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Jung sein heute – Befindlichkeiten, Chancen und Grenzen der Jugend |
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Einleitung In seiner Erzählung "Unterm Rad" (1903 verfasst) schildert Hermann Hesse das Leben des etwa 12- bis 13jährigen Hans Giebenrath. Sie trägt unverkennbar autobiographische Züge, da Hesse 1890 im Alter von 12 Jahren von seinen Eltern nach Göppingen zur dortigen Lateinschule gebracht wurde. Hier sollte er sich auf sein Landexamen vorbereiten, welches er auch ein Jahr später bestand und daraufhin in das Seminar nach Maulborn wechselte. Als Jugendforscher bemerkte ich bei der Lektüre folgendes: Jugend galt noch vor einhundert Jahren, d.h. um die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, keineswegs als gesellschaftlich zugestandener Raum der Freiheit, in welchem man eigene, lebensphasentypische Erfahrungen sammeln konnte. In den Städten werden aber von der Pädagogik bereits die "Halbstarken" entdeckt, ein Begriff, der nach 1945 wieder zur Charakterisierung von sich im öffentlichen Raum auffällig verhaltenden Jugendlichen aufgegriffen wurde. "Halbstarke" waren junge Männer, die auf der Suche nach Arbeit vom Dorf in die Stadt gekommen waren. Ohne feste Anstellung hingen sie aber in den Städten herum und galten als Bedrohung für die Sicherheit. Gleichzeitig waren zu dieser Zeit die schulisch organisierten Bildungsphasen recht kurz. Entsprechend rudimentär waren Kindheits- und Jugendphase entwickelt. Einzig in den sogenannten besseren Kreisen existierte eine Gruppe "junger Herren", die noch am ehesten in den Genuss der Attribute kamen, die wir heute mit der Jugendphase verbinden. Höhere und längere Bildung war damit ein Privileg der Oberschicht. In den unteren Schichten hingegen galt das Prinzip des informellen Lernens. Wen es bspw. um die Frage ging, ob man Schreiber oder Schlosser werden sollte, dann fragte man einen Schulfreund um Rat bzw. beugte sich den im Verwandten- und Bekanntenkreis gegebenen Möglichkeiten. Griebenrath entscheidet sich für den Beruf des Schlossers, u.a. auch deshalb, weil Technik in der Zeit der sich stürmisch entwickelnden Industriegesellschaft für Männlichkeit und Stärke stand. Was damals für Metallberufe galt, wird heute mit Berufen in der Branche der Computertechnik assoziiert: Zukunft, Fortschritt und Wohlstand. Die Relevanz von Informationen, die von Altersgleichen (Peers) kommen, ist ebenfalls erhalten geblieben. Allerdings ist es heute bei weitem einfacher, das eigene Dorf zu verlassen, um seine beruflichen Wünsche zu erfüllen. Tabelle 1 stellt die Chancen von Jugendlichen zu drei historischen Zeitpunkten gegenüber. Ersichtlich ist, wie sich Vorgaben aufgelöst haben, Optionen gewonnen wurden und Ungleichheiten (z.B. zwischen den Geschlechtern) verschwanden. Jugend wird in der modernen Gesellschaft zur Übergangsphase, die irgendwo zwischen einer alimentierten und einer eigenständigen Existenz steht. Dieser Lebensabschnitt wird öffentlich wahrnehmbar gemacht, was wir an der Fülle der zirkulierenden Bilder ablesen können, die uns suggerieren, dass Jugendliche andere Kleidung tragen, andere Musik hören und andere Dinge tun als die Erwachsenen. Sie teilen ihren Wunsch nach Distinktion von älteren Generationen u.a. über Großveranstaltungen (z.B. Raves), Moden oder eigene Handy-Klingeltöne mit. Jugendliche kreieren damit ihre Welt und greifen auf die vielfältigen Optionen, die eine moderne Gesellschaft bietet, zurück. Sie 'stylen' ihre Fahrzeuge, eignen sich neue Gadgets (Handy, Internet) an oder fordern ihre Rechte (Bildung, Beruf, Geld) bei ihren Eltern oder staatlichen Institutionen ein. Jugendliche von heute sind technisch interessierte und sehr kommunikative Menschen. Sie kennen sich mit neuester Technik aus, sie sind innovativ, kreativ und geschickt, was in verschiedenen Namensgebungen berücksichtigt wird. So liest man z.B. von der 'Generation SMS', der 'Generation @' oder der 'Internetgeneration'. Dabei steht die Jugend für Hoffnung und Zukunft, wenn man ihre starke Verbundenheit mit der Technik betrachtet, andererseits bereitet sie auch Sorgen, so z.B. wenn die PISA-Studie auf ihre Schwächen bzgl. des schulischen Lernens hinweist. Im folgenden möchte ich diese Ausführungen zur heutigen Jugendphase noch etwas ergänzen. Daran schließt sich ein Exkurs an, der erläutert, warum Jugend und Technik in der modernen Gesellschaft so häufig zusammengebracht werden. Schließlich werde ich zeigen, inwieweit der Jugendalltag tatsächlich von Techniken durchdrungen ist und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind. Jugend heute Wodurch unterscheiden sich Jugendliche von den restlichen Mitgliedern der Gesellschaft? Was ist das ihnen Eigene, Typische? Die Jugendsoziologie greift zur Charakterisierung dieser Altersgruppe im Wesentlichen auf sechs Dimensionen zurück: (1.) In erster Linie lassen sich Jugendliche natürlich durch ihr Alter kennzeichnen. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 setzt stufenweise die Grenzen wie folgt fest: Als Kinder gelten Personen bis 14 Jahre, als Jugendliche solche zwischen 14 und 18 Jahren und als volljährige Jugendliche Personen zwischen 18 und 27 Jahren. Die gesetzliche Festlegung bestimmt damit auch über den Zeitpunkt der juristischen und politischen Mündigkeit, d.h. z.B. über den Zeitpunkt der Erlangung von Strafmündigkeit, von Fahrzeugführtauglichkeit oder von Mitentscheidungsfähigkeit (z.B. bei Wahlen). An diesen starren Regelungen entzündet sich mittlerweile Kritik, die sich u.a. auch aus Ergebnissen der empirischen Forschung speist. Fragt man bspw. junge Menschen mit 27, ob sie sich als Erwachsene sehen, so bejahen dies nur zwei Drittel. Das andere Drittel rechnet sich weiterhin den Jugendlichen zu (vgl. Achatz u.a. 2000). Dehnt sich das Jugendalter einerseits somit über das Alter von 27 Jahren hin ins Erwachsenenalter aus, dringen andererseits die Anforderungen an Erwachsene auch immer weiter ins Jugendalter ein, z.B. wenn es darum geht, die notwendigen Schritte für den Erwerb beruflicher Fähigkeiten zu ergreifen. Gleichzeitig sind kognitive Kompetenzen heute bereits im frühen Jugendalter entwickelt, die Voraussetzungen für Mündigkeit sind bei den meisten Jugendlichen schon mit 14 Jahren erfüllt. Dies alles trägt dazu bei, dass man Jugend eben nicht nur anhand des Alters festmachen darf, sondern auch andere Dimensionen berücksichtigen sollte. (2.) Jugendliche bilden im Zeitverlauf eine Generation. Im Jahre 1928 definierte der deutsche Soziologe Karl Mannheim eine Generation als Erlebnisgemeinschaft und griff dabei auf die Arbeiten von Wilhelm Dilthey zurück. Mitglieder einer Generation teilen demnach zeitgeschichtliche Erfahrungen miteinander, die Bewusstsein, Denken und Handeln formen und die besonders in der Sozialisationsphase wirken. Die Zeit der Kindheit und Jugend stellt in diesem Sinne eine formative Phase dar, in der geteilte Erlebnisse die spätere Entwicklung beeinflussen. Solche gemeinsamen Erlebnisse sind heute die technischen Informationssysteme wie Computer, Internet oder Handy.1 Für die Jugendgeneration der 50er und 60er Jahre waren es vermutlich Mopeds und Plattenspieler. Indem Jugendliche die neuesten Techniken aufgreifen, knüpfen sie Gemeinsamkeiten untereinander und bestimmen die eigene und die gesellschaftliche Zukunft. Jugend wird so zum Träger des sozialen Wandels. Statt mit einem Generationenkonflikt wie noch in den 60er Jahren haben wir es heute allerdings mit einem recht friedlichen Nebeneinander der Generationen zu tun. Die ältere Generation bewundert sogar bisweilen die digitalen Kompetenzen der Jüngeren, die sich selbst kaum um das Schicksal der Älteren kümmern. (3.) Zur Beschreibung von Jugend gehört auch die Ablösung vom Elternhaus und das Eingehen neuer Bindungen. Die Heranwachsenden verlassen die Obhut der Herkunftsfamilie und übernehmen Verantwortung für sich selbst und für einen Lebenspartner, ggf. für Kinder. Ablösung und Neubindung steht synonym für die Übergangsphase der Adoleszenz. Der Ablösungsprozess verläuft in mehreren Stufen, wobei der Gleichaltrigengruppe (Peers) eine entscheidende Rolle zufällt. Sie vermittelt zwischen Familie und Schule bzw. Arbeitsleben. Wir wissen, dass der Prozess der Ablösung vom Elternhaus heute im Vergleich zu den Gründungsjahren der Bundesrepublik verzögert stattfindet: Fast die Hälfte der 16-29jährigen lebt noch bei den Eltern. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt für Frauen bei 28, für Männern bei 30 Jahren. Vor einhundert Jahren war die Situation ähnlich, weil v.a. ärmere Menschen als Singles lebten bzw. als Onkel oder Tante weiterhin am elterlichen Hof blieben. (4.) Bereits beim ersten Kriterium, dem Alter, wurde die juristische und politische Eigenständigkeit angesprochen. Wichtig ist hier das Wahlrecht, das Recht, Verträge zu schließen oder den Führerschein zu erwerben. Damit erschließen sich den Jugendlichen neue Aktionsräume. Politische Teilhabe ist jedoch nicht streng an Altersgrenzen gebunden. Jugendliche gehören der jüngsten Gruppe in der politischen Auseinandersetzung an. Sie artikulieren ihre Interessen auch jenseits institutionalisierter Pfade, indem sie z.B. Umweltschutzorganisationen beitreten, an Demonstrationen teilnehmen oder lokale Initiativen starten. Auch die in letzter Zeit häufiger diagnostizierte Politikverdrossenheit kann als spezifische (Nicht)Beteiligungsform von Jugendlichen interpretiert werden, da sie oftmals große Sorgen bei den Politikern auslöst und zum Nachdenken anregt. (5.) Jugend ist im Sinne ihrer Übergangslage eine Zeit der Bildung und Ausbildung und damit auch der Vorbereitung auf einen Beruf, der eigenes Einkommen und Unabhängigkeit ermöglicht. Zu verzeichnen ist heute ein Trend zum längeren Verbleib in Bildungsstätten und insgesamt zu höheren Bildungsabschlüssen. So ist bspw. das durchschnittlicher Alter bei Beginn der Berufsausbildung zwischen 1970 und 1995 von 16,5 auf 19 Jahre gestiegen. Von den 15- bis 20jährigen befanden sich 1960 fünfundsiebzig Prozent in einer Lehre oder einem Ausbildungsverhältnis, waren also nicht mehr Schüler. Heute trifft dies nur noch af 30 % aus dieser Altersgruppe zu. Die Schüler- oder Studentenexistenz wird zur vorherrschenden Lebensform junger Menschen in Deutschland (Tully 2001). Etwa ein Drittel der Schulabgänger hält eine Hochschulzugangsberechtigung in der Hand, der Hauptschulabschluss wird zum Randphänomen. (6) Jugendlicher sein betrifft nun nicht nur die soziale Stellung, sondern ebenso die körperliche Veränderung. Auch hier findet ein Übergang vom Kindsein zum Erwachsenensein statt, insofern die Geschlechtsreife einsetzt und damit Umorientierungen im Hinblick auf die eigene Identitätsgebung verbunden sind. So wie bei Hesse Griebenrath, so treibt auch heute Heranwachsende die eigene, sich dramatisch verändernde Körperlichkeit um. Dies gilt auch, was oft ausgeblendet wird, unter dem Eindruck technisierter Umwelten. Jugendliche haben eine physische Präsenz und vieles in ihrem Leben dreht sich um deren Beschaffenheit bzw. Präsentation. Eine der wichtigsten Veränderungen der letzten einhundert Jahre betrifft die Vorverlagerung der Pubertät: So setzt die Menarche heute um das 12. Lebensjahr herum ein (Seiffge-Krenke 1997). Im Jahr 1840 lag das Durchschnittsalter noch bei 17 Jahren. Insoweit sind Personen, die im körperlichen Sinne bereits erwachsen sind, vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen noch immer Kinder. Es zeigt sich erneut, dass das Alter allein nicht das einzige Definitionskriterium für Jugend sein kann. Man kann deshalb schlussfolgern: Jugendliche sind zwar Personen in einem bestimmten Alter (zwischen 10 und 30 Jahren). Sie praktizieren aber darüber hinaus eigene Lebensstile, die sich in Einstellungen und Verhaltensweisen von anderen Generationen unterscheiden. Ihr Lebensunterhalt ist in der Regel alimentiert, weil sie sich zum Großteil noch in Bildungsinstitutionen aufhalten. Die Lebensphase Jugend endet, wenn eigene, dauerhafte Lebensgemeinschaften etabliert werden und eigenverantwortliche Teilhabe am Gesellschaftssystem möglich ist. Die Rede von 'der Jugend' greift trotzdem ins Leere, weil es eine einzige Jugend nicht gibt, sondern verschiede Lebensstile gepflegt werden. Dies liegt nicht unwesentlich an immer noch bestehenden sozialen Ungleichheiten z.B. zwischen Männern und Frauen, Land- und Stadtbewohnern, Reicheren und Ärmern, die die Chancen der Jugendlichen erheblich vorstrukturieren. Jugend, Technik und Gesellschaft Was haben diese drei Begriffe gemeinsam bzw. welche Denkfigur vermag es, sie zu verbinden? Technik, so die Idee, steht für Zukunft und für noch nicht vollständig ausgeschöpfte Anwendungsmöglichkeiten. Die ihr oftmals zugeschriebene Potentialität teilt sie mit der Jugend als künftig herrschender Generation. Vermutlich ist dies auch der Grund dafür, dass sich Umfragen immer wieder dem Verhältnis der jungen Menschen zur Technik zuwenden. Technik steht für Fortschritt und Jugend für Zukunft – beides zusammen, so die Hoffnung, trägt Garantie für eine allen Herausforderungen gewappnete Gesellschaft. Bereits Auguste Comte (1798-1857), französischer Philosoph und Soziologe, spekulierte vor gut eineinhalb Jahrhunderten über die Entwicklungsdynamik von Gesellschaften. Innovationen, so seine Vermutung, werden hauptsächlich von den Jüngeren aufgegriffen. Fortschritt ist für ihn dann das Produkt sozialer und technischer Neuerungen, die zunächst von jüngeren Altersgruppen getragen werden. Ein rascher Generationenwechsel würde, so die Empfehlung Comtes, die soziale Entwicklung positiv beeinflussen. Dieses Bild scheint auch heute noch zu stimmen: Jugendliche sind Trendsetter. Dies gilt für Mode nicht weniger als für Technik. Jugendliche beherrschen den fachkundigen Umgang mit neuen Geräten als erste und erschließen dabei neue Anwendungsgebiete.2 Die Erfahrungen der Jugendlichen werden in erster Linie durch die Vielzahl der elektronischen Gadgets geformt. Die technischen Umwelten werden als gegeben hingenommen, die zudem einen wichtigen Beitrag bei der Bewältigung der Aufgaben des Jugendalters leisten können. Technik erweist sich als nützlich, egal ob es ums Kommunizieren, Musik hören, Filme downloaden oder die eigene Mobilität planen geht. Die Beherrschung der Technik sichert weiterhin im Kreis der Freunde und in der Erwachsenenwelt Reputation. Und für den Rest der Gesellschaft ist diese Technikverbundenheit ohnehin Garant für fortschreitende Modernisierung. Ausgewählte Befunde zur Technik im Jugendalltag Verschiedene Umfragen zu Jugend und Technik sind u.a. zu folgenden Ergebnissen bzgl. der reinen Verfügbarkeit über Artefakte gekommen:
In einer am Deutschen Jugendinstitut in München durchgeführten Befragung zum Stellenwert von Informationstechnologien äußert sich ein Mädchen wie folgt: "Ich hab zwei Telefone und ein Handy [...] So kann ich mit zwei Leuten gleichzeitig telefonieren und mit'm Handy mit drei." Es lohnt sich hier nachzurechnen und die Anzahl der Telefonapparate mit der Anzahl an Ohren zu vergleichen. Das Mädchen denkt hier sicher nicht an eine Konferenzschaltung. Sie weist lediglich auf die gewachsenen Möglichkeiten der Kommunikation und die Notwendigkeit kommunikativer Einbindung hin. Wer nicht telefonieren kann, gehört nicht dazu. Und da hat man zur Vorsicht lieber einen Apparat zuviel. Ähnliches indiziert ein anderes Interview: "Ohne Handy könnte ich ja nicht ausgehen, ich wäre ja nicht erreichbar", sagt ein 17jähriger Junge, der weiterhin von einem Mädchen berichtet, das in den Ferien bis zu sechs Stunden telefoniert und aufgrund vieler SMS-Nachrichten höchste Wertschätzung in ihrer Freundesgruppe besitzt. Nur mit ihr könne man sich nie verabreden, klagt der Junge, "weil die ja immer telefoniere". Nun sagt die Anzahl der Apparate noch nichts über die Nutzung und die Bedienungskompetenz aus. Hierzu noch weitere Befunde:
Es lässt sich darüber hinaus zeigen, dass sich die Lebenswelten von Jungen und Mädchen bezüglich der Ausstattung mit und der Nutzung von digitalen Apparaten im Großen und Ganzen nicht unterscheiden. Junge Frauen und Männer leben gleichermaßen in vernetzten und verkabelten Welten. Neben den funktionelle Eigenschaften der Techniken geht es beiden Geschlechtern auch darum, den Symbolwert der Artefakte auszunutzen, die sich z.B. zur Darstellung eines bestimmten Lebensstils oder einer Gruppenzugehörigkeit 'entfremden' lassen. Symbolizität, Ästhetik und Spaß spielen für Jugendliche eine große Rolle beim Einsatz von Techniken. Deshalb soll es an dieser Stelle auch nicht darum gehen, die einzelnen Anwendungsbereiche von Internet, Handy oder Computer zu erläutern. Viel wichtiger ist, auf die hintergründige Präsenz von Technik bei den vielen alltäglichen Handlungen aufmerksam zu machen. Der Gebrauch der Gadgets sozialisiert und wirkt dauerhaft formend, was im Hinblick auf zwei Beispiele illustriert werden kann: Einerseits verändert sich das Verabredungsverhalten. Ein Zitat aus der eigenen Forschungsarbeit mag dies verdeutlichen: "Das Problem beim Handy ist aber schon, dass ich, weil ich keins habe, auch viele Sachen verpasse. Weil 90% meiner Freunde ein Handy haben, und bei denen läuft alles über SMS ab, und da werd ich schon mal leicht unabsichtlich vergessen." In anderen Interviews kam zusätzlich zum Ausdruck, dass Verabredungen nun viel flexibler und unverbindlicher gehandhabt werden können: "Da geht man jetzt bei jungen Leuten dazu über, wenn man am Wochenende irgendwo hinfahren möchte, zu einer Disco usw., man macht das nicht vorher aus, wie man das beim Festnetz-Telefon gemacht hat, sondern da heißt es, wir fahren dann los und während dem Fahren machen wir das per Handy aus." Ein zweites Beispiel betrifft die Form der Aneignung, welche sich möglicherweise auf andere Bereiche generalisiert. Moderne Technik kann aufgrund der Vielfalt der Anwendungsoptionen meist nur spielerisch erkundet werden. Wenn ein Computer mehre Nutzungsmöglichkeiten offen lässt, z.B. Texte schreiben oder Musik machen, dann muss der Nutzer selbst über Sinn und Unsinn einer Anwendung entsprechend den eigenen Präferenzen entscheiden. Er greift dann je nach Wunsch und Situation auf eine bestimmte Option zurück, die er vorher durch spielerische Nutzung kennen- gelernt hat. Diese Form des Umgangs mit moderner Technik nenne ich "informelle Kontextualisierung" (Tully 2000). Möglicherweise ist diese Art der Auseinandersetzung mit der Welt auch mit anderen Lebensbereichen kompatibel, bspw. der Organisation des Privatlebens. Erkundung, Neugier, Spiel und Kontextualisierung umschreiben die Lebensart der heutigen Jugendgeneration. Der Umgang mit neuer Technik ist aus diesem Grund auch nur bedingt formalisierbar und im Rahmen schulischer Curricula vermittelbar. Lehrer dienen höchstens als Moderatoren, die die individuelle Aneignung begleiten und professionell unterstützen. Der soziale Alltag der Jugendlichen wird aber auch in anderer Hinsicht verändert:
Mit der Allgegenwart der technischen Artefakte sind somit auch Gefahren verbunden. Jugendliche telefonieren, surfen oder spielen am Computer dann, wenn ihnen langweilig ist. Sie suchen Zerstreuung in einer virtuellen Welt, die einfach und angenehm erscheint. Soziale Komplexität wird so ausgeblendet. Was nicht gefällt, wird weggezappt. Die Jugendlichen erleben möglicherweise eine gravierende Diskrepanz zwischen dem Leitbild des easy-goings der Hard- und Software und dem realen Alltag. Die Apparate versprechen Spaß und Annehmlichkeit. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus: Digitale Fertigkeiten garantieren noch keine soziale Einbettung, sondern helfen höchstens, die Exklusion zu vermeiden – ganz so wie das Handy für Kommunikation wichtig ist, ohne sie zu garantieren. Auf die Gefahren und den Umgang mit ihnen möchte ich deshalb in einer abschließenden persönlichen Einschätzung vertieft eingehen. Schluss Technik hebt vertraute Bezüge auf, sie dekontextualisiert anstatt zu verorten. Die wachsende Unverbindlichkeit der Kommunikation ist hierfür symptomatisch. "Wir telefonieren dann noch mal" ist stehender Ausdruck dafür, das die Optionalität die Verlässlichkeit verdrängt. Die Probleme der Jugendlichen, die durch die technischen Apparate in die Welt gesetzt wurden, lassen sich niemals technisch, sondern immer nur sozial lösen. Was ist also notwendig? Jugendliche sind heute ebenso wie früher auf professionelle Supervision und Unterstützung angewiesen. Mit der Zunahme der Spielräume, die die Freizeit- und Zerstreuungsindustrie schaffen, schwinden die aktiv gestalteten Räume authentischer Selbstentfaltung. Eine entsprechende Sensibilität dafür, was Artefakt, was Soziales ist, wird unter diesen Bedingungen nicht ausgebildet. Die Verwechslung technischer und sozialer Standards ist unvermeidlich. Ebenso leben die Jugendlichen mit den Widersprüchen medialer Versprechungen und realer Anforderungen. Die Soap-Operas der Vorabendprogramme stehen im Kontrast zur eigenen Situation, Selbstzweifel und Verunsicherung gehören zum Aufwachsen. Deswegen gilt es, Jugendliche bei der Entwicklung eines realistischen Gesellschaftsbezugs zu helfen. Zur Verortung in der realen Welt, für den Entwurf von Ideen, zur Mitteilung von Emotionen und Empfindungen dürften m.E. Geschichten wie von Giebenrath wichtig sein. Diese regen die eigene Phantasie an, machen uns Schicksale verständlich, Leben verständlich. Ich denke, wenn wir über Jugend sprechen, dann müssen wir hinschaun, hinhören und uns fragen, was Sache ist und was dahinter steckt. Dieses Anliegen, so denke ich, teilt die Jugendsoziologie mit Hermann Hesse, der Freiraum fürs Aufwachsen anmahnt. Heute kann Jugend über relativ große Freiräume verfügen, die über Jugendkultur, eigene technische Objekte oder eigene Konsumgewohnheiten abgesteckt sind. Diese Freiräume können aber auch überfordern. Das Leben in der Multioptionsgesellschaft bedeutet, sich ständig entscheiden zu müssen, größere Eigenverantwortung ist angesagt. Jugendliche müssen lernen, in einer sozial akzeptablen Weise mit diesen Optionen umzugehen. Jugend muss sich in der von ihr vorgefundenen Welt zurecht finden. Dies unterscheidet sie aber nicht von vorangegangenen Generationen, die ihre Probleme gelöst haben. Ich denke, auch die heutige Jugend wird mit der notwendigen Unterstützung ihre Herausforderungen bestehen. 1 Kürzlich sagte mir eine Studentin im Seminar, dass auch z.B. IKEA Bestandteil der kollektiven Erfahrungen von Jugendlichen heute ist. Denn egal bei welchen Freunden man sich gerade einfindet, es sieht doch überall recht ähnlich aus. 2 Hier sein nur an die Erfolgsgeschichte der Handy-Kurzmitteilungen (SMS) erinnert. Diese wurden entwickelt, damit Geschäftsleute auch dann erreichbar sind, wenn sie sich in Funklöchern befinden. Akzeptanz und Nutzung hat der SMS-Service aber vor allem bei Jugendlichen erfahren. Literaturverzeichnis Achatz, J. u.a. (2000): Heranwachsen im vereinten Deutschland. Lebensverhältnisse und private Lebensformen. In: Gille, M./ Krüger, W. (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29jährigen im vereinigten Deutschland. Opladen, S. 33-80. Fend, H. (2001): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Opladen. Mannheim, K. (1928): Das Problem der Generationen. In: ders., Wissenssoziologie. Berlin, S. 509-565. Seiffge-Krenke, I. (1997): Zu viel – zu früh? Zur Akzeleration im Jugendalter. In: Diskurs, S. 12-17. Tully, C.J. (2000): Jugendliche Netzkompetenz: just do it – Surfen im Cyberspace als informelle Kontextualisierung. In: Marotzki, W./ Meister, D.M./ Sander, U. (Hrsg.), Zum Bildungswert des Internet. Opladen, S. 189-216. Tully, C.J. (2001): Jugend und junge Erwachsene – Zu den Räumen, die Bildung Jugendlichen eröffnet. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.), Die nächste Generation. Soest, S. 42-66. Anhang Tabelle 1: Optionen der Lebensplanung für Jugendliche im Zeitvergleich (Quelle: Fend 2001, S. 157) 1800
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