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Spurensuche – Hermann Hesse in Bern |
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Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse" |
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Wo beginnen mit dem Thema Hesse in Bern? Es sind darüber etliche Bücher geschrieben worden – wie über alles oder fast alles, was den Dichter betrifft. Die Masse an Sekundärliteratur schreckt eher ab. Und was erwarten Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, von mir? Meinen Namen haben Sie vermutlich zum ersten Mal im Programm gelesen, und ich bin keine Hesse-Kennerin. Natürlich habe ich viel von Hesse gelesen, das Meiste jedoch in frühen Jahren, als ich davon träumte, eines Tages selber ein Buch zu schreiben. Seit ich mich mit Hesse und seinem Aufenthalt in Bern näher beschäftige, fallen mir Namen und Orte auf im Zusammenhang mit dem Dichter, die auch für mich wichtig sind. Was ist im heutigen Bern noch vorhanden von Hermann Hesse – außer den Manuskripten, Briefen und Aquarellen im Literaturarchiv der Schweizerischen Landesbibliothek? Ich versuche, Sie an meiner subjektiven Spurensuche teilhaben zu lassen. Auf Umwegen bin ich Schriftstellerin geworden, kann jedoch nicht vom Schreiben leben und halte mich immer wieder durch Teilzeitjobs über Wasser. Mein Mann – als Liedermacher, Fotograf und Kleinplastiker ohne festes Einkommen – und ich führen eine Künstlerehe. Wir proben ständig den Ernstfall, wie wir das nennen, und unsere Tochter hat ebenfalls einen künstlerischen Beruf gewählt und ist Tänzerin geworden. Auch Hesse litt, jedenfalls in den frühen Jahren, unter permanenten finanziellen Sorgen, besonders zur Zeit, als er in Bern lebte, drei Kinder ernähren musste und der Erste Weltkrieg ausbrach. Zwei Jahre lang, von 1998 bis 2000, habe ich als Wärterin im Bernischen Historischen Museum gearbeitet. Das schlossähnliche Gebäude mit dem Park am Helvetiaplatz hat mir schon immer gefallen – und vor allem die berühmten vier flämischen Tapisserien, genannt Cäsarteppiche, Mitte des 15. Jahrhunderts im Besitz der Herzöge von Burgund und der Bischöfe von Lausanne. Oder der "Tausendblumenteppich", ein zu zwei Dritteln erhaltener Teil von ursprünglich 8 Teppichen; in der Schlacht bei Grandson wurde er von den Bernern erbeutet. Der burgundische Herzog Philipp der Gute gab den Teppich 1466 bei Jehan le Haze in Brüssel in Auftrag. Die blühende Blumenwiese stellt den Paradiesgarten dar. Was hat das mit Hesse zu tun? Im November 1900 unternahm Hesse als 23-Jähriger seine erste Reise nach Bern. Er schrieb seinen Eltern nach Calw: "Alles sieht patrizisch, konservativ und nobel aus, ohne doch über das Bürgerliche irgend hinauszugehen. Von neuen Sachen ragen das Parlamentsgebäude, die Brücken, das historische Museum, der Münsterturm und das Kornhaus hervor ..." Das Bernische Historische Museum wurde einige Jahre zuvor, 1892 bis 94, erbaut und muss Hesse stark beeindruckt haben, denn im "Hermann Lauscher" steht: "Wir gingen nun zusammen durch die Strassen, erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten Wanderung im Keller des Kornhauses." 1 In meinem Kriminalroman "Café de Préty" spielen die Burgunderteppiche ebenfalls eine wichtige Rolle – aber nicht etwa wegen Hermann Hesse, sondern weil sich mir die Tapisserien in unzähligen im Museum verbrachten Stunden tief eingeprägt haben. Wenn ich morgens mit dem blauen Bähnchen am Historischen Museum vorbeifahre – von Worb, meinem Wohnort, eine knappe halbe Stunde außerhalb der Stadt Richtung Emmental her – , blicke ich zum Gebäude hinüber und in den Park, wo die echten Blumen wie auf dem berühmten Teppich blühen. Manchmal denke ich an den jungen Hesse und seine ersten Eindrücke von Bern. Von außen hat sich das Historische Museum kaum verändert – nur an den Bäumen, die unheimlich gewachsen sind, erkennt man, dass seit Hesses erstem Berner Besuch fast ein Jahrhundert vergangen ist. Übrigens hat auch Picasso bei einem Besuch im November 1937 in Bern, 37 Jahre nach Hesse, dieselben Tapisserien lange mit Bewunderung betrachtet. Eine andere Spur führt via München nach Bern ins Bundeshaus, in den Ständeratssaal, wo ein Monumentalbild des Schweizer Malers Albert Welti2 hängt, das "Die Landsgemeinde" darstellt. Hesse lernte Welti 1904 in München kennen und zugleich den bescheidenen Ernst Kreidolf3, ebenfalls Kunstmaler. Kreidolf, ein gebürtiger Berner, wurde erst spät vor allem durch seine Bilderbücher berühmt. Vor einigen Jahren erhielt ich den Auftrag, die Autobiographie von Ernst Kreidolf: "Lebenserinnerungen – Schicksalsträume"4 zu bearbeiten. Aus den Aufzeichnungen dieses begabten Erzählers erfuhr ich, weshalb Albert Welti 1908 in Bern Wohnsitz nahm: "Der Staatsauftrag, das Landsgemeindebild für den Ständeratssaal im Bundeshaus zu malen, hatte seinen Aufenthalt in der Schweiz nötig gemacht. Die Münchner Freunde ließen ihn ungern ziehen. – Beide schrieben begeistert von ihrer schönen Wohnung am Melchenbühlweg und ließen nicht nach, bis ich auf einige Wochen zu Besuch kam. Da wurden nun Ferien gemacht und alle schönen Orte um Bern herum besucht. Balmer5 wohnte nach mehrjährigem Aufenthalt in Florenz nun auch in der Nähe, in Rörswyl, und alle Fröhlichkeit von früher zog wieder ein in unsern Freundeskreis." Hesse wurde im selben Jahr, als Welti mit seiner Familie am Melchenbühlweg einzog, zum ersten Mal von der Freistudentenschaft der Universität eingeladen, eine Lesung zu halten, und zwar im Grossratssaal des Berner Rathauses. Am Tag danach, am 15. Mai 1908, berichtete die Zeitung "Der Bund", der Saal sei bis auf den letzten Platz besetzt gewesen und Hermann Hesse habe "über ein tiefes dichterisches Empfinden verfügt", während das "Berner Tagblatt" schrieb: "Dass der Dichter des 'Peter Camenzind' seinem illustren Berner Publikum nicht die Ehre erwies, ein schwarzes Röcklein anzuziehen, wollen wir dem hochgeschätzten Gast nicht übelnehmen. Er nahm sich auch so auf dem mit Pflanzen geschmückten Schultheissenthron gut aus. Was uns aber (...) schon etwas verdross war, dass Herr Hesse sich so arg in der Tragweite seines Organs verrechnet hat. In der hinteren Hälfte des Saales war es kaum noch möglich, die vorgetragenen Prosastücke im Zusammenhang zu verstehen (...). Walter Schädelin, Oberförster der Burgergemeinde Bern, später Professor für Forstwirtschaft an der ETH Zürich, besuchte Hesses Lesung und notierte in sein Tagebuch, der junge Dichter "enttäuschte mit seinem äußern drum und dran Viele. Er kam im Touristenkostüm, grauer gestreifter Samt, Kniehosen, rostbraunen Strümpfen und las zt. eintönig mit badischem Akzent." Als Schädelin Hesse dann am nächsten Tag bei einer Einladung von Helene Welti auf dem Landsitz "Lohn" in Kehrsatz persönlich kennenlernte, entstand daraus eine lebenslange Freundschaft. Die Besitzer des "Lohns", das Ehepaar Helene und Friedrich Emil Welti, wurden Gönner von Hesse. (Das elegante Landgut gehört heute der Eidgenossenschaft; es werden dort jeweils Staatsempfänge durchgeführt.) Albert Welti, noch keine fünfzig Jahre alt, litt an Herzbeschwerden und Erstickungsanfällen und musste sich schonen. Im Herbst 1911 begleitete Weltis Frau den ältern Sohn Berthel nach München, wo er in die Kunstgewerbeschule eintreten sollte; bei diesem kurzen Aufenthalt in München brach sie auf einem Vorortsbahnhof tot zusammen – ein schwerer Schlag für Albert Welti. Zum 50. Geburtstag Weltis im Februar 1912 verlieh ihm die Universität Bern den Ehrendoktor, aber er musste sich bald darauf in Spitalpflege begeben. Die Ärzte stellten eine Aortaerweiterung und Aderverkalkung fest; damals bedeutete eine solche Diagnose das Todesurteil. Der Maler verbrachte die letzten Monate seines Lebens bei seiner Mutter in Zürich und starb dort im Juni desselben Jahres. Nach Weltis Tod stand seine Wohnung am Melchenbühlweg 26 leer. Hesse fuhr im Juni 1912 zur Beerdigung seines Freundes nach Bern, und da er ohnehin eine Bleibe für sich und seine Familie suchte, sah er sich das Haus an – und mietete es ab September. Bis 1919, also rund sieben Jahre, lebte Hesse dort zuerst mit seiner Frau und seinen Söhnen, zuletzt noch allein, bevor er ins Tessin zog. Das Landgut am Melchenbühlweg 26 hieß im 18. Jahrhundert "Größere Matte", im 19. Jahrhundert "Äußere" oder "Hintere Schosshalde". Als es 1836 in den Besitz der – inzwischen ausgestorbenen – Berner Familie Ougspurger kam, auch Ougspurgergut. Das "Ougspurgergut", kommt bereits in den berndeutschen Büchern "Veteranezyt" und "Jä gäll, so geit's" von Rudolf von Tavel vor. Hesse wurde später bei der Kriegsgefangenenfürsorge ein enger Mitarbeiter dieses Berner Schriftstellers und Journalisten. Auch Hesse hat die Campagne, in der er gewohnt hat, literarisch verwertet: Das Haus hat Modell gestanden für sein Romanfragment "Haus der Träume" und diente zum Teil auch als Schauplatz für das Haus des Malers Johann Veraguth im Ehe-Roman "Rosshalde". Hesse besaß kein Auto. Vom Melchenbühlweg bis zur nächsten Tramhaltestelle musste er gut zwanzig Minuten zu Fuß gehen. Noch heute liegt das aristokratisch wirkende Landhaus etwas abgelegen, idyllisch, mit wunderbarer Aussicht auf die Vorberge und die Alpen. Hesse hat es so präzis beschrieben, dass man es sofort erkennt, wenn man davor steht. Aber ich hatte zwiespältige Gefühle, als ich vor einigen Monaten um das Haus schlich, das heute vermutlich von begüterten Leuten bewohnt wird. Jedenfalls ist die bernische Campagne mit dem großen, kunstvoll symmetrisch angelegten Garten und den vielen Obstbäumen sorgfältig renoviert – ein wunderbares altes Haus, denkt man auf den ersten Blick. Und doch ... Habe ich mich von der schwierigen Zeit, die Hesse dort verbrachte, von der in "Rosshalde" beschriebenen Atmosphäre oder dem allzu frühen Tod des Ehepaars Welti beeinflussen lassen? Hesse, der sich zuerst dagegen wehrte, ausgerechnet im Haus des verstorbenen Freundes zu wohnen, schrieb selbst: "... es roch uns zu sehr nach Tod, und wir suchten auch nach einem andern Unterkommen in der Nähe Berns, aber es fand sich nichts, was uns gefallen hätte. Das Weltihaus war nicht Weltis Eigentum gewesen, es gehörte einer Berner Patrizierfamilie, und wir konnten Weltis Miete übernehmen, zusammen mit einigem Hausrat und mit Weltis Wolfshündin Züsi, die ebenfalls bei uns blieb"6. Heute noch strahlt das vornehm wirkende Haus etwas Düsteres, fast Unheimliches aus und mahnt an Szenen, die Hesse im Roman "Rosshalde" beklemmend beschreibt. Vergessen wir nicht: Elektrisches Licht gab es damals nicht, und zuweilen fehlte auch das Petroleum für die Lampen. Der kleine Pierre, der Lieblingssohn des Malers Veraguth, liegt mit Hirnhautentzündung im abgedunkelten Zimmer, erwacht nachts, schreit vor Angst und Schmerzen, braucht Ruhe und muss isoliert werden. Die Mutter pflegt das schwer kranke Kind, bis es stirbt. Im wirklichen Leben ist es nicht viel anders. Martin, der jüngste Sohn von Hesse, erkrankt am Melchenbühlweg ebenfalls an Gehirnhautentzündung. Als das Kind endlich auf dem Weg zur Genesung ist und zur Erholung aufs Land geschickt werden kann, fällt Mia Hesse nach und nach in eine tiefe Depression. Das Familienleben bricht zusammen. Hesses Frau wird 1918 in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die Buben bei Bekannten untergebracht. Und schließlich stirbt auch noch Hesses Vater. Das Haus der Träume ist längst ein Haus der Albträume geworden. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, schwankt Hesse zwischen Patriotismus und Pazifismus. Wegen seiner Kurzsichtigkeit wird er nicht eingezogen, findet jedoch ab 1915 eine Aufgabe: Er wird beauftragt, unter der Obhut des Roten Kreuzes einen Hilfsdienst für Kriegsgefangene ins Leben zu rufen, die Männer mit Lektüre einzudecken und ein "Sonntagsblatt für Kriegsgefangene" herauszugeben – eine ehrenamtliche Arbeit, die ihn voll in Beschlag nimmt, so dass er kaum mehr Zeit für die private Korrespondenz und vor allem auch nicht für das eigene Schreiben findet. Als Hesse nach einer Reise im Auftrag der Kriegsgefangenenfürsorge in Süddeutschland seine Eindrücke in einem Artikel in der "Neuen Zürcher Zeitung" veröffentlicht, wird er in der deutschen Presse als "Drückeberger" und "vaterlandsloser Geselle" beschimpft und versucht sich zu verteidigen. Der Maler Ernst Kreidolf kehrt im Juli 1915 von München an einem Lungenleiden erkrankt in die Schweiz zurück und wird, wie schon zuvor, von Helene und Friedrich Emil Welti im "Lohn" gastfreundlich aufgenommen und wochenlang gepflegt. Anschließend fährt er zur Erholung nach St. Moritz. Er schreibt in seinen "Lebenserinnerungen": "Auch Hermann Hesse hielt sich zwei Monate in St. Moritz auf; mit ihm war ich oft zusammen." Im Mai 1919 zieht Kreidolf endgültig nach Bern und berichtet: "Durch Albert Welti und später durch Dr. Weltis in Kehrsatz hatte ich schon länger gute Beziehungen zu dieser Stadt, die mich ohnehin als meine Geburtsstadt anzog. So war es fast selbstverständlich, dass ich mich, nachdem ich München verlassen, hier niederließ ... Freunde gewann ich bald in Bern. Einige kannte ich bereits. Hermann Hesse lebte damals in der früheren Wohnung Albert Weltis am Melchenbühlweg. Der Oberförster Walter Schädelin, mit dem ich jeden Samstagnachmittag zusammenkam, war ein wertvoller Mensch, hatte Geist und Witz. Auch mit Fritz Brun, dem Musiker und Dirigenten, und seinem Kreis war ich befreundet ..." Hesse "strandete", wie er in "Hermann Lauscher" schrieb, schon bei seinem ersten Berner Besuch im Kellerlokal des Kornhauses. Das Grosse Kornhaus wurde 1711-1715 erbaut7. Vor wenigen Jahren wurde es renoviert und ist nun ein eigentliches Medienzentrum mitten in der Stadt. Im Erdgeschoss befindet sich ein Café, im ersten Stock das Kornhausforum, im 4. Obergeschoss die Kornhausbühne des Berner Stadttheaters. Auf zwei Stockwerken in der Mitte des imposanten Gebäudes sind die städtische Kornhausbibliothek und die Fachbibliothek für Gestaltung untergebracht. Seit anfangs Mai arbeite ich viermal wöchentlich in der Kornhausbibliothek, und zwar als Einräumerin von Büchern, einer wahren Sisyphusarbeit auf der untersten Stufe des Literaturbetriebs. Die früher übliche Stille einer Bibliothek, in der man sich flüsternd zu unterhalten pflegte, gibt es nicht mehr. Hermann Hesse, der Büchermensch, würde staunen über das vielfältige Angebot: 90 000 Medien – Bücher, CD-ROMs, Dokumentarfilme, Videos, DvDs, CDs und Literaturkassetten – und 260 Zeitschriften. Er würde sich in diesem stark frequentierten Medien-Konsumtempel jedoch kaum wohl fühlen. Und trotzdem ist er hier präsent. Jedes Mal, wenn ich Belletristikbände einräume, lenken mich meine Schritte automatisch zum Buchstaben H – Hesse, denn immer werden seine Bücher ausgeliehen, gelesen, zurückgebracht und erneut ausgeliehen. Hesses Werke gehören bekanntlich zu den meist gelesensten der Weltliteratur. Ich kann dies – jedenfalls für Bern – bestätigen. Als Autorin, die auch Berner Mundart schreibt, hat mich interessiert, wie Hesse zum Dialekt in der Schweiz stand. In seiner Kindheit sprach er Basler und schwäbische Mundart. In "Auf der Walze. Aus den Aufzeichnungen eines Sattlergesellen", also eines Jugendwerks, heißt es noch: "In Bern redeten sie Deutsch, aber eine unausgebildete Sorte ..." Doch später wird aus verschiedenen Briefen deutlich, dass Hesse die Mundart sehr schätzte und im August 1900 in Vitznau einmal gar Nachhilfestunden im Aargauer Dialekt nahm. Die Jahre in Bern halfen mit, dass Hesse rasch vertraut wurde mit Berndeutsch. In einem Brief an Karl Jakob schrieb er am 12.2.1954: "Bei uns in der Schweiz ist die schönste und reichste deutsche Mundart die bernische. In Deutschland kennt man sie durch Jeremias Gotthelf. Sie blüht noch lebendig, und es gibt sogar, von einem Lehrer verfasst, eine berndeutsche Nachdichtung von einigen Gesängen des Homer.8" Hesse hat also diese hervorragende Homer-Übertragung von Albert Meyer gekannt und gelesen. Seither sind viele Übersetzungen ins Berndeutsche gemacht worden. Innerhalb der schweizerdeutschen Mundartliteratur nimmt die berndeutsche mit über 2000 Publikationen von 1800 bis zum Jahr 1987 den ersten Platz ein. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Ruth Bietenhard, die mit ihrem Mann zusammen u.a. das "Neue Testament" auf Berndeutsch übertragen hat, ist bekannt geworden durch das "Berndeutsche Wörterbuch"9. Sie hat dieses Basiswerk aufgrund der von Prof. Otto von Greyerz, ihres Großonkels, hinterlassenen Stichwortsammlung verfasst – eine Pioniertat. Bereits 1914 äußerte Hermann Hesse sich lobend über den Aufsatz "Meine Sprachgeschichte" eben dieses Otto von Greyerz. Die 82-jährige Ruth Bietenhard, längst zu einer "Berndeutschinstanz" geworden, hat am letzten 5. Juni im Bärndütsch-Verein einen Vortrag gehalten zum Thema "Wiso uf Bärndütsch übersetze?" (Weshalb auf Berndeutsch übersetzen?) Als Beispiel hat sie ein Gedicht von Hermann Hesse übertragen, und zwar "Welkes Blatt"10. Das tönt so:
Am 1. Februar dieses Jahres, einem sonnigen Vorfrühlingstag, sitzt mir im blauen Bähnchen eine sympathische Frau gegenüber, die wie ich in Worb wohnt. Sie muss gegen Mitte 70 sein, wirkt jedoch weit jünger, und liest viel. Frau Könitzer ist verwitwet und hat dieselbe Mittelschule wie ich besucht. Sie habe heute Geburtstag, verrät sie, und ich frage sie spontan, was sie von Hermann Hesse halte. Hesse sei ihr sehr wichtig, erklärt sie. Während des Krieges habe sie einmal als junges Mädchen am Radio einen Text von ihm gehört, der sie sehr berührt habe, den sie jedoch nirgends habe auftreiben können. Schließlich habe sie es gewagt, Hermann Hesse zu schreiben und ihn zu bitten, ihr die Quelle anzugeben, damit sie sich das Buch kaufen könne. Nach wenigen Tagen sei ein Päckchen eingetroffen mit einem Brief von Hesse. Er freue sich über ihr Interesse – und schicke ihr in der Beilage das einzige noch vorhandene Exemplar des Buches, in dem der 1917 verfasste Text abgedruckt sei. Sie solle Sorge dazu tragen und es ihm zurückschicken. Bis heute, sagt meine Nachbarin, sei "Die Zuflucht" für sie wichtig, ja für ihr ganzes Leben prägend gewesen. Oft habe sie über den Text nachgedacht und in schwierigen Zeiten die von Hesse angesprochene "Zuflucht" gefunden: in sich selbst. "Ich kann nicht immer nur Bücher von heutigen Autorinnen und Autoren lesen", betont sie mit einem schelmischen Lächeln, "sie sind mir zu kurzlebig. Das Meditative bei Hesse hat mich schon in meiner Jugend angesprochen und zieht mich noch heute an." In einem alten Ordner finde ich zwei vergilbte Blätter von mir, 1963 in London getippt: Gedanken zum "Glasperlenspiel". Als 20-Jährige notierte ich: "Seit Jahren wollte ich Hesses 'Glasperlenspiel' lesen, da ich seit jeher eine starke Vorliebe für den 'letzten Ritter der Romantik' hatte; aber irgend etwas hielt mich davon zurück, nicht nur der Rat meines Vaters, dieses Werk nicht zu früh zu lesen, sondern eine Art eigener Erkenntnis, noch nicht reif dafür zu sein. Nach Abschluss meiner Proficiency-Prüfungen, als ich in der Hampstead Library Bücher eintauschte, hatte ich auf einmal ein heftiges Verlangen, wieder einmal ein Werk in meiner Muttersprache zu lesen; mein erster Blick fiel auf das 'Glasperlenspiel' – im richtigen Augenblick. So nahm ich denn das Buch mit, fing abends an zu lesen und verfiel bald dem Zauber von Hesses klarer, inniger Sprache. Ich hatte ganz vergessen, was für eine herrliche Sprache Deutsch ist, genoss jeden Abschnitt, jeden Satz, jedes Wort. Die Persönlichkeit Josef Knechts, des Magister Ludi, fesselte mich; mit atemloser Spannung verfolgte ich sein Leben, Stufe um Stufe, seine Probleme, seine Erkenntnisse. Zu Beginn hegte ich große Zweifel, ob Kastalien wirklich ideal und lebenstüchtig sei, befürchtete, Hesse sei diesmal allzu sehr nur mit Geist beschäftigt, bis ich dann mit größtem Vergnügen Knechts eigene Zweifel verfolgen konnte und vom Ende richtig begeistert war ..." Der vor fast 40 Jahren entstandene kleine Text beweist mir, wie wichtig es ist, Leseeindrücke aufzuschreiben, damit sie nicht vergessen werden. An einem der ersten heißen Juninachmittage dieses Sommers sitze ich auf der Terrasse eines Antiquars für Rechtswissenschaft und Philosophie an der Lindenmattstrasse in Bolligen, einem Vorort von Bern, bei Professor Otto Bareiss, der internationale Bedeutung erlangt hat durch seine Bibliographien von und über Ingeborg Bachmann und Hermann Hesse. Ich möchte von ihm erfahren, wie alles angefangen hat, wie die Bibliographie der Werke über Hermann Hesse11 und seine bedeutende Hesse-Sammlung entstanden sind. Ruhig und überlegen beginnt Otto Bareiss, ein gebürtiger Schwabe, die spannende Geschichte seiner über fünfzigjährigen Beziehung zu Hesse zu erzählen, er hat jeden Namen, jedes Datum im Kopf; ab und zu steht er auf und holt Bücher und Ausstellungskataloge, die er mir zeigt. Als Gymnasiast hat er Hesse durch einen Zufall entdeckt. Jeder Schüler soll einen Vortrag über ein Thema eigener Wahl halten. Bareiss beschließt: "Ich nehme Hermann Hesses 'Narziss und Goldmund'." Obwohl der Deutschlehrer ihm dies verbieten will – der Roman galt in der damals prüden Gesellschaft als Pornographie – , gibt er nicht auf, im Gegenteil, er muss einfach besser sein als sein Lehrer. Er beginnt zu lesen, nicht nur Texte von Hesse, sondern auch über Hesse, und die frühen Werke – vor allem die Erzählung "Unterm Rad" – sind für Otto Bareiss, der ähnlich wie der Dichter das Pech gehabt hat, sieben Mal die Schule wechseln zu müssen, wie ein Spiegelbild. Er identifiziert sich voll und ganz mit dem Dichter. Im Elternhaus Bareiss wohnt zudem ein gelehrtes Ehepaar, Mia und Otto Engel, das mit Hesse befreundet ist und mit diesem einen intensiven Briefwechsel führt, aus dem ihre mutige Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus hervorgeht. Otto Engel wird für den jungen Bareiss, der in Stuttgart eine Buchhändlerlehre und eine Lehre als Buchantiquar absolviert, ein Vorbild und zugleich Mentor. Der 23-Jährige beginnt, intensiv Dokumente von und über Hesse zu sammeln. Er fährt nach Marbach, nach Bern und an die ETH Zürich und erhält Zugang zu den wichtigsten Privatsammlungen in Deutschland. Einzig nach Japan, Kanada und in die USA kann er nicht reisen, führt jedoch mit den dort wichtigen Germanisten und Hesse-Spezialisten Briefwechsel. Das Material wird immer umfangreicher, so dass er die Bibliographie schließlich auf zwei Bände anlegen muss. Durch glückliche Fügungen – Unseld selbst schreibt ein Empfehlungsschreiben und Gustav Eisenmann, Inhaber der Schweizer Papierfabrik in Biberist, beteiligt sich als Mäzen – kann der erste Band 1962 bei Maier-Bader in Basel veröffentlicht werden und ist sogleich vergriffen. 1964 gibt Bareiss den zweiten Band heraus und macht gleichzeitig einen Nachdruck des ersten Bandes, damit das grundlegende Werk wieder vollständig lieferbar ist. Über dreißig Jahre wirkt Otto Bareiss dann als Antiquar mit Schwerpunkt Jurisprudenz in der Buchhandlung Lang in Bern und baut in seiner Freizeit nach und nach mit großer Sachkenntnis, Leidenschaft, Spürsinn, Hingabe und enormem Fleiß seine Privatsammlung von und über Hesse auf. Er bezeichnet sie selbst als "wahrscheinlich die schönste, vollständigste Privatbibliothek auf der ganzen Welt". Volker Michels, der Hesse-Lektor bei Suhrkamp, habe eines Tages bei einem Besuch ausgerufen: "Das ist ja – nein, keine Goldgrube, was du hast: eine Diamantgrube!" Von Anfang an trennt Bareiss geschickt seine beruflichen Interessen – er wollte, betont er, Hesse "für sich" haben. Sein Beruf erleichtert ihm den Zugang zu Hesse-Sammlern und -Spezialisten auf der ganzen Welt; allerdings opfert er enorm viel Zeit, wird eine Art "Auskunftsstelle" in Sachen Hesse weltweit und erhält zahlreiche Aufträge als Gutachter ... Was wie eine kleine Erzählung angefangen hat, weitet sich bei diesem Gespräch in Bolligen zu einem Roman aus, dem Roman eines aufregenden Antiquarenlebens, geprägt von pingeligem Katalogisieren, vom Aufspüren von Erstausgaben und Exoten, von internationalen Freundschaften, sensationellen Funden und dem Zuspiel von einem verschollen geglaubten Originalmanuskript ("Boccaccio"). Otto Bareiss hat sich bezeichnenderweise nie dafür gehalten, mit Hesse in Verbindung zu treten, zu deutlich war ihm bewusst, wie sehr der Dichter unter dem Druck der riesigen Korrespondenz litt. Er schickte Hesse jedoch ein Exemplar der Bibliographie – und erhielt einen Dankesbrief mit einem kleinen Aquarell, zehn Tage vor dem Tod des Dichters. Otto Bareiss hat der Firma Lang über 30 Jahren die Treue gehalten, als auf einmal das Antiquariat der Restrukturierung zum Opfer fällt. Er entschließt sich, selber zu kündigen, bevor ihm gekündigt wird. Aber eine neue Stelle wird er in seinem Alter kaum mehr bekommen. Er beschließt, sich selbständig zu machen, braucht jedoch Startkapital. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich schweren Herzens von seiner Hesse-Sammlung zu trennen – dies wäre wieder eine andere Geschichte und das Loslösen von materiellen Dingen wohl ganz im Sinn von Hesses Lebensphilosophie. Gegen Ende des Interviews kommen wir auf das "Glasperlenspiel" zu sprechen, das zur Zeit, als es erschien – 1943 – eine Art geistiger Nahrung für viele bedeutete und immer noch Rätsel aufgibt. Kritiker bezeichnen den Schluss des Buches vielfach als "schwach". Otto Bareiss teilt diese Meinung keineswegs. Eines Tages hat er sogar herausgefunden, in welchem See Knecht ertrinkt. Bei einem Ausflug nach Kandersteg im Berner Oberland, eine Stunde von der Stadt entfernt, sah er dort den Oeschinensee vor sich – und wusste auf einmal: "Genau diesen See hat Hesse beschrieben, hier muss es sein!" Er sprach Bruno Hesse darauf an und fragte, ob dies möglich sei. Hesses Sohn antwortete: "Ja, natürlich." "Vor ihm lag der kleine See graugrün und unbewegt, jenseits ein steiler hoher Felsabhang, mit scharfem, schartigem Grat in den dünnen, grünlichen, kühlen Morgenhimmel schneidend, schroff und kalt im Schatten. Doch war hinter diesem Grat spürbar schon die Sonne aufgestiegen, ihr Licht blinkte da und dort in winzigen Splittern an einer scharfen Steinkante, es konnte nur noch Minuten dauern, so würde über den Zacken des Berges die Sonne erscheinen und See und Hochtal mit Licht überfluten ..."12 1 Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher. Herausgegeben von Hermann Hesse in: Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 1 Jugendschriften, Hrsg. von Volker Michels, Suhrkamp 2001 2 1862 Zürich – 1912 Bern 3 1863 Bern – 1956 Bern 4 Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 1996 5 Wilhelm Balmer, Kunstmaler, 1865 Bern – 1922 Rörswil 6 Hesse, Beim Einzug in ein neues Haus, GW 10, S. 148f. 7 nach Plänen der Brüder Abraham und Hans Jakob Dünz 8 Albert Meyer: Homer bärndütsch, Odyssee, Bern 1952 9 Otto von Greyerz/Ruth Bietenhard: Berndeutsches Wörterbuch, Bern 1976 10 berndeutsche Übersetzung unveröffentlicht 11 Otto Bareiss: eine Bibliographie der Werke über Hermann Hesse; mit einem Geleitwort von Bernhard Zeller. Maier-Bader, Basel 1962-1964, 2 Bde 12 Das Glasperlenspiel. Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften. Herausgegeben von Hermann Hesse, Fretz & Wasmuth Verlag, Zürich 1945, 4. Aufl. |
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