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Hermann Hesse und seine heimliche Ritterschaft: Zur mentalen Verbindung zwischen Hermann Hesse und den Missionaren in seiner Familie.1 |
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Im als Konferenzzentrum und Hotel neu renovierten Missionshaus in Basel planen wir eine Hermann-Hesse-Stube. Wir hatten auf diesem berühmtesten Sohn der Basler Mission nicht so hinzuweisen gewagt, waren wir nicht bereit, uns kritisch mit der Bedeutung von seinem Leben für die ökumenische Mission- und Religionsgeschichte auseinanderzusetzen. Dieses Referat bezieht sich zum großen Teil auf die Ergebnisse von einer Anzahl von Workshops in Basel, Stuttgart und neulich in Bad Boll, die wir Bildungsleute von mission 21 in Basel und vom Evangelischen Missionswerk Südwestdeutschland gehalten haben, und die in Bezug auf Hesse und seiner Herkunftsfamilie einem alten Spruch entlang gegangen sind: Vom Apfel und vom Baum. Auf Englisch geht das nicht. Wir sprechen es deutlicher aus. "Like father, like son". Auf jedem Fall sollten wir uns die Frage stellen, was es für uns bedeutet, dass unser berühmtester Sohn "Hermann Hesse" heißt, und dass Siddhartha bei Weitem das einflussreichste Buch über Religionen bildet, die aus dem breiten Personenkreis um die Basler Mission stammt.
Wenn Reflexion über Hesse für uns in der Mission anregend ist, hoffe ich allerdings auch, dass Hesse-Verehrer aus den kommenden Überlegungen Lust bekommen, den Hintergrund des Schriftstellers in der Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts auszuloten. Spätestens seit der Reise der Calwer Delegation nach Südindien zum Auftakt des Hesse-Jahrs 2002 ist es, denke ich, für viele Menschen hier klar, dass eine Bewegung, dessen Ruf gerade in Südindien so anders ist als hier, Neugier verdient. Ich bin persönlich bemüht, die Bedeutung der neulich errichteten Statuen für die zwei Hauptsprachwissenschaftler der Basler Mission in Südindien weder über- noch unterzubewerten. Eine davon gilt Hermann Gundert, der Großvater mütterlicherseits von Hermann Hesse. Und dass die verantwortlichen Komiteen aus Indern dreier Religionsgemeinschaften bestanden, sollte uns mit einem gewissen Stolz erfüllen, der uns zu weiter und open-ended Überlegungen über Mission anregt. Das Referat hat drei Teile. Zuerst befassen wir uns mit dem Bild von Mission im Schrifttum von Hesse. Im zweiten Teil frage ich, was für Kontinuitäten wir zwischen dem Leben seiner Eltern und anderen Verwandten in der Mission, und seiner Arbeit als Schriftsteller feststellbar sind. Dies ist eine Frage, die er uns in einem ernsthaften Rückblick auf dem Tod seines Vaters fast aufdrängt. Und drittens schauen wir ihm als Prophet einer entkolonisierten und ökumenischen Mission an. 1. Mission im Spiegel des Schrifttums Hesses: nicht "unter dem Missionsrad"? Mission im Sinn der Tätigkeit und Anliegen seiner Eltern kommt relativ selten in den Schriften Hesses vor. Es gibt eine 40-seitige Kurzgeschichte aus der Zeit seiner eigenen Reise nach Südostasien, Robert Aghion, auf die ich weiter unten zurückkomme. Sonst findet man hauptsächlich kurze Hinweise in seinen autobiographischen Schriften. Trotzdem ist die etwas heftige Frage am Anfang dieses Abschnitts gerechtfertigt. Denn die Basler Mission in seiner Jugend passte sich sehr gut in die autoritäre Welt, gegen die er sich so vehement auflehnte. Sie war auch eine Organisation, in der Disziplin und Unterordnung herrschte. Mehr, sie war eine Organisation, deren Leitung durchaus das Recht beanspruchte, "round pegs" runde Zapfen – "in square holes" – in viereckige Löcher - hineinzuzwängen. Dagmar Konrads neue Studie über Missionsbräute zeigt uns wie wahr das für junge Frauen, die einen Missionar heirateten, im 19 Jh. war.2 Die Mission schickte sie unvorbereitet auf eine halbe Weltreise, und am Ankunftsort hatten sie lediglich einige Tage Zeit, bis sie ihr Bett mit einem unbekannten – oder nur aus Briefen bekannten – Mann zu teilen hatten, sowie die Führung eines Haushalts und andere Verantwortungen in einer völlig neuen Umwelt zu übernehmen hatten. Und ähnlich autoritär wurde mit den Kindern der Missionare umgegangen. Gefragt waren sie selbstverständlich nicht, ob sie Missionskinder sein wollten. Aber das Schwierige an diesem Zustand wurde Mitte des 19. Jahrhunderts durch einen von den Eltern unterstützten Beschluss der Missionsleitung verschärft, dass sie mit ca. 5 Jahre eine halbe Weltreise zurücklegen mussten, um in Europa erzogen zu werden. Diejenigen, die nicht von den eigenen Familien übernommen werden konnten, blieben im Missionskinderinternaten in Basel, Institutionen – so vermute ich – wo die Missionskinder nach allen Regeln der pietistisch-pädagogischen Kunst ohne Milderung der natürlichen Liebe zwischen leiblichen Eltern und Kindern erzogen wurden und, wenn nötig, um meine englische Metapher wieder zu bemühen, zu runden Zapfen für runden Löcher zurechtgeschnitten wurden. Hermann Hesse hat nicht selbst das Schicksal eines Missionskindes in diesem Sinn erlebt, denn seine Eltern heirateten, nachdem sie aus Indien endgültig nach Europa zurückgekommen waren. Aber er wurde als schwer erziehbares Kind die Woche über einige Monate in das Missionsknabeninternat in Basel gesteckt. Dies in der Zeit seines siebten Lebensjahres, als sein Vater im Missionshaus Basel arbeitete. Es wäre daher nicht schwer, sich vorzustellen, dass Hesses Ablehnung äußerer Autorität und seine Rebellion gegen autoritäre Institutionen auch in einer harten Kritik an den Erziehungsideen im Umkreis der Mission gipfeln konnten. Die Mission kommt in dieser Beziehung in seinem Schrifttum relativ glimpflich davon. Und ein Text, den ich sehr anregend finde, erklärt uns vielleicht warum. ....wir lebten – schrieb Hermann Hesse in seinem Text Erinnerung an [seinen Bruder] Hans – unter einem strengen Gesetz, das vom jugendlichen Menschen, seinen natürlichen Neigungen, Anlagen, Bedürfnissen und Entwicklungen sehr misstrauisch dachte... Indessen war der Raum, in welchem wir diesem harten Gesetz unterstellt wurden, nicht ein Kerker oder eine nüchtern strenge Erziehungsanstalt, sondern ein mit Liebe, mit Bildung und Geistigkeit und mancherlei Kultur gesättigtes Elternhaus, in dem es außer jenem Gesetz auch eine Menge schöner, lebendiger, liebenswerter und interessanter Gewohnheiten... gab; ... abendliche Spiele, an welchen die ganze Familie teilnahm und deren manche die der Vater selbst ersonnen hatte... 3 Ich lese aus dieser Erinnerung an seine Jugend, dass er nicht in erster Linie seinen Eltern die Verantwortung für das Autoritäre in der Erziehung gab, sondern vielmehr der Umwelt. Sie gestalteten gern ihr Familienleben kreativ, spielerisch und geistreich - aber fühlten sich von der sozialen Umwelt immer wieder gezwungen, strafend einzugreifen. Wir werden weiter sehen, wie sich Hesse in seinen autobiographischen Schriften mit Wärme über seine Eltern äußerte. "Unter dem Missionsrad" (statt unter dem Gynmasiumsrad) zu schreiben, können wir uns vorstellen, hätte nicht nur die soziale Kritik geschwächt, indem eine Bewegung angegriffen worden wäre, die, wenn auch stark, trotzdem eher am Rande der Gesellschaft stand. Es wäre auch ein Angriff auf die Eltern, die sich so stark mit der Mission identifizierten. Es wäre in der Tat faszinierend, von dieser Richtung her die Gesamtdokumentation, die wir über die Jugend Hesses haben, auszuwerten. Spätere Beobachtungen aus der Zeit der Denazifizierung behaupteten, dass es in Deutschland zwei Erziehungsstile gab.4 Auf der einen Seite gab es die autoritäre Familie des strafenden Vaters mit einer Mutter im Hintergrund, die über die Bosheit ihrer Kinder weinte. Auf der anderen Seite gab es eine viel offenere Familie, in der die Kinder als Kinder erkannt waren und der Wunsch, ihren Wille zu brechen, verpönt war. Hesse scheint mit Eltern aufgewachsen zu sein, die beide Tendenzen vertraten. Es wäre sehr interessant, weiter zu forschen, ob die autoritäre Familienführung wirklich in den pietistischen Kreisen, aus der die Familie Hesse stammte, vorherrschend war. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit jetzt auf das Bild der Überseemission im Schrifttum wenden, gilt unsere erste Aufmerksamkeit der Kurzgeschichte Robert Aghion.5 Es handelt sich um eine 40-seitige Geschichte, 1912 geschrieben, 1913 veröffentlicht, die fiktive Beschreibung der Anfangszeit eines britischen Missionars des 18. Jhdts. in Indien. Wenn Hesse eine Verurteilung der Mission veröffentlicht hat, dann ist es diese Schrift. Robert Aghion wird dargestellt als junger Missionar, allein in Indien, bzw. unter dem Schutz eines gegenüber ihm und seinem Vorhaben sehr negativ eingestellten Kaufmanns. Sprachstudium und Beobachtung des umliegenden indischen Lebens bringen ihn zur heute bekannten Skepsis über den Sinn und die Rechtfertigung der Mission: "Wieder – wie schon oft – wollte es dem bescheidenen Aghion als eine ungeheuerliche Frechheit und Überhebung erscheinen, dass er als Abgesandter eines fernen Volkes hierher gekommen sei, mit der Absicht, diesen Menschen ihren Gott und Glauben zu nehmen, und dafür einen anderen aufzunötigen."6 Wie sein Zeitgenosse, Rudyard Kipling es in seiner viel kürzeren Geschichte "Lispeth" auch tut,7 benützt Hesse eine Tabubruch-Beschreibung von einem Verhältnis zwischen einem Missionar und einem einheimischen Mädchen – um dieser Geschichte einen dramatischen Höhepunkt und eine Pointe zu geben. Es wird dargestellt, wie Aghion sich in ein indisches Mädchen verliebt. Wo Kipling in blankem Hohn über Mission schreibt – in seiner Geschichte wird ein indisches Mädchen durch einen untreuen Engländer verraten, dessen Verhalten von den lokalen Missionaren in ihrer Heuchelei gedeckt wird – schreibt Hesse im Vergleich auf einer viel realistischeren Ebene. In Hesses Geschichte wird der Missionar verraten – und zwar durch seine eigene Inkompetenz. Er nimmt viel zu spät wahr, dass das Mädchen das er liebt, eine sehr ähnlich aussehende Schwester hat und er beiden Geschenke gegeben und liebkoste, im Glauben, dass es sich um nur eine junge Frau handelte. So konstruiert Hesse eine glaubwürdig erzählte Geschichte. Sie kann als Symbol für die Schwierigkeit verstanden werden, in einem neuen kulturellen und sprachlichen Zusammenhang zurecht zu kommen. Außer dieser langen "Kurzgeschichte" – auf die ich später zurückkomme – finden wir Texte von Hesse über Mission hauptsächlich in Erinnerungen an seine Familie. Diese Erinnerungen an Personen, deren Leben von Mission geprägt war, berichten – in Gegensatz zu der imaginären Biographie von Aghion – verklärt, verschmitzt oder sogar bewegt über Menschen, – hauptsächlich Familienmitglieder, die er gekannt hat – die ihr Leben in Mission verbracht haben. Mein erstes Beispiel kommt von einer autobiographischen Kurzgeschichte Der Bettler. Sie stammt aus dem Jahre 1948 und spielt im Äußeren Spalenquartier Basels ab. Wir, die den Text kennen und die dort leben oder arbeiten, lieben diese Geschichte nicht zuletzt wegen der Schilderung unseres Basler Stadtteils und dessen Bewohner vor 115 Jahren.8 Und darin kommen Missionare im Ruhestand, Missionarswitwen, Missionare im Urlaub als besondere pastellfarbige Tüpfchen in einer fast lyrischen Welt von kleinen Häusern am Rande der Stadt vor: Unser Vater war zwar gleich der Mutter... in Indien gewesen... aber das war in unsrem Milieu so wenig besonders und auffallend, wie wenn wir eine Familie von Seefahrern in einer Hafenstadt gewesen wären. ... [B]ei fremden dunklen Völkern und an fernen Palmenküsten waren alle die anderen "Brüder" und "Schwestern" von der Mission gewesen,9 auch sie konnten das Vaterunser in einigen fremden Sprachen sprechen, hatten lange Seereisen und lange... beschwerliche... Landreisen auf Eseln oder Ochsenkarren gemacht und konnten zu den wunderbaren Sammlungen des Missionsmuseums genaue und zuweilen abenteuerreiche Erzählungen und Erklärungen geben. ... Kommentar braucht diese verklärte Beschreibung nicht, dafür aber doch der nächste Auszug eines Textes, der posthum (1974) veröffentlicht wurde und der sich mit der Erinnerung an seinen Großvater, Hermann Gundert, dem Missionssprachwissenschaftler befasst.10 Es ist ein Text, der mit Schalk geschrieben wurde, aber in einem liebenden und augenzwinkernden Ton der Übertreibung, von dem man rein emotionell sehr angesprochen wird. ... und er, der Alte, Ehrwürdige, Gewaltige, im weissen Bart, allwissend, mächtiger als Vater und Mutter Er verstand alle Sprachen der Menschen, mehr als dreißig, vielleicht auch die der Götter, vielleicht auch der Sterne Ihn liebte, verehrte und fürchtete ich, von ihm erwartete ich alles, ihm traute ich alles zu, von ihm und von seinem verkleideten Gotte Pan im Gewand der Götzen[-figuren in seiner Bibliothek] lernte ich unaufhörlich. Über Jahre und Jahrzehnte eines Auseinandergleitens hinweg umarmte uns, mit hundert teueren Erinnerungen an Vater und Mutter, die Gemeinsamkeit des Blutes und des Geistes. Denn diese erkannten wir alle als das Wesentliche in der Erbschaft des Entschlafenen, die wir alsbald angetreten hatten: es war nicht bloss das Band des Blutes da, das uns in der Stunde der Angst zueinanderdrängte. Es war darüber hinaus das Vermächtnis einer Zucht und eines Glaubens da, dem unser Vater und unsre Mutter gedient hatten und dem sich keines von uns Kindern zu entziehen dachte, der auch mich nach dem Zerschneiden aller Wort- und Gemeindefesseln immer noch innig mit umfasst hatte. Diesen Glauben fühlten wir jetzt alle, den Glauben an eine Bestimmung, den Glauben an eine Berufung und Verpflichtung. Diesen Glauben nicht in Worten auszudrücken und niemals durch Taten in seinem Trieb zu stillen, war uns allen gemeinsam wie das Blut. Auch wenn wir einander verlieren sollten, wussten wir uns doch für immer einem Orden, einer heimlichen Ritterschaft angehörig, aus der es keinen Austritt gibt.11 Wie er schreiben kann! Bewegend ist dieser Text, aber mystisch und schwer auszulegen. Er entzieht sich der Klarheit, die wir gern darin lesen würden. Hesse schreibt von einer heimlichen Ritterschaft – einer Ritterschaft, die sich nicht für die Außenwelt definiert. Er schreibt auch von einem Glauben, der nicht in Worten auszudrücken ist. Trotzdem ist es klar, dass er über das Lebensengagement seiner Eltern schreibt, über ihr Bewusstsein, berufen und bestimmt gewesen zu sein. Und wenn das Wort "Religion" nicht vorkommt, ist dennoch klar, dass seine Gedanken sich in diesem Bereich bewegen. Er habe die Wortfesseln mit der Vergangenheit der Familie zerschnitten aber es ging trotzdem um einen Glauben ohne Worte. Ich denke, dass wir es hier mit einem Ausdruck einer Verpflichtung zu tun haben, mit einer Verpflichtung zu so etwas wie einer säkularisierten und anders orientierten – eigenen – Mission, einer eigenen Bestimmung; die wenn nötig mit Opfern zu verfolgen war. Wenn man bedenkt, wie stark Hesse gegen alle autoritäre Andersbestimmung des Lebens reagierte, wie seine Welt zu sein hatte, überrascht es einen, wie glimpflich in seinen Schriften Mission wegkommt. Neben der Skepsis gegenüber Mission, die er in Robert Aghion ausdrückt, finden wir, dass er in seinen Erinnerungen den Menschen, die er aus der Mission kannte, eher positiv gegenübersteht. Vor allem der Text über den Tod seines Vaters scheint mir eine klare Rechtfertigung darzustellen, den nächsten Abschnitt in die Hand zu nehmen: Um was ging es in dieser heimlichen Ritterschaft, die er mit seinen Eltern teilte? Was für Kontinuitäten können wir zwischen seinem Schaffen und der Mission seiner Eltern und den Großeltern Gundert feststellen? 2. Das Schaffen Hermann Hesses und die 'heimliche Ritterschaft', die ihn mit seinen Eltern verband. Man darf die Verflechtungen, die es in der Jugend Hesses mit der Mission gab, nicht unterschätzen – auch nicht die moralischen Ansprüche, die die tagtägliche Berührung mit Mission bei ihm hinterlassen hat. Hermann Hesses Eltern und Großeltern mütterlicherseits waren Missionare – das wissen die meisten modernen Hesse-Verehrer. Aber man muss weitergehen, um die Stärke der Missionspräsenz in seinem jungen Leben zu begreifen. Großvater Gundert war nicht nur eine prägende Präsenz in der Mission. Er hat eigentlich eine eigene Missionsdynastie gegründet. Vier von seinen fünf Kindern die so lang lebten, dass sie einen Beruf ausübten oder heirateten, gingen in die Mission oder wollten Missionare werden. Und das fünfte Kind – David Gundert, der statt in die Mission zu gehen seine eigene Verlagsbuchhandlung in Stuttgart gründete – verband sich in der ersten Ehe mit einer anderen riesigen Missionsdynastie. Diejenige der Hochs und der Huppenbauers. In der Generation von Hermann Hesse gingen auch immerhin fünf Gundert Vetter und Kusinen in die Mission – unter ihnen der bekannte Japanologe, Wilhelm Gundert. Zwei Kusinen starben als Missionarsfrauen in Übersee, die eine in Togo, die andere in Südindien. Ich behaupte, dass mit diesem Hintergrund das Familiengespräch, das der junge Hermann als Kind oft über sich ergehen lassen musste, am Engsten mit den Anliegen des Missionslebens verflochten gewesen sein muss – wer reist wohin, was sind die neuesten Nachrichten von Verwandten in Übersee, wo und inwiefern Mission erfolgreich oder unerfolgreich war – und nicht zuletzt: wer in der nachrückenden Generation das Zeug zeigte, selbst führender Missionar zu werden. Das Bild des Missionarischen im familiären Gespräch müssen wir allerdings noch weiter potenzieren. Hermann Gundert hat die zweite Hälfte seines Arbeitslebens in Calw als Leiter des Calwer Missionsverlags verbracht - eine Tätigkeit, die Johannes Hesse von ihm später übernahm. Ihr monatliches Missionsblatt ist eine hervorragende Quelle für den schwäbischen Blick auf die Weltmission in der zweiten Hälfte des 19 Jhdts – und wie Albrecht Frenz und Team mit ihrem Calwer Tagebuch von Hermann Gundert bezeugen, entstand dieser Nachrichtendienst aus engen Kontakten und Freundschaften mit Missionaren – nicht nur deutschsprachigen – in aller Welt.12 Diese Freundschaften fanden ihren Niederschlag in den häufigen Besuchen im Urlaub in Calw - Besuche, nota bene (in Gegensatz zur Aufwartung bei der Missionsleitung in Basel) bei jemanden, der selbst "in Übersee" gearbeitet hatte und Meister im Verständnis von Sprache und Sitte war; Besuche bei jemanden, der keine verwaltungsmässige Verantwortung für die Arbeit in Übersee trug. Die Gespräche werden meiner Meinung nach umso freier, angeregter und konkreter gewesen sein. Hermann Hesse war ein Teil dieser Welt, bis er Calw als junger Mann verließ. Er muss am Rande von unzähligen Gesprächen über Mission gesessen und gespielt haben Und diese Erfahrung wird nicht ohne Wirkung auf ihn gewesen sein. Der Eindruck, den man von Robert Aghion gewinnt, dass Hermann Hesse verstand, dass ein Missionar lernen muss, wie er sich in einer ihm völlig fremden Kultur bewegt – und dass gerade hier katastrophale Missverständnisse passieren können – wird er von der Anwesenheit in solchen Gesprächen gelernt haben. Missionare – diese Erkenntnis gewinnt man auch aus den indischen Tagebüchern von Hermann Gundert13 – mussten Verantwortung in der Leitung von einheimischen Gemeinschaften übernehmen, die noch zu einem guten Grad im Sinn von einheimischen Gesetzgebungen und sozialen Traditionen beeinflusst waren. Wehe dem Missionar der hier einen Fehler machte, der ein Präjudiz schaffte, der einen Rattenschwanz an schwierigen weiteren Beschlüssen mit sich brachte. Hesse wird vielen Expertengespräche in diesem Sinn als kleines Kind beigewohnt haben. Gespräche von Missionaren, die wirklich Bescheid wussten, über Missionspolitik und darüber in konkreten Beispielen sprachen. Hermann Hesse war Teil dieser Welt und wird auch als Jüngling sehr wohl den Anspruch, den die Mission macht, verstanden und auf sich bezogen gefühlt haben. Er wird mit einem Bewusstsein aufgewachsen sein, das ein Leben, das nicht im Dienst einer höheren Bestimmung steht, die radikale Änderungen des eigenen Lebens und Lebenstils verlangt, nicht viel wert war. Die 'heimliche Ritterschaft', die ihn mit seinen Eltern verband, ist, wie wir gesehen haben als Verpflichtung zu verstehen, das Leben in den Dienst von höheren Zielsetzungen zu stellen. Wenn wir fragen, was diese höheren Zielsetzungen für Hermann Hesse waren, antworten die meisten von uns "die Verfolgung seiner Kunst, die Realisierung seiner Begabung" – und das wird wohl auch zentral richtig sein. Aber ich möchte vorschlagen, dass drei wichtige Teile seines Lebens als unmittelbare Weiterentwicklung des Engagements seines Herkunftskreises in Calw – als Teil der heimlichen Ritterschaft – zu verstehen sind: sein Einsatz für orientalische Sprachen und Literatur im deutschen Sprachraum, seine kritische Einstellung zu sozialen und politischen Entwicklungen, sowie seine Beschäftigung mit Religion. Sein Einsatz für orientalische Sprachen und Literatur im deutschen Sprachraum als Weiterentwicklung des Engagements seines Herkunftskreises in Calw. Das braucht vielleicht am wenigsten Kommentar meinerseits. Hesses Einsatz für indische und chinesische Literatur und Philosophie ist dokumentiert in den Biografien – er hat die Arbeit der Übersetzung und der Veröffentlichung moralisch stark unterstützt, nicht zuletzt durch seine eigene publizistische Arbeit in wichtigen Kulturzeitschriften. Das war eine höhere und schwierige Zielsetzung, die von ihm erhebliche Energien verlangte. In diesem Bereich liegt er sehr nahe bei seinem Großvater. Zugegeben, Hermann Hesses Zielsetzung war um 180° gedreht – er arbeitete in diesem Bereich, um den Westen zu lehren oder zu Lehrmöglichkeiten zu verhelfen, und nicht, damit ein gewisser orientalischer Kulturkreis auf eine bestimmte christliche Orthodoxie umgeschwenkt werden könnte. Aber die Gemeinsamkeiten sind trotzdem da. Gundert hat den Ruf von einem Sprachwissenschaftler, der die gesamte Sprache untersucht – vom Wortschatz der Frauen in der Küche und den Bauern auf dem Feld bis hin zur Sprache der Brahminischen Intellektuellen und der bestehenden hindu-epischen Literatur auf Malayalam. Er wird in Südindien noch in allen Religionsgemeinschaften als jemand verehrt, der die Malayalamsprache auf eine moderne Basis brachte – modern verlagstauglich machte – und der selbst die Sprache witzig und unterhaltsam verwenden konnte. Wie stark auch immer er sich bis zu seinem Lebensende als Missionar sah, so war er im Verständnis von diesem Beruf nicht eng. Und in diesem Sinn gibt es erhebliche Überlappungen zwischen seiner Beschäftigung mit dem Kulturkreis von Kerala und der Beschäftigung seines Enkels mit vielen anderen Kulturkreisen in Asien. Seine kritische Einstellung zu sozialen und politischen Entwicklungen als Weiterentwicklung des Engagements seines Herkunftskreises in Calw. Hier brauche ich wieder wenig über Hermann Hesse zu sagen. Die Zeitschrift Merz verstand sich als süddeutsches Gegenpol zum autoritären und militaristischen Wind, der aus Preußen blies. Und auch wenn Hesse später eine gelegentlich unsichere Note gegen den Ersten Weltkrieg und die Nazibewegung von sich gab, sind seine Absichten für eine andere Welt, als diejenige, die von den politischen Autoritäten geprägt wurde, einzustehen, bekannt und begründet seinen Ruf als Vater der Alternativbewegung des späteren 20. Jhdts. Pietisten allerdings – die Bewegung hinter den missionarischen Gunderts und Hesses – haben nun nicht den Ruf, dass sie sich kritisch in die Welt der Politik mischen. Moralisierend wirkten sie vielleicht, aber kritisch über die von Gott eingesetzten Mächte dieser Welt waren sie nicht. Und doch konnte Kritik und sogar Widerstand aus den sozialen Werten des Pietismus am Ende des 19. Jhdts. die Hermann Hesse in den Calwer Gesprächen artikuliert hörte, wachsen. Unser bestes Beispiel für den pietistischen Schritt in die Politik bildet der Konflikt ca. 1900 zwischen der Basler Mission und der kolonialen Regierung über Landfragen im deutschen Kamerun. Jürg Schneider, ein Student von mir, hat gerade in Basel eine Lizentiatsarbeit geschrieben, die sich mit dem Einsatz der Basler Mission für einheimische Landrechte in Deutschkamerun beschäftigt. Er ging dem Widerstand der Missionare gegen eine Junkerpolitik von Grossplantagen mit in Armut lebenden einheimischen Tagelöhnern und Tagelöhnerinnen nach. Wir wissen eigentlich seit bald 40 Jahren, dass es diesen Widerstand gab und dass er offensichtlich nach dem ersten Weltkrieg in Vergessenheit geraten ist – in einer Zeit, als niemand erzählen wollte, dass er Kritik an der deutschen Kolonialpolitik geübt hatte. Diese neue Lizenziatsarbeit – mit Anwendung von neuen geordneten Quellen in Basel, sowie den seit dem Mauerfall für uns im Westen viel leichter zugänglichen Quellen des Reichskolonialsamtes in Berlin – verfolgt die politische Arbeit des Widerstandes, wie das vorher nicht möglich war. Diese politische Arbeit führt uns bis in den Reichstag. Und sie macht für mich klar, dass Pietismus am Ende des 19. Jhdts. im südwestdeutschen Bereich nicht nur im Politischen eine Bewegung des Gehorsams und der Pflichterfüllung war, sondern dass es Werte gab, die die Bedeutung der selbstversorgenden christlichen Familien mit eigenem Land stärkte und ihn zu einer mehr als latenten Widerstandsbewegung macht. Eine Widerstandsbewegung contre coeur vielleicht, aber immerhin! Und Herr Schneider hat für uns mindestens ein Dokument gefunden, in dem man lesen kann, wie ein Missionar in einem Gespräch mit dem hohen Gouverneur zu seiner eigenen Überraschung zunehmend ungehalten über die Ansprüche des Großkapitalismus wurde und nachher von seinen Oberen in Basel verlangte, dass sie in der Tagespresse und im Reichstag etwas gegen diesen schweren Angriff auf die wirtschaftliche Basis einheimischer Gemeinschaften unternahmen. Und da wurde ich vorläufig – zumindest bis ich viel mehr über die Politik des Wilhelminischen Deutschlands kenne, - eine Verknüpfung zwischen Hermann Hesses kritischer Einstellung gegenüber politischen und sozialen Entwicklungen in Deutschland im ersten Vierteljahrhundert des 20. Jahrhunderts und den Missionaren in Kamerun, die die Kraft zum Widerstand aus ihren Überzeugungen zogen, sehen. Seine Beschäftigung mit Religion als Weiterentwicklung des Engagements seines Herkunftskreises in Calw. Ich muss mich hier kurz fassen – und befasse mich daher hauptsächlich mit Siddhartha als Symbol für Hesses Ringen mit religiösen Fragen – ich denke, dass "Ringen" kein übertriebenes Wort ist – denken wir an die Schwierigkeiten die er hatte, den zweiten Teil der Erzählung zu Papier zu bringen. Einige von Ihnen mögen fragen, wie weit Siddhartha – das Buch – in dem kein klarer Gottesbegriff zu erkennen ist, als Religion gelten kann. Aber für einen Christen wie ich mit Quäkerfärbung ist das kein Problem. In Siddhartha geht es um die Suche nach Wahrheit in einem erkennbar religiösen Milieu. Es geht um Riten und religiöse Übungen, es geht um den Sinn des Lebens. Und wenn Siddhartha – der Mensch – hauptsächlich Zugang zu Gott, Atman, Brahman, in sich selbst findet – Gott nicht mit sich selbst identifiziert sondern einen Weg zu Gott findet, der durch sein eigenes Bewusstsein und seine Intuition führt – dann liegt das sehr nahe an der quäkerischen Formulierung, dass es einen Funken Gottes in jedem Mensch gibt. Diesen Funken in uns selbst und in anderen zu pflegen ist höchstes Gebot. Wenn wir so von Gott in uns reden, befinden wir uns noch weit weg von der Religion der Gunderts und der Hesses. Oder etwa doch nicht? Versuchen wir eine Feststellung: Siddhartha ist eine Erzählung über Bekehrung. Bekehrungen sind für Hesse eine Indiz für die Wichtigkeit der Suche nach Wahrheit, für eine Behauptung, dass es wichtig ist, bereit zu sein die eigene religiös-weltanschauliche Orientierung zu wechseln, zu lernen und nicht in diesem zentralen Bereich des geistigen Lebens zu stagnieren. Bekehrung zu bewirken, selbst Bekehrung zu erleben, war sozusagen das ureigenste Geschäft einer Missionsdynastie. Ich versuche jetzt auf die Bekehrungen aufmerksam zu machen, die Siddhartha in der Erzählung persönlich erlebt. Ich nehme an, dass die meisten von Ihnen die Handlung von Siddhartha zumindest in Zusammenhang im Gedächtnis haben, und dass Sie meine Hinweise auf den Ablauf der Geschichte aufspüren können. Wenn nicht, kann ich mir nichts besser vorstellen, als dass Sie selbst Siddhartha zweimal lesen – einmal für die Geschichte selbst und einmal mit meiner Fragestellung im Hinterkopf. Die Geschichte zeigt im Leben von Siddhartha eine erste Bekehrung – eine erste religiöse Neuorientierung – als er das Leben eines Brahmanensohnes gegen den Widerstand seines Vaters abstreift, um mit den Samanas, einer radikalen Bewegung des Verzichts und der Selbstkasteiungen, in die Wälder zu gehen. Sie zeigt eine zweite Bekehrung oder religiöse Neuorientierung, als Siddhartha die Samanas gegen den Willen ihres Führers verlässt, um Buddha aufzusuchen. Eine dritte Bekehrung kommt, als er die Nachfolge Buddhas verweigert und es ihm bewusst wird, dass er nicht mehr einen Lehrer und nicht mehr die Abhängigkeit eines Jüngers sucht, sondern allein seinen Weg zu gehen bereit ist. Die Episode mit Kamala – der Kurtisane – ist vielleicht nicht als Bekehrung in diesem Sinn zu verstehen, aber seine Rückkehr in den Wald, seine Verzweiflung am Fluss, seine innerliche und äußerliche Rettung, sein Anschluss an den Eremiten und Fahrmann Vasudeva bilden zusammen eine gewaltige Bekehrung. Und sehr wohl ist der Friede den er findet, nachdem sein eigener Sohn sich geweigert hat, mit ihm zu leben, auch als Bekehrung, als Neuorientierung zu betrachten. Fünf Bekehrungen in einem kurzen Buch – und es gäbe noch mehr! Ich verwende hier bewusst die Missionsvokabel "Bekehrung": ein Wort, das schwer definierbar ist, aber das ein zentrales Anliegen der Mission vermittelt. Ich behaupte damit, dass die Erzählung eine Wurzel in der Beschäftigung mit der Herkunftsfamilie des Autors, mit Bekehrung hat – mit der Bekehrung der Nichtchristen, aber auch mit der eigenen pietistischen Bekehrung.14 Und ich behaupte auch, dass man sich durch das indische Kleid dieser "Erzählung" nicht verwirren lassen darf. Es ist sehr gut möglich, meine ich, dass Hesse hier intellektuelle Fragen und Probleme ausarbeitet, die er aus seiner Herkunft in seiner Seele trug und dass er ein indisches Gewand für die Diskussion verwendet, weil christliche und pietistische Wortschätze ihn so belasteten und ihm so zuwider waren, dass er sie nicht mehr verwenden mochte. Aber die 'heimliche Ritterschaft' geht weiter: die Beschäftigung mit Berufung, mit der Suche nach Wahrheit, mit der Suche nach Erweckung. Wir könnten mit Siddhartha lang verweilen – aber lassen Sie mich ein zweites Thema aus Siddhartha nennen, von dem man behaupten kann, dass es etwas mit seiner Herkunft unter den Gunderts und Hesses zu tun hat. Siddhartha wird mit sehr elitären Ansprüchen in den ersten Teilen des Buchs dargestellt. Er hat das Zeug ein führender Brahmanenpriester zu werden. Er geht zur radikalen Elite der selbstkasteienden Samanas. Er misst sich mit Buddha. Und auch als er bei der Frau Kamala und dem Händler Kamaswamy lebt, sieht Kamala immer noch in Siddhartha den Samana, den Mann, der mit einem Fuß in einer ganz anderen Welt des Verzichts und der radikalen Spiritualität dasteht. Gegen Ende des Buches allerdings beschreibt Hesse explizit, wie Siddhartha seine Ansprüche einer Elite zuzugehören nicht gänzlich verliert, aber trotzdem zu einer hohen Würdigung des gemeinen Volkes kommt. Anders sah er jetzt die Menschen als Früher, weniger klug [war er], weniger stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter... Obwohl er nahe der Vollendung war... schien ihm doch, diese Kindermenschen [– der Gegenteil des Elites] seien seine Brüder --- die blinde Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen blinden Stolz eines eingebildeten Vaters auf sein einziges Söhnlein... alle... diese einfachen törichten, aber ungeheuer starken, stark lebenden, stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren für Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr. Er sah um ihretwillen die Menschen leben, sah sie um ihretwillen leisten, Reisen tun, Kriege führen, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er konnte sie dafür lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das Unzerstörbare, das Brahman in jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer Taten. Faszinierend bei diesem Thema finde ich, dass Pietismus sich immer per definitionem als eine Minderheit verstand. Pietistische Missionare waren in Sorge, wenn "Kreti und Pleti", wie sie es ausdrückten, wenn große Bewegungen sich taufen lassen wollten. Wahre – pietistische/ puritanische – Christen werden immer in der Minderheit sein. Die Frage "Kirche einer Minderheit, oder Kirche eines Volkes" bildete einen ständigen Spannungspunkt im Basler Missionsgebiet von Westafrika, z.B.: die Missionare wollten die Christen aus der allgemeinen Gemeinschaft holen, damit sie in kleinen puritanischen Teilgemeinschaften lebten, die Häuptlinge und Ältesten dagegen wollen sie da bei ihnen als Teil der Gesamtgemeinschaft haben. Ich finde es höchst merkwürdig, dass eines der Elemente aus denen Hesse ein wunderbares Bild eines alternden Menschen und seine neuen, dem Alter entsprechenden religiösen Überzeugungen und Orientierungen zeichnet, gerade die Offenheit darstellt, seine elitären Ansprüche von früher zu relativieren und das Göttliche im allgemeinen Leben der Menschen – v.a. im Bereich der Liebe und der Elternschaft – wahrzunehmen und zu würdigen. Und ich behaupte, dass das bei Hermann Hesse nicht von Ungefähr kommt, sondern eine Weiterbehandlung ist, von einem Thema, das ihn in den Calwer Gesprächen seiner Jugend gestreift haben wird. 3. Im Sinn eines Resumées: Hermann Hesse – ein Prophet der entkolonisierten Mission? Bis jetzt habe ich in der Art des Historikers geschrieben – ich habe mich mit den Verflechtungen zwischen dem Leben und Schaffen von Hermann Hesse auf der einen Seite, und seinem Hintergrund als Kind in einer Missionsdynastie auf der anderen Seite, befasst. In diesem letzten kurzen Schlussabschnitt spüre ich den Parallelen nach, die es zwischen seinem Lebensweg und dem viel späteren Weg der Mission, im Prozess der Entkolonisierung gab. In einer sehr vorläufigen Form frage ich, was er der ökumenischen Mission von heute zu vermitteln hätte. Hermann Hesse rebelliert als Gymnasiast gegen die autoritäre Schule und schlug den Lebensweg eines freien Schriftstellers ein. Es ist möglich, ausgehend von einem Missionshaus, in diesem Leben Veränderungen wahrzunehmen, die die ökumenisch-gesinnte Missionsbewegung in diesem Teil der Welt eigentlich ein halbes Jahrhundert später durchmachte - Veränderungen, an denen sie noch arbeitet. Hesses Rebellion hatte schlussendlich weit mehr Bedeutung, als lediglich die allgemeine Aufmüpfigkeit der Adoleszenz. Sie bedeutete – langfristig gesehen – eine Rebellion gegen die konzentrierte Autorität des nationalen und militaristischen Staates, sowie gegen die Ideologie der Nation, die er tradierte. Und diese Rebellion ging noch weiter. Seine Bestrebungen galten schon vor 1914, einer für die Mission sehr bedeutungsvollen Zeit der Pluralisierung des Kulturbetriebs in deutscher Sprache, die Inkorporation orientalischer Literatur, Religion und Philosophie in westliche Diskurse. Die Parallele zur späteren Geschichte der Mission sind auffallend. Die Mission hat auch nach 1947 lernen müssen, ohne die engere Verknüpfung mit kolonialer Autorität ihren Einfluss geltend zu machen. Die Mission, die Hesse als Jüngling und junger Mann kennenlernte, zog einen Teil ihrer Stärke – auch in den Köpfen der Missionare daraus, dass sie die Religion des kolonialen Meisters und der industriellen Macht des Westens, verkörperte. Diese Verknüpfung verlor sie, als die Kolonien unabhängig wurden. Ich will hier nicht sagen, dass Mission und Staat immer in der kolonialen Zeit in Frieden miteinander lebten. Ich versuche etwas viel Grundsätzlicheres zu formulieren. In Bezug auf Religion stößt man immer wieder auf das Problem, dass gesteigerte Identifizierung mit einer Religion meist mit einer noch überhöhten Gewissheit und Sicherheit zusammengeht, dass sie die Richtige ist. Missionare waren Menschen mit einer gesteigerten Identifikation in ihrem Glauben. Das gab ihnen die Kraft weit zu reisen und große Risiken auf sich zu nehmen. Aber gerade diese Reisen brachten sie in direkte Berührung mit Menschen, die andere Religionen praktizierten. Und ihre zeitliche Verknüpfung mit Kolonialismus half den Missionaren, die Frage der positiven Bedeutung anderer Religionen auszuweichen, sie hauptsächlich als Objekte der Mission anzuschauen. Denn die Missionare standen dort als religiöse Vertreter der hegemonialen Macht, als Menschen einer Zukunft, in der alle westliche Aufklärung, Lebensstil, Bürgerecht übernehmen würden. Ganz klar: der Wurm war drin – und man sieht im Rückblick, wie stark die Konkurrenz zwischen europäischen Staaten – und auch zwischen christlichen Konfessionen – diese Zukunftsvision in Frage stellte und schlussendlich, wie sie mit dem ersten europäischen Bürgerkrieg zumindest vorerst zerstört wurde. Aber es ist schwierig Quellen zu finden, die der Idee widersprechen, dass vor 1914, Missionare ziemlich einfältig die besonderen Tugenden ihrer konfessionellen und nationalen Prägung als besonders gottgefällig ansahen – und kein besonderes Bedürfnis spürten, ihre eigene Stellung gegenüber anderen zu relativieren. Langfristig ist die Situation der modernen Mission nicht nur dadurch geprägt, dass sie die Autorität des kolonialen Staates verloren hat. Sie muss sich heute noch ständig mit der Frage auseinandersetzen, was es für sie bedeutet, dass Religionen wie Islam und Hinduismus erneuert und mit starken fundamentalistischen Zügen in der Welt, tätig sind. Noch weiter: durch Einwanderung sowie durch die massive Zunahme des Interesses für andere Religionen in der Stammbevölkerung in Westeuropa, müssen sie sich mit einem stark erhöhten Pluralismus in ihren eigenen Stammländern, auseinandersetzen. In den Missionshäusern in Basel und Stuttgart sind wir daran interessiert zu verstehen, wenn wir wie Hesse einen ähnlichen Pfad betreten – nicht denselben Pfad, denn wir erkennen uns klar als in der Missionstradition als christliche Aktivisten – wie und mit welchen Einstellungen wir Kontakt mit anderen religiösen Traditionen suchen müssen ohne mit hegemonialer Autorität auf sie zuzugehen. Bis jetzt verkörpert ein kurzer Text unsere Überraschung, wenn wir Hesse mit "Missionsaugen" lesen sowie die Bestätigung, die Hesse uns gibt, wenn wir uns auf den Weg setzen, mit anderen religiösen Traditionen und Praktiken in Berührung zu kommen. Statt eines richtigen Abschlusses mochte ich ihm selbst das letzte Wort geben und Teile dieses Textes "Kapelle" hier zitieren und kurz kommentieren.15 Die rosarote Kapelle mit dem kleinen Vordach muss von guten und zartfühlenden Menschen erbaut sein, und von sehr frommen Menschen. Ein schlichter Anfang, der uns dazu aufruft, einer anderen religiösen Praxis mit einer Erwartungshaltung zu begegnen, und nicht sofort eine ablehnende Einstellung einzunehmen. Mir ist oft gesagt worden, es gäbe heute keine frommen Menschen mehr. Man könnte ebenso gut sagen, es gäbe heute keine Musik und keinen blauen Himmel mehr. Ich glaube, es gibt viele Frommen. Ich selbst bin fromm. Aber ich war nicht immer so. Das Religiöse, scheint mir, will er sagen ist ein natürlicher Teil des Lebens, dem wir unverkrampft begegnen dürfen. Aber dann geht er weiter mit seinen eigenen Erfahrungen, die ihm zu einer offenen Einstellung zu anderen religiösen Praxen ermuntert haben. Der Weg zur Frömmigkeit mag für jeden ein anderer sein. Für mich lief er über viele Irrtümer und Leiden, über viel Selbstquälerei... ich wusste nicht, dass Frommsein Gesundheit und Heiterkeit bedeutet. Frommsein ist nichts anderes als Vertrauen. Vertrauen hat der einfache, gesunde, harmlose Mensch, das Kind... unsereiner, der nicht einfach noch harmlos war, musste das Vertrauen auf Umwegen finden. Vertrauen zu Dir selbst ist der Beginn. ... Der Gott, an den wir glauben müssen, ist in uns innen. In diesen Sätzen gewinnt er den Weg zurück zu einer Art zu sagen, dass Gott die Menschheit liebt... er spricht von einer Einfachheit, die den anderen nicht mit komplizierten Ehrgeiz schadet... und schließlich drückt er sein Bewusstsein aus, dass die Präsenz Gottes in jedem Menschen spürbar ist. Er stellt die Frage wie wir uns Menschen nähern, die andere Religionen praktizieren nicht explizit, aber man hat hier den Kern von einer Idee, mit welchem Gedankengerüst man sich in solche Begegnungen begeben kann. Und er geht gleich weiter... O liebe, innige Kapellen dieses Landes! Ihr tragt Zeichen und Inschriften eines Gottes, der nicht der meine ist. Eure Gläubigen beten Gebete, deren Worte ich nicht kenne. Dennoch kann ich in Euch beten. ... Jedes Gebet ist bei euch erlaubt und heilig. Hier sein Plädoyer, dass wir uns freuen über die Verschiedenheit der Gebete der Menschheit – die er allerdings sofort mit impliziten Kriterien für ein Gebet bereichert, das für ihn über allen Konfessionen und Religionen wirkliches Gebet ist. ... Gebet ist so heilig, so Heiland wie Gesang. Gebet ist Vertrauen, ist Bestätigung. Wer wahrhaft betet, der bittet nicht, er erzählt nur seine Zustände und Nöte, er singt sein Leid und seinen Dank vor sich hin, wie die kleinen Kinder singen. ... Wer aus einem frommen Protestantenhaus stammt, der hat einen weiten Weg zu suchen, bis zu diesem vertrauensvolles Gebet. Am späten Ende des Weges sieht er mit Erstaunen, wie einfach, kindlich und natürlich die Seligkeit ist, die er auf so dornigem Weg gesucht hat. Aber die Dornenwege waren nicht umsonst. Der Heimgekehrte ist ein andrer als der stets Daheimgebliebene. Er liebt inniger und ist freier von Gerechtigkeit und Wahn. Gerechtigkeit ist die Tugend der Daheimgebliebenen. ... Euch Kapellen beneide ich um Eure Gläubigen, um Eure Gemeinden. Hundert Beter klagen euch ihr Leid, hundert Kinder bekränzen eure Türen. Unser Glaube aber, die Frömmigkeit der Weitgereisten, ist einsam. 'Die heimliche Ritterschaft' führt doch in einen Weg des Verzichtes entlang dornigen Pfaden. Aber – wie dieser Verfasser – hat auch die moderne Mission einen langen Weg zu gehen, bis sie bei jeder Kapelle so gebetet hat, und als Heimgekehrter zeigt, wie man den Mitmenschen anderer Religionen und Konfessionen innig zu lieben lernt. Eine moderne ökumenische Mission arbeitet erkennt man daran, was sie mit dem Postulat "Jedes Gebet ... ist heilig", ihr Gespräch mit Menschen die andere Religionen praktizieren, anfängt. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen, die möglicherweise äußerlich aber auf jedem Fall innerlich weit gereist sind – oder weit reisen wollen. 1 Ich bedanke mich sehr bei der Stadt Calw für die Einladung dieses Referat zu halten, bei Manuela Epting, die alles so schön organisiert hat, und bei meinem damaligen Assistenten, Michael Albrecht, für die redaktionelle Hilfe. 2 Konrad, Dagmar, Die Missionsbräute: Pietistinnen des 19. Jahrhunderts in der Basler Mission, 514 S., 2001. 3 Hesse, Hermann, Gesammelte Werke, 1970 Bd 10, S. 212-213. 4 Ich kann hier mit meinen Basler Ressourcen nur einen Anschluss an diese Literatur anbieten: Dicks, Henry, "Personality Traits and NS Ideology", Human Relations 1950, pp.111-154. 5 "Robert Aghion" wurde ursprünglich 1913 in Hesse, Hermann, Aus Indien. Aufzeichnungen einer indischen Reise, veröffentlicht. 6 op. cit. 7 Kipling, Rudyard, "Lispeth" in Plain Tails from the Hills 1888. The same story also appears as the background to the "Woman of Shamlegh" in chapter 14 of Kim, 1901. 8 Aus Hesse, Hermann, "Der Bettler", in Innen und Aussen. Gesammelte Erzählungen, 1977, Bd 4. 9 In dieser pietistisch-puritanischen Missionsgemeinschaft sprachen sich die Mitgleider gegenseitig mit "Bruder" und "Schwester" an. 10 Aus Hesse, Hermann, Kindheit des Zauberers. Ein autobiographisches Märchen. Handgeschrieben, illustriert und mit einer Nachbemerkung versehen von Peter Weiss, Frankfurt, 1974, hier S. 31-2. Ich möchte mich bei Profesor Annakutty, Leiterin des Seminar für Germanistik an der Universität Bombay, für diesen Hinweis und viele anregende Gespräche bedanken. Sie hat Kindheit des Zauberers in einem interessanten Aufsatz rezipiert: "Hermann Gundert – der Magier und sein Erbe", in Bote zwischen Ost und West – Dr. Hermann Gundert Welt Malayalam Tagung Berlin 1986, 56 S., Ulm 1987, hier S. 51-55. (Ich bedanke mich bei Frau Professor Annakutty…) 11 Hesse, Hermann, "Zum Gedächtnis", in Gesammelte Werke 1970, Bd 10 S. 130-2. 12 Gundert, Hermann, Calwer Tagebuch 1859-1893, herausgegeben von Albrecht Frenz, 671 S., 1986. 13 Gundert, Hermann, Tagebuch aus Malabar 1837-1859 herausgegeben von Albrecht Frenz, 399 S., Ulm, 1983. 14 Hinweis Aghion … nicht gegen Bekehrung, sondern gegen B. zu einer oberflächlich verstandenen Religion... Ich darf vielleicht vorschlagen, dass durch die Geschichte von Robert Aghion Unbehagen nicht gegen Bekehrung an sich sondern gegen Bekehrung zu einer oberflächlich verstandenen und oberflächlich gepredigten Religion durchschimmert. 15 "Kapelle", in "Wanderungen", Hermann Hesse Gesammelte Werke 1970, Bd 6, S. 157-9. 111 |
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