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Meine Gedanken zur Morgenlandfahrt |
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Mein Großvater Hermann Hesse wurde schon als kleiner Bub mit dem Osten, also dem Morgenland, bekannt, weil sein Großvater Hermann Gundert lange als Missionar in Indien gelebt hatte und seine Mutter in Indien geboren war und auch später dort gelebt hatte.
Sie und der Großvater konnten in einer indischen Sprache, Malayalam, miteinander reden. Es kamen Besucher aus Indien ins Haus des Großvaters. Diese ferne Welt hatte für den Kleinen etwas Magisches und Anziehendes. Im Märchen "Kindheit des Zauberers" beschreibt er diese frühe Begegnung mit dem Östlichen so: "Nicht von Eltern und Lehrern allein wurde ich erzogen, sondern auch von höheren, verborgeneren und geheimnisvolleren Mächten, unter ihnen war auch der Gott Pan, welcher in der Gestalt einer kleinen, tanzenden indischen Götzenfigur im Glasschrank meines Großvaters stand. Diese Gottheit, und noch andere, haben sich meiner Kinderjahre angenommen und haben mich, lange schon ehe ich lesen und schreiben konnte, mit morgenländischen, uralten Bildern und Gedanken so erfüllt, dass ich später jede Begegnung mit indischen und chinesischen Weisen als eine Wiederbegegnung als eine Heimkehr empfand." Im Zug auf der Reise hierher habe ich in der Hesse-Biographie von Ralph Freedman (der heute Abend spricht) folgenden Traum gelesen, den mein Großvater während einem langweiligen Kinobesuch träumte, als er mit Freunden in Singapur weilte, 1911, auf einer Reise nach Hinterindien. Es scheint mir fast, als ob er aus diesem Traum die Vision für seine Erzählung "Die Morgenlandfahrt" bekommen hätte. (Lesung S. 200)
Nun: Zu Hermann Hesses MORGENLANDFAHRT, die er mit über fünfzig Jahren geschrieben hat: Es gibt gewiss viele Interpretationen dieser märchenhaften, wahrscheinlich für viele Zuhörer unwirklichen Erzählung. Ich habe keine einzige dieser germanistischen oder philosophischen Abhandlungen gelesen und möchte hier meine persönlichen Gedanken ausdrücken, die sich auf ganz andere Quellen stützen. Jeder kann zu einem Märchen verschiedene Ansichten haben, dies hier ist meine ganz persönliche. ZITAT S. 11 Außer der Beschreibung von der Feier in Bremgarten, die ja auch eher surrealistisch ist, bewegt sich die ganze Geschichte sozusagen außerhalb von Raum und Zeit. Damit will Hesse nach meiner Ansicht klarstellen, dass er eine allgemeingültige, für jeden Menschen aber individuell erlebte Beschreibung einer seelischen Entwicklung darstellen will. Der Ich-Erzähler nennt sich H.H., also Hermann Hesse, er hat als persönliches Ziel, die schöne Prinzessin Fatme zu sehen und ihre Liebe zu erringen. Ich denke, dass diese Prinzessin das Bild für seine eigene Seele ist. Als H.H. später freien Zugang zum Bundesarchiv bekommt, findet er dort unter dem Namen FATME ein winziges Medaillon mit einem Prinzessinnenbild, das ihn an alle Träume und Wünsche seiner Jünglingszeit erinnert, an den holden Zauber der ersten Zeit seiner Pilgerfahrt nach Osten. Schon im Titel "Die Morgenlandfahrt" wird ausgedrückt, dass es sich nicht um eine Reise aus einem Reisebüroprospekt handelt. Das Morgen-Land, also das Land von morgen, steht eher für eine Zukunftsvision. Erste Lesung S. 32/33
Hingegen Morgen als Osten verstanden besagt, dass die Suche nach der Weisheit sich in der Vergangenheit immer nach Osten richtete. Viele Wahrheitssucher reisten und reisen immer noch nach Indien und Tibet, wo weise Männer und Frauen das uralte überlieferte Wissen über die geistige Welt vermitteln. Wir alle kennen die Überlieferung der "Drei Weisen aus dem Morgenland". Diese folgten dem neuen Stern, den sie am Nachthimmel entdeckt hatten und fanden den neugeborenen Jesus, den Christus, den Stifter der neuen Weltreligion, der später in seinen Ansprachen und Gleichnissen dieselben alten Wahrheiten lehren sollte, wie sie schon Buddha, Lao-Tse, Pythagoras und andere vor ihm gelehrt hatten. Mit Jesus kamen also schon die alten fernöstlichen Lehren weiter nach Westen, wurden aber später von den Kirchen verfälscht. Der Bund der Morgenlandfahrer will nun wieder nach den Wurzeln aller Religionen suchen; man könnte ihn auch den Bund der Wahrheitssucher oder der Gottessucher nennen. Er hat seit Urzeiten bestanden, läuft durch die ganze Weltgeschichte in zwar manchmal unterirdischer, aber nie unterbrochener Linie. Zweite Lesung S. 7/ 8, 10/ 11, 16/ 17 Der Diener Leo ist nebst dem Ich-Erzähler, die Hauptfigur der Erzählung. Er entpuppt sich später als Weiser. Mit seiner natürlichen, gefälligen Art ist er allen lieb. Er ist immer hilfsbereit und ein großer Freund aller Tiere. Man könnte seinen Namen so deuten: L = Licht/ Lux, E = Ex, O = Oriente. Lux ex Oriente, das Licht aus dem Osten. Bei der Feier in Bremgarten erklärt er dem Ich-Erzähler H. in ganz einfachen Worten das Gesetz des Dienens: "Was lange leben will, das muss dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange. Es gibt nur wenige, die zum Herrschen geboren sind, sie bleiben dabei fröhlich und gesund. Die anderen aber, die sich bloß durch Streberei zu Herren gemacht haben, die enden alle im Nichts." Dritte Lesung S. 30, 34, 35, 38 - 40 Als der Diener Leo in der Schlucht von Morbio Inferiore plötzlich verschwunden ist, merken die Morgenlandfahrer zum ersten Mal, wie wichtig für die ganze Reise dieser unscheinbare Mann war. Aus nichtigen Gründen beginnen sie zu streiten und laufen zuletzt auseinander. Ihre Unternehmung scheitert. Der Erzähler H. beginnt an diesem Tage an der ganzen Reise, die für ihn vorher trotz Schwierigkeiten und kleinen Enttäuschungen immer das absolut wichtigste in seinem Leben war, zu zweifeln. Er schreibt: "Es schien jetzt alles unzuverlässig und zweifelhaft zu werden, es drohte alles seinen Wert, seinen Sinn zu verlieren. Unsere Kameradschaft, unser Glaube, unser Schwur, unsere Morgenlandfahrt, unser ganzes Leben." Vierte Lesung S. 41 - 44 Nach diesem Tag wird H.'s Leben düster und sinnlos. Nach Jahrzehnten, als er es nicht mehr aushält in seinem Trübsinn, macht er sich auf die Suche nach Leo und versucht, die Geschichte der Morgenlandfahrt zu schreiben. Er findet Leo endlich, aber dieser erkennt ihn nicht wieder, weil er sich in seiner Verzweiflung verändert hat. Zweifel, Angst und Selbstbedauern wirken zerstörend. Wer sich einmal auf einen geistigen Weg gemacht hat, auf den Weg nach innen, wie Hesse oft sagte, - denn das Morgenland ist in uns selbst innen - der darf an diesem Weg nicht zweifeln, sonst verliert er ihn. Später sieht der Erzähler H. ein, dass das Verschwinden Leos eine Prüfung war, die er nicht bestanden hat. Enttäuscht und traurig geht er in sein Zimmer und schreibt einen langen Brief an Leo. Nachdem ihn Leo anderntags abgeholt und ins Bundesarchiv geführt hat, erkennt H., dass der Bund immer noch besteht und immer bestanden hat. Er selber hat den Bund bei Morbio Inferio verlassen und hat nachher an dessen Existenz gezweifelt. Nun erlebt er, dass Leo der Oberste der Oberen dieses Bundes ist und ihn, den Selbstankläger H. freispricht und ihn wieder in den Bund aufnimmt. Als Probestück seines Glaubens und Gehorsams muss H. das Bundesarchiv über seine eigene Person befragen. Fünfte Lesung: S. 86, 99 mitte - 103 oben, 108 mitte - 110 mitte, 111 unten - 114 oben. H.H. findet bei seinem Namen eine Doppelfigur, deren schwächliche, schattenhafte Seite ihn selbst darstellt und deren kräftige, lebendige Seite Leo zeigt. Dies ist wohl ein Bild für eine Erklärung des Menschen, wie sie von den alten Meistern des Ostens überliefert wird: Jeder Mensch ist göttlichen Ursprungs und trägt in sich einen göttlichen Funken, auch die Herzflamme genannt. Sie ist unser eigentliches Lebens, ewig und unzerstörbar. Unsere Aufgabe ist es, uns dieser Flamme bewusst zu werden, sie wie ein Licht nach außen leuchten zu lassen durch unsere Taten, unser Denken und Handeln, durch unser ganzes Sein. In der Stille der Meditation oder im Gebet können wir uns mit dieser Herzflamme verbinden und unser geistiges Ich entwickeln. Letzte Lesung S. 120 - Schluss In der "Morgenlandfahrt" zeigt Hesse meiner Ansicht nach den Weg des Menschen zu seiner eigenen Göttlichkeit. H. verkörpert das Ego, das eigentlich ein Schatten ist; Leo der Diener, der Höchste im Bund, steht für das geistige ICH BIN oder das HÖHERE SELBST. Am Schluss löst sich das kleine Ego im Höheren Selbst auf. H. hat den Sinn seiner Reise erreicht, er ist in die göttliche Einheit eingegangen, die Einheit mit allem Leben. "Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir innen oder nirgends." |
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