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"Hermann Hesse und die Welt der Bücher" |
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Das Thema "Hermann Hesse und die Welt der Bücher" ist ein sehr umfangreiches und ergiebiges Gebiet, denn Hesse war ja nicht nur Dichter und Schriftsteller, sondern auch gelernter Buchhändler, Rezensent, Herausgeber und - nicht zu vergessen - ein begeisterter Leser. Die früheste Mitteilung, Hesse und Bücher betreffend, stammt aus dem Tagebuch seiner Mutter. Der dreijährige Hermann, zu diesem Zeitpunkt der jüngste in der Familie, hatte einen Nagel in den Mund gesteckt. Seine zwei Jahre ältere Schwester lief hinzu und riß ihm den Nagel weg. Sie hatte Angst, er könne - wie schon zwei Geschwister vor ihm - sterben, aber Hermann schien dieser Gedanke nicht zu schrecken: "Des macht nix! Wenn i ins Gräble runter sterb, so nemm i halt a paar Bilderbücher mit!"1 Sie sind gewiß mit mir der Meinung, daß dieser Ausspruch noch nicht unbedingt den späteren Bibliophilen und Literaturnobelpreisträger verrät, aber er zeigt doch, daß schon für den Dreijährigen das Buch eine große Bedeutung hatte, die 50 Jahre später in dem Essay Magie des Buches zusammengefaßt wurde. Dort lesen wir zu Beginn: "Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der Natur geschenkt bekam, sondern sich aus dem eigenen Geist erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die größte."2 Aber zunächst erschloß sich diese Welt für den jungen Hesse nur schrittweise: "Als ich ein Kind war, wußte ich von Liedern nur in ihrer ursprünglichen, ihrer kompletten Form: Text und Musik, Vers und Melodie waren mir eins.[...] Etwas später entdeckte ich beim Blättern im Kirchengesangbuch zuweilen ein paar Worte oder Verszeilen, bei denen mir das Dichterische, unabhängig von der Melodie zum geheimnisvollen Erlebnis wurde. Der weiße Nebel wunderbar im Abendlied von Matthias Claudius weckte magische Schauer.[...] Sprach man solche Dichterworte vor sich hin, dann tat es einem leid, sie so kurz und vergänglich zu finden, und man war wieder der Melodie dankbar, die sie dehnte und ein etwas längeres Verweilen auf den schönsten Worten erlaubte."3. Mit zwölf Jahren hatte er ein Schlüsselerlebnis. In seinem Schullesebuch stieß er auf ein Hölderlingedicht, das Fragment Die Nacht. Neben den üblichen Geschichten und Gedichten, den Anekdoten von Friedrich dem Großen und Eberhard im Barte "stand es einsam und ohne seinesgleichen und war beinahe unerträglich schön, weil es auch mit aller rätselhaften Schwermut des Schönen gefüllt war."4 "- die Nacht kommt,/Voll mit Sternen, und wohl wenig bekümmert um uns/Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,/Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf." Diese wenigen Zeilen weckten in ihm das Gefühl: "Das ist Dichtung! Das ist ein Dichter! Wie klang da, für mein Ohr zum erstenmal, die Sprache meiner Mutter und meines Vaters so tief, so heilig, so gewaltig, wie schlug aus diesen unglaublichen Versen, die für mich Knaben ohne eigentlichen Inhalt waren, die Magie des Sehertums, das Geheimnis der Dichtung mir entgegen!"5 Mit 13 Jahren wurde ihm klar, daß er "entweder ein Dichter oder gar nichts" werden wollte, aber damit begannen auch die Schwierigkeiten, denn dieser Beruf war damals so wenig wie heute – trotz Gewerkschaft und Schriftstellerverband - ein Lehrberuf. Zwar war es eine Ehre, ein erfolgreicher und bekannter Dichter zu sein, "meistens war man aber leider dann schon tot. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr... Interesse für Dichtung und eigenes dichterisches Talent machte bei den Lehrern verdächtig, man wurde dafür entweder beargwöhnt oder verspottet, oft sogar tötlich beleidigt."6 Auch bei seinen Eltern stieß sein Berufswunsch auf wenig Gegenliebe. Theologe sollte er werden, wie sein Vater und Großvater. Zudem hatte diese Ausbildung für einen sparsamen Schwaben noch einen unschätzbaren Vorteil: sie war nämlich kostenlos, vorausgesetzt man erbrachte die notwendigen guten Zensuren. Gegen Hesse Berufswunsch sprach auch das gespannte Verhältnis seiner Eltern zur Kunst. Sie schätzten hauptsächlich die religiöse Lyrik, die der Sohn einmal mit den Worten abqualifizierte: "das trostloseste Gebiet, das ich kenne."7 Zwar kam es vor, daß die Eltern "über ein Gedicht oder eine Musik sehr anerkennend sprachen, mit einem etwas verräterischen Lächeln, dann aber stets hinzufügten, daß das alles natürlich 'nur Stimmung', 'nur schön', 'nur Kunst' sei, und im Grunde halt doch lang nicht so hoch stehe, wie Moral, Charakter, Wille, Ethik usw."8 Das mangelnde Verständnis seiner Umwelt trieb Hesse immer stärker in die Isolation. In einem Brief an Stefan Zweig aus dem Jahr 1923 heißt es rückblickend: "In der frühen Jugend gelang es mir nicht, aus Trotz gegen Elterliches, innerhalb der religiös-geistigen Welt, in der ich aufwuchs, mich zu entwickeln, d.h. auf meine Art und ohne Verlust meiner Persönlichkeit, ein Christ zu werden. Dagegen war es leicht, ein Dichter zu werden, und so blieb mir die Poesie lange Jahre hindurch ein Paradies, in das ich die Konflikte meines persönlich-geistigen Lebens nie ganz hereinließ."9 Das 'Paradies' fand er in der umfangreichen Bibliothek seines Großvaters. Hier konnte er "untertauchen in den Trost der Kunst", wie er es einmal formuliert hat. In vielen Erzählungen und Aufzeichnungen hat Hesse darüber und über seine frühen Lesefreuden berichtet: "Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft eines Lebens entgegenströmen, das nie auf Erden gewesen und doch wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der Dachbodenkammer [...] gingen die Menschen Goethes und Shakespeares ein und aus. Das Göttliche und das Lächerliche alles Menschentums ging mir auf: das Rätsel unseres zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte und das mächtige Wunder des Geistes, der unsere kurzen Tage verklärt und durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des Notwendigen und Ewigen erhebt."10 Aber die Wirklichkeit drang auch in diese Idylle: Im Sommer 1891 unterzog er sich dem sogenannten Landexamen, um eine Freistelle in einem der theologischen Seminare zu erhalten. Anderthalb Jahre war er für die gefürchtete Prüfung gedrillt worden. Um den Ausgang des Examens schien sich der Vierzehnjährige nach außen hin wenig Sorgen zu machen, er wolle sowieso freier Schriftsteller werden, teilte er einem Mitschüler mit, was bei diesem einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ. Aber Hesse bestand und wurde im Herbst in das Seminar Maulbronn aufgenommen. Der ungeheure Leistungsdruck ließ ihn jedoch schon bald befürchten, den Erwartungen der Eltern nicht entsprechen zu können. Nach einem halben Jahr kam es zu einer Kurzschlußhandlung: Hesse floh aus dem Seminar, verbrachte die kalte Märznacht auf freiem Feld und wurde am nächsten Tag von einem Landjäger aufgegriffen und zurückgebracht. Eltern und Lehrer fürchteten "partielle Geistesverwirrung, etwas Krankhaftes", und er mußte das Seminar verlassen. Aufenthalte in verschiedenen Anstalten sollten ihn wieder zur Räson bringen, aber nichts fruchtete. Eine unglückliche Liebe endete mit einem Selbstmordversuch, der Besuch eines Gymnasiums scheiterte, eine Buchhändlerlehre brach Hesse nach zwei Arbeitstagen ab, und auch die Mechanikerlehre in einer Turmuhrenfabrik hielt er nur ein Jahr durch. Im Rückblick auf diese Zeit schrieb er 1925: "Mehr als vier Jahre lang ging alles unweigerlich schief, was man mit mir unternehmen wollte... Jeder Versuch, einen brauchbaren Menschen aus mir zu machen, endete mit Mißerfolg, mehrmals mit Schande und Skandal, mit Flucht oder mit Ausweisung. Es war mein Glück", so schreibt Hesse weiter, "daß im Hause meines Vaters die gewaltige großväterliche Bibliothek stand, ein ganzer Saal voll alter Bücher, der unter andrem die ganze deutsche Dichtung und Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts enthielt. Zwischen meinem sechzehnten und zwanzigsten Jahre habe ich nicht bloß eine Menge Papier mit meinen ersten Dichterversuchen vollgeschrieben, sondern habe in jenen Jahren auch die halbe Weltliteratur gelesen und mich mit Kunstgeschichte, Sprachen, Philosophie mit einer Zähigkeit bemüht, welche reichlich für ein normales Studium genügt hätte."11 1895, Hesse war nun achtzehn, hatte er sich soweit gefangen, daß er in Tübingen eine Buchhändlerlehre begann. Er wollte sich endlich von seinen Eltern auch materiell unabhängig machen und ihnen und sich beweisen, daß er es im bürgerlichen Leben zu etwas bringen könne. Dabei hatte er sein Ziel keineswegs aus den Augen verloren, nach wie vor wollte er ein Dichter werden, und "daß mein Privatstudium der Ästhetik und Literatur im Einklang mit meinem Berufe steht, erfrischt mich natürlich sehr", schrieb er an die Eltern, aber er verhehlte ihnen auch nicht, wie sehr ihn Lehre und autodidaktisches Studium anstrengten. Abends war er selten vor acht Uhr zu Hause, und auch samstags wurde bis zum späten Nachmittag gearbeitet. "Wenn Ihr zufällig samstags zwischen 3 und 6 Uhr an mich denkt, so wißt, daß ich gerade in dieser Zeit die letzte, schreckliche Leidensstation der Woche durchmache. In diesen Stunden nimmt mir jedesmal das gedrängte Geschäft alle Luft und Lust, in diesen Stunden erscheint mir der Zustand eines Typhuskranken als ein Sommervergnügen, in diesen Stunden preise ich die Toten selig, die vor mir gewesen sind."12 Nur sonntags bleibt ihm Zeit zur Erholung, aber schon nach kurzer Zeit steht er auch an diesen Tagen so früh wie möglich auf, denn "da mir so viele und vortreffliche Bücher zu Gebote stehen, kann ich unmöglich hinliegen, und jede Stunde scheint mir verloren, die ich nicht über guten Büchern oder Zeitschriften hinbringe."13 Dieses Überschwemmtwerden mit der neuesten Literatur gewährte ihm anfänglich ein "beinahe rauschähnliches Vergnügen" , doch mit der Zeit ließ seine Begeisterung nach. Nüchtern stellte er fest: "Je ruhiger ich werde und je mehr ich mich bemühe, meinem Berufe Mühe und Fleiß zu widmen, desto gewisser wird mir seine relative Niedrigkeit - es ist eben Kauf und Verkauf, und im Sortimentshandel ist sogar, der Einförmigkeit des Verkehrs und der festen Preise wegen, für kaufmännisches Genie kein Raum, welches ich freilich auch nicht besitze", wie er freimütig einräumt. "So sehr ich mich in meine Fach zu vertiefen versuche, - abends nach Ladenschluß ist der Buchhandel tot und vergessen bis zum nächsten Morgen."14 Dennoch hält er eisern an seinem Ziel fest. "Ich bin jetzt mit bestimmten Zwecken und Absichten Buchhändler geworden und lasse mich nicht drausbringen"15 , heißt es in einem Brief an seinen Bruder. Nach und nach sammelten sich um ihn ein paar künstlerisch und musisch interessierte Studenten. Es wurde ein fester Kreis, der sich regelmäßig traf. Man gab sich den Namen 'Petit Cénacle' , kleine Gruppe, nach dem Vorbild der französischen Romantiker der zwanziger Jahre. "Wir galten für dekadent und modern/Und glaubten es mit Behagen./In Wirklichkeit waren wir junge Herrn/Von höchst dezentem Betragen"16 , schreibt Hesse in einem Gedicht selbstironisch. Inzwischen hatten schon einige Zeitschriften Gedichte von ihm abgedruckt, die ihm zwar keinen Ruhm aber die Freundschaft der jungen Schriftstellerin Helene Voigt, der späteren Frau des Verlegers Eugen Diederichs, eingetragen hatte. Im Herbst 1898 erschien sein erster Gedichtband, Romantische Lieder, wahrscheinlich auf eigene Kosten gedruckt und von der Kritik kaum zur Kenntnis genommen. Ähnlich erging es seinen ersten Prosastudien, die 1899 von Eugen Diederichs unter dem Titel Eine Stunde hinter Mitternacht verlegt wurden. Immerhin wurden sie von Wilhelm von Scholz lobend erwähnt, und Rilke kam zu dem Urteil, sie stünden am Rande der Kunst. Nach Beendigung seiner Lehre blieb Hesse noch ein Jahr als 2.Sortimentsgehilfe in Tübingen, bevor er im September 1899 nach Basel zog, in die vertraute Stadt, in der er als Kind bereits fünf Jahre gelebt hatte. Hier arbeitete er zunächst wieder im Sortimentsbuchhandel, aber schon in Tübingen hatte er festgestellt, "daß im Geistigen ein Leben in der bloßen Gegenwart, im Neuen und Neuesten unerträglich und unsinnig, daß die beständige Beziehung zum Gewesenen, zur Geschichte, zum Alten und Uralten ein geistiges Leben überhaupt erst ermögliche"17 , und so war es nur folgerichtig, daß er dem "unseligen Sortimentsbetrieb" den Rücken kehrte und ins Antiquariat überwechselte, zu dem er sich "durch starke historische und bibliographische Neigungen prädestiniert" glaubte, wie er an Eugen Diederichs schrieb, und ihm vertraute er auch noch einen anderen Grund an: "Meine Nerven halten den Sortimentsbetrieb auf die Dauer nicht aus."18 Die Arbeit im Wattenwyl'schen Antiquariat kam dem gestreßten jungen Mann da mehr entgegen. Die verhaßten Ostermeßabrechnungen und das Expedieren der Journale fiel nun weg, und noch nach 50 Jahren konnte sich Hesse lebhaft an den "großen, etwas düstern, hohen Raum mit vielen bis zur Decke hinauf reichenden, auf beiden Seiten eng mit Büchern vollgestopften Regalen" und den Holzkästen mit den alphabetisch geordneten Katalogzetteln erinnern. Der alte Besitzer hatte sich zurückgezogen und überließ die Führung des Geschäfts seinem Faktotum, Julius Baur. "Von ihm habe ich viel gelernt, denn er war ein perfekter Antiquar, mit allen Hilfsmittel und Spielregeln der Bibliographie vertraut, mehrerer Sprachen mächtig und in mehreren überaus belesen, Liebhaber namentlich der älteren italienischen und französischen Literatur [...] Er machte den Eindruck eines etwas kauzigen und versponnenen Einsiedlers ohne Formen und ohne Weltkenntnis und war hinter seinem ergebenen, freundlichen und schüchternen Lächeln ein Weiser hohen Ranges"19 , der oft genug Hesses Zuspätkommen nach einer verbummelten Nacht ebensowenig zu bemerken schien wie sein Verschwinden in den Dachstock, wo er den versäumten Schlaf nachzuholen versuchte. Hesse war inzwischen in Basel zu einer Lokalgröße geworden. 1901 war der Hermann Lauscher erschienen, ein Jahr später ein zweiter Band Gedichte, seiner Mutter gewidmet, die kurz vor Erscheinen des Buches starb. Der Verleger Samuel Fischer wurde auf ihn aufmerksam, und 1904 erschien in seinem Verlag der Roman Peter Camenzind, der Hesse in ganz Deutschland bekannt und berühmt machte und der es ihm ermöglichte, seinen Beruf aufzugeben und 'freier Schriftsteller' zu werden. Wiederholt hat er sich über seine Buchhändlerzeit geäußert. Kurz nach Aufgabe seiner Stellung schrieb er an einen Verwandten: "Ich fand im Buchhandel wenig Leute von tiefem inneren Leben, die ihrem Beruf mit Geist und Wärme treiben und mit Leben erfüllen."20 Das Antiquariat vermisse er zwar gelegentlich, im ganzen aber sei er froh, nicht mehr Buchhändler zu sein. Dennoch verkennt er nicht die Bedeutung des Buchhandels. 1907 klingt sein Urteil schon wesentlich versöhnlicher: "Die häufig sehr ungerechterweise geschmähten deutschen Sortimentsbuchhändler leisten tatsächlich durch Ratgeben, Auskünfte, Auswahlsendungen, Feststellen ungenau oder falsch mitgeteilter Büchertitel und hundert andere kleine Dienste den Leserkreisen und damit unserem geistigen Leben einen sehr anerkennenswerten Vorschub."21 Kritisch steht er allerdings den Buchhändlern gegenüber, die "eine enthusiastische Liebe zu jenen Büchern [haben], von welchen sie große Partien verkaufen. Sie lesen dann diese Bücher auch aus. Dankbarkeit, und sie denken nicht gerne schlecht von ihnen. Das ist begreiflich und löblich, aber es ist kein reines Verhältnis zu Büchern. Ich liebe jene Buchhändler, die einige Lieblinge unter den weniger bekannten Büchern haben und sich jedesmal freuen, wenn sie für so ein Buch einen Käufer gefunden haben. Ich habe einst als Gehilfe manches gangbare Buch verkauft, und manches gute darunter; aber die richtige, persönliche, echte Vermittlerfreude empfand ich nur in den seltenen Fällen, wo ich einen Mörike, einen Hölderlin, einen Novalis verkaufen durfte. Und ich suche etwas von dieser reinen, bescheidenen Vermittlerfreude auch heute noch je und je zu erleben, indem ich als Herausgeber solchen Dichtern zu dienen versuche."22 Dies schrieb Hesse seinen ehemaligen Kollegen, den deutschen Buchhandlungsgehilfen ins Stamm- bzw. Festbuch anläßlich ihrer Pfingsttagung in Leipzig 1914. Über den Umgang mit Büchern, über das Lesen und über die Bedeutung des Buches hat sich Hermann Hesse häufig und ausführlich geäußert. 1907 erschien von ihm dazu ein grundlegender Aufsatz in dem zweibändigen Werk Moderne Kultur. Ein Handbuch der Lebensbildung und des guten Geschmacks. Das meiste von dem, was Hesse dort vor bald 90 Jahren geschrieben hat, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Sicher kommen auch heute noch jene "Nachlaßinverntare [vor], die für tausend Mark Silbergeschirr und für zwanzig Mark Bücher verzeichnen." Vielleicht, so Hesse, weil viele Menschen vor Büchern eine grundlose Scheu haben. Sie trauen sich kein Urteil zu und meiden mit Mißtrauen die Buchhandlungen, um oft genug einem cleveren Vertreter in die Hände zu fallen, der ihnen "gegen schweres Geld [...] schönvergoldete Prachtbände"23 aufschwatzt. Hesse räumt zwar ein, daß es nicht ganz ohne eine gewisse Erziehung und gelegentliche Belehrung geht, die Hauptsache sei aber "nicht Wissen, sondern Wollen, nicht fertiges Urteil, sondern Empfänglichkeit, Ehrlichkeit, Unbefangenheit."24 Für ihn gibt es auch keine Liste von Büchern, die man unbedingt gelesen haben muß. Jeder einzelne muß für sich die Bücher herausfinden, die ihn Befriedigung und Genuß erleben lassen. Diese Bücher findet man allerdings nicht durch das Lesen von Literaturgeschichten oder durch ein theoretisches Studium, man muß sie sich 'erlesen' . Vielen Menschen sei dieser Weg zu mühsam, meint Hesse, aber die gleichen Leute fänden täglich Zeit und Kraft zum Lesen einer oder mehrerer Zeitungen, wobei sie den weitaus größten Teil der Artikel nicht aus Neigung oder Bedürfnis, sondern aus alter, schlechter Gewohnheit läsen. In der Zeitung sieht er einen der gefährlichsten Feinde des Buches, "nicht nur, weil sie für wenig Geld scheinbar viel bietet und Zeit und Kräfte über Gebühr in Anspruch nimmt, sondern noch mehr, weil sie durch charakterloses Vielerlei den Geschmack und das feinere Lesevermögen bei Tausenden verdirbt."25 Wenn Hesse heute noch lebte, würde sein Urteil wohl etwas differenzierter ausfallen. Er würde sich eher freuen, daß im Zeitalter der verkabelten Videoten überhaupt noch gelesen wird, und sei es auch nur die Zeitung. Allerdings hielt er es schon damals für möglich, "daß ein Mensch ohne alles literarische Wissen, wenn er nur ein aufmerksamer und etwas feinfühliger Leser ist, von seiner Tageszeitung weg von selber den Weg bis zu Goethe findet. So merkwürdig sicher du in einer Menge von zweihundert Bekannten die paar Menschen herausfindest, die du zu Freunden brauchen kannst, so merkwürdig sicher wirst du im Durcheinander und Vielerlei einer Zeitung oder Zeitschrift die paar Töne und Stimmen entdecken, die dir etwas zu sagen haben und welche dich dann, wenn du ihnen folgst, zu weiteren befreundeten Namen und Werken führen."26 Für Hesse ist der Aufbau einer Bibliothek ein allmählicher, individueller Vorgang, der sich deshalb auch nicht nach der jeweiligen literarischen Mode richten soll. "Bücher sind nicht dazu da, eine Zeitlang von jedermann gelesen zu werden und ein gangbares Unterhaltungsthema zu bilden und dann vergessen zu werden, wie der neueste Sportbericht oder Raubmord."27 Aus Pflichtgefühl zu lesen, um sich zu bilden oder aus Langeweile, um die Zeit totzuschlagen, hält er für falsch. Das sei wie "Spazierengehen in schöner Landschaft mit verbundenen Augen."28 Bücher sollte man wie gute Freunde behandeln, "jedes in seiner Eigenart schätzen und nichts von ihnen verlangen, was dieser Eigenart fremd ist." Man sollte sie auch nicht zu wahllos oder zu schnell lesen, sondern "sie still und ernsthaft genießen". Meist erschließen sich ihre innersten Schönheiten und Kräfte erst beim wiederholten Lesen. Eine kleine Zahl von Büchern durch und durch zu kennen, sei sinnvoller als ein "ganzer Kopf voll vager Erinnerungen an tausend Büchertitel und Dichternamen."29.Aus all dem ist sicher klar geworden, daß es Hesse nicht um Lesen um des Lesens willen geht, ja, er bezieht entschieden Stellung gegen die Allesleser, gegen "die Unersättlichen, denen kein Zeitungsfetzen aus den Händen kommt, ohne daß sie ihn gelesen haben, und welche weiter und weiter lesen, einerlei was, als gössen sie Wasser in ein Sieb."30 Und auch die Gefahren des falschen Umgangs mit Büchern verkennt er nicht. Bücher sollen seiner Meinung nach nicht der Weltflucht dienen. Sie sind nicht dazu da, "unselbständige Menschen noch unselbständiger zu machen, und sie sind noch weniger dazu da, lebensunfähigen Menschen ein wohlfeiles Trug- und Ersatzleben zu liefern."31 Einen solchen Menschen hat Hesse in der 1918 veröffentlichten Erzählung Der Mann mit den vielen Büchern, auch unter dem Titel Der Bücherwurm bekannt, beschrieben. Dieser Mann hatte sich schon früh "aus dem Lärm des Lebens, der ihm Furcht machte, zu den Büchern zurückgezogen". Er umgab sich lieber mit den "edelsten Geistern der Menschheit" als sich "den zufälligen Menschen auszusetzen, die das Leben ihm sonst zugeführt hätte."32 Nach vielen Jahren merkt er jedoch, daß er zwar seine Bücher kennt, nicht aber sich selbst. Er hatte sich um das "blutige Chaos des Lebens" gedrückt. "Er war betrogen, er war um alles betrogen! Er hatte gelesen, er hatte Seiten umgedreht, er hatte Papier gefressen - ach, und dahinter, hinter der schändlichen Büchermauer, war das Leben gewesen, hatten Herzen gebrannt, Leidenschaften getobt, war Blut und Wein geflossen, war Liebe und Verbrechen geschehen. Und nichts von alledem hatte ihm gehört, nichts war sein gewesen, nichts hatte er in den Händen gehabt, nichts als dünne flache Schatten und Papier, in Büchern!"33 Bücher haben für Hermann Hesse nur dann einen Wert, "wenn sie zum Leben führen und dem Leben dienen und nützen. [...] Man soll vom Lesen [...] etwas erwarten, man soll Kraft hingeben, um reichere Kraft dafür zu ernten, man soll sich verlieren, um sich bewußter wiederzufinden."34 Sie alle kennen den Satz "Habent sua fata libelli", Bücher haben ihre Schicksale, und auch auf den jungen Hesse übten Bücher mit einer Privatgeschichte einen ganz besonderen Reiz aus. Das waren nicht nur Bücher, die durch Generationen innerhalb einer Familie weitergegeben wurden, sondern auch antiquarisch erstandene. In der Einleitung zu der um 1900 entstandenen Erzählung Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen schreibt Hesse: "Auf manchen aus fremder Hand erworbenen Büchern finden wir fremdklingende Namen ehemaliger Besitzer, Dedikationen aus dem vor-vorigen Jahrhundert, und wir denken uns, so oft wir einen Federstrich, ein eingebogenes Ohr, eine Randglosse oder ein altes Lesezeichen finden, diese seit vielen Jahrzehnten gestorbenen Besitzer dazu."35 Ein solches Buch, genauer gesagt, eine zweibändige Novalisausgabe von 1837, spielt in dieser Erzählung die Hauptrolle. Einige Jahrzehnte lang ist sie mit dem Schicksal der Hauptpersonen verknüpft und erlebt gebrochene Herzen und zerbrochene Freundschaften. Vierzig Jahre später, anläßlich einer von der Vereinigung Oltner Bücherfreunde herausgegebenen Ausgabe dieser Erzählung, schreibt Hesse dazu: "Ich habe mich in dieser Erzählung als einen Bibliophilen bezeichnet, der ich damals und noch lange nachher auch wirklich war, und ich habe mir damals, etwa vierundzwanzig Jahre alt, meine alten Tage als die eines einsamen Hagestolzen vorgestellt, dessen einzige Liebe und einziger Umgang die Bücher sind. Dies hat nun das Leben anders gefügt. [...] Es kamen Ortswechsel, Umzüge, Krieg, Familienschicksale, Einschränkungen und Änderungen mancher Art, und mein Leben sieht nun, da ich ein alter Mann bin, ziemlich anders aus als ich es mir damals phantasierend ausmalte. Wenn ich aber auch heute mich nicht mehr einen eigentlichen Bibliophilen und in seine Bücher verliebten Sammler nennen darf, so kann ich doch meine jugendliche Bücherliebhaberei nicht belächeln, sie gehört unter den Leidenschaften, die ich im Leben kennenlernte, nicht nur zu den harmlosen und hübschen, sondern auch zu den fruchtbaren."36 Hier muß allerdings gesagt werden, daß Hesse einer allzu aufwendigen Buchausstattung sehr kritisch gegenüberstand. An Carl Busse, der 1902 einen Gedichtband von ihm herausgab, schrieb er: "Bitte helfen Sie mir, einen anständigen Druck herauszuschlagen! Die Ausstattung ist mir, soweit Vignetten etc. in Betracht kommen, wurscht [...] Dagegen müssen das Papier und die Type gut sein - darin allein bin ich empfindlich."37 Daß eine luxuriöse Ausstattung - vor allem bei einem Anfänger - dazu dienen muß, den Text zu heben, ist nach seiner Ansicht wider die Würde des Dichters, und die Enttäuschung des Lesers, der von einer solchen Ausstattung "eine besondere poetische Leistung"38 erwartet, wäre in dem Falle größer als bei einem einfachen Druck. "Leider pflegen die rein bibliophilen Verlage oft über ihren Numerierungen und Ledersorten jeden Sinn für die Qualität der Texte zu verlieren"39 , beklagt er sich 1945..Gerade die eidgenössischen Verleger versuchten oft, "ihren schweizerischen Mangel an gefälligem Geschmack und ihre etwas harte Nüchternheit durch Luxus und Üppigkeit der Ausstattung gutzumachen."40 Daß es auch anders ging, vermerkte er lobend in einem Brief an Anton Kippenberg, als dessen Insel-Verlag 1948 eine zweibändige Rilke-Ausgabe herausgab: "Wir haben in der Schweiz die schönsten Papiere, Leder, Leinwand und alles, und doch wirken die zwei Rilke-Bände schöner als die meisten Schweizer Bücher.[...] Man meint sogar zu spüren, wie das Fehlen an Materialien etc. den Geist des Verlegers zu erhöhter Bestimmtheit und Konzentration gesteigert hat."41 In den zwanziger Jahren war es bei einigen Verlagen üblich, den Buchtitel innen auf jeder Seite zu wiederholen. Hesse vermutete, daß diese Unsitte von Amerika käme und für die Leute gedacht sei, die "nicht mehr imstande und geistig nicht mehr genügend interessiert [seien], um den Titel eines Buches länger als eine Minute im Gedächtnis zu behalten. Aber", schreibt Hesse in seinem Offenen Brief an einen Bücherleser, "diese Hoffnungslosen lesen ja auch gar keine Bücher, sie fabrizieren Waren und treiben Sport, und es ist falsch spekuliert, wenn Bücherverleger auf diese Ärmsten im Geiste meinen Rücksicht nehmen zu müssen."42 Ein wirklicher Leser habe es nicht nötig, alle zwei Minuten daran erinnert zu werden, wie das Buch heißt, das er gerade liest. "Was halten Sie vom broschierten Buch?" fragte 1954 die Neue Zürcher Zeitung, und Hesse antwortete kurz und bündig: "Wenn ich ein broschiertes Buch lese, das mir gut gefällt, denke ich bei jedem Umblättern: schade, daß es nicht gebunden ist! Lese ich in einem broschierten Buch, das mir schlecht vorkommt, dann denke ich: ein Glück, daß man nicht auch noch einen Einband daran verschwendet hat!"43 Abgesehen von Satzbild und Papier waren für ihn Einband und Rückentitel die wichtigsten äußeren Merkmale eines Buches, also "das, was für die Bibliothek, nicht fürs Schaufenster ist"44 , wie er es einmal in einem Brief an seinen Verleger Suhrkamp salopp formulierte. Aus diesem Grund hielt er auch nicht viel vom Schutzumschlag. Er sei zwar gelegentlich hübsch, schrieb er als Antwort auf eine entsprechende Umfrage, aber im Grunde entbehrlich, ein Luxus, der zu Lasten des Käufers ginge, und deshalb müsse dieser eigentlich auch entscheiden, ob der Buchumschlag beibehalten oder abgeschafft würde. Das sei jedoch nicht möglich, denn der Stand der Bücherkäufer bestünde "aus lauter Individuen, er ist ein vornehmer, ein adliger Stand, und darum ist er nicht organisiert. Man mag das bedauern, doch neige ich mehr dazu, es zu bewundern."45 Hesses Parteinahme für den Einzelnen, seine Scheu vor allem, was mit Masse zu tun hat, waren mit dafür ausschlaggebend, daß er sich zeitlebens der Verbreitung seines Werkes in Massenauflagen und in Taschenbüchern widersetzte. 1956 heißt es dazu in einem Brief: "Die Tendenz der billigen Massenauflagen in der Art von Rororo widerspricht meiner Auffassung vom Verlags- und Buchwesen durchaus."46 Es ging Hesse nie um Popularität. "Zehn gute, dankbare Leser sind, trotz der kleinen Tantiemen, besser und erfreulicher als tausend gleichgültige", hatte er schon 1911 geschrieben, und einer Dame, die ohne sein Wissen aus seinem Buch Siddhartha ein Hörspiel gemacht hatte, antwortete er 1954: "Ich suche nicht eine Vergrößerung meines Wirkungskreises, und ich halte es für notwendig, daß der, der etwas an Siddhartha haben will, sich die Mühe der langsamen und womöglich mehrmaligen Lektüre mache. [...] Ich glaube nicht an die Quantität und glaube nicht an den Wert von Überschwemmungen des Volkes mit denkerischen oder dichterischen Werken. Kurz, ich kann die Erlaubnis zur Sendung nicht geben."47 Erst 1962, kurz vor seinem Tod, erschien in der Fischer-Bücherei eine Taschenbuchausgabe seines Romans Narziß und Goldmund. Wir wissen nicht, wie Hesse sich heute zum Taschenbuch verhalten würde, aber so, wie er 1958 schweren Herzens für den Druck seiner Bücher einem Wechsel von der Fraktur zur Antiqua zustimmte und wie er auch seine Handschrift von der deutschen auf die lateinischen Schrift umstellte, würde er wohl auch in der Taschenbuchfrage eine weniger starre Haltung einnehmen. Ob er allerdings mit all dem einverstanden wäre, was man heute von ihm auf den Markt wirft, wage ich doch sehr zu bezweifeln. Wenden wir uns nun einem anderen Bereich in Hesses Schaffen zu, seiner Herausgeber- und Kritikertätigkeit. Zwischen 1910 und 1932 gab Hesse allein oder zusammen mit anderen 58 Bücher heraus. Schaut man sich die Liste der Titel an, so findet man Namen wie Goethe, Novalis, Hölderlin, Eichendorff, Jean Paul, Matthias Claudius und viele andere, daneben aber auch eine stattliche Anzahl von Anthologien. Dabei verstand Hesse seine Tätigkeit jedoch nie als wissenschaftliche Arbeit. "In keinem Fall edierte er einen bisher ungedruckten Text, wohl aber unzugängliche, nach seiner Meinung zu Unrecht vergessene Autoren der Vergangenheit."48 Im Vorwort zu seiner Sammlung Lieder deutscher Dichter von 1914 hat Hesse seine Vorstellungen erläutert: "Das bewährte Alte überblicken, auch manches Vergessene mit Liebe wieder aufzusuchen, ist meine einzige Aufgabe gewesen.[...] Meine Anthologie will weder der literarhistorischen Belehrung noch der Unterhaltung dienen, [sie] enthält weder Stoff zum Deklamieren noch eine humoristische Ecke. [Sie] enthält einfach jene Gedichte der vormodernen Zeit, welche mir die lyrisch reinsten scheinen und deren Besitz und gelegentliches Wiederlesen ich nicht mehr entbehren möchte."49 Dabei ist er sich völlig im klaren, daß seine Auswahlkriterien subjektiv sind. Im Geleitwort zu seiner Sammlung romantischer Gedichte, die 1913 unter dem Titel Der Zauberbrunnen erschien, schreibt er dazu: "Die poetischen Grundsätze, nach denen ich ausgewählt habe, in eindeutigen Worten darzulegen, würde mir schwerfallen. Das sind im letzten Grunde Fragen des Geschmacks und der persönlichen Genußfähigkeit."50 Hesses Tätigkeit, oft mit mühsamer Kleinarbeit verbunden, war selbstverständlich auch eine willkommene Einnahmequelle für ihn. Hier soll gar nicht der Eindruck erweckt werden, als wäre es ihm nur um den hehren Dienst und selbstlosen Einsatz für die Welt der Literatur gegangen, aber daß das Materielle für ihn eine untergeordnete Rolle spielte, zeigt folgendes Beispiel: Im Februar 1910 forderte der Insel-Verlag ihn auf, eine Auswahl aus der zwölfbändigen Ausgabe von 1001 Nacht zu machen. Man gab ihm acht Monate Zeit, Hesse lehnte ab. Er fühlte sich durch die festgesetzte Frist unter Druck gesetzt. "Sobald mir eine solche Grenze gesetzt ist", schreibt er in seinem Antwortbrief, "geht mir Ruhe und Behagen verloren, und dann geschieht die Arbeit nimmer mit der Freude und Innigkeit, ohne die man so etwas nie machen sollte.[...] Die zwölf Bände systematisch durchzunehmen, ist allein eine große Lesearbeit [...] - und eine solche Auswahl leichthin aus dem Ärmel zu schütteln, was man ja auch tun könnte, hielte ich für roh und unrecht. Darum müssen wir's lassen."51 Sein besonderes Interesse galt den Autoren des 18. und 19.Jahrhunderts. Zeitgenossen gab er nicht heraus. Eine Ausnahme bildeten lediglich der Dichter Christian Wagner aus Warmbronn, für den er sich auch in Rezensionen immer wieder einsetzte, und die Bücherei für deutsche Kriegsgefangene, in der er auch einige zeitgenössische Autoren herausgab. 1911 war Hesse von Gaienhofen am Bodensee in die Nähe von Bern übergesiedelt, und als 1914 der 1.Weltkrieg ausbrach, bot er sich als Freiwilliger an, wurde aber, wie schon 14 Jahre zuvor, wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit als wehrdienstuntauglich eingestuft. Von 1915 bis 1919 arbeitete er unter Leitung des im diplomatischen Dienst tätigen Biologen Prof. Richard Woltereck für die Deutsche Kriegsgefangenen-Fürsorge in Bern. Der 'Beamtenstellvertreter' - so sein offizieller Rang - war vor allem für die Kriegsgefangenen in Frankreich zuständig. Seine Aufgabe war es, die Soldaten mit Lektüre zu versorgen, Lektüre, die allerdings erst einmal durch Buch- oder Geldspenden beschafft werden mußte. Hesse wandte sich an Kollegen, Freunde und Verlage, an Industrielle und Bankiers und bat um Hilfe. "Ich versorge die fast 200.000 deutschen Gefangenen in Frankreich mit Lesestoff", schrieb er dem Schriftsteller Felix Braun 1917, "die täglich oft rührenden Bitten um Bücher häufen sich noch immer, unsre Mittel sind knapp und reichen nicht [...] Sie werden, als Dichter kein Geld haben, aber als Autor haben Sie Beziehungen. Von Ihren eigenen und anderen guten Büchern, von Büchern Ihrer Freunde könnte ich vielleicht je und je eine Anzahl Exemplare bekommen, wenn Sie da und dort davon sprechen wollten." Und um dem Ganzen noch mehr Gewicht zu verleihen, fügte er - wie beiläufig - noch hinzu: "Manche Dichter haben auf meine Bitte geholfen, Hauptmann, Wassermann, Thoma und andere, zum Teil mit Stiftungen von 50 und 100 Stück eines Buches."52 Auch Rilke gehörte zu den Schriftstellern, die bereit waren zu helfen. "Sie können sich denken", schrieb er 1918 an Hesse, "daß eine Bitte wie die Ihre - und obendrein von Ihnen ausgesprochen - die eindringlichste Stimme vor mir hat. Ich habe gleich nach Empfang Ihres Schreibens fünfzig Mark an die Insel abgesendet, die mir eben mitteilt, daß eine entsprechende Anzahl Bücher [...] für Sie bereitläge."53 Hesses Bettelbriefe und auch die offenen Briefe in Zeitschriften blieben nicht ohne Erfolg: allein von Januar 1916 bis November 1918 wurden fast eine halbe Million Bände in Internierungslager in Frankreich geschickt. Dennoch hatte er immer stärker das Gefühl, auf verlorenem Posten zu stehen. Oft mußte er endlos auf bestellte Bücher warten. "Von Gottfried Keller ist seit Monaten kein einziger Band mehr beim Verleger zu haben", beklagt er sich Ende 1917 bei einem Freund, "aber für schlechte Propagandabücher und für so miserable Erzeugnisse wie das kleine Buch des Fliegers Richthofen (das in etwa 350.000 Exemplaren gedruckt ist) fehlt es nicht an Papier.[...] Wenn ich nicht ein ganz anderes Deutschland als das offizielle kennen und lieben würde, wäre ich längst weggegangen."54 Daß Hesse für seine aufopfernde Tätigkeit wenig Dank erfuhr, daß er vielmehr in der deutschen Presse als 'Drückeberger' und 'vaterlandsloser Gesell' angepöbelt wurde, als jemand, der "nicht zum Baumeister taugt an dem Dom künftiger deutscher Kunst"55 , sei hier nur am Rande vermerkt. Als es immer schwerer wurde, gute Bücher zu bekommen, gründete Hesse 1917 einen eigenen Verlag, in dem in den nächsten zwei Jahren die bereits erwähnte Bücherei für deutsche Kriegsgefangene erschien, 22 "sehr einfache Schriftchen", wie Hesse sie bezeichnete, die nicht für den Buchhandel, sondern als Liebesgaben für die Soldaten gedacht waren. Es waren Novellen und Geschichten von Thomas Mann, Hebel, Storm, Stifter, Ludwig Thoma, Robert Walser u.a., ein Bändchen über neuere Lyrik, seltsame und lustige Geschichten, um nur einige zu nennen. Hesse ging es darum, alle patriotisch-politische Beeinflußung von den Gefangenen fernzuhalten und einen Mittelweg zu finden zwischen ihren oft "rohen und flachen" Wünschen und seinen "erzieherisch-literarischen Absichten". Es kann hier nicht näher auf die Zeitschriften eingegangen werden, die Hesse mitherausgab, sie seien jedoch wenigstens genannt: von 1907 bis 1911 zusammen mit Ludwig Thoma die Zeitschrift März, dann von 1916 bis Ende 1917 zusammen mit Richard Woltereck die Deutsche Internierten-Zeitung und den Sonntagsboten für die deutschen Kriegsgefangenen. Vom Oktober 1919 bis 1923 gab er ebenfalls mit Woltereck die deutsche Monatsschrift Vivos voco heraus. Hesse leitete jeweils den literarischen Teil und schrieb die Rezensionen, und damit komme ich zum vorletzten Punkt meiner Ausführungen: Hermann Hesse als Kritiker und Rezensent. Im Laufe seines Lebens hat Hesse ungefähr 3000 Buchbesprechungen geschrieben. Sie erschienen in deutschen, österreichischen und schweizerischen Zeitungen und Zeitschriften. Nur ein kleiner Teil von ihnen lag bisher als Taschenbuch vor. 1988 erschien im Suhrkamp Verlag der erste Band einer auf fünf Bände angelegten Edition sämtlicher Rezensionen Hesses in der Reihenfolge ihres Erscheinens. "Mit meinen Bücherbesprechungen ist es so", heißt es in einem Brief aus den dreißiger Jahren, "ich berichte das Jahr hindurch über das, was ich lese, aber nur über Bücher, die in irgendeinem Sinn etwas Vorbildliches und Gültiges haben, die ich als Ergebnisse und Früchte unsrer Zeit ansehe und denen ich zutraue, daß sie vielleicht noch bis morgen oder übermorgen bestehen werden."56 Hesse sah sich als Mittler zwischen dem Leser und dem Buch und wollte seine Arbeit nicht als Kritik im negativem Sinne verstanden wissen, sondern als Hinweis und positive Empfehlung. Deshalb gibt es von ihm auch keine Verrisse. An C.G. Jung schrieb er 1934: "Ich bin kein Analytiker und kein Kritiker: wenn Sie zum Beispiel den Buchaufsatz ansehen, [...] so finden Sie, daß ich nur ganz selten und nebenher mich kritisch äußere und nie aburteile, das heißt, ein Buch, das ich nicht ernstnehmen und schätzen kann, lege ich weg, ohne mich je darüber zu äußern."57 Diese Haltung hatte er bereits als Dreiundzwanzigjähriger vertreten: "Bücher ohne persönliche Liebe zu lesen oder gar zu beurteilen", ließ er Eugen Diederichs wissen, "ist zu wenig nach meinem Sinn."58 Vielfach schrieb Hesse seine Kritiken als Sammelreferate, die ihres Umfangs wegen in Fortsetzungen gedruckt wurden. Er berichtete über Neue Erzählungsliteratur und Jüngste deutsche Dichtung, über Schöne Bücher, Billige Bücher oder Gute neue Bücher. Er empfahl Bücher für Weihnachten oder Bücher für unterwegs. Viele junge Schriftsteller hat er durch seine Rezensionen gefördert. Bereits 1914 wies er auf Werfel, Schickele, Wedekind, Robert Walser und Ernst Stadtler hin. Er rezensierte die Erstlingsromane von Canetti und Hofmannsthal, setzte sich für Kafka, Musil und Arno Schmidt ein, und 1960, zwei Jahre vor seinem Tod, besprach er die Ausgewählten Briefe von Gottfried Benn, ungeachtet der Tatsache, daß er in einem der Briefe von Benn als "durchschnittlicher Entwicklungs-, Ehe- und Innerlichkeits-romancier"59 abgetan wurde. Seine Rezensionen beschränkten sich jedoch nicht nur auf das eigene Gebiet der Belletristik, sondern erstreckten sich auch auf die Bereiche Kulturgeschichte, Philosophie, Psychoanalyse, Musik und Malerei. Seine enzyklopädische Belesenheit zeigte sich auch in dem 1929 in Reclams Universalbibliothek erschienenen Essay Eine Bibliothek der Weltliteratur. Das Bändchen trägt noch heute die Nr. 7003 und ist den meisten von Ihnen sicher bekannt, vielleicht hat es einigen auch als erster Führer durch die Welt der Bücher gedient, wie es von Hesse gedacht war. Bis heute erlebte es 17 Auflagen, und ca. 170.000 Exemplare wurden davon verkauft. Kurt Tucholsky schrieb darüber 1931 in seiner Rezension: "[Hesses] Buchkritiken haben zur Zeit in Deutschland kein Gegenstück [...] Aus jeder Buchkritik Hesses kann man etwas lernen, sehr viel sogar. Und wie diese kleine Anweisung, sich eine Bibliothek zusammenzustellen, gemacht ist, das ist nun zum Entzücken gar. Sie ist ganz subjektiv, und nur so ist auf diesem ungeheuren Gebiet so etwas wie Sachlichkeit zu erzielen. Wer sich nach diesem Bändchen richtet -: der tut wohl daran. Es steht wolkenkratzerhoch über den gangbaren Literaturgeschichten [...] Kurz und gut: Kauft euch für ein paar Pfennig das Bändchen Hesses, und ihr werdet gut bedient sein. Wer das wirklich gelesen hat, was er dort fordert -: der hat etwas hinter sich gebracht."60 Dieser Empfehlung kann ich mich nur anschließen, wenn es auch heute nicht mehr mit ein paar Pfennigen getan ist. Wie schon im ersten Weltkrieg, als Hesse plötzlich nicht mehr Bücher aus dem Lager der Kriegsgegner rezensieren durfte, geriet er auch während des 3.Reiches in Schwierigkeiten. 1935 hatte er für eine schwedische Zeitung die Buchbesprechungen übernommen. Da er Bücher von Marxisten, Juden und Katholiken gleichermaßen rezensierte, dagegen der neueren deutschen Literatur einen "Hang zu primitiver Dogmatik und pathetischen Glaubenssätzen" attestierte, wurde er von der deutschen Presse scharf angegriffen und als Volksverräter und Kulturbolschewist bezeichnet. Auch Herr Reclam hielt es 1934 für notwendig, "daß an einigen Stellen [der Bibliothek der Weltliteratur] den geänderten Zeitverhältnissen Rechnung getragen wird, um einen weiteren regen Absatz des Bändchens zu gewährleisten."61 Hesses lehnte dieses Ansinnen ab und schrieb in seiner Antwort unter anderem: "Ich halte nicht heute Bücher und Autoren für minderwertig, weil der Zeitgeschmack es tut, und streiche aus meinem Essay nicht Dinge weg, die mir lieb und wichtig sind - bloß weil die Konjunktur das nahelegt." Er weigerte sich ausdrücklich, jüdische Autoren zu streichen und bot Reclam an, auf eine neue Ausgabe zu verzichten und ihm seine Autorenrechte zurückzugeben, "dann haben Sie ja die Möglichkeit, mit einem Literarhistoriker, der objektiver und zugleich zeitgemäßer ist als ich, einen Führer durch die Literatur auszuarbeiten, der meinen subjektiven Versuch künftig ersetzt."62 Zu seiner großer Überraschung antwortete Reclam, man akzeptiere seinen Standpunkt und werde auf die Änderungen verzichten.63 Und damit bin ich fast am Ende meiner Ausführungen angelangt. Ich würde Sie jedoch noch gerne mit einem Nebenaspekt meines Themas bekanntmachen, nämlich den Briefen, die Hesse im Laufe seines Lebens erhielt. In der ironischen Betrachtung Abstecher in den Schwimmsport von 1929 schreibt Hesse: "Wenn ein Dichter so seine zwanzig, dreißig Jahre lang sich Mühe gegeben [...] hat, dann wird er nicht nur mit allerlei Ehren überhäuft [...], nein, er bekommt die Stimme des Volkes auch unmittelbar zu hören [...]. Er wird gewürdigt, die Manuskripte und ersten Bücher zahlreicher junger Kollegen zu lesen, [...] er wird dringend und sogar telegraphisch um seine feuilletonistische Meinung über den Völkerbund oder über die Zukunft des Segelflugsports befragt, er wird von jungen Leserinnen um seine Photographie gebeten und von älteren Leserinnen in die Geheimnisse ihres Lebens oder die Gründe ihres Beitritts zur Theosophie oder zur Christian Science eingeweiht [...]. Kurz, es beweist einem solchen Dichter jeden Morgen die Post, daß sein Leben und Tun nicht vergeblich gewesen sei."64 Nun brauchen Sie nicht zu befürchten, daß ich die ca. 35.000 Briefe an Hermann Hesse hier vor Ihnen ausbreite, aber einen davon nebst Hesses Antwort möchte ich Ihnen gerne vorlesen. Es geht darin um das Gedicht Landstreicherherberge, von dem die ersten beiden Strophen zum besseren Verständnis hier abgedruckt werden: Wie fremd und wunderlich das ist, Das Gedicht entstand 1901, der folgende Brief stammt vom Februar 1952: "Sehr geehrter Herr Hesse! Bitte wollen Sie mir meine Kühnheit verzeihen, daß ich es unternehme, an Sie zu schreiben! Aber ich kann nicht anders, denn es handelt sich um Ihr Gedicht 'Landstreicherherberge'. Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist dieses Gedicht mit Recht eines Ihrer bekanntesten und verbreitetsten, und gerade deshalb tut es mir leid, daß es Mängel hat, die ihm Abbruch tun und sich doch, wie ich meine, leicht beseitigen lassen. Da ist vor allem die erste Strophe mit dem vierten Verse: 'Vom Ahornschatten kühl bewacht'. Mir erscheint es zunächst etwas überraschend, daß ich mir einen Ahornschatten vorstellen soll, da es doch Nacht ist und vom Mondschein erst in der zweiten Strophe die Rede ist und dieser ja auch nicht 'in jeder Nacht' vorhanden ist. Doch selbst wenn ich die Szene von vornherein als mondbeschienen annehme, empfinde ich die Vorstellung eines Schattens, der einen Brunnen bewacht, als nicht angemessen. Ein Schatten könnte etwas verstecken, vielleicht auch beschirmen, aber nicht bewachen. Darum möchte ich gerne, daß dieser Vers lautet: 'Von dunklen Ahornen bewacht' oder ähnlich. Damit würde auch das Wort 'kühl' wegfallen, das als Stimmungswert noch in der zweiten Strophe gebraucht wird. Und weil ich nun heute einmal mit Überlegungen und Verbesserungsvorschlägen angefangen habe, möchte ich noch gerne sagen, daß ich die dritte Strophe lieber in folgender Form lesen würde: "Das alles steht und hat Bestand./Wir aber ruhten eine Nacht/Und gingen weiter über Land,/Ward uns von niemand nachgedacht." [Hesse benutzt in der ganzen Strophe das Präsens] Durch den Gebrauch des Imperfektums würde in dieser Strophe besser, wie ich glaube, der Gegensatz zwischen dem Beständigen und dem Vergänglichen, zwischen dem Immerwährenden und dem Einmaligen zum Ausdruck kommen. Für die letzte Strophe, die ja der ersten gleich ist, wäre dasselbe wie für diese zu sagen. Ich bitte nochmals, mir es nicht übel zu nehmen, daß ich in so ausführlicher Weise hier geschulmeistert habe, aber ich finde Ihr Gedicht so schön, daß ich mich freuen würde, wenn Sie bei einer Neuausgabe Ihrer Gedichte die eben vorgeschlagenen Änderungen annehmen und damit von Ihrer Seite aus sanktionieren würden. Mit vorzüglicher Hochachtung ganz ergebenst E.R."65 Hier nun Hesses Antwort: "Hochgeschätzter Herr R.! Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief mit den vortrefflichen Verbesserungsvorschlägen für mein Unglücksgedicht von der Landstreicherherberge! Das Gedicht, das auch mir immer, gleich allzu vielen andern, recht unvollkommen erschienen ist, hat ein Alter von ziemlich genau fünfzig Jahren, so daß Sie begreifen werden, daß es mir nicht leicht fiele, es nach so langer Zeit gewissermaßen noch einmal neu zu konzipieren. Um so willkommener muß mir Ihre Hilfe dabei sein. Wir streichen also vor allem den kühlen Ahornschatten. Denn in der Tat, wer hätte den traurigen Mut, daran zu zweifeln, daß die 'dunklen Ahorne' dem Brunnen, falls etwa jemand ihn leertrinken oder stehlen oder beschädigen wollte, ganz wesentlich kräftiger beizustehen und ihn zu verteidigen imstande wären als der bloße dürftige Schatten, umso mehr als es ja Nacht ist und der Mondschein, wie Sie richtig bemerken, erst in der zweiten Strophe erwähnt wird. Und wie treffen Sie ins Schwarze, wenn Sie in der dritten Strophe die ohnehin etwas wehmütige Nachtstimmung durch die einfache Versetzung in die Vergangenheit jeder Peinlichkeit berauben. Wer die frühere Fassung kannte, wird bei der Ihren erleichtert aufatmen und feststellen, daß ja alles nicht halb so schlimm sei. Sie sind ein höflicher Mann und haben mir in Ihrem Brief die schwierige Frage erspart: warum ich Jahrzehnte hindurch das Gedicht, mit diesen Flecken behaftet, in meinen Büchern habe stehenlassen, ohne ihm durch ein paar kleine Handgriffe aufzuhelfen. Ich selbst mußte mir diese Frage natürlich stellen, es war ihr nicht auszuweichen. Und da muß ich Ihnen gestehen, daß ich wirklich mehrmals, beim Korrekturlesen von Neuausgaben meiner Gedichte, eine große Anzahl von Ihnen als unzulänglich empfunden, mich auch nicht selten um Änderungen und Verbesserungen bemüht habe. Namentlich in den Versen meiner Anfängerzeit stoße ich auf eine Menge von unreinen Reimen, unpräziser Metrik und etwas verschwommener Bilder, es wimmelt da von Fehlern, die kein Poetiklehrer einem Schüler durchgehenlassen würde." Hesse führt im weiteren sein "Unvermögen" auf die Lyrik zurück, die er als kleines Kind kennengelernt hat, auf Volks- und Kirchenlieder. In ihnen "ging es sowohl was die Versformen und Reime wie was die Folgerichtigkeit des Denkens und Fühlens betrifft, äußerst unbekümmert und oft richtig salopp und leichtfertig zu". In den Gedichtbüchern des Emanuel Geibel hingegen ging es zwar weder "hemdsärmelig noch schludrig sondern recht sauber und gewissenhaft" zu, dennoch spürte der Junge schon sehr bald, daß diesen schönen, glatten Versen etwas fehlte, ein Zauber, ein Geheimnis. "Nie empfand man bei ihrem hübschen Klang etwas von dem süßen Schauder, der bei den Volksliedern, bei Kerner, bei Uhland und gar bei Eichendorff auch durch nicht fehlerlose Verse hindurch einem das Herz eng machte." Hesse bekennt, daß er viele seiner frühen Gedichte später zu "bessern und zu glätten" versuchte. dabei machte er jedoch eine eigentümliche Erfahrung: "daß nämlich das Herumkorrigieren an fremden Gedichten viel weniger schwer fällt als an den eigenen. Ein noch so geschickter und energischer Chirurg, denke ich mir, schneidet einen fremden Hals oder Bauch leichter, sicherer und erfolgreicher auf als seinen eigenen. Wenn ich fremde schlechte Verse las, fand ich leichter die schwachen Stellen und beschnitt oder korrigierte sie kaltblütiger, als wenn es um meine eigenen ging. Nichts könnte mich also, sollte man meinen, daran hindern, Ihre Verbesserung meines jugendlichen Gedichtes zu akzeptieren. Aber da unter den Hunderten von Gedichten, die ich zu verantworten habe, so sehr viele der Korrektur um nichts weniger bedürftig sind als das von Ihnen gewählte, muß ich mich und Sie doch fragen, ob es nicht allzu auffällig wäre, wenn nun in einer Neuausgabe grade nur dieses eine, einzige Gedicht in einer zur Vollkommenheit gereiften Form erschiene. Würde nicht jeder urteilsfähige Leser - und solche gibt es - den Kopf schütteln und sagen: 'Es ist ja anzuerkennen, daß H.H. hier sich wirklich einmal fähig gezeigt hat, ein schief geratenes Gedicht in den Senkel zu stellen - aber, zum Teufel, warum hat er das nur mit diesem einzigen getan? Ist es nicht, als mache er sich über uns lustig, als denke er: Da seht ihr, was ich könnte, wenn ich nur wollte?' Dies, hochgeschätzter Herr R., ist, was mein längeres Nachdenken über Ihren Vorschlag schließlich ergeben hat, und eben dies hindert mich, das vervollkommnete Gedicht so ohne weiteres als Geschenk anzunehmen und meinen Lesern vorzusetzen, als wäre es von mir zu dieser endgiltigen Form gebracht worden. Und so beantworte ich Ihren großherzigen Vorschlag durch einen Gegenvorschlag, vielmehr durch zwei, zwischen denen zu wählen nun Ihre Sache wäre. Die eine, einfachere Lösung wäre diese, daß wir die Landstreicherherberge bei einer künftigen Neuausgabe in beiden Fassungen zum Abdruck bringen, in der unvollkommenen alten und in der verbesserten, aber selbst-verständlich mit Nennung Ihres Namens etwa in einer Fußnote mit dem Wortlaut: 'Zweite und endgiltige, durch Herrn R. in U. hergestellte Fassung'. Die andere Lösung wäre nicht so einfach, wenigstens nicht für Sie, und ich zögere darum beinahe, sie Ihnen vorzuschlagen. Sie würden die Aufgabe übernehmen, für eine spätere Ausgabe alle meine frühen Gedichte, sagen wir etwa die ersten 150 Seiten der Gesamtausgabe, in ebenso sorgfältiger Weise zu verbessern wie das Gedicht mit dem Ahornschatten. Natürlich wäre dies eine große, mühevolle, Jahre füllende Arbeit, deren Vollendung zu erleben mir nicht vergönnt sein wird, als deren verdienstvollen Betreuer ich Sie aber meinem Verleger gern zu empfehlen bereit bin. Mit ergebenen Grüßen Ihr H.H."66. 1 Marie Hesse. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern von Adele Gundert. Insel 1977, S. 168f. 2 Hesse, H.: Die Welt der Bücher. Betrachtungen und Aufsätze zur Literatur. Zusammengestellt von Volker Michels. Suhrkamp 1977, S. 280 [Im folgenden als WdB bezeichnet]. 3 Hesse, H.: Lieblingsgedichte. WdB, S. 342. 4 Ebd., S. 343 5 Hesse, H.: Die Nürnberger Reise. In: H. Hesse, Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Werkausgabe. Suhrkamp 1987, S. 146. [Im folgenden als WA bezeichnet mit Angabe von Band und Seitenzahl.] 6 Hesse, H.: Kurzgefaßter Lebenslauf. WA 6, S. 394 7 Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert. Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen. Zweiter Band 1895-1900. Herausgegeben von Ninon Hesse, fortgesetzt und erweitert von Gerhard Kirchhoff. Suhrkamp 1978. S. 205 [Im folgenden als KuJ bezeichnet.] 8 Ebd., S. 624f 9 Hesse,H.: Gesammelte Briefe. Zweiter Band 1922-1935. In Zusammenarbeit mit Heiner Hesse hrg. von U. und V.Michels. Suhrkamp 1979, S. 52. [Im folgenden als GB 2 bezeichnet.] 10 Hesse, H.: Peter Camenzind. WA 1, S. 364 11 WA 6, S. 395f 12 Hesse, H.: Gesammelte Briefe. Erster Band 1895-1921. In Zusammenarbeit mit Heiner Hesse hrg. von U. und V.Michels. Suhrkamp 1973, S. 10f. [Im folgenden als GB 1 bezeichnet.] 13 Ebd., S. 11 14 Ebd., S. 42 15 KuJ, S. 42f. 16 Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Bearbeitet und mit einer Einführung versehen von Bernhard Zeller. Suhrkamp 1977, S. 32 17 WA 6, S. 396 18 GB 1, S. 77 19 Hesse, H.: Beschwörungen. WA 10, S. 368 u. 370 Michels. Suhrkamp 1977, S. 35f. [Im folgenden als WdB bezeichnet.] 20 20 GB 1, S. 121 21 Hesse, H.: Die Welt der Bücher. Betrachtungen und Aufsätze zur Literatur. Zusammengestellt von Volker Michels. Suhrkamp 1977, S. 35f. [Im folgenden als WdB bezeichnet.] 22 Zitiert nach: Sonderheft der Zeitschrift für Bücherfreunde 'Antiquariat' 1973, S. 6 23 WdB, S. 30f. 24 Ebd., S. 30 25 Ebd., S. 33 26 Ebd., S. 32 27 Ebd. 28 WdB, S. 87 29 WdB, S. 39 30 WdB, S. 37 31 WdB, S. 86 32 WA 4, S. 421 33 Ebd., S. 426 34 WdB, S. 86 u. 87 35 Hesse, H.: Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen.Vereinigung Oltner Bücherfreunde 1940, S. 11 36 Ebd., S. 58f. 37 GB 1, S. 86 38 Ebd., S. 177 39 Hesse, H.: Gesammelte Briefe. Dritter Band 1936-1948. In Zusammenarbeit mit Heiner Hesse hrg. von U. und V. Michels. Suhrkamp 1982, S. 260. [Im folgenden als GB 3 bezeichnet.] 40 GB 1, S. 225 41 GB 3, S. 498 42 GB 2, S. 202f. 43 Hesse, H.: Gesammelte Briefe. Vierter Band 1949-1962. In Zusammenarbeit mit Heiner Hesse und Ursula Michels hrg. von Volker Michels. Suhrkamp 1986, S. 208. [Im folgenden als GB 4 bezeichnet.] 44 GB 4, S. 290 45 GB 3, S. 160 46 GB 4, S. 259.47 WdB, S. 85f. 47 Hermann Hesse 1877-1977. Stationen seines Lebens, des Werkes und seiner Wirkung. Katalog der Gedenkausstellung im Schillernationalmuseum. Marbach 1977, S. 407 48 Ebd., S. 249 49 Lieder deutscher Dichter. Eine Auswahl der klassischen deutschen Lyrik von Paul Gerhardt bis Friedrich Hebbel von Hermann Hesse. München: Albert Langen [1914] 50 Der Zauberbrunnen. Die Lieder der deutschen Romantik. Ausgew. und mit einem Geleitwort von Hermann Hesse. Insel 1977 51 GB 1, S. 172 52 Ebd., S. 349 53 Hermann Hesse 1877-1977. Stationen seines Lebens, des Werkes und seiner Wirkung. Katalog der Gedenkausstellung im Schillernationalmuseum. Marbach 1977, S. 142f. 54 GB 1, S. 367f. 55 Mileck, Joseph: Hermann Hesse. Dichter, Sucher, Bekenner. Bertelsmann 1979, S. 364 56 GB 2, S. 379 57 Hesse, H.: Ausgewählte Briefe. Suhrkamp 1974, S. 126 58 Hermann Hesse/Helene Voigt-Diederichs - Zwei Autorenporträts in Briefen 1897 bis 1900. Diederichs 1971, S. 180 59 Hermann Hesse 1877-1977. Stationen seines Lebens, des Werkes und seiner Wirkung. Katalog der Gedenkausstellung im Schillernationalmuseum. Marbach 1977, S.282 60 Tucholsky, Kurt: Hermann Hesse, Eine Bibliothek der Weltliteratur. In: K. Tucholsky, Gesammelte Werke. Bd.3: 1929-1932. Rowohlt 1961, S. 791-792 61 Hermann Hesse 1877-1977. Stationen seines Lebens, des Werkes und seiner Wirkung. Katalog der Gedenkausstellung im Schillernationalmuseum. Marbach 1977, S. 286 62 Hesse, H.: Ausgewählte Briefe. Suhrkamp 1974, S. 133f. 63 GB 2, S. 442 64 WdB, S. 252 65 Hesse, H.: Ahornschatten. In: H. Hesse, Briefe an Freunde. Rundbriefe 1946-1962. Suhrkamp 1977, S. 97f. 66 Ebd., S. 98ff. |
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