|
06.08.2002, Vortrag von
|
|||
|
|
|||
|
Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse" |
|
Der Pazifismus im Zentrum der Beziehung zwischen Romain Rolland und Hermann Hesse Am 14. November 1914 notiert Romain Rolland in seinem Tagebuch: «Ein schöner Artikel des deutschen Dichters und Romanschriftstellers Hermann Hesse in der Neuen Zürcher Zeitung vom 3. November: O Freunde, nicht diese Töne! Da er in der Schweiz wohnt, entgeht er der deutschen Ansteckung. Er richtet sich an die Schriftsteller, Künstler und Denker und beklagt, dass sie so intensiv am Krieg teilnehmen. Vielleicht ist er geneigt, indem er diese richtigen Gedankengänge zum Ausdruck bringt, die Pflicht des Künstlers zum Schweigen zu übertreiben, was mit dem deutschen Hang zum Gehorsam allzu sehr übereinstimmt: wenn er nicht der Gewalt folgt, sperrt er seine Unabhängigkeit in sich ein, ich möchte dennoch einen deutschen Denker erleben, der sich ausdrücklich gegen die Gewalt auflehnt. Nun, man muß die Leute nehmen wie sie sind! Dieser Mann ist einer der besten seiner Rasse; und er sagt vieles, was ich unterzeichnen könnte: gegen die Schriftsteller, die den Hass schüren, gegen diejenigen, die vor dem Krieg humanitär eingestellt sind und im Krieg…Gegen den Krieg selbst will er nichts sagen; er wünscht, dass er sehr heftig sei, damit er schneller zu Ende geht; und er empfiehlt die Haltung Goethes, der sich zur Zeit der Freiheitskriege so erstaunlich aus der Sache heraushielt»1.
I Diese erste, nicht ganz vorbehaltslose Reaktion von Romain Rolland auf den Text von Hesse sagt schon viel über ihre zukünftigen Beziehungen aus. Dass Rolland erst im Februar 1915 Hesse angeschrieben hat, nachdem dieser einen Aufsatz über die Zeitschrift Die weißen Blätter veröffentlicht hatte, hängt schon mit einer Änderung in seiner Einstellung zum Krieg und zur deutschen Intelligenz zusammen, wie wir noch sehen werden. Ich konnte nicht ermitteln, ob Hesse den Text von Rolland « Au-dessus de la mêlée »(Über dem Schlachtengetümmel), der Mitte September 1914 im Journal de Genève erschienen war, wirklich gelesen hatte, als er seinen eigenen Text etwa zwei Monate später verfasste. Obwohl er überhaupt nicht darauf Bezug nimmt, muss er mindestens davon gehört haben. Beide Autoren lebten in der Schweiz. Die neutrale Schweiz wurde im Krieg zum Zufluchtsort der kriegskritischen bzw. pazifistischen Intellektuellen, die in ihrem jeweiligen Land inmitten der anfänglichen allgemeinen Kriegsbegeisterung zensiert und verfolgt wurden. Presseorgane wie die Neue Zürcher Zeitung oder das Journal de Genève wurden zu Foren für deutsch-französische bzw. internationale Auseinandersetzungen über Krieg und Frieden. Die gemeinsame Inspiration beider Texte ist auffällig und zeugt von einer erstaunlichen Geistesverwandtschaft. Wogegen sie sich richten, ist nicht der Krieg an sich, sondern der "Krieg der Geister", das heißt der Propagandakrieg, der in diesem ersten recht modernen Krieg gleich zu Beginn der materiellen Kämpfe einsetzt. Auf beiden Seiten, das heißt auf deutscher Seite wie auf der Seite der Ententemächte, ergreifen die meisten Intellektuellen, Gelehrten, Philosophen und Dichter Partei, nicht bloß für Ihr Vaterland, dessen Sieg sie verständlicherweise wünschen mochten, sondern auch für die Kultur ihres Landes, deren Überlegenheit sie proklamierten. So entfesselte sich neben dem eigentlichen, materiellen Krieg ein Kulturkrieg. Schon am 8. August 1914 hielt der international reputierte französische Philosoph Henri Bergson eine Ansprache vor der 'Academie des Sciences morales et politiques', der er vorsaß": Der eben begonnene Kampf gegen Deutschland ist der Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. Alle fühlen das, aber unsere Akademie ist vielleicht ganz besonders befugt, es zu behaupten. Sie widmet sich dem Studium der psychologischen, moralischen und sozialen Probleme. Sie erfüllt nur ihre wissenschaftliche Pflicht, wenn sie auf die Brutalität und den Zynismus Deutschlands, auf seine Verachtung jeglicher Gerechtigkeit und Wahrheit, auf seine Regression zum wilden Zustand hinweist». Am 18. September erschien in der New York Times ein von 54 Autoren unterzeichnetes Manifest, das gegen den Einmarsch der deutschen Armeen in Belgien protestierte und die Gesamtheit der englischsprechenden Völker dazu aufrief, das Völkerrecht gegen die Herrschaft von "blood and iron" in Europa zu verteidigen. Gleichzeitig kursierten in der Presse der westlichen Mächte allerlei Gerüchte über Gräueltaten, die von den deutschen Armeen auf ihrem Vormarsch durch Belgien begangen worden seien. Anfang Oktober kam die deutsche Reaktion. Dreiundneunzig deutsche Gelehrte, Künstler und Schriftsteller schlossen sich zu einem "Aufruf an die Kulturwelt" zusammen, in dem sie sich im Namen von Wissenschaft und Kunst gegen die "Lügen und Verleumdungen" wehrten, die von alliierter Seite den "aufgezwungenen schweren Daseinskampf zu beschmutzen trachten", zu dem Deutschland gezwungen sei. Die Dreiundneunzig beriefen sich auf das Vermächtnis der klassischen deutschen Kultur. Das Hauptziel des Manifests richtete sich gegen das von der alliierten Propaganda verbreitete Bild eines gespaltenen Gegners: auf der einen Seite das gute Deutschland der Dichter und Denker, auf der anderen Seite das Land des skrupellosen preußischen Militarismus: «Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist. Ohne den deutschen Militarismus wäre deutsche Kultur vom Erdboden getilgt». In seinem Aufsatz Gedanken im Kriege (1914) sprach Thomas Mann von "machtgeschützter Innerlichkeit", meinte damit, daß die echte deutsche Kultur glücklicherweise durch die deutschen Waffen vor dem zersetzenden, ja nihilistischen Einfluss der französischen Zivilisation, bzw. der westeuropäischen Aufklärung geschützt war. Diese Gedankengänge wird Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, in denen er eigentlich mit seinem frankophilen Bruder Heinrich polemisiert, weiter ausführen. Auch die deutschen Hochschullehrer hielten es nochmals für angebracht, als Antwort auf ein Manifest zahlreicher britischer Akademiker im Oktober 1914 in der Times zu bekräftigen, daß es keinen Unterschied zwischen deutschem Geist und der Armee des Landes gab. Westliche humanistische Zivilisation gegen deutsche Barbarei, oder umgekehrt, echte, deutsche Kultur gegen die materialistisch-merkantilistische seichte Zivilisation des Westen: so argumentierten damals die besten Köpfe der Nationen. In Deutschland trugen die meisten führenden Gelehrten zu der Formulierung der sogenannten «Ideen von 1914» bei, die im Zeichen des nationalen Sozialismus die Ideen von 1789 ablösen sollten. Der deutsche Kultur- und Heldenkrieg wurde von Werner Sombart oder Max Scheler dem eigennützigen Händlerkrieg der Engländer entgegengesetzt. In ihrem Engagement ließen sich die Intellektuellen eigentlich von der allgemeinen Begeisterung mitreißen, die in beiden Lagern den Beginn des Krieges kennzeichnete und alle im Prinzip kriegsfeindlichen Kräfte, wie die internationalistische Sozialdemokratie, lahm legte. In Frankreich zelebrierte man "die heilige Union" des Volkes; in Deutschland den Burgfrieden. Die SPD bewilligte die Kriegskredite, wobei der Kaiser sie gnadenvoll in die Volksgemeinschaft zurückholte: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche". Gegen diese Mobilisierung und Nationalisierung der Kultur lehnen sich fast im selben Moment und unabhängig voneinander Rolland und Hesse auf. Beide bangen um die geistige Einheit und somit um die Zukunft Europas. Was ihnen bedenklich erscheint, ist, um einen Ausdruck Rollands wiederaufzugreifen, "die Einstimmigkeit zugunsten des Krieges: "Nicht nur die blinden Leidenschaften der Rassen werfen Millionen von Menschen in den Kampf gegeneinander; auch die Vernunft, der Glaube, die Dichtung, die Wissenschaft werden einberufen und stellen sich in jedem Staat in den Dienst der Armeen. Rollands Text 'Au-dessus de la mêlée' beeindruckt zugleich durch seinen Idealismus, seine Präzision und seine prophetische Sicht. Er verurteilt nicht nur das Versagen der Sozialdemokratie und der Kirchen. Er weist auch auf die Schuldigen an der europäischen Katastrophe hin: die drei Reiche, Österreich, Russland und Preußen. Der preußische Imperialismus trägt die Hauptschuld. Er ist die Hydra, die das beste Blut Europas aufsaugt. Er muß zuallererst vernichtet werden: «Ecrasons l'infâme». Rolland wirft den deutschen Kriegsherren nicht nur die Verletzung der belgischen Neutralität, sondern auch die unverzeihliche Zerstörung der Kulturstädte Leuwen und Malines vor: «Aber um Gottes Willen. Diese Verbrechen dürfen nicht durch ähnliche Verbrechen wieder gut gemacht werden, keine Rache, keine Repressalien. Ein großes Volk rächt sich nicht, sondern stellt das Recht wieder her». Zur Wiederherstellung des Rechts verlangt Rolland die Einrichtung eines Hohen moralischen Gerichtshofes (Haute Cour morale), der sich aus unverdächtigen internationalen Persönlichkeiten zusammensetzen würde und über die Verstöße gegen das Völkerrecht zu urteilen hätte. Er betont die zunehmende Wichtigkeit der internationalen Öffentlichkeit, die dadurch bewiesen sei, daß die Regierenden ständig bemüht sind, ihre Kriegsverbrechen zu leugnen oder zu rechtfertigen. Die Intellektuellen sollen zu diesem «unsichtbaren Gericht der menschlichen Gattung»ihren Beitrag liefern, indem sie eben «über dem Schlachtengetümmel» bleiben: «Auch wenn der Krieg ausgebrochen ist, ist es eine Schande zu sehen, wie die Elite darin die Integrität ihres Denkens kompromittiert. Es ist eine Schande zu sehen, wie sie einer kindischen, abscheulichen Politik der Rassen zu Diensten steht, die trotz ihrer wissenschaftlichen Absurditäten (denn kein Land besitzt eine reine Rasse) nur zu zoologischen Vernichtungskriegen führen kann, wie sie von verschiedenen Arten von Nage- oder Raubtieren ums Leben geführt werden. Es würde das Ende dieser fruchtbaren Mischung bedeuten, die Menschheit heißt. Die Menschheit ist eine Symphonie von Kollektivseelen. Der Geist ist das Licht. Die Pflicht besteht darin, ihn über die Stürme zu erheben und die Wolken zu verjagen, die ihn zu verdunkeln trachten. Die Pflicht besteht darin, weit über der Ungerechtigkeit und den Hassgefühlen der Nation, viel höher und viel breiter, die Mauern der Stadt aufzubauen, hinter denen sich die freien und brüderlichen Seelen der ganzen Welt versammeln sollen. Der Krieg hatte Rolland in der Schweiz (inmitten einer Liebesaffäre) überrascht. Er war zu alt, um eingezogen zu werden. Er hatte beschlossen, in diesem neutralen Land zu bleiben, um seine Beziehungen zu Intellektuellen aller Länder weiter ungehindert zu pflegen und so diese geistige Internationale aufrechtzuerhalten. Die eben erwähnten Stellungnahmen waren bei ihm nicht unerwartet. Vor dem Krieg hatte er sich als guter Europäer ausgewiesen. Er war ein Sympathisant der internationalistischen Sozialdemokratie. Sein international bekanntes Werk Jean-Christophe war ein Plädoyer für die deutsch-französische Verständigung. Er teilte die in Frankreich besonders nach der Niederlage von 1871 übliche Vorstellung der zwei Deutschlands. Für ihn war die Lage klar, er stand nicht wirklich "über dem Schlachtengetümmel", sondern bekannte sich klar und deutlich zu seinem Lager: Frankreich und seine Alliierten führten den gerechten Krieg gegen das imperialistische und militaristische Preußen-Deutschland. Es galt eben, die Ideen der Aufklärung (Ecrasez l'infâme!), die Ideen von 1789, in deren Tradition er sich selbst stellte, zu verteidigen und durchzusetzen. Er beobachtete konsterniert, daß die Repräsentanten des geistigen Deutschland, für das er eine große Bewunderung hegte, sich in den Dienst des preußischen Militarismus und Imperialismus stellten. Erhellend ist in dieser Hinsicht seine Kontroverse mit Gerhart Hauptmann. Durch den offenen Brief an den Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, den er im Journal de Genève Anfang September publizierte, also vor seinem Aufruf «Au-dessus de la mêlée», glaubte Rolland, sich an einen hohen Vertreter des geistigen Deutschland, an eine Art neuen Goethe zu wenden, in der Hoffnung, ihn zu seiner Sicht der Dinge zu bekehren. Vor dem Krieg war Hauptmann in Deutschland wegen pazifistischer Neigungen verschrieen worden. Rolland hatte von einem seiner Artikel gehört, in dem er die Kriegsbegeisterung nicht zu teilen schien und sich nur gemäßigt germanophil zeigte. Diesen offenen Brief schrieb Rolland unter dem Eindruck der Nachricht von der Zerstörung der Kunstschätze in Leuwen sowie von anderen durch die deutschen Truppen auf ihrem Eilmarsch durch Belgien begangenen Gräueltaten. Rolland misstraute der propagandistischen Kriegshetze in der Presse, aber die erhobenen Anschuldigungen gingen an ihm nicht wirkungslos vorbei. Deshalb stellte er an Gerhart Hauptmann als den Vertreter Deutschlands die Frage: «Tötet die Menschen aber respektiert die Werke. Wer seid Ihr denn…Seid Ihr die Enkel Goethes oder Attilas?» Am 12. September antwortete Hauptmann, daß ihm der Erhalt eines Menschenlebens über den eines Kunstwerkes gehe. Krieg sei Krieg und die von Rolland verurteilten sogenannten Kriegsverbrechen seien nur Unfälle im "Durcheinander des Kampfes". Hauptmanns Antwort enttäuschte Rolland sehr. Er habe die Gewalt legitimiert. In der von den kulturellen Repräsentanten Deutschlands demonstrierten Eintracht mit dem preußischen Militärstaat, habe der deutsche Idealismus sein Ende gefunden. Bald darauf sollte die Bombardierung der Kathedrale von Reims, (gegen die Rolland in einem neuen Artikel 'Pro Aris protestierte') und die mangelnde Reaktion von deutschen Intellektuellen dieses düstere Fazit bekräftigen. Wegen dieser drei Artikel, die kurz aufeinander folgten, geriet Rolland, der über dem Schlachtengetümmel stehen wollte, ins Kreuzfeuer der Kritik. In Deutschland wurde er angegriffen, weil er eigentlich die Anklage des Barbarentums von Bergson wiederaufnahm und dabei die Sache Deutschlands, die ihm in Jean Christophe so nah am Herzen zu liegen schien, gleichsam verriet (Hauptmann schreibt ihm: "Ich weiß, daß Sie deutschen Blutes sind. Ihr schönes Buch Johann Christoph wird unter uns Deutschen neben dem Wilhelm Meister und dem Grünen Heinrich immer lebendig sein. Frankreich wurde Ihr Adoptivvaterland. Darum muß Ihr Herz jetzt zerrissen sein". In Frankreich wird Rolland kritisiert, weil er sich weigert, das ganze deutsche Volk für den Krieg verantwortlich zu machen, weil er an die uneingeschränkte Gültigkeit universalistischer Werte unter den geistigen Repräsentanten der kriegführenden Nationen verlangt und weil er nun auch die engagierten französischen Intellektuellen des Verrats am Geist bezichtigt. In seinem Tagebuch schreibt er zum Beispiel: « War es die Rolle eines Bergson, solche Worte auszusprechen? Muss sich die Vernunft mit den Leidenschaften der Parteien besudeln?». O Freunde nicht diese Töne! Es mag sein, daß Rolland Hesse um seinen Titel beneidet hat, der an das Lied der Freiheit von Schiller (vertont von Beethoven in seiner neunten Symphonie) erinnert. Muss sich die Vernunft mit den Leidenschaften der Parteien besudeln? Dies ist ganz genau die Fragestellung von Hesse, in dem also Rolland den protestierenden Deutschen finden kann, den er vergebens suchte. Mit seinem Text grenzt sich Hesse entschieden gegen die Gruppe der deutschen Intellektuellen ab, die sich der Kriegspartei angeschlossen haben. Er schreibt: «Ich bin Deutscher und meine Sympathie und Wünsche gehören Deutschland, aber was ich sagen möchte, bezieht sich nicht auf Krieg und Politik, sondern auf die Stellung und Aufgaben der Neutralen. Damit meine ich nicht die politisch neutralen Völker, sondern alle diejenigen, die als Forscher, Lehrer, Künstler, Literaten am Werk des Friedens und der Menschheit arbeiten. Der, der im Felde steht und täglich sein Leben wagt, habe das volle Recht zur Erbitterung und momentanem Zorn und Haß, und jeder aktive Politiker ebenso. Aber wir anderen, wir Dichter, Künstler, Journalisten- kann es unsere Aufgabe sein, das Schlimme zu verschlimmern, da Hässliche und Beweinenswerte zu vermehren»(S. 42). Hesse versteht nicht, warum französische Kunst auf einmal wegen des Krieges in Deutschland verpönt sein sollte (und umgekehrt), während sie doch wie die deutsche Kunst zur internationalen Kultur gehört: "Die Leute, denen jedes der französischen Malerei erteilte Lob ein Gräuel war und denen bei jedem Fremdwort der Zornschweiß ausbrach, die sind es nicht, von denen hier die Rede ist, die tun weiter, was sie vorher taten. Aber die anderen alle, die sonst mit mehr oder weniger Bewusstsein am übernationalen Bau der menschlichen Kultur tätig gewesen sind und jetzt plötzlich den Krieg ins Reich des Geistes hinübertragen wollen, die begehen ein Unrecht und einen groben Denkfehler". Hesse beruft sich auf Goethe: "Goethe war nie ein schlechter Patiot, obwohl er Anno 1813 keine Nationallieder gedichtet hat. Aber über die Freude am Deutschtum, das er kannte und liebte wie nur einer, ging ihm die Freude am Menschentum" (45). Die Neutralität, die Hesse von den Intellektuellen fordert, ist also keineswegs mit Passivität oder Gleichgültigkeit gleichzusetzen. Gewiss sucht sie ihren Platz «über dem Schlachtengetümmel», aber im Dienste einer Sache, die keiner der kriegführenden Mächte allein gehört und die Gefahr läuft, in den unbarmherzigen materiellen und ideologischen Schlachten des Krieges unterzugehen: der Sache des Friedens, der Menschlichkeit und der Vernunft. Die Neutralität, von der hier die Rede ist, ist also positiv, aktiv und engagiert: sie versucht, das hervorzuheben, was in Kriegszeiten noch verbindet, und nach dem Krieg die Wiederherstellung des Friedens ermöglichen kann: «Uns andern, die es mit der Heimat gut meinen und an der Zukunft nicht verzweifeln wollen, uns ist die Aufgabe geworden, ein Stück Frieden zur erhalten, Brücken zu schlagen, Wege zu suchen aber nicht mit dreinzu- hauen (mit der Feder!) und die Fundamente für die Zukunft Europas noch mehr zu erschüttern». Die Suche nach dem, was trotz allem verbindet, der Wille, die Brücken nicht endgültig abzureißen, ist eine politische Konstante bei Hesse. Sie erinnert an Kants sechsten Präliminarartikel des Traktats 'Zum ewigen Frieden'. Diese positive Neutralität bei Hesse ist nicht spontan. Nach seinen eigenen Worten befinden sich seine Sympathien und Wünsche zuerst auf Seiten Deutschlands. Im Wilhelminismus gehörte er zu den kritischen Intellektuellen. Er war Mitarbeiter des Simplicissimus gewesen und hatte die demokratisch-antiwilhelminische Zeitschrift 'März' gegründet. Nicht zuletzt um die Mediokrität und Stumpfheit der wilhelminischen Gesellschaft zu fliehen, die er ganz besonders in 'Unterm Rad' angeprangert hatte, hatte er sich 1912 in der Schweiz niedergelassen. Nun aber wundert er sich selber über seinen Patriotismus: « Ich bemerke, wie einseitig patriotisch ich geworden bin: Bemerkungen kritischer Art über Deutschlands Benehmen gegen Belgien (das ich selbst nicht loben kann!) ärgern und erregen mich». Seine Solidarität mit dem deutschen Vaterland veranlasste Hesse, sich 1914 als Freiwilliger zu melden. Als dienstuntauglich zurückgestellt, wird er 1915 der Deutschen Gesandtschaft in Bern zugeteilt, wo er nunmehr im Dienst der «Deutschen Gefangenenfürsorge» bis 1919 stehen wird. Er, der Kulturkritiker, steht einigen Ideen von "1914" nicht gleichgültig gegenüber. Wird der Krieg nicht etwas frische Luft hereinlassen, den faden und bürgerlichen Mief hinwegfegen, Gelegenheit für eine kulturelle Erneuerung sein?: «Die moralischen Werte des Krieges schätze ich im ganzen sehr hoch ein. Aus dem blöden Kapitalistenfrieden herausgerissen zu werden, tat vielen gut, grade aus Deutschland und für einen echten Künstler, scheint mir, wird ein Volk von Männern wertvoller, das dem Tod gegenübergestanden hat und die Unmittelbarkeit und Frische des Lagerlebens kennt». Diese romantische Kriegsvorstellung, die mehr oder weniger an den Enthusiasmus der "Jugendbewegten" erinnert, wird manchmal von dem Traum begleitet, daß eine Versöhnung zwischen Macht und Geist, Potsdam und Weimar möglich sei: «Wir wollen nicht mehr das arme ideale Deutschland sein, das zwar viele Dichter und Denker, aber kein Geld und keine Macht und keine Stimme in der Welt hatte» (S.59). Es gehe um das Entstehen in der Welt einer neuen Geisteshaltung, eines vom «englischen» Merkantilismus befreiten Geistes: «Dass wir unseren Kampf gegen die unguten, ungeistigen, unsauberen Mächte in der Welt richtig führen, auch gegen diese Mächte in uns selber, dafür müssen wir von Euch Soldaten den Heldensinn und die treue Ausdauer lernen, und Euch vor allem werden wir nach dem Kriege brauchen, um unsere großen, unsere gewaltigen Ansprüche an das deutsche Volk und das deutsche Wesen durchzusetzen. Ihr sollt uns aus dem Kriege den Geist mit heimbringen, der den Schmerz und den Tod nicht fürchtet, wenn es Großes gilt» (S. 60). Soll wiederum für den Patrioten Hesse die Welt am deutschen Wesen genesen? Auf der anderen Seite aber kann Hesse nicht umhin, sich zu entrüsten. Bedeutet doch die Verletzung der belgischen Neutralität einen schweren Verstoß gegen die Regeln der Zivilisation, die man selbst in Kriegszeiten zu respektieren hat. Er bemerkt, daß sein Internationalismus ihn in den Augen seiner Landsleute nur verdächtig werden lässt und beginnt, sich über seine Identität Fragen zu stellen: ist er Deutscher, oder eher Schweizer? Er warnt vor dem "Hurra-Patriotismus", der nicht "eine Art Vorschule zum Ideal der Menschheit" wäre (S. 50, 206). Er wiederholt, daß er zuerst Mensch, dann Deutscher sei. Und ferner, daß es ihm nicht gelinge, den Krieg als "etwas Großes, gar Heiliges" (S. 56) zu betrachten. Als Schriftsteller könne er sich nicht "literarisch" damit abfinden wie etliche seiner Kollegen. Nach und nach fühlt er in sich ein europäisches Bewusstsein erwachen, das denselben "Mittelpunkt" habe, wie sein deutsches:« Der Gedanke, Europa als ideale Zukunftseinheit könnte etwa eine Vorstufe zu einer geeinigten Menschheit bedeuten, wird wie jeder Kosmopolitismus zur Zeit schroff abgelehnt und ins Reich der poetischen Träume verwiesen. Ich bin damit einverstanden, aber ich halte viel von poetischen Träumen [...]». (S. 89) Rolland und Hesse waren keine Pazifisten in dem Sinne, daß sie den Krieg an sich verurteilten, sie plädierten nicht zu dieser Zeit für Kriegsdienstverweigerung. Rolland fand den Krieg gegen den deutsch-preußischen Militarismus gerecht. Der Krieg sei eben manchmal ein notwendiges Übel. Es gelte aber ihn zu überwinden. Seinerseits schreibt Hesse: « Da man jetzt einmal am Schießen ist, soll geschossen werden- aber nicht des Schießens und der verabscheuungswürdigen Feinde wegen, sondern um so bald wie möglich eine höhere und bessere Arbeit wiederaufzunehmen... Krieg wird noch lange sein, er wird vielleicht immer sein. Dennoch ist die Überwindung des Krieges nach wie vor unser edelstes Ziel und die letzte Konsequenz abendländisch-christlicher Gesittung" (S.46). Kultur ist etwas Gebrechliches. Es kann an einem Tag das zerstört werden, wofür Künstler, Gelehrte und Philosophen aller Länder sich ihr Leben lang bemüht haben. Deshalb sollen die Intellektuellen im Krieg auf der Seite des Rechts, der Verständigung und der Humanität bleiben. Die würdigste Aufgabe für die, die nicht eingezogen werden, besteht darin, all denen zu helfen, die vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden. Infolgedessen stellt sich Romain Rolland im Oktober dem Roten Kreuz zur Verfügung und wird freiwilliger Helfer der Auskunftstelle für Zivilgefangene in Genf (Die Einbeziehung der Zivilisten in das Kriegsgeschehen verursachte in der Tat während des Ersten Weltkrieges neue, bislang nicht gekannte Schwierigkeiten). Rolland wird neun Monate lang in dieser humanitären Organisation intensiv arbeiten. Seinerseits - wiederum eine erstaunliche Gemeinsamkeit im Werdegang beider Freunde - hatte Hesse mit Richard Woltereck und in Verbindung mit der Deutschen Gesandtschaft in Bern eine "Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene" eingerichtet, die Hunderttausende von Gefangenen mit Büchern versorgte, welche ihnen die gegenwärtige Misere erleichterten und sie auf einen Neubeginn nach dem Krieg vorbereiteten. Ein gutes Drittel von Hesses Aufsätzen im Ersten Weltkrieg gilt den Zwecken der Kriegsgefangenenfürsorge. Ein solches humanitäres Engagement scheint ihm wirksamer und von größerer Tragweite zu sein als der Beitritt zu irgendeiner pazifistischen Organisation. An die Pazifisten richtet er sich 1915 in einem streitbaren Aufsatz: "Mir ist es wunderlich wie man für die ferne(friedliche)Zukunft schwärmen und tätig sein kann, während die blutige Gegenwart auf Schritt und Tritt unsere Hilfe anruft. Ich klage Euch an, daß Ihr redet, wo so viel zu tun wäre, daß Ihr Versammlungen und Vorträge besucht, statt tätig zu sein, statt Eure Säle den Kranken, Euer Geld den Armen, Euren Idealismus den Leidenden zur Verfügung zu stellen. Wer Adressen für Pakete an Gefangene schreibt, wer Nägel in Kisten schlägt, die Kleider und Schuhe zu frierenden Menschen bringen sollen, der tut unendlich viel mehr als Ihr mit allen Reden, mit allen Broschüren, mit allen Vorträgen" (S. 949). Hesse mag die "Schreier" nicht, von welcher Seite sie auch schreien mögen. In diesen Schreckens- und Leidenszeiten bevorzugt er die verborgene Tat, die den Menschen aus ihrer körperlichen und seelischen Not hilft. Auch das wird eine seiner politischen Konstanten bleiben. Er hält auch an der Idee fest, daß diejenigen die hinter der Front Programme erstellen, für den Wiederaufbau der Nachkriegszeit viel weniger wert sein werden als die Jugend, die an der Front gelitten und sich geopfert hat. Dabei unterstreicht er aber seine apolitische Einstellung «Ich selber bin ganz unpolitisch und hänge einer asiatischen Passivität an. Wo ich aber irgendetwas tun kann, was Frieden und Menschlichkeit fördert, bin ich stets eifrig bereit» (Brief an R.R. vom 10.8.1915). Im Laufe der Jahre 1915/1916 macht das Denken Rollands einen Wandel durch. Allmählich gelangt er zu der Überzeugung, daß Deutschland nicht allein am Krieg und an seinen Gräueltaten schuld ist. Diese Entwicklung deutet sich schon in seinem Aufsatz "Au-dessus de la mêlée" an, als Rolland die Militarisierung der französischen Intelligenz (Maurice Barrès, der Deutschland als la "bête immonde" schilt, weist hier ein Maximum an Hassgefühlen auf) und den Einsatz von afrikanischen Truppen auf französischer Seite kritisierte. Deutschland hat nicht das Monopol der Ungerechtigkeit und der Barbarei. Von nun an löst sich Rolland immer mehr von seinem Patriotismus los: er scheint ihm immer weniger mit der Idee der Freiheit und des Humanismus vereinbar. Rolland wendet sich nun dem Wiederaufbau Europas nach dem Krieg zu. Zu diesem Zweck will er die zahlreichen Beziehungen nutzen, die er zu Intellektuellen in ganz Europa hat. In diesem Zusammenhang entdeckt er die Existenz einer Antikriegspartei unter den deutschen Intellektuellen. Es ist, als ob diese gerade zu dem Zeitpunkt nüchterner würden, wo sich in Frankreich die Geister erhitzen. Im Dezember 1914 hat er erfahren, daß einige Sozialdemokraten ( in der Tat K. Liebknecht allein!) gegen die Erneuerung der Kriegskredite gestimmt haben. In der deutschen Sozialdemokratie wechselt allmählich die Stimmung. Drei Mehrheitssozialdemokraten, Bernstein, Haase und Kautsky protestieren im Juli 1915 gegen die Verlängerung des Krieges. Auch im liberalen Lager werden immer mehr kriegskritische Stimmen in verschiedenen Zeitschriften (Die Schaubühne, die Ethische Kultur, die Ethische Rundschau, Die christliche Welt) laut. Die Zeitschrift Forum wird unter der Leitung von Wilhelm Herzog gleichsam zum Sprachrohr seiner eigenen Ideen in Deutschland. Sie übersetzt seine Texte und publiziert auch Aufsätze von pazifistischen Autoren: Heinrich Mann, René Schickele, Eduard Bernstein, Annette Kolb, Friedrich Wilhelm Foerster. Sie gehört mit der Aktion von Franz Pfemfert, der Friedens-Warte von Albert H. Fried und den Weißen Blättern von René Schickelé zu den wichtigsten Organen des internationalen Pazifismus in Deutschland. Auf die letzte Zeitschrift wurde Rolland, wie anfangs gesagt, durch einen Aufsatz von Hermann Hesse aufmerksam gemacht. Am 18. Februar 1915 notiert er in seinem Tagebuch: «Hermann Hesse veröffentlicht im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung eine Rezension über eine junge deutsche Zeitschrift, die Weißen Blätter aus Leipzig, die nach einer mehrmonatigen Unterbrechung wiedererscheinen darf. Dort drückt sich die junge Dichtergeneration aus. Hesse weist auf ihre noble Gelassenheit hin. Einer der Mitarbeiter, der Elsässer Eduard Stadler ist eben gefallen. Als Lektor an der Freien Universität Brüssel tätig, war er der Übersetzer und der Freund der französischen Dichter…: er war 30 Jahre alt. Hesse vergleicht seine europäische Einstellung mit der Meinen; und er sieht darin, kein einzelnes Phänomen sondern die frühe Blüte eines «Europeanismus», der in der besten deutschen Jugend im Keim vorhanden ist». Es erfolgt darauf die erste Kontaktaufnahme zwischen beiden. Jeden Patriotismus ledig, will Rolland Mitglieder für seine Internationale des Geistes anwerben. Am 26 schickt er folgenden Brief an Hesse: « Monsieur, man hat mir Ihren Artikel aus der "Neuen Zürcher Zeitung" mitgeteilt. Ich drücke Ihnen herzlich die Hand. Das wollte ich schon lange tun, - seit ich Ihre Bücher gelesen habe und vor allem, seit ich mitten in diesem Sturm die Worte habe zitieren hören, die die Wolken des Hasses auflösen, die Worte des befreiten Beethoven. Wir können die Raserei der Staaten nicht aufhalten; ich fürchte sogar, es wird noch entsetzlicher; die Völker können nicht sprechen; sie können kaum denken( man lässt ihnen weder die Zeit noch die Möglichkeit dazu). Um so mehr müssen wir zusammenstehen, wir alle, die wir uns angeekelt dem bestialischen Irrsinn verweigern und die wir die Aufgabe haben, für die Zukunft die heilige Union des europäischen Geistes zu bewahren. Wenn der Krieg andauert, dann, meine ich, müssen wir diese rein geistige Einheit zwischen den freien Denkern aller Völker bekräftigen. In aufrichtiger Zuneigung.» Auch Hesse löst sich nun von jeglichem Patriotismus. In seiner Rezension der Weißen Blätter hat er erklärt, er glaube nicht an Programme für die Zukunft aber erwarte viel von neuen würdigen und fruchtbaren Beziehungen zwischen den europäischen Intellektuellen. Also die Internationale der pazifischen Intelligenz gegen die Internationale der Kriegshetzer. In diesem Sinne erwähnt er in einem Brief an Rolland (28.II. 1915) die mögliche Gründung einer "neutralen" Zeitschrift in der Schweiz, die französische Mitarbeiter benötigt (die Zeitschrift ist nie erschienen) Im April publiziert Rolland im Journal de Genève einen Aufsatz über den neuen Geist, der unter den Intellektuellen Deutschlands aufkeimt. Darin lobt er in erster Linie Hermann Hesse (und sein Gedicht «Der Krieg»), aber auch Stefan George (sich!), Max Scheler, Georg Trakl ( der eben in Galizien Selbstmord begangen hat), René Schickelé und Wilhelm Herzog. Im Juni erscheint wiederum im Journal de Genève «Le meurtre des élites» («Mord an den Eliten»), in dem Rolland wiederum die kleine Minderheit der in Deutschland unterdrückten kriegskritischen Stimmen zu Worte kommen lässt. Durch seine Publikationen versucht er, alle pazifistisch engagierten Organisationen und Gruppen bekannt zu machen. So wird er zum Mittelpunkt eines europäischen Nests von Pazifisten oder friedensorientierten Intellektuellen. Er korrespondiert mit dem niederländischen Anti-Orrlog-Raad. A COMPLÉTER Als Leitfigur des moralischen Pazifismus ist Rolland dennoch stets darauf bedacht, von den verschiedenen Organisationen, die, je länger der Krieg dauert, vielerorts aufblühen, nicht vereinnahmt zu werden und seine Unabhängigkeit zu bewahren. So bringt er in seinem Tagebuch im April 1915 sein Misstrauen gegenüber einer von einem jungen Engländer Lionel Wyon soeben gegründeten «Gesellschaft zur Verständigung der Intellektuellen» zum Ausdruck. Deren Absichten seien sicher nobel aber vage. Unter den Mitgliedern erblicke er zwar sympathische Namen wie Ellen Key, Spitteler, Hermann Hesse aber auch «einige weniger sympathische». Er habe nie eine große Sympathie für Herdengeister empfunden. Er bleibe lieber ein Europäer, der allein, außerhalb aller Gesellschaft kämpfe. Die Schwierigkeit der Beziehungen Rollands zu den pazifistischen Organisationen wird durch sein Verhältnis zum «Bund Neues Vaterland» exemplifiziert. Vor dem Krieg hatten die deutschen und französischen pazifistischen Organisationen vergeblich versucht, den Konflikt zu vermeiden. Es wurden viele Komitees zur deutsch-französischen Verständigung oder Annäherung gegründet (wobei die Frage Elsaß-Lothringens ein schweres Hindernis war). Gemeinsame Konferenzen wurden veranstaltet, wo Franzosen wie der Baron d'Estournelles de Constant, Frédéric Passy, Th. Ruyssen und Deutsche wie Ludwig Quidde, Wilhelm Foerster, Alfred H. Fried, der schon 1892 die erste deutsche pazifistische Organisation, die Deutsche Friedensgesellschaft, gegründet hatte, zusammenkamen, um Wege zur Friedenserhaltung zu suchen und ihre jeweilige Regierung in diesem Sinne zu beeinflussen. Bei Kriegsausbruch konnten zahlreiche Pazifisten der patriotischen Begeisterung schlecht widerstehen. Die französischen Pazifisten waren geneigt, ihr Land als den Verteidiger des Rechts und der Menschenrechte zu betrachten. Die deutschen Pazifisten wollten die Rechte Deutschlands nicht preisgeben. Einige gingen ins Exil wie Fried. Andere, zum Beispiel die in Deutschland verbliebenen Vertreter der Deutschen Friedensgesellschaft, versuchten sich der Regierung anzunähern, um sie besser im Sinne eines schnellen Verständigungsfriedens ohne Annexionen zu beeinflussen. Der Bund Neues Vaterland wurde im November 1914 gegründet, um dieser ambivalenten Position entgegenzutreten. Er markiert eine Wende innerhalb des deutschen Pazifismus in dem Maße, wie er die Friedenssuche mit der Forderung der Demokratisierung Deutschlands verkoppelt. Zu seinen Gründern gehören Kurt von Tepper-Laski, Otto Lehmann-Rußbüldt, Albert Einstein und Lili Janasch. Ernst Reuter ist einer der Sekretäre. Zu den Mitgliedern zählen Persönlichkeiten der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Welt wie Graf Arco ( Leiter der Firma Telefunken) Walter Schücking, Friedrich W. Foerster, Rudolf Breitscheid, Kurt Eisner, René Schickelé und Hellmut von Gerlach. Diese elitäre Zusammensetzung scheint eine Gewähr für die Wirkung des Bundes auf hoher Ebene zu sein. Die Gründung und die Orientierung des Bundes werden von einigen französischen Pazifisten wie Victor Basch mit Interesse zur Kenntnis genommen. Ein anderer französischer Pazifist, Ferdinand Buisson, bleibt skeptisch und misstrauisch. Rolland bejaht die Anstrengungen des Bundes. Einige seiner Texte oder seiner Briefe werden vom Bund publiziert. Aber er zweifelt ein bisschen an seiner Wirksamkeit. Und er weigert sich, von ihm instrumentalisiert zu werden. Als einer seiner Briefe an Lilli Janasch ohne seine Erlaubnis publiziert, als dann sein Name fälschlicherweise unter den Mitgliedern des Bundes zitiert wird, kommt es zur Erlahmung der Beziehungen. Rollands Reaktion erklärt sich nicht nur durch seine Furcht vor der Vereinnahmung seiner Ideen oder seiner Person, sondern auch durch seine unbequeme Lage. Er ist sozusagen in eine Zwickmühle geraten. Prinzipiell stimmt er den Zielen des Bundes Neues Deutschland zu. Aber Tepper-Laski verlangt praktisch von ihm, daß er die Kriegsschuld Frankreichs explizit anerkennt. Er kann und will kein Wasser auf die Mühlen seiner französischen Gegner bringen, die ihn des Verrats anklagen. Er wird nicht nur von extremen Nationalisten wie Henri Massis oder Maurice Barrès angegriffen, sondern auch von ein paar alten Freunden wie Richet aufs Korn genommen, wenn nicht einfach verlassen. Deshalb weigert er sich, irgendeinem deutschen Bund beizutreten. Er hat den Eindruck, daß er in Frankreich überhaupt nicht verstanden wird. Er wollte gleichsam ein Schiedsrichter zwischen den Nationen sein. Er wird sich nun der Schwierigkeit dieser Aufgabe bewusst. Er ist des Kampfes müde und will sich wiederum seinen künstlerischen Tätigkeiten zuwenden. So wird er fast ein ganzes Jahr schweigen. Diese vorübergehende Entmutigungsphase hat aber mit der schweren Depression, die zur selben Zeit Hesse aus anderen Gründen trifft, nichts gemein. Als Rolland im November 1916- im selben Monat wird ihm der Nobel-Preis verliehen- mit dem Aufsatz «Les peuples assassinés» (Die ermordeten Völker) wieder öffentlich auftritt, ist in seiner Interpretation des Krieges wiederum ein Wandel eingetreten. Nicht mehr ausschließlich oder hauptsächlich der deutsch-preußische Militarismus ist schuld am Kriege, sondern das Geld. Durch seine linkssozialistischen Freunde (vor allem Henri Guilbeaux, der in der Schweiz die Zeitschrift 'Demain' leitet ) hat Rolland Informationen über die wirtschaftlichen Hintergründe des Krieges bekommen. Die Völker Europas sind nicht frei, sie werden von den Kapitalisten manipuliert. Rolland nimmt zum Teil die Analysen der deutschen Kulturkritiker ( und somit auch Hesses, aber auch des Inders Rabindranath Tagore) wieder auf. Die wissenschaftlich-technische Zivilisation Europas sei ein Moloch, der seine eigenen Kinder frisst. Sie sei nur noch durch eine vollkommene moralische und soziale Revolution zu retten. Die Erneuerung könne eigentlich nur von außen kommen, von Amerika (aber bald enttäuscht ihn der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, die nun nicht mehr als Land der Freiheit und der Menschenrechte, sondern als Hort des Kapitalismus und der Korruption gelten) oder von Asien. Darüber hinaus gilt es nicht nur den Patriotismus bzw. Nationalismus zu überwinden, sondern auch den engen europäischen Horizont zu überschreiten. Von einer kulturellen Synthese zwischen Asien und Europa erwartet also Rolland die Förderung der «großen Individualität der universellen Menschheit». Er schwärmt von großen Gelehrten wie dem Kulturphilosophen Erwin Hanslick oder dem Biologen Georg F. Nikolaï, die durch ihre Forschung die Einheit der Menschheit herausstellen. In dieser Hinwendung zur universellen Menschheit folgt ihm übrigens Hermann Hesse, der freilich dies Ideal nur in der vollkommenen Abkehr von der Politik ins Auge fassen kann. Hesse schreibt an Rolland am 4. 8. 1917: «Wo immer möglich, wende ich mich vom Aktuellen weg ins Zeitlose. Der Versuch, an politische Dinge Liebe zu wenden, ist mir missglückt; auch «Europa ist mir kein Ideal- solange Menschen einander töten, unter Führung Europas, ist mir jede Einteilung der Menschen verdächtig. Ich glaube nicht an Europa, nur an die Menschheit, nur an das Reich der Seele auf Erden, an dem alle Völker Teil haben und dessen edelste Verkörperung wir Asien verdanken»(PG 210). Bald setzt Rolland seine Hoffnung auf die russische Revolution, die im März 1917 ausbricht. Sie hat in seinen Augen das Werk der Französischen Revolution zu vollenden, den Menschen die Freiheit und den Völkern den Frieden zu bringen ( «A la Russie libre et libératrice», Demain, 1.Mai 1917). Durch seinen Freund Guilbeaux wird er über Ideologie und Praxis der russischen Revolutionäre unterrichtet, die sich soeben in der Schweiz aufhalten. Er befreundet sich mit Anatol Lunatcharski und Maxime Gorki (Lenin ist er aber nie begegnet) und teilt ihre Freude und ihre Zuversicht. Doch enttäuschen ihn die Exzesse der Bolschewisten und der von ihnen geschlossene Frieden von Brest-Litowsk (3.3.18), der dem deutschen Militarismus zugutekommt. Er liest Marx und ist von seiner Lehre angezogen. Von der deutschen Niederlage, vom Versailler Vertrag und von der Errichtung der Weimarer Republik ist im Briefwechsel zwischen Hesse und Rolland keine Rede: als ob beide in ihren Beziehungen nicht ins Politische herabgleiten und sich weiterhin auf der hohen Ebene des Geistes und der Menschlichkeit halten wollten. Im Januar 1919 schickt Hesse Rolland den Aufruf von Will Vesper «An die Kinder der ganzen Welt zugunsten der hungernden Kinder Deutschlands». Rolland sorgt für seine Weitergabe und Bekanntmachung. Im Frühling 1919 unterzeichnet Hesse ohne Zögern mit Bertrand Russel, Benedetto Croce, Frederik van Eede, Stefan Zweig, Barbusse die «Erklärung für die Unabhängigkeit des Geistes», die Rolland im Einverständnis mit F.G.Nicolaï verfasst hat. Es gilt damals, nach der großen Erschütterung des Krieges, Europa wiederaufzubauen. Rolland erinnert in seinem Appell an den Verrat der Intellektuellen am Geist während des Krieges und ruft sie dazu auf, nun für die Sache der Wahrheit, der Menschheit und der universellen Brüderlichkeit einzutreten: «Wir kennen nicht die Völker, wir kennen das Volk, das einzige, universelle Volk, das leidet, fällt, wieder aufsteht und vorwärts geht auf dem schwierigen, von seinem Schweiß und seinem Blut durchtränkten Weg, das Volk aller Menschen, die alle Brüder sind. Damit sie sich wie wir immer mehr dieser Brüderlichkeit bewusst werden, erheben wir über ihre blinden Kämpfe die Bundeslade – den freien Geist, den Einen und Vielfältigen, den Ewigen». Etwas später, im August 1922, lädt Rolland, der sich in Villeneuve niedergelassen hat, Hesse zu einer Tagung, die in Lugano im Rahmen der Veranstaltung des «Internationalen Frauenbundes für den Frieden und die Freiheit» stattfinden soll. Es sollen dort Georges Duhamel, Graf Kessler, Bertrand Russel und auch indische Freunde von Rolland, der Geschichtsprofessor aus Calcultta Kalidas Nag sowie Dilip K. Roy zusammenkommen. Da Rolland Hesses Scheu vor der Politik kennt, fügt er als Nachsatz hinzu: «Diese Vorträge haben überhaupt keinen politischen Charakter. Es sind Zusammenkünfte freier Geister». «Mit Widerwillen» wird sich Hesse nach langem Zögern dahin begeben und dort den Schluss des soeben erschienenen Siddharta (dessen erster Teil Rolland gewidmet ist) vorlesen. In seinem Tagebuch berichtet Rolland über dieses Zusammentreffen, freut sich über den freundschaftlichen Gedankenaustausch, der aus diesem Anlass zwischen Hesse und dem Pazifisten Van Aeden, Hesse und dem Inder Kalidas Nag stattgefunden hat. Hesses intime Kenntnis der Kultur Indiens habe alle beeindruckt. Die alten Freunde haben die Zeit des Krieges heraufbeschworen, wobei sie sich bange gefragt haben, ob dieser wirklich vorbei sei (was den stets zu Depressionen neigenden Hesse trotz seiner «asiatischen Weisheit» noch mehr beunruhigte als seinen Gesprächspartner!).Die Literatur nimmt in den Beziehungen der beiden Männer in der Nachkriegszeit einen großen Platz ein. Hesse rezensiert gewissenhaft und wohlwollend die Werke Rollands. Rolland rühmt manchmal ein bisschen konventionell die Werke, die literarischen wie die malerischen, die ihm Hesse regelmäßig zuschickt. Man versucht auch einander behilflich sein und die Übersetzung der jeweiligen Werke zu fördern. Philosophisch dominiert aber ein Thema: Asien. Durch Hesse wird Rolland, der selbst der indischen Kultur mehrere Bücher gewidmet hat, von dem großen Interesse, das deutsche Denker wie Keyserling (Er schreibt oberflächlich, aber schön, meint Rolland!) Asien entgegenbringen, in Kenntnis gesetzt. Im September 1920 berichtet er in seinem Tagebuch von einem Gespräch mit Hesse, wo dieser ihm seine Angst mitgeteilt hat, noch einmal vom deutschen Publikum missverstanden zu werden. Er hat sich in mehreren Schriften im Hinblick auf den moralischen Wiederaufbau nach dem Krieg an die Jugend gerichtet und fürchtet, daß seine Appelle in einem «bolschewisierenden Sinne» interpretiert werden. Dabei meint Hesse- so berichtet Rolland- daß die innere Befreiung, wie die asiatische Philosophie sie lehrt und praktiziert, «das Einzige ist, was wir (die Europäer) dem Bolschewismus entgegenzusetzen haben». Nur so, auf indirektem Wege und zu seltenen Malen hören wir in der Korrespondenz der Zwischenkriegszeit von dem politischen Engagement der beiden Autoren. Hier wären wiederum zahlreiche Parallelen zu verzeichnen, wenn sie sich auch manchmal in entgegengesetzter Richtung ausdrücken mögen. Zum Beispiel kritisiert Rolland als Franzose die Strenge und Ungerechtigkeit des Versailler Vertrages, während Hesse in Deutschland «das Weglügen aller Kriegsschuld» von Seiten seiner Landsleute anprangert: (PG 488«Es wird sich zeigen, daß die Feinde ebenfalls schuld hatten, aber es wird sich nie zeigen, daß unsere Flottenbauten, unser Überfall auf Belgien und unser Auftreten gegen Russland in Brest-Litowsk etwas anderes war als schlechte Politik» PG 350). Wird die Beendigung des Krieges einen neuen Anfang erlauben? Zu Beginn der Weimarer Republik bekundet Hesse sein Vertrauen in die deutsche Jugend. Er richtet an sie ein von Nietzsche inspiriertes Manifest: Zarathustras Wiederkehr, das 1919 anonym erscheint, ein bisschen wie in ihrer Zeit die Schrift von Julius Langbehn Rembrandt als Erzieher. Im selben Jahr 1919 gründet Hesse mit seinem Freund Richard Woltereck eine kulturpolitische Zeitschrift Vivos voco, die dasselbe erzieherische Ziel verfolgt. Aufgrund seiner pazifistischen Einstellung während des Krieges, die ihm nun viele Briefe von Jugendlichen einbringt, glaubt Hesse nämlich sich zum praeceptor germaniae aufspielen zu können. In Zarathustras Wiederkehr meldet sich wiederum der unpolitische Politiker Hesse: »Wir müssen nicht hinten beginnen, bei den Regierungsformen und politischen Methoden, sondern wir müssen vorn anfangen, beim Bau der Persönlichkeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen» (PG 296). Also ermahnt er die deutsche Jugend dazu, den alten Idolen des Nationalismus und Materialismus abzuschwören, um in sich selbst den Gott wiederzufinden, der ihnen erlauben soll, ihr Schicksal und ihre Aufgabe zu erkennen und anzunehmen. Sie müssen in sich gehen, den Weg nach innen einschlagen, auf die innere Stimme hören, kurz sie müssen, wie Hesse das nennt, «eigensinnig» werden, das heißt aufrichtig, authentisch. Bevor man die Welt verändert, muß man das werden, was man ist. Diese höchst idealistisch-romantische Botschaft, in der man Anklänge an Novalis, Nietzsche und Lao-Tse hört, konnte doch bolschewistisch interpretiert werden, weil Hesse in einem Abschnitt des Textes die Begeisterung der jungen Spartakisten lobt. Der praeceptor germaniae scheiterte. Bald musste er einsehe, daß das deutsche Volk die Lehre aus der Geschichte nicht ziehen wollte. Es blieb unterwürfig, starker Männer bedürftig, machtversessen (noch unter Adenauer glaubte Hesse feststellen zu können, daß der bazillus germanicus nicht ausgestorben war!); es sabotierte seine Demokratie. Später dachte Hesse an diese Zeit zurück als an eine Zeit der Illusion: «Einst, um 1919 gab es eine kriegsmüde, stark pazifistische und internationalistische Jugend in Deutschland, besonders Studenten, die lasen Rolland und Hesse und schienen eine Art Sauerteig zu sein, aber einen Moment später hatte Hitler schon eine Knabenarmee von 100.000 Burschen, die das Volk ihm freiwillig zur Verfügung stellte und deren braune Ausrüstung es zahlte» (PG 695/6). Im Jahre 1923 , nachdem er aufgehört hatte, noch irgendwie an das deutsche Wesen zu glauben, beantragte Hesse die schweizerische Staatsangehörigkeit. Auch im Hinblick auf den Kommunismus ist bei den zwei Freunden viel Gemeinsames zu verzeichnen. Aber hier werden sich schließlich die Geister scheiden. Beide haben die Novemberrevolution in Deutschland begrüßt und waren von dem Scheitern der progressiven Kräfte enttäuscht, beide haben die- selben linken Leute bewundert: Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Kurt Eisner, Gustav Landauer usw. Nun blieb die Sympathie Hesses für den Kommunismus rein idealistisch, wie er das in einem Entwurf zum Brief an einen Kommunisten im Jahre 1931 erklärt: «Für den Kommunismus bin ich mit dem Herzen, denn immer hat der Unterdrückte, nie der Unterdrücker meine Liebe gehabt». Aber gleichzeitig verwirft er die Ideologie und die Gewalttätigkeit des Kommunismus. Ohnehin verbietet ihm seine Abneigung gegen die Politik einer Partei beizutreten: «Ich bin persönlich unfähig mich einer Partei einzureihen, Programm in Bausch und Bogen zu bejahen». Hesse hört nie auf, diese seine apolitische Einstellung hervorzuheben. Am eindeutigsten vielleicht in einem Brief an Emil Molt vom 18.11.1918: »Mein Dienst und mein göttlicher Beruf ist der der Menschlichkeit. Aber Menschlichkeit und Politik schließen sich im Grunde aus. Beide sind nötig, aber beiden zugleich dienen ist kaum möglich. Politik fordert Partei, Menschlichkeit verbietet Partei» (PG 275). Rollands Einstellung zum Kommunismus ist von Anfang an komplizierter, ambivalenter. Wie Hesse kritisiert er auch die Gewalttätigkeit und die Ideologie der Bolschewiki. Er verwirft ihr Prinzip, nach dem der Zweck die Mittel heiligt. Er spottet über ihren Glauben an die Gesetzmäßigkeit der Geschichte. Zu Beginn der zwanziger Jahre lehnt er die Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Clarté, die eben von Henri Barbusse- dessen Kriegsbuch Le feu er sehr bewundert hat- gegründet worden ist. Nach der Erklärung über die Unabhängigkeit des Geistes wirft ihm Henri Barbusse vor, es bei einem rein intellektuellen Protest bewenden zu lassen und vor jeder «positiven Aktion» zurückzuschrecken. Zu dieser Zeit bevorzugt Rolland in der Tat die «asiatische Passivität» . Er schreibt ein Buch über seinen Freund Mahatma Gandhi, dessen gewaltloser Widerstand ihm als die höchste Form des Widerstandes erscheint. Es gibt, wenn ich so sagen darf, einen «hessischen» Rolland, der sich in der Politik nicht heimisch fühlt, der an die Wirkung des Geistes, an die moralische Tat des Individuums, an die Gewaltlosigkeit glaubt. Beide, Hesse und Rolland, waren leidenschaftliche Briefschreiber, weil sie an die Überzeugungskraft und, im Leidensfall, an die tröstende oder ermunternde Funktion des Wortes glaubten. Beide waren auf ihre geistige Unabgängigkeit versessen und misstrauten als Geistesaristokraten, als welche sie sich in der Nachfolge von Nietzsche empfanden, den «Herdengeistern». Beide glaubten an die historische Wirksamkeit der großen Vorbilder wie Gandhi, Tolstoï, denen Rolland ein paar Biographien gewidmet hat. Beide vertraten leidenschaftlich die Sache der Humanität, des Friedens, der Völkerverständigung und der universellen Kultur. Daneben gibt es einen politischen Rolland, der sich allmählich zum Mitläufer der kommunistischen Partei Frankreichs entwickelte. Ich kann und will diesen Werdegang weder beschreiben noch beurteilen, der Romain Rolland freilich meistens auf die gute Seite der Kämpfenden gegen den Faschismus und den Nationalsozialismus geführt hat. In diesen zwanziger und dreißiger Jahren war sich Romain Rolland dessen bewusst, daß in seiner Brust zwei Seelen wohnten. In der Einleitung zur «Verzauberten Seele» (1934) schreibt er: «In diesen Jahren stellte ich mir Fragen über die zwei Erlebnisse, die im sozialen Bereich entscheidend gewesen waren: Indien und die UdSSR… Damit es gelingt beide antagonistischen Prinzipien zu vereinbaren, die gewaltlose Nicht-Akzeptierung Indiens à la Gandhi und die organisierte revolutionäre Gewalt, muss man bei sich beginnen…Die Versöhnung des Individuellen und des Sozialen… ist erst dann möglich, wenn man auf das verzichtet, was die Daseinsberechtigung und der Stolz der vergangenen Epoche gewesen ist: den unfruchtbaren Individualismus von Leuten, die, von der Intelligenz begünstigt, sich von dem heute notwendigen Kampf und der von ihm erforderten Disziplin distanzieren, in einer hochmütigen Unabhängigkeit des Geistes, eines vom Leben abgekoppelten, abstrakten, blutlosen Geistes» . Die Tatsache, daß die UDSSR von den europäischen Plänen eines Coudenhouve-Kalergie ausgeschlossen blieb, erklärt die Verweigerung Rollands, an dessen Unternehmen mitzuwirken. Selbstverständlich sieht er einiges in der UdSSR mit kritischem Auge, namentlich die großen Säuberungen und Schauprozesse am Ende der dreißiger Jahre. Er wird aber nicht die Hellsicht seines Freundes Gide aufbringen und mit dem Stalinismus offen brechen. Vielleicht erklärt Rollands immer aktiveres politisches Engagement im antifaschistischen Lager und auf der Seite der Volksfront die Ungeduld, die man manchmal in seinen Äußerungen über Hesse zu spüren bekommt. Am 17 September 1933 erzählt er in seinem Tagebuch von einem Besuch in Montagnola. Er findet, daß Hesse «à peu de frais», «mit geringen Kosten», «assez commodément», allzu leicht, mit dem Denken und der Kultur fürlieb nimmt, daß er sich nicht auf dem laufenden hält, sich vom wirklichen Leben abkapselt: «Sein schönes Haus und sein Gönner (H.C. Bodmer) ersparen ihm die Notwendigkeit zu handeln- sei es nur durch die Feder; und ich denke nicht, daß es für ihn gut ist» (D'une rive à l'autre 156). Anderswo stellt er fest, daß die Kunst Hesses, in die das Soziale keinen Eingang findet (Rive à l'autre 129) der seinigen diametral entgegengesetzt ist. Im Jahre 1928 hatte in einem Brief an Paul Amman den Steppenwolf regelrecht verrissen. Es sei das Werk eines ewigen Jünglings, der den Mut zu seinem Alter nicht habe. Kurzum: relativ oft erscheint unter der Feder Rollands das Bild eines unreifen, nervenkranken und wirklichkeitsfremden Hesse. Hesse bleibt die Entwicklung Rollands nicht unbekannt. Im Jahre 1938, nach einer Pause von zwei Jahren in ihrem Briefwechsel, schreibt er Rolland, damit dieser bei Stalin zugunsten von zwei ungerecht verhafteten Deutschen interveniere. Rolland antwortet, daß er sich schon vergeblich für andere Personen eingesetzt habe. Seit dem Tod von Gorki sei er in dieser Hinsicht völlig ohnmächtig. Allgemein hat man aber den Eindruck, Hesse möchte sich nur an die gute alte Zeit erinnern. Anlässlich der Neuausgabe von Krieg und Frieden, (das heißt von Hesses Zeitungsartikeln aus dem Ersten Weltkrieg) im Jahre 1946 erinnert er noch an seine ersten Kontakte mit Rolland, in jenen Zeiten des Leidens und des Kampfes: "Darum habe ich, um diesen Schatten, die heute hässlicher und aktueller sind als je, etwas Schönes und Lichtes entgegenzustellen, in der Widmung dieses Buches eine edle, geliebte Freundesgestalt und mit ihr das einzige Schöne und Bleibende beschworen, was jene Kämpfe und Plagen mir einst eingetragen haben. Ich vergaß vieles aus den beklemmenden Tagen des Jahres 1914, in denen der früheste dieser Aufsätze entstanden ist, nicht aber jenen Tag, an dem mich ein Briefchen von Romain Rolland als einzige sympathische Reaktion auf diesen Aufsatz erreichte, zugleich mit der Ankündigung seines Buches. Ich hatte einen Weggenossen, einen Gleichgesinnten, einen, der gleich mir gegen den blutigen Unsinn des Krieges und der Kriegspsychose empfindlich gewesen und dagegen aufgestanden war, und es war nicht ein Beliebiger, es war ein Mann, den ich als Dichter der ersten Bände des Jean Christophe (mehr kannte ich damals von ihm noch nicht) hochschätzte, und der mir an politischer Schulung und Bewusstheit weit überlegen war. Wir sind Freunde geblieben bis zu seinem Tode. Wir lebten räumlich zu weit auseinander, und waren in allzu verschiedenen Kultur- und Denkgewohnheiten aufgewachsen, als daß ich sein Gefolgsmann hätte werden und im Politischen viel von ihm hätte lernen können. Aber das war es auch nicht, worauf es ankam. Ich hatte meinen politischen Weg begonnen, sehr spät, als Mann von bald vierzig Jahren, erweckt und aufgerüttelt durch die grauenhafte Wirklichkeit des Krieges, tief befremdet durch die Leichtigkeit, mit der sich meine bisherigen Kollegen und Freunde dem Moloch zur Verfügung stellten, und ich hatte auch schon die paar ersten Verluste an Freunden , die paar ersten Angriffe, Drohungen und Beschimpfungen erfahren, mit denen in sogenannten großen Zeiten, die Gleichgeschalteten unfehlbar den Einzelgänger überfallen. Es war zweifelhaft, ob ich durchhalten, ob ich nicht an dem Konflikt zugrunde gehen werde, der mein bis dahin eher glückliches und über Verdienst erfolgreiches Leben jetzt zur Hölle machte. Da war es gut, da war es Rettung und Glück, einen zu wissen, der aus dem "feindlichen" , dem französischen Lager her denselben Protest des Gewissens gegen die Forderung des Sichduckens und Mitmachens bei den Orgien des Hasses und des krankgewordenen Nationalismus geleistet hatte. Ich habe weder während der Kriegsjahre noch nachher je eigentlich politische Gespräche mit Rolland geführt, aber ich weiß dennoch nicht, ob ich ohne seine Nähe und Kameradschaft jene Jahre überstanden hätte" (PG 767/768). Im Januar desselben Jahres hatte Hesse an seinen Sohn Heiner geschrieben: »Ich meinerseits glaube nicht, daß nicht zwei oder sechs oder zahllose Arten der Weltbetrachtung friedlich nebeneinander existieren könnten. Dass die Art, wie ein Mensch die Welt betrachtet, ein Kampfmittel sei und sein müsse, sehe ich nicht ein. Ich habe meinen Glauben, halb aus Herkunft, halb aus Erfahrung stammend, und er hindert mich nicht, Andersgläubige mit Achtung zu behandeln oder an irgendeinem Werk zur Verbesserung des Menschenlebens mitzuarbeiten. Ein sehr großer Teil meiner Arbeit im Leben hat in Arbeiten dieser Art bestanden, und in der Zeit von 1919 bis etwa 1925 hat die ganze pazifistisch und weltbürgerlich denkende Jugend in Deutschland auf zwei Namen vor allen andern geschworen, auf den von R. Rolland und auf den meinen. Rolland, einst ein gläubiger Verehrer Gandhis und der Lehre vom "Nichtanwenden von Gewalt", hat nachträglich dann die überaus blutige russische Revolution gutgeheißen und sich zum Kommunismus bekannt, was unsre Freundschaft in keiner Weise berührt und getrübt hat. Jeder von uns wusste, daß die Welt nicht leben kann und nicht vorwärts kommt ohne Männer, die eines Glaubens und der Hingabe an diesen Glauben fähig sind. So habe ich an meinen "Gott" und er an seinen Kommunismus geglaubt, und jeder hat dem andern das Recht auf seinen Glauben gelassen" (PG 738). Ein paar Jahre später scheint doch diese weitmaschige Toleranz nicht mehr so angebracht zu sein. Es geht in diesem Brief an Wayne Andrews aus dem Jahre 1958 um die ambivalente, opportunistische Haltung von Gerhart Hauptmann und Richard Strauss im III. Reich: "Bei R. Strauss war es ähnlich wie bei Hauptmann, er gehörte zu den Leuten des Theaters, der massiven Wirkungen und Erfolge, der Ovationen, Bankette und Ehrungen. Wir Steppenwölfe und Einsiedler haben es leichter, uns diesen Lockungen fernzuhalten. Über Rolland wage ich kein Urteil. Er war der Freund und Bewunderer Gandhis, aber auch aktiver Kommunist, also einverstanden damit, daß eine Weltverbesserung auch mit Gewalt und Terror erreicht werde" (PG 929). Rolland ist Hesse vielleicht ein letzter Beweis, daß Politik kompromittiert, daß der Dichter auf keinen Fall sich politisieren lassen darf: "Meine Stellung ist bis zum Fanatismus apolitisch...Ich werde mich bis zum Tod dagegen wehren, mich selber politisieren zu lassen. Es müssen doch auch Leute da sein, die unbewaffnet sind». 'Zitiert von Michels PG 942 aber im Texte wiederzufinden) Voir PG p.614. In seiner Einleitung zu der deutschen Ausgabe des Briefwechsels zwischen RR und HH kehrt Albrecht Goes den Unterschied in der Persönlichkeit beider Männer hervor: «Hesse scheues Einsiedlertum, seine «asiatische Passivität», der tapfer-bange, mühsame Lebensversuch eines Künstlers, des Künstlers schlechthin- und auf der anderen Seite: der Liebesblick Romain Rollands, Johann Christophs geistesmächtige Lebensleidenschaft, das Verlangen danach Anteil zu nehmen, sich zu verstricken, für eine Idee zu streiten - was alles ihn, den elf Jahre älteren, oft genug als den jüngeren in diesem Gespann erscheinen lässt» (S. 6). Auf der einen Seite also der unpolitische Deutsche Hesse; auf der anderen Romain Rolland als Typ des engagierten französischen Intellektuellen. Welcher von den beiden hat den von Julien Benda gebrandmarkten «Verrat der Intellektuellen» nicht begangen? Anlässlich des hundertsten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig hatte Hauptmann ein «Festspiel in deutschen Reimen» geschrieben, dem die Nationalisten pazifistische Tendenzen vorwarfen. «Die wirklich Schuldigen sind die Chefs, insbesondere die, welche die Verletzung der belgischen Neutralität beschlossen haben; denn dieses Verbrechen hat wahrscheinlich die anderen nach sich gezogen» (Zitiert von Klepsch 51) 1 D'une rive à l'autre. Hermann Hesse et Romain Rolland. Correspondance et fragments du Journal. Introduction de Pierre Grappin. Cahiers Romain Rolland 21. Albin Michel, Paris 1972, S. 15. Die Übersetzungen sind von mir. Ich habe auch die deutsche Übersetzung der Briefe benutzt : Hermann Hesse/Romain Rolland, Briefe, Fretz § Wasmuth Verlag, Zürich 1954, Einleitung von Albrecht Goes. |
|
|
© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 22.08.2003 |
|||