|
Der Mythos der Jugend bei Hermann Hesse |
|||
|
|
|||
|
Weitere Texte zum Thema "Über Hermann Hesse" |
|
Hermann Hesses Werk geht eine exzentrische Bahn, die Überraschungen, Paradoxe, Wandlungen enthält, welche manchmal die Literaturwissenschaftler aber fast nie die Leser verwirren. Wenn man den Kern, die starke Mitteilung seiner Werke – abgesehen von der Fabel und von den Einflüssen der europäischen und nicht-europäischen Kulturen – herausschälen will, findet man ein positives fast metaphysisches Signal, ein festes Vertrauen auf die schöpferische Kraft des Lebens, welche sich in jedem einzelnen Individuum offenbart. Wenn es stimmt, daß die jungen amerikanischen Hesse-Leser den eigentlichen Sinn seines Werks missverstanden haben, weil sie es aus dem kulturellen Kontext, in dem es entstand, abgerissen haben, stimmt es ebenso, daß sie den Kern seiner literarischen Produktion recht gut verstanden haben: nämlich den Glaube an die Möglichkeit eines Individuums, Horizont und Ziel seiner eigenen Existenz in jedem Moment seines Lebens neu zu setzten. Hesses Erzählungen und Romane sind Geschichten einer Selbstbefreiung, sie stellen die Fähigkeit des Menschen dar, sich selbst total erneuen zu können.
Dennoch führt dieser selbstbefreiende Weg zu einem überraschenden Ende: er geht durch Trasgression und Rebellion er führt aber zur Versöhnung mit der kosmischen Ordnung. Er lehnt die traditionelle Auffassung der Bildung ab, aber er erweist sich im Grunde genommen als ein Bildungsgang, der Hesses Werken einen pädagogisch-didaskalischen Charakter verleiht. Auch das berühmte Motiv des Orients kann auf die Sehnsucht nach Kindheit, auf die Figur seines Großvaters und auf die Malajam-Lieder, die seine Mutter für ihn sang, zurückgebracht werden. Im Mittelpunkt aller Romane Hermann Hesses steht die Bildung eines Individuums, fast alle stellen als Hauptperson einen Jüngling dar, der jene "Schattenschwelle" zwischen Adoleszenz und Reife überschreiten muß. Und diese Überschreitung verändert das Subjekt – nach dem üblichen Paradigma des Bildungsromans – sie verursacht ein Erwachen, sie eröffnet ihm eine neue Welt, sie bewirkt eine Wiedergeburt. Die literarische Kraft des Romans Siddhartha besteht in der Tatsache, daß diese "Suche nach sich selbst" mit einem Abschied von dem Vater explizit anfängt. Der Generationenkontrast als unüberbrückbarer Gegensatz der Weltanschauungen ist bei Hesse werkimmanent: diese Konfrontation ist eine Konstante sowohl in seinen früheren als auch in seinen späteren Werken. Die Kraft seines Werks – die gleichzeitig die Ursache seines Erfolgs bei den jungen Lesern ist – besteht darin, daß er in jeder Stelle seiner Erzählungen behauptet, die Erfahrung unübermittelbar sei. Er verteidigt nämlich das Bedürfnis, die unterschiedlichen Wege zur Wahrheit persönlich zu erleben, und den stetigen Glaube, daß alle Wege im Grunde gleichwertig sind, weil alle – auch wenn durch unterschiedliche Gänge – zur Einheit des Seins führen. Nach seiner Auffassung muß die Bildung die traditionellen Kriterien ablehnen und überschreiten. Seine paradigmatischen Geschichten erzählen die Rebellion des Sohnes gegen den Vater. Und es spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, daß am Ende immer eine Versöhnung zustande kommt. Alle Hauptpersonen der Hesseschen Romane gewinnen am Ende – aufgrund der Einheit der Gegensätze, aufgrund der Zusammenstellung des Ein-Allen - die Positionen jener Figuren zurück, von denen sie sich verabschieden hatten und gegen die sie einst rebellierten; sie verkennen aber nie ihren persönlichen Weg zur Wahrheit. Die Mehrzahl der möglichen, allen in gleicher Weise gültigen Erfahrungen zu bejahen, schließt die Rebellion nicht aus, sie schließt im Gegenteil als Voraussetzung ein, daß die Jünglinge die vorherbestehenden Regel überschreiten, um ihre eigene Bildung erreichen zu können.
Hesses Begeisterung für die Jugend hat nicht nur einen biographischen sondern auch einen epochalen Charakter. Hauptthema der deutschen Literatur der Jahrhundertwende war nämlich der Vater-Sohn-Konflikt, das Unbehagen der jungen Generationen vor dem Lebensmodell, das die "Erwachsenen", die "Väter" durchsetzen wollten, die Rebellion und oft auch die tragische Vernichtung derjenigen, die versuchten, sich dieser Bildung und dieser "Normalisierung" zu entziehen. In Siddhartha wird – deutlicher als anderswo – jene Bejahung jeder Erfahrung dargestellt, die ein wiederkehrendes Motiv der hesseschen Romane ist. Die Hauptperson geht durch unterschiedlichen Bildungserlebnissen: zunächst lernt er bei den Samana die Kunst der Askese, dann lernt er im Dorf die Kunst des Handelns und bei Kamala die Kunst der Liebe, endlich lernt er am Flussufer, wie man sein inneres Ziel erreicht und im Anklang mit der Welt leben kann. Man kann den Sinn des Romans aus einem Vergleich zwischen den Vater-Sohn-Dialogen, welche am Anfang und am Ende des selben Romans stehen. Siddhartha will von seinem Vater, dem Brahamanen, die Genehmigung haben, seinen eigenen Weg zur Wahrheit zu gehen. Der Vater meint, die Wahrheit zu besitzen, sie mit den Worten (mit einer Lehre) als absolute und offenbarte Wahrheit überliefern zu können. Der junge Siddhartha ist dagegen überzeugt, er soll nach der Wahrheit durch den eigenen Weg suchen. Der Gegensatz zwischen Vater und Sohn ist demzufolge unüberbrückbar. Siddharthas Erwartung vor des Vaters Genehmigung ist im Grunde eine reine Formalität, da er sich schon lange für die Reise entschieden hat. Siddharthas Entscheidung geht über den unmittelbaren Zweck seiner Reise (das asketischen Leben der Samana) hinaus. Siddhartha wird von einer inneren Unzufriedenheit gedrängt, sein Leben zu ändern; er stellt fest, daß das Horizont des Hauses seines Vaters – obgleich gemütlich – zu eng ist, um seine Durst nach Lebenserfahrung zu stillen. In Siddharthas Entscheidung, seinen eigenen Weg zu gehen, spiegelt sich die ganze deutsche Literatur der Jahrhundertwende, in ihr werden das Unbehagen und die Leiden zwei junger Generationen der Jahrhundertwende zusammengefasst und sublimiert, in ihr haben sich Tausende von jungen Leuten identifiziert, eben weil diese Ablehnung des Vatershauses und der Elternlebensweise so radikal und so lakonisch geäußert wird, daß sie in jeder Situation paradigmatisch gelten kann.
Am Ende des Romans, als die Hauptperson "sein Ziel erreicht hat", d.h. jene Weisheit, die ihn in Anklang mit dem kosmischen Rhythmus setzt, erworben hat, kippt die Situation um. Siddharthas Sohn kämpft radikal gegen den Vater, er verachtet seine Askese und seine Lebensweise, er sucht nach der Bequemlichkeit und nach dem Reichtum des Stadtlebens. Siddhartha verwendet kein autoritäres Bildungsmodell, er macht manche Arbeit für seinen Sohn, langsam hofft er, "ihn zu gewinnen, durch freundliche Geduld". Als der Sohn in die Stadt flieht und das Boot kaputt macht und die wenige Silbermünzen stiehlt, welche die Fährleute als Fährlohn erhielten, will Siddhartha ihm nachgehen, will er ihn zurückbringen, will er ihn richtig bilden. Hier tauch das Thema der Erfahrung, das der Kern der Vater-Sohn-Beziehung ist, wieder auf. Die Eltern – die "Erwachsenen" – hatten den Anspruch aufgehoben, die Jungen aufgrund ihrer eigenen Erfahrung zu belehren: sie wollten sie mahnen, jene Fehler, die sie gemacht hatten, nicht zu machen. Der alte Vasudeva lässt Siddhartha über die Sinnlosigkeit seiner Angst und über sein Irrtum, was die Bildung anbelangt, nachdenken: "Glaubst du denn wirklich, daß du deine Torheiten begangen habest, um sie dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn vor Sansara schützen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch Ermahnung? [...] Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht erspart? Vielleicht deinem Söhnchen, weil du es liebst, weil du ihm gern Leid und Schmerz und Enttäuschung ersparen möchtest? Aber auch wenn du zehnmal für ihn stürbest, würdest du ihm nicht den kleinsten Teil seines Schicksals damit abnehmen können"1. Als Siddhartha, in Schwermut für die Flucht seines einzigen Sohnes geraten, den Fluss überquert und sein Gesicht im Wasser gespiegelt sieht, merkt er plötzlich, daß es dem Gesicht seines Vaters, des Brahamanen, gleicht. Er sieht im Wasser das Bild seines Vaters. Die Identifizierung des alten Siddhartha mit dem Brahamanen – die selbstverständlich von dem Anspruch verursacht wird, seinem eigenen Sohn Leid und Schmerz durch seine übermittelbare Erfahrung abnehmen zu können – schließt den Kreis des Lebens zu. Siddhartha bemerkt, daß er den gleichen Fehler seines Vaters begangen ist und er verzichtet auf den Anspruch, seinen Sohn zu belehren. Die Vernichtung jeder möglichen Bildungslehre – sowohl die autoritäre der Wilhelminischen Zeit als auch die permissive, welche er praktiziert hatte – gründet auf dem festen Glaube an die Fähigkeit jedes einzelnen Individuums, seinen eigenen Weg zur Wahrheit zu gehen. Diese Überzeugung bringt zwei wichtige miteinander eng verbundene Konsequenzen mit sich: die eine ist die Bejahung der Vielfältigkeit aller möglichen Erfahrungen, und die zweite ist die Gewissheit, daß die Stufen jeder individuellen Erfahrung durch archetypische Schemata gehen, welche die Einheit des Ganzen zusammensetzen. Hesses Romane und Erzählungen drucken die Bejahung aller möglichen menschlichen Lebenserfahrungen aus. Millionen von jungen Leuten haben diese Ablehnung jeglicher Lehre mit Begeisterung gelesen und haben den Hinweis, seinen eigenen Weg zur Wahrheit selbstständig zu suchen, mit Jubeln begrüßt. Dieser Weg zur Anerkennung der Einheit des Seins ist aber – genauer gesehen – immer noch ein Bildungsgang, der von der Ablehnung jeder Pädagogik ausgeht, und zur Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Bildungssysteme führt. Nur die Einheit des Seins ermöglicht die Vielfältigkeit der Erfahrungen. Kein Zufall, dass diese Überzeugung durch die berühmte Rede über den Stein geäußert wird – auch wenn man zugeben muss, dass das ganze letzte Kapitel aufschlussreich ist, weil man hier den poetischen Schlüssel, um Hesses Weltanschauung richtig zu verstehen, finden kann: «Dieser Stein ist Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden könnte, sondern weil er alles längst und immer ist2». Die Einheit der Gegensätze löst sich in der Identität des Seins, welche den Weisen zwingt, jede Form des Seins, auch die scheinbar niedrigeren, wie der Stein, zu verehren, weil die Formen der Existenz vorübergehend sind. Der eigentliche Ton des Romans – abgesehen von der indischen Färbung – erinnert an den Kern der pietistischen Grundpositionen des Doktors Hermann Gundert. Glücklich sein, heißt den Rhythmus des Kosmos sobald wie möglich zu verstehen zu fühlen. Im Anklang mit dem Welt-Rhythmus zu sein, heißt seine eigene Individualität zu reduzieren. Wir finden hier wiederum ein der vielen Paradoxe der hesseschen Prosa: so wie seine deutliche Ablehnung jeder Bildungsform die Darstellung eines individuellen Bildungsgangs hervorbringt, der in Grunde genommen die gleichen Zwecke jedes Bildungssystems (auch wenn durch individuelle und exzentrische Wege) erreicht, so hat sein radikaler Individualismus als Endziel die Vernichtung des Individuums. Der eigene Weg nach Innen führt zu unübermittelbaren und durch Worten nicht überlieferbaren Weisheit, in deren Mittelpunkt aber die radikale Reduktion der individuellen Bedürfnisse steht. Es geht darum, die Wiedervereinigung des Einzelnen mit dem Ganzen – soweit es möglich ist – vorwegzunehmen, auf die Einseitigkeit des Einzelnen zugunsten der Ewigkeit des Lebens zu verzichten. Dieser Nihilismus, der gewiss aus Nietzsche herkommt, auch wenn mit indischen Farben verkleidet, wird von Hesse durch seine kosmische Mystik überwunden und verliert er dadurch jene dionysische Raserei, die Nietzsches Werk kennzeichnet. Dennoch taucht diese nihilistische Komponente in Hesses Werk an Ort und Stelle, und zwar dort, wo sie von dem pietistischen Element nicht ganz vermildert wird. Die Kraft der hesseschen Erzählungen und Romane besteht darin, daß die Hauptpersonen den Weg nach Innen durch Erlebnisse gehen, die am meisten sich in einer Reise bzw. einer Bildungsreise verwirklichen. Obwohl die Bildung eines Individuums am Ende als eine falsche Bewegung, als eine Suche nach der Innerlichkeit sich erweist, welche die Wahrheit in dem Nachbarn in dem Gewöhnlichen in dem alttäglich bekannten Ort entdecken lässt, braucht diese Entdeckung als notwendige Stufe den Abstand, die Erfahrung der Ferne, des Fremden. Die Reise braucht die Mythisierung des Anderswo. Der symbolische Charakter sowohl der Reise als auch des Ortes entzieht Hesses Erzählprosa aus jeglicher geografischen Identifizierung, aus jeder Möglichkeit, das "Anderswo" mit einer bestimmten Region (oder Religion) zu identifizieren. Sein Orient ist eine sonderbare Mischung von indischen Suggestionen und Pietismus. Sein Werk wurzelt in der deutschen Romantik. Das wichtigste und tiefere Element der Romantik, das Hesse auf seine Weise strukturell verarbeitet, ist eben die symbolische Darstellung eines ästhetischen und geistigen Ideals als utopischer und außergeschichtlicher Topos – nämlich der schon erwähnte "unterschwellige Ort", den man nur durch eine Reise erreichen kann. Er "erbt" aus einer langen literarischen Tradition die Überzeugung, daß Makrokosmos und Mikrokosmos übereinstimmen und daß das Individuum demzufolge "durch Sprunge gehend" (wie Novalis schreibt) die Welt kennen kann, indem es sich selbst kennt, indem es in die Höhle seiner eigenen Seele hinuntergeht. Dann wird die mythische Lebenssaison, in der möglich ist, die Zeitlichkeit zu überschreiten, entscheidende Erfahrungen zu haben, jene "Wendungen", jenes "Erwachen" zu erleben, die Hesses Hauptpersonen kennzeichnen, mit der Jugend identifiziert. Die Jugend ist der privilegierter Ort, um eine Bildungsreise zu unternehmen. Der Wanderer, der Pilger, der junge Reisender, der nach seiner künstlerischen Bildung sucht, sind übliche Figuren der romantischen Erzählprosa. Das Reiseziel zu erreichen heißt, eine Wendung der Hauptperson wahrzunehmen. Das Ziel eines langen Suchens ist eine Weisheit, eine neue und tiefere Weltanschauung zu erreichen. Und hier kommt ein der vielen Paradoxe der Hesses Werke zustande: seine so exzentrische Erzählprosa, die sich der deutschen Kultur gegenüber so alternativ stellte, die sich den Allmachtphantasien der Deutsch-nationalen gegenüberstellte, wird eigentlich nach sehr traditionellen literarischen Kriterien, die in der deutschen Romantik tief wurzeln, aufgebaut. Seine Romane erzählen im Grunde Reiseerfahrungen als Lebenserfahrungen, welche die innere Wendung des Protagonisten bewirken und ihm den Zugang zur Wahrheit öffnen. Hesse verwendet also mit Erfolg die literarische Formel des Bildungsromans wieder, die seinem Werk einen pädagogischen Charakter verleiht. Was die Erzählstruktur anbelangt, geht Hesse auf sicherem Grunde, indem er schon erprobte Formeln weiterverbringt. Die Kenntnis der Theorien von Freud und Jung waren für den Autor wichtig über die Losung seiner psychologischen Krise hinaus: sie boten ihm einen Interpretationsschlüssel an, um die Traumbilder, die Angst, die Phantasien, die Traumwünsche, welche in seinen Romanen bislang keine Koordination hatten, zu organisieren. Man kann in diesem Zusammenhang von einem "zweiten Erwachen" sprechen. Die Offenbarung besteht darin, daß er die Kompresenz von zwei Welten, die den Prinzipien von Eros und Thanatos entsprechen, entdeckt. Gut und Böse, Leben und Tod, Bewusste und Unbewusste existieren im Inneren jedes Individuums. Der Abschied von dem Vater, der ein Leitmotiv der deutschen Literatur der Jahrhundertwende gewesen war, könnte jetzt seine richtige Stelle im Rahmen eines Entwicklungsprozesses finden, der als Selbstanalyse der psychoanalytischen Therapie gleich war. Es handelt sich im Grunde um die Entdeckung des Unbewussten: die allmähliche Entdeckung jener Urtriebe, die von der manichäischen Moral verteufelt und verurteilt werden, die aber im Inneren jedes Einzelnen existieren und wirken. Jene Reise nach Innen, die im Mittelpunkt aller hesseschen Romane steht, übernimmt demzufolge eine Reihe von Valenzen, die ihre Bedeutungen verstärken und vervielfältigen, weil sie nicht nur zur romantischen Entdeckung der Welt sondern auch zur psychoanalytischen Erkenntnis der Struktur seiner eigenen Psyche mit ihren inneren Trieben wird. Auch der romantische Mythos der ewigen Jugend findet hiermit eine wissenschaftliche Legitimierung mit der Darstellung der Figur des ewigen Adoleszenten, weil die obengenannte Entdeckung der Urtriebe, der Welt der Finsternis, der Welt des Unbewussten während des "Wachstums", der Reifung eines Individuums vorkommt. So wie der Topos, in dem das 'Anderswo' mythisiert wird, das Orient ist, ist die Jugend die Zeit, in der man die entscheidenden Erfahrungen, welche eine Wendung bewirken, erlebt. Sowohl das Orient als auch die Jugend müssen aber als Landschaften der Seele, die überall reproduzierbar sind, mythisch und symbolisch verstanden werden. Die Jugend ist der privilegierter Zustand, in dem man die Bildungsreise machen kann. "Hesses Werke, vom ersten bis zum letzten, sind für und über junge Leute geschrieben" - wie Egon Schwarz schreibt3. Sie sind großteils von dem romantischen Mythos der ewigen Jugend gekennzeichnet, aber dieser Mythos wird verarbeitet und erneut, er wird von einer mystisch-exotischen Faszination bemäntelt, die dem selben Mythos neue Kraft verleiht. Die Themen der Reise, der Rebellion, des Andersseins sind mit der mythischen Figur des ewigen Knaben eng verbunden; und diese Figur taucht in Hesses Werk entweder explizit als Adoleszent oder in vermittelter Form einer "innerlich jungen" Person immer wieder auf. Die Prüfung, welche die Hauptpersonen bestehen müssen, um die weite Welt zu kennen und in das Leben einzugehen, ist die typische Reifeprüfung, welcher die jungen Leute sich im Bildungsroman unterziehen. Oft wird diese Prüfung bei Hesse zu einer Einweihung in die obere Wirklichkeit, die man nur durch Exerzitien und Meditationen erreichen kann. Die Prüfung ist aber nie konventionell und die Wahrheit, die man damit erwerbt, ist von besonderer Art, sie stellt sich vor den bestehenden Kriterien der westlichen "bürgerlichen" Kultur- und Gesellschaft gegenüber: Hesses kosmischer Optimismus ist eine Funktion der Verherrlichung einer Lebensphase als die einzige, die es sich lohnt, in absoluten Freiheit zu erleben. Und die "obere Wahrheit", die Hesse meint, zu kennen, besteht eben in dem verzweifelten Versuch, die biologische Jugend in einen jederzeit und überall gültigen "Zustand der Seele" zu verwandeln. Der Mythos der ewigen Jugend übernimmt weder die Form einer unmöglichen Suche nach der verlorenen Zeit noch die der melancholischen Erinnerung noch die traditionelle des Pakts mit dem Teufel, sie wird dagegen eine "Kategorie des Gesites", eine Einstellung des Subjekts vor der Welt, der Glaube an die Unzerstörbarkeit des Lebens. Und eben dieser Glaube an die Fähigkeit des Individuums, sich radikal zu erneuern, verleiht Hesses Erzählprosa einen mitreißenden Rhythmus, einen metaphysischen Optimismus. Die Wende, welche die Hauptpersonen seiner Romane charakterisiert, besteht einerseits in der Ablehnung der bürgerlichen Konventionen (die mit der deutsch-nationalen Mentalität übereinstimmen) und andererseits in der Erntdeckung eines Wegs nach Innen, den der Autor mit allen psychoanalytischen Zügen darstellt. Hesse tut ein kleines Wunder der "Alchemie der Gegensätze", indem es ihm gelingt, eine nietzscheanische und nihilistische Weltanschauung mit einem metaphysischen Optimismus zu kombinieren (und manchmal sogar zu versöhnen) und damit paradigmatische Geschichten von Erwachen zum Leben zu erzählen. Die Überwindung der westlichen und bürgerlichen untergehenden Kultur ereignet sich in einer nietscheanischen Perspektive zur Verwirklichung des Übermenschen, dessen Prototypen Hesses Hauptpersonen (Klingsor, Harry Haller, Demian, Joseph Knecht) sind. Dieser Prozess von Selbstbefreiung wird fast als Initiationsritus als eine typische jugendliche Erfahrung dargestellt, er ist aber auf der Ablehnung des Existierenden (d.h., sich von dem Vater unterscheiden zu müssen) und auf einer Enteignung des Ichs gegründet. Die Erwachung zum Leben setzt nach Hesse eine systematische Zerstörung der Subjektivität des Bildungsbürgertums, also eine Art von Gegenbildung, einen Abbau der konventionellen Prinzipien voraus. Der Nihilismus äußert sich in der Auszehrung des Ichs, in der Notwendigkeit, alles möglich zu erfahren, um wiedergeboren zu werden, um zu verjüngen. Die Wandlung, die Wiedergeburt setzt eine Todeserfahrung voraus, die als Abschied von dem Vater, als ein Verlassen der früheren Lebensweise als eine Reise als Bruch als Überschreitung und als Erfahrung der Welt dargestellt wird. Die merkwürdige Leistung der Erzähltechnik von Hesse besteht in seiner Fähigkeit, den romantischen Mythos der Jugend, der Wanderlust, der Lebenserfahrung weiter zu verwenden und ihn mit der psychoanalytischen Theorie zu kombinieren und zu verstärken. Der Abschied von dem Vater übernimmt die Bedeutung der Ablehnung seiner Bildungskriterien seiner Lebensweise und darüber hinaus der ganzen Kultur und Gesellschaft, in der der Knabe erwachsen ist. Als Alternative unternimmt der junge Mann eine lange Reise in die weite Welt, die seine Rebellion in eine Bildungsreise verwandelt. Wenn dieses Paradigma, auf dem fast alle Romane Hesses gegründet sind, uns helfen kann, den weltweiten Erfolg seines Werkes bei den jungen Leuten zu verstehen, muss es aber auch uns veranlassen, über den literarischen Wert seiner Romane nachzudenken: die Wiedererwerbung des romantischen Mythos der ewigen Jugend, seine Kombination mit den psychoanalytischen Elementen, seine Aktualisierung und seine Verflechtung mit Nietzsches Denken sind Zeichen einer kühnen und großen künstlerischen Konstruktion. Es handelt sich hier keineswegs um eine 'leichte', 'einfache' 'spontane' Schreibweise, sondern um ein komplexes literarisches Verfahren, das aus mehreren und verschiedenartigen Schichtungen, Kombinationen, Verflechtungen besteht. Der weltweite Erfolg seiner Werke wurde von den besonderen historischen Zusammenhängen, die eine subjektive Lesestrategie ermöglicht haben, verursacht;. seine Erzählprosa enthält aber strukturelle Elemente, die mit einer leicht rezipierbaren Sprache eine lebendige und optimistische Weltanschauung liefern, welche das Negativ der Existenz nicht ausschließt, sondern es durch Schmerz, Scheitern, Nihilismus, und sogar durch die Selbstvernichtung des Subjekts als Voraussetzung zur Erreichung der Harmonie mit der Natur in einer Weltordnung darstellt. Die beat-generation hat Hesse wahrscheinlich missverstanden, sie hatte keine Ahnung von seiner Bildung und von seiner Kultur, sie kannte seinen literarischen Kontext auch nicht, sie hat aber recht gut den Kern seines Werks begriffen: den Vitalismus, den Glaube an die Möglichkeit eines Individuums in jedem Moment seiner Existenz, sich selbst total erneuen zu können und die Richtlinien seines Lebens zu ändern, die Bejahung jedes neuen Erlebnisses; und sie hatte das alles in einer geglückten und utopischen Formel zusammengefasst: forever young. 1 Hermann Hesse, Siddharta Frankfurt a. M. 1977, S. 163 f. 2 Hermann Hesse, a.a.O.., S. 189. 3 Vgl.. Egon Schwarz, Hermann Hesse, die amerikanische Jugendbewegung und Probleme der literarischen Wertung, in: Über Hermann Hesse, cit., p. 79-98. |
|
|
© 2003 Stadt Calw - Impressum - HesseStadtCalw.de - Letzte Änderung: 19.07.2003 |
|||