ein Traum sei".23 Wenn wir diese Beschreibungen einer genaueren Analyse unterziehen, wird eine Ambivalenz deutlich, die letztlich ein Ausdruck der Angst vor der Liebe und der Begegnung mit einer Frau ist. Einerseits wird Frau Eva als ein begehrtes Sexualobjekt erlebt und andererseits zu einer inspirierenden Anima und an weiteren Stellen sogar zum Archetypus des Mütterlichen und der sogenannten Großen Mutter. In der letzten Begegnung zwischen Sinclair und Frau Eva vollzieht sich eine Verwandlung ins Überpersönliche indem Frau Eva als eine mächtige Göttergestalt mit funkelnden Sternen im Haar erscheint. "In sie hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle, und waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie schloss die Augen, und ihr grolles Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie sie hell auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne, die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den schwarzen Himmel".24 Diese archetypischen Bilder haben Walter Jahnke veranlasst, Frau Eva mit der Maria in der Apokalypse des Johannes zu vergleichen.25 Tiefenpsychologisch betrachtet können wir in dieser Überhöhung der Bilder ins Archetypische und die Auflösung der personalen Gestalt von Frau Eva in kosmische Symbole und Gottesbilder als eine psychotische Inflation ansehen. So kommt denn auch der Psychoanalytiker Josef Rattner zu dem Schluss: "Die Furcht vor der Weiblichkeit maskiert sich in dem Verlangen nach einer mütterlichen Geliebten; das durch Ängstlichkeit gelähmte Begehren wird in stille Verehrung umgewandelt, so dass denn auch zwischen dem jungen Sinclair und Frau Eva eine sentimentale Beziehung entsteht, die den Roman in die bedrohliche Nähe des Kitsches bringt".26 Die gleiche Angst vor der Weiblichkeit und der Hingabe an die Liebe lässt Hesse in seiner indischen Dichtung Siddhartha die Geliebte Kamala aussprechen: "Du kannst nicht lieben!"27 Als Zwischenbemerkung möchte ich sagen, dass es bei meinem Vortrag nicht um eine ausführliche Analyse und Deutung der einzelnen Werke und der verschiedenen Romangestalten gehen kann (dazu verweise ich auf den Kommentar zu den Werken und die Materialien zu den einzelnen Romanen), sondern ich nehme das Modell des Individuationsprozesses und wie dieser von grundlegender Bedeutung für die Sinnfindung ist. In diesem Zusammenhang möchte ich meine Hypothese mitteilen, dass die einzelnen therapeutischen Schritte auf dem Wege der Ganzwerdung und Heilung eine Entsprechung haben in den Etappen des pietistischen Heilsweges, dem sogenannten ordo salutis, die Hesse aus seinem frommen Elternhaus vertraut waren. Damit haben wir drei verschiedene Modelle vor Augen: Den biblisch-pietistischen Heilsweg, die Prozesse der Heilung im Individuationsprozess nach C.G. Jung und zum Dritten die dichterische Gestaltung der grundlegenden menschlichen seelischen und geistigen Erfahrungen in den Werken von Hesse. Als Überleitung zur Deutung von Siddhartha möchte ich aus Hesses Aufzeichnungen von einer indischen Reise einen Auszug aus dem sogenannten Singapur-Traum mitteilen und deuten. Ein Mann, der mir zur Seite lag, schien nicht zu schlafen. Sein Gesicht war mir unbekannt, ohne dass ich seinen Namen wusste. Er bewegte sich, stützte die Ellbogen auf, nahm eine goldene Brille ohne Ränder von den Augen und begann, sie mit einem weichen, flanellenen Tüchlein sorgfältig zu reinigen. Da erkannte ich ihn; es war mein Vater. "Wohin fahren wir?" fragte ich schläfrig. Er putzte ohne aufzublicken an seiner Brille weiter und sagte ruhig: "Wir fahren nach Asien." Wir redeten Malayisch mit Englisch vermischt, und dieses Englisch erinnerte mich daran, dass meine Kindheit lange vorüber sei, denn damals besprachen meine Eltern ihre Geheimnisse alle englisch und ich verstand davon nichts. "Wir fahren nach Asien", wiederholte mein Vater, und plötzlich wusste ich alles wieder. Jawohl, wir fahren nach Asien, und Asien war nicht ein Weltteil, sondern ein ganz bestimmter, doch geheimnisvoller Ort, irgendwo zwischen Indien und China. Freundlich sah mich mein Vater an und sagte: "lch lehre dich nicht, ich erinnere dich nur." Und indem er es sagte, war er nicht mein Vater mehr, sein Gesicht lächelte eine Sekunde lang genauso, wie das Gesicht, mit welchen in den Träumen unser Führer, der Guru, zu lächeln pflegt, und im selben Augenblick erlosch das Lächeln, und das Gesicht war rund und still wie die Lotusblüte und glich genau dem goldenen Bildnis Buddhas, des Vollendeten, und wieder lächelte es, und es war das reife, schmerzliche Lächeln des Heilands. "lch habe meinen Vater gesehen", rief ich laut, "Mein Vater ist auf dem Schiff." Ein alter englischer Offizier sah mich aus hellblauen Augen glänzend an und sagte: "lhr Vater ist hier und ist dort, er ist in Ihnen und außer Ihnen, Ihr Vater ist überall." Aus zeitlichen Gründen kann ich diesen Traum, der für die spirituelle Entwicklung von Hesse von größter Bedeutung ist, leider keiner ausführlichen Analyse und Deutung unterziehen. So viel sei jedoch gesagt, dass nach der Klärung und Lösung der schwierigen Beziehung zum Vater in der Seele des Träumers die archetypische Welt mit ihren heilenden Bildern in Erscheinung treten kann. Ein Schlüsselsatz in diesem Traum ist die Aussage und die Erfahrung: "Freundlich sah mich mein Vater an und sagte: 'Ich lehre dich nicht, ich erinnere dich nur.'" Während im ersten Teil des Traumes das Gesicht des Vaters eine Zeitlang unbekannt schien, wie Hesse auch im realen Leben wohl kaum eine tiefere emotionale Beziehung zu seinem Vater erlebt hat, so erfährt der Träumer heilende Impulse, indem ihn sein Vater freundlich und liebevolle ansieht. Mit dieser emotionalen Berührung beginnt der innere Wandlungsprozess im Traum und im Träumer. Danach hört er die Botschaft: "lch lehre dich nicht, ich erinnere dich nur!" Genau dieser Satz des Traumes sollte später zum Leitgedanken für die indische Dichtung "Siddhartha" werden. Während Hesse in der Kindheit und Jugendzeit das gelebte Christentum der Eltern überwiegend in Gestalt der Predigt und der Lehre erfahren hat, erlebt Hesse in seiner lndienreise und in der Begegnung mit der geistigen Welt des Ostens, wie hilfreich es ist, nur daran erinnert zu werden, was in einem schon vorhanden ist. In diesem Satz kehrt die gleiche Botschaft wieder, die wir schon am Eingang des Vortrages formuliert haben: "Werde, der Du bist!" Nach den berichteten Erfahrungen im Traum scheint sich ein Vorhang zu öffnen zur archetypischen Bilderwelt der Seele. Nachdem der Vater die genannte Botschaft mitgeteilt hatte, wandelt sich seine Erscheinung und sein Gesicht lächelt wie in den Träumen unserer inneren Führer zu lächeln pflegt. Dann wird die Erscheinung und das Gesicht rund und still wie die Lotusblüte und gleicht genau dem goldenen Bildnis Buddhas des Vollendeten. Erst nachdem die verschiedenen Aspekte des spirituellen Animus angeschaut und erlebt wurden, erscheint zum Schluss das reife und schmerzliche Lächeln des Heilands. Während Hesse in seiner religiösen Erziehung und christlichen Sozialisation überwiegend das Leiden des Heilands und den Schmerzensmann kennengelernt hatte, kann ihm durch die Begegnung mit östlichen Gottesbildern jetzt das Lächeln des Heilands erscheinen. In Gestalt des englischen Offiziers erscheint dem Träumer eine spirituelle Animusgestalt, welche die positive Botschaft ausspricht, dass der Vater und darüber hinaus auch der sogenannte himmlische Vater hier ist und dort, in uns und außer uns und darüber hinaus überall. Mit diesem Traum und seiner kurzen Deutung haben wir bereits wesentliche Aspekte der Spiritualität im Werk von Hesse angesprochen, die wir jetzt durch die weiteren Ausführungen vertiefen wollen.
ASPEKTE DER SPIRITUALITÄT BEI HESSE Bevor der Begriff der Spiritualität zu einem esoterischen Modewort geworden ist, verwendet Hesse diesen Begriff, meist ohne ihn wortwörtlich auszudrücken, um die geistige und religiöse Orientierung eines Menschen in seinen handelnden Personen anschaulich zu machen. Die transkulturelle Weite der Spiritualität bei Hesse wird an grundlegenden Texten und insbesondere am Singapur-Traum verdeutlicht, in dessen religiöser Symbolik sowohl das goldene Bildnis Buddhas des Vollendeten, als auch das schmerzliche Lächeln des Heilandes Jesus Christus seinen Ausdruck findet. Die spirituellen Anschauungen von Hesse sind in den letzten Jahrzehnten immer aktueller geworden, weil viele christliche Symbole für immer mehr Menschen als sinnentleert empfunden werden. Die von Hesse angestrebte Synthese der östlichen Religionen und Weisheitslehren ist für viele Menschen im Westen ein Weg geworden, die Ideale und spirituellen Anschauungen des Westens mit dem Osten zu versöhnen und damit das bei uns weitgehend verloren gegangene Einheitsbewusstsein neu zu beleben und zu einem grundlegenden Aspekt der Spiritualität zu machen. Hesse ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der Ersten gewesen, der sich für eine ökumenische Religiosität und den Dialog zwischen den Religionen des Ostens und des Westens engagierte. Längst bevor der bekannte Tübinger Theologe Hans Küng mit seinem Parlament der Weltreligionen und der Forderung eines Weltethos durch die Zusammenarbeit aller Religionen aufrief, hat schon Hesse in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durch seine Schriften und Reisen in den Osten einen grundlegenden Beitrag geleistet zum Dialog zwischen den Religionen.28 Dieses Anliegen war ihm buchstäblich in die Wiege gelegt, so zum Beispiel durch den geliebten Großvater mütterlicherseits, Dr. Hermann Gundert, der einer der ersten Pioniere der evangelischen Mission in Indien war. Nach der Rückkehr in die Heimat hat Gundert noch über 30 Jahre gewirkt und dem heranwachsenden Hermann viele spannende Geschichten aus Indien erzählt. Besonders in der Sturm- und Drangzeit wurde Hesse zu einem begeisterten Leser, wozu ihn die Bibliothek der Eltern und vor allem des genannten Großvaters Gundert mit ihren reichen Schätzen zur Verfügung stand. Trefflich bemerkt der Biograph Hermann Zeller über den Einfluss und die Nachwirkungen dieser Erfahrungen: "Für Hesse hatte Indien noch einen anderen Klang, es war die Heimat der Mutter, das Land, in dem der Vater, der Großvater gewirkt hatten und aus dem jener kleine tanzende Götze stammte, der viel bewundert und bestaunt aus dem großväterlichen Glasschrank blickt und in so mancherlei Träumen des Knaben sein spukhaftes Wesen getrieben hatte".29 Diese wenigen Hinweise aus der Biographie von Hesse mögen genügen, um deutlich zu machen, dass er wie kaum ein anderer Dichter und Schriftsteller durch die Herkunft aus einem christlichen Elternhaus mit stark pietistischer Prägung dazu berufen war, die traditionellen Glaubensvorstellungen und die christlichen Gottesbilder für moderne Menschen in neuen Bildern und Symbolen zum Ausdruck zu bringen. Hierin beherrscht Hesse sprachliche Ausdrucksformen und eine Form der Hermeneutik (also der Übersetzungskunst), von der viele Pfarrer und Theologen noch etwas lernen können. Es geht bei diesen Bemühungen darum, die biblischen Gottesbilder und die traditionellen Glaubensvorstellungen so zu Übersetzen, dass moderne Menschen und säkularisierte Hörerinnen die gemeinte Botschaft zur Sinnfindung und für eine neue Spiritualität verstehen und sich mit der Aussage identifizieren können. Mit der indischen Dichtung Siddhartha unternimmt Hesse den Versuch, die asiatische Lehre von der göttlichen Einheit für unsere Zeit und in unsere Sprache zu übersetzen. Zugleich ist es der Versuch, in einer geistigen Auseinandersetzung, ja sogar in einer spirituellen Revolte, sich von dem Pietismus des Vaterhauses zu distanzieren und die Erfahrungen in Indien zum Ausdruck zu bringen. Der gewählte Name Siddhartha bedeutet: Der sein Ziel erreicht hat! Es wird später kritisch zu fragen sein, ob Hesse - Siddhartha mit diesem Werk wirklich eine vorläufige spirituelle Ganzwerdung erreicht hat, oder ob es nicht letztlich wiederum einer Regression in alte eingeschliffene Lebensmuster und traditionelle Gottesbilder darstellt. Den Gang der Handlung dieser Dichtung fast Zeller so zusammen: "Das Buch schildert den Weg des Siddhartha, eines Sohnes aus vornehmen Brahmanengeschlecht, der seine Heimat verlässt, sich einer Asketensekte anschließt und ein Sama (ein wandernder Bettelmönch) wird, da ihm die geistige Welt, in der er aufgewachsen, erzogen und gebildet ward nicht mehr genügen kann. Doch die Erkenntnis, nach der ihn durstet, findet er nicht als Büßer, der sich kasteit und die irdische Welt verachtet, findet er aber auch nicht in der Begegnung mit Gautama Buddha. Govinda, der Freund und Gefährte, folgt dem Erhabenen. Ihm selbst erschließt dessen Lehre nicht das Geheimnis, das er zu enträtseln sucht. Er setzt seine Wanderschaft fort und erlebt die Welt der Sinne. Kamala, die schönste der Kurtisanen, wird ihm Lehrmeisterin, in kaufmännischen Geschäften gewinnt er Reichtum und Macht, aber angeekelt verlässt er, im Innersten stets Sama geblieben, die Welt des schönen Scheins. Aus der Verzweiflung erwacht er zu neuem Leben und lernt als Gehilfe des Fährmanns Vasudeva das Geheimnis des Flusses, die Dauer im Wechsel der Erscheinungen, die Einheit im ewigen Wandel.30 Wer das vorliegende Werk in der jetzigen Fassung liest und auf sich wirken lässt, wird ohne Kenntnis des geistigen Ringens des Dichters etwas ahnen von dem Bruch, der die Vollendung dieses Werkes in seinem entscheidenden letzten Teil die dichterische Schaffensphase begleitete. Hören wir dazu was Hesse seinem Tagebuch im Jahre 1920 anvertraut: "ln meiner indischen Dichtung war es glänzend gegangen, solange ich dichtete, was ich erlebt hatte: Die Stimmung des jungen Brahmanen, der die Weisheit sucht, der sich plagt und kasteit, der die Ehrfurcht gelernt hat und sie nun als Hindernis zum Höchsten kennenlernen muss. Als ich mit Siddhartha dem Dulder und Asketen zu Ende war, mit dem ringenden und leidenden Siddhartha, und nun Siddhartha den Sieger, den Ja-Sager, den Bezwinger dichten wollte, da ging es nicht mehr".31 Warum konnte Hesse nicht weiterschreiben und eine Lösung darstellen? Weil er sie noch nicht selber gefunden und erlebt hatte, wie er später schreibt. Diese Ehrlichkeit und diesen Einblick in sein innerstes Erleben gilt es zu sehen und zu würdigen. Aus der Biographie von Hesse mit seinem geistigen und psychologischen Werdegang wissen wir, welch vielfältige Erfahrungen er bei der Suche nach Erkenntnis und Weisheit gesammelt hatte, wie er sich als Asket und Dulder geplagt und kasteit hat und wie er sich im sinnlichen Rausch ausleben konnte. In dem Kapitel: "Der Sohn" gibt Hesse später die Antwort, indem er sich an ein Wort von Kamala, der Geliebten, erinnert. Sie hatte einmal zu ihm gesagt "Du kannst nicht lieben" und fügt wenig später hinzu: "ln der Tat hatte er [Siddhartha] sich niemals an einen anderen Menschen ganz verlieren und hingeben können, sich selbst vergessen, Torheiten der Liebe eines Anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt".32 In einem Brief an Georg Reinhart aus dem Jahre 1921 gibt Hesse uns Einblick in die Unterbrechung der Arbeit an diesem Werk: "Den Weg der Individuation, der von allem Kollektiven und Autoritativen weg führt, die innere Stimme (auch das Gewissen) so persönlich uns so übersensibel macht und das Leben so außerordentlich differenziert und erschwert - das habe ich erfahren und stecke noch mitten drin. Die Wiedereinpassung des differenzierten Individuums ins Ganze, in Sozialität und Gesellschaft könnte ich erst darstellen, wenn ich selbst auf diesem Weg schon weiter wäre".33 Offensichtlich ging der schöpferische Prozess im Dichter erst weiter, nachdem er im Mai und Juni 1921 zahlreiche psychoanalytische Sitzungen bei C.G. Jung in Küssnacht genommen hatte. Im März des darauffolgenden Jahres nimmt Hesse dann die Arbeit an Siddhartha wieder auf. Die entscheidende Wandlung erlebt Siddhartha bei dem Fährmann Vasudeva. Von diesem spirituellen Begleiter erfährt er keine Weisheiten und keine neuen Lehren, sondern er wird angehalten, auf die Stimme des Flusses zu hören und zu lauschen. Dazu heißt es: "Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, dass er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stöhnen der Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des Geschehens, war die Musik des Lebens ... In dieser Stunde hörte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kämpfen, hörte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des Wissens, dem kein Wille mehr entgegen steht, das die Vollendung kennt, das einverstanden ist mit dem Fluss des Geschehens, mit dem Strom des Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der Einheit zugehörig.34 Dies also ist nach langem Ringen das persönliche spirituelle Lebens- und Glaubensbekenntnis des Dichters. Wesentlich für die ganzheitliche Spiritualität sind nicht die Worte der Erkenntnis und der Weisheit oder das Festhalten an Glaubensformeln, sondern sich dem Lebensstrom anzuvertrauen, in das Geschehen des Lebens hineinzugehen, auf die Musik des Lebens zu lauschen. Etwa ein Jahrzehnt später setzt Hesse die bisher besprochene Thematik fort mit der Erzählung: "Die Morgenlandfahrt". Diese Prosadichtung ist eine Art Bekenntnismärchen und beschreibt ein imaginäres Reich mit einer unvergänglichen Gemeinschaft des Geistes. Die Morgenlandfahrer gehören einem Geheimbunde an, zu dem die spirituellen Menschen und Gläubigen aller Zeiten gehören, sowohl die Dichter und Träumer, die Phantasten und die Suchenden. Dazu heißt es in der Einleitung: "lch erkannte: wohl hatte ich mich einer Pilgerfahrt nach dem Morgenlande angeschlossen, einer bestimmten und einmaligen Pilgerfahrt dem Anscheine nach aber in Wirklichkeit, im höheren und eigentlichen Sinne, war dieser Zug zum Morgenlande nicht bloß der meine und nicht bloß diese gegenwärtige, sondern es strömte dieser Zug der Gläubigen und sich Hingebenden nach dem Osten, nach der Heimat des Lichtes, unaufhörlich und ewig, er war immerdar durch alle Jahrhunderte unterwegs, dem Licht und dem Wunder entgegen, und jeder von uns Brüdern, jede unserer Gruppen, ja unser ganzes Heer und seine große Heerfahrt war nur eine Welle im ewigen Strom der Seelen, im ewigen Heimwärtsstreben der Geister nach Morgen, nach der Heimat.35 Das Morgenland ist kein geographischer Ort, sondern die Heimat der Seele. Es geht in diesem Werk um den Sinn menschlicher Gemeinschaft und die Zugehörigkeit zu einem geistigen Bund. Der Dichter hat das biblische Symbol des Bundes Gottes mit seinem Volk und der Menschheit, sowie die Aussagen im Glaubensbekenntnis: "Ich glaube an ... die Gemeinschaft der Heiligen", in neuen Sprachbildern so umgedichtet, dass alle Menschen mit einer wahrhaft humanistischen Gesinnung ihre Zugehörigkeit zu diesem Bund erkennen können. Zum Abschluss wenden wir uns dem Glasperlenspiel zu, eingedenk der Schwierigkeit, die Komplexität der Symbole und Handlungen angemessen zu deuten. Daher beziehe ich mich in den weiteren Ausführungen auf kompetente Autoren und Literaturwissenschaftler. So schrieb E. R. Curtius in seinem Beitrag über Hesse im Jahr 1947: "Das Glasperlenspiel ist Ergebnis und Zeugnis einer Selbstheilung - also der einzig würdigen und echten, weil sie aus dem Kern der Person hervorgeht. Psychoanalyse, Joga, chinesische Weisheit waren Hilfestellungen. Der "Erwachte" bedarf ihrer nicht mehr. Die Konflikte lösen sich auf im Prozess einer neuen, begnadeten Schaffensperiode. Sie wird heraufgeführt durch den Fund des Perlenspieles. Es fungiert als Zentrum, um welches sich die Person und zugleich das Schaffen des Dichters neu ordnet. Die Auflösung der Dissonanzen ist die große neue Erfahrung. Daher die Bedeutung der Musik in diesem Werk. Sie ist Symbol des Wohlklanges und des Einklangs; der rhythmisch gegliederten Vergeistigung - also der Harmonie mit dem All".36 In dieser Deutung sind die wesentlichen Aspekte der Bedeutung dieses Werkes zusammengefasst. Während sich die früheren Werke mit den genannten Themen befassten, ordnen sich in dieser begnadeten Schaffensperiode die geistigen Kräfte und Imaginationen um das Symbol des Perlenspieles. So wie die kostbare Perle nach der tiefenpsychologischen Symbolik ein Sinnbild für das Selbst als geistiges und spirituelles Zentrum in der Person ist, so ordnen sich im Perlenspiel alle geistigen Inhalte der Kultur um dieses Zentrum an. Zu der Entstehung des Werkes schreibt Hesse in einem Brief an Rudolf Pannwitz im Jahre 1955: "Die Vorstellung, die den ersten Funken in mir entzündete, war die der Reinkarnation als Ausdrucksform für das Stabile im Fließenden, für die Kontinuität der Überlieferung und des Geistlebens überhaupt. Es kam mir eines Tages, manche Jahre, bevor ich mit dem Versuch einer Niederschrift begann, die Vision eines individuellen, aber überzeitlichen Lebenslaufes: Ich dachte mir einen Menschen, der in mehreren Wiedergeburten die großen Epochen der Menschheitsgeschichte miterlebt." Und weiter unten heißt es: "Um den Raum zu schaffen, in dem ich Zuflucht, Stärkung und Lebensmut finden konnte, genügte es nicht, irgend eine Vergangenheit zu beschwören und liebevoll auszumalen, wie es etwa meinem früheren Plan entsprochen hatte. Ich musste der grinsenden Gegenwart zum Trotz, das Reich des Geistes und der Seele als existent und unüberwindlich sichtbar machen, so wurde meine Dichtung zur Utopie, das Bild wurde in die Zukunft projiziert, die üble Gegenwart in eine überstandene Vergangenheit gebannt. Und zu meiner eigenen Überraschung entstand die kastalische Welt wie von selbst. Sie brauchte nicht erdacht und konstruiert zu werden. Sie war, ohne dass ich es gewusst hatte, längst in mir präformiert. Und damit war der gesuchte Atemraum für mich gefunden".37 Es sei kurz daran erinnert, in welcher geistigen und politischen Situation im Jahre 1943 Hesse mit der Niederschrift dieses Werkes begann. Der Gewaltherrschaft Hitlers und dem Chaos des Krieges will Hesse mit diesem Werk einen geistigen Kosmos entgegensetzen. Die kastalische Provinz ist jener geistige Raum, in welchem die grundlegenden Werte unserer Geistesgeschichte gepflegt werden. Dazu heißt es: "Das Glasperlenspiel ist also ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielt mit Ihnen, wie etwa in den Blütezeiten der Künste ein Maler mit den Farben seiner Palette gespielt haben mag. Was die Menschheit an Erkenntnissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöpferischen Zeitaltern hervorgebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Betrachtung auf Begriffe gebracht und zum intellektuellen Besitz gemacht haben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt, wie eine Orgel vom Organisten".38 Ich schließe meine Ausführungen mit dem folgenden Gedicht "Besinnung": Göttlich ist und ewig der Geist. Aber irden und sterblich sind wir geschaffen, So zwischen Mutter und Vater, 1 Hesses Briefe an S. Freud, in: H. Hesse: Stufen des Lebens, Briefe. Auswahl und Nachwort von S. Unseld, Insel - Bücherei Nr. 1231. 2 Zitat in: H. Hesse: Lektüre für Minuten, Suhrkamp TB. 240 S. 92. 3 G. Baumann: Hermann Hesses "Demian" im Lichte der Psychologie C. G. Jungs, in: Materialien zu Hermann Hesses Demian, 2. Band, Wirkungsgeschichte, Suhrkamp TB 2520; ferner M. Dahrendorf: Hermann Hesses "Demian" und C. G. Jung in: Materialien zu Demian 4 Zitiert in: Hesse Kommentar zu sämtlichen Werken V. Martin Pfeifer, München 1980 S. 136 5 J. Cremerius: Freud und die Dichter, Kore-Verlag Freiburg 1995, darin eine psychoanalytische Analyse zu Hesse und seinem Werk und den benutzten Schriften von Freud und Jung 6 H. Hesse: Demian, Suhrkamp TB. 206 S. 8 . 7 Galater 6,2. 8 Demian S. 8. 9 Demian S. 41. 10 H. Hark: Lexikon Jung'scher Grundbegriffe, Walter-Verlag S. 141. 11 Demian S. 124 12 C.G.Jung:GesW. 9 I 13 Demian S. 128. 14 Demian S. 150. 15 Demian S. 150. 16 B. Zeller: Hermann Hesse in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt 1976 S. 76. 17 Genesis 28. 18 Demian 19 Materialien zum "Steppenwolf", in: Hessekommentar S. 183. 20 Siehe H. Hark: "Die Heilkraft der Träume", Kösel München 2000 S. 63. 21 Demian S. 95. 22 Demian S. 177. 23 Demian 5. 176. 24 Demian S. 191 25 W. Jahnke: Hesses "Frau Eva" und "Die Maria der geheimen Offenbarung", in: Materialien zu Hesses Demian S. 254 26 J. Rattner in: Materialien (wie Nr. 25) S. 259. 27 H. Hesse: Siddhartha, Suhrkamp TB Nr. 3370 S. 99. 28 H. Küng: Ja zum Weltethos, Piper-Verlag München 1995. 29 B. Zeller (wie Nr. 16) S. 64 30 B. Zeller S. 93 31 Kommentar (siehe Nr. 4) S. 165. 32 Siddhartha S. 99. 33 Kommentar S. 166. 34 Siddhartha S. 110. 35 H. Hesse: Morgenlandfahrt, Suhrkamp TB 750 S. 15. 36 E. R. Curtius: Hermann Hesse, in: Über Hermann Hesse 1. Bd. Suhrkamp TB 331 S. 223. 37 B. Zeller S. 127 f. 38 B. Zeller S. 129. |
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