Die deutsche Romantik – Geistiges Schatzhaus Hermann Hesses
Zusammenfassung eines Vortrages, der am 10. August 2002 im Rahmen des Calwer Hermann-Hesse-Festivals gehalten wurde von Klaus Günzel

 
 

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Genau im Jahr 1900 schrieb der junge Hermann Hesse den lapidaren Satz nieder: "Was das Wort 'romantisch' eigentlich bedeute, weiß niemand." Unsere Umgangssprache wende es auf unzählige Dinge an, "auf Bücher, auf Musik, auf Gemälde, Kostüme, Landschaften, auf Freundschaften und Liebesverhältnisse, sie versteht es bald tadelnd, bald anerkennend, bald ironisch." Eine romantische Landschaft verursache "zugleich Wohlgefallen und Beklemmung", die romantische Musik sei von "vielen halb gelösten Dissonanzen und scheuen, verwehten, rubato zu spielenden Takten" gekennzeichnet, und eine romantische Liebe oder ein romantischer Lebenslauf meine "etwas zugleich Unvernünftiges und Berückendes, etwas bizarr Abenteuerliches mit der Tendenz ins Blaue hinaus, etwas, was Backfische begeistert und bei klugen Leuten Kopfschütteln erregt, jedenfalls aber apart und interessant ist."

Man wird kaum behaupten können, dass diese Umschreibungen, die Hesses Aufsatz "Romantik und Neuromantik" entstammen, eine exakte Definition darstellen. Im Grunde sind sie Variationen auf das Diktum des Franzosen Stendhal, der bereits siebzig Jahre vorher konstatiert hatte: "Klassisch ist, was unseren Großeltern gefiel – romantisch, was unserer Generation gefällt." Der Sinn für die Modernität der Romantik war dem 19. Jahrhundert dann allerdings abhanden gekommen: der Siegeslauf der Technik und der modernen Naturwissenschaften wies in eine ganz andere Richtung. Erst das Krisenbewusstsein einer Generation, die sich dazu anschickte, die Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert zu überschreiten, entdeckte die Romantiker neu, die bereits die Ganzheit des Menschen im Zeitalter seiner beginnenden Atomisierung gesucht, das Spirituelle jenseits des Intellektuellen, den Traum als Korrektiv der Wirklichkeit, die Natur als Ergänzung und Erfüllung des Humanen, sowie die Abgründe der Psychologie unter der Politur des fortschrittsgewissen Bürgers wahrgenommen und dafür bewegende Bilder und Geschichten gefunden hatten.

Dokument der Wiederentdeckung dieses großen Erbes um 1900 war Ricarda Huchs zweibändiges Werk über Blütezeit und Verfall der Romantik, die beide erschienen, während der junge Hesse vom Faszinosum der Romantik erfasst wurde, das ihn nie mehr verlassen sollte. Schon ein Jahr vor dem Aufsatz "Romantik und Neuromantik", 1899, hatten seine "Romantischen Lieder" ein erstes Zeugnis abgelegt für die folgenreiche Begegnung des noch unsicher schweifenden Poeten mit einer scheinbar versunkenen geistigen Welt.

Über ein Jahrhundert war verstrichen, seit die Angehörigen einer anderen jungen Generation auf die Spuren einer Vergangenheit gestoßen waren, die ihre Väter frevelhaft vergessen hatten. Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder, zwei Studenten aus Berlin, die sich auf der Universität Erlangen eigentlich das Rüstzeug für nützliche preußische Karrieren beschaffen sollten, vertauschten das Kolleg mit der Landstraße, wo ihnen die Misere der Gegenwart in erschreckenden Elendsbildern entgegentrat. Zu den Trecks heimat- und brotlos gewordener Bauern und Handwerker, die unterwegs in eine ungewisse Zukunft waren, gesellten sich die Nachrichten von den Siegen der französischen Revolutionsarmeen, unter deren Schlägen das uralte Heilige Römische Reich Deutscher Nation erzitterte. Die Neuentdeckung der deutschen Kultur des Mittelalters und der Dürerzeit war für die beiden Jünglinge auf ihren fränkischen Kreuz- und Querzügen mit der Beobachtung aktueller Verhängnisse verbunden. Es entstanden zwei antagonistische Gegenwelten, die sich in der Wahrnehmung der Wanderer wechselseitig verstärkten. Dieser Kontrast beunruhigte sie, während sie am Grab Albrecht Dürers standen oder im Bamberger Dom ein Hochamt erlebten. Die vom glanzlosen Berliner Protestantismus unbefriedigten Gemüter waren überwältigt von einer Fülle bisher nicht gekannter Klänge und Farben.

Aus solchen prägenden Anregungen begannen sich bald mannigfache Aktivitäten zu entwickeln. Die Hinterlassenschaft einer reichen Kultur, von der nicht einmal mehr die Gebildeten wussten, sollte dem modernen Publikum wieder zugänglich gemacht werden. Tiecks Anthologie "Minnelieder aus dem Schwäbischen Zeitalter" war der erste Versuch einer langen Reihe von Sammelwerken, zu denen Achim von Arnims und Clemens Brentanos Volksliederkollektion "Des Knaben Wunderhorn" sowie die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm gehören. Es war der Auftakt einer Tradition, in die sich schließlich noch, über hundert Jahre später, Hermann Hesse mit seinen Bemühungen um die Neuvermittlung verschütteter Werke und Werte stellte.

Die beiden jungen Berliner und bald darauf viele ihrer Generationsgefährten stießen aber nicht nur auf die Zeugnisse einer verdrängten Geschichte. Auf ihren Wanderungen wurde ihnen die Natur zum beglückenden Erlebnis, was ebenfalls neu war, denn noch bis vor kurzem hatten die Menschen ihre natürliche Umwelt als fremd, wenn nicht gar als feindlich empfunden. Die jungen Romantiker begannen die Natur als einen unendlichen Raum zu erfahren, in dem sie ganz zu sich selbst gelangen konnten. Der zwanzigjährige Tieck hörte, nach langem Wandertag in einer fränkischen Dorfscheune ruhend, die weitgeschwungenen Töne eines Posthorns durch die Sternennacht zu sich herüberschallen. Ein ungeheures Glücksgefühl überkam ihn: die Natur schien in dieser Stunde zum Klingen gekommen zu sein und ein Zwiegesang mit dem Gemüt des jungen Poeten anzustimmen! Es war ein Ereignis, dem Tieck zeitlebens geradezu die Kraft einer religiösen Erweckung zuerkannt hat.

Natur und Landschaft konnten so zu bewegenden Spiegelbildern für die Schwingungen der menschlichen Seele werden. Hier konnte sich das Motiv der romantischen Sehnsucht, das Streben nach dem Unendlichen sowie die Bereitschaft zur Überschreitung individueller, ja sogar irdischer Grenzen entfalten. Die lyrischen Evokationen Joseph von Eichendorffs und die gemalten Allegorien Caspar David Friedrichs sind von diesem romantischen Grundgefühl durchwaltet, das auch in den Partituren der Musiker hörbar wird. Das Landschaftsempfinden der Romantiker prägt die Schöpfungen der Tonsetzer, von den Seligkeiten und Schrecknissen des Waldes in Webers "Freischütz" bis zu den Naturbildern in Wagners Musikdramen, von den Liederzyklen Schuberts, Schumanns und Hugo Wolfs bis zu den "Wunderhorn"-Vertonungen Gustav Mahlers, und selbst in den Sinfonien von Brahms und Bruckner ist es zugegen. Überhaupt ist der Geist der Romantik in der Musik am längsten produktiv gewesen, während er in den anderen Künsten schon deutlich zurückgetreten war. Für Hans Pfitzner blieb er der Inbegriff aller Kunst, und noch in den Opern und Liedern von Hesses Freund Othmar Schoeck ist er lebendig.

Schon der flüchtige Kenner von Hermann Hesses Werk wird ermessen können, was dieses Erbe für den Dichter bedeuten musste. Besonders das seelisch grundierte Landschaftsverständnis der Romantiker hat er aus dem Bewusstsein einer tiefen Wahlverwandtschaft aufgenommen und mit seinem eigenen ganz individuellen Temperament schlackenlos verschmolzen. Es gibt Verse von Hermann Hesse, die man sich beinahe von Caspar David Friedrich gemalt vorstellen könnte:

Über dem Himmel Wolken ziehn,
Über die Felder geht der Wind,
Über die Felder wandert
Meiner Mutter verlorenes Kind.

Über die Straßen Blätter wehn,
Über den Bäumen Vögel schrein –
Irgendwo über den Bergen
Muss meine ferne Heimat sein.

Es wäre dem Maler Friedrich, aber auch den Poeten Eichendorff oder Brentano durchaus vertraut gewesen, dass der Dichter Hesse seine "ferne Heimat" nicht hinter den Bergen, sondern "über den Bergen" vermutet.

Die Gesamtheit der Schöpfung und mit ihr die "ferne Heimat" ist, den Romantikern zufolge, jedoch keineswegs nur über und außer uns, sondern ebenso in uns vorhanden. Zwischen dem Innen und Außen spielt sich eine fortwährende Dialektik ab, die zuerst der frühvollendete Novalis in magischen Formeln zu beschreiben suchte: "Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. – Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft."

In einem Aufsatz, der ebenfalls bereits im Jahr 1900 entstand, hat sich Hesse dem ingeniösen Frühromantiker genähert: "Novalis war in seinen letzten Tagen, obwohl krank, voll von Leben und Interesse; er ging umher, plauderte, arbeitete, und eines Morgens, während Klavier gespielt wird, hört er zu, setzt sich, lächelt einschlummernd und ist tot. ... Wenn ich an ihn denke, sehe ich sein freundlich ernstes Gesicht, den Tönen seiner Sterbemusik zugeneigt, mit dem herzgewinnenden Zug einer verschwiegenen Zärtlichkeit, und ich sehe darauf jenes Lächeln, dessen heitere Milde der geheimste Reiz seiner unvollendeten Dichtungen und seines unvollendeten Lebens ist." Von da an hat der Poet, der die "Blaue Blume" zum Symbol für die Essenz jedes gesteigerten Daseins erhob, Hermann Hesse nie wieder losgelassen. Die Auseinandersetzung mit ihm reicht von dem frühen Aufsatz über die Erzählung "Der Novalis", den Titel des Novellenbandes "Weg nach Innen" und den von Hesse herausgegebenen Dokumenten vom Leben und Sterben des Romantikers bis hin zur "Morgenlandfahrt" und der einmal Peter Suhrkamp gegenüber geäußerten Absicht Hesses, das noch unvollendete "Glasperlenspiel" – ganz im Sinne des Novalis – als Fragment zu veröffentlichen.

Die Romantiker haben ein ganz neues Instrumentarium und einen pittoresken Bildervorrat für die Gestaltung der Widersprüche entwickelt, die dem modernen Menschen als rätselhaft und unheimlich erscheinen. Die von ihnen zuerst bemerkten und beschriebenen Entfremdungsphänomene und Identitätskonflikte verwiesen auf einen gestörten Weltzustand und auf ein Bild vom Menschen, der nicht mehr im Reinen mit sich selber war. E.T.A. Hoffmann, ein tüchtiger Jurist, änderte seinen dritten Vornamen, den preußischen "Wilhelm", in den mozartischen "Amadeus" um, der seine Künstlerexistenz benannte, mit der seine Beamtenexistenz immer wieder kollidierte. Hoffmanns Geisterseher, Doppelgänger und Maschinenwesen waren nicht die Halluzinationen eines Alkoholikers, wie man wohl gerne geglaubt hätte, sondern die Verkörperungen von bestürzenden Erfahrungen. Die preußische Obrigkeit, die sich die Dienste des Kammergerichtsrates Hoffmann zunutze machen wollte, schikanierte den Künstler gleichen Namens, wenn seine Schreibfeder oder sein Zeichenstift geistlose Minister der Lächerlichkeit preisgab. Dass trotz solcher Einsichten die weltfremd anmutenden Studenten und Musikanten dieses großen Erzählers, allen voran der Kapellmeister Kreisler, unterwegs sind nach einem harmonischen Utopia, ließ sie für Hermann Hesse nur um so anziehender werden.

Bereits im Jahr 1900, fast gleichzeitig mit seinen Bemühungen um Novalis, widmete Hesse die zwischen Phantasie und Wirklichkeit schwebende Erzählung "Lulu", wie er ausdrücklich hervorhob, "dem Gedächtnis E.T.A. Hoffmanns". Vollends fand dann der Verfasser des "Steppenwolfs" im Werk dieses Romantikers ein ganzes Personal vor, bei dem Hofräte und Kanzleisekretäre, Biedermeiertöchter und Marktfrauen, aber auch Poeten und Landstreicher eine mythische Dimension haben, die ihnen, hinter der alltäglichen Folie, zu einem zweiten und erst eigentlichen Dasein verhilft. Die Käuze, Außenseiter und Randfiguren der Gesellschaft, die Kümmerlinge des irdischen Brotbettellebens, erweisen sich als verkappte Dichter und Weltweise, aber der Philister erkennt sie nicht.

Auch der Romantiker Joseph von Eichendorff ließ seinem "Taugenichts" einen solchen poetischen Ritterschlag angedeihen und am Ende von hundert makellosen Prosaseiten, inmitten einer märchenhaften Donau-Szenerie, die Vereinigung mit der Geliebten finden: "... und es war alles, alles gut!" Neunzig Jahre später, 1915, trat Hermann Hesses "Knulp" zum ersten Male ans Licht, nicht ohne zu verschweigen, wohin es inzwischen mit den romantischen Idealen gekommen war. Auch Knulp ist ein Vagabund, Faulpelz und fahrender Sänger. Aber wo dem romantischen Taugenichts am Schluss eine Apotheose beschieden und "alles, alles gut" geworden war, da steht bei seinem späten Nachfahren das Scheitern und der einsame Tod. Der Eichendorff-Bezug bei Hesse ist unüberhörbar. Knulp hört Gottes Stimme: "Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?" – "Ja", nickt Knulp, "es ist alles, wie es sein soll." Und er stirbt in Frost und Schnee.

E.T.A. Hoffmann war ein glänzender Jurist, genialer Erzähler, exzellenter Zeichner und professioneller Musiker, der die erste deutsche romantische Oper komponierte. Er führt die auffallend zahlreichen Doppelbegabungen an, die für die Romantiker geradezu symptomatisch sind. Die Überwindung der zwischen den Künsten, ja sogar der zwischen den Künsten und den Wissenschaften verlaufenden Horizontlinien war ein zentrales Anliegen der Romantiker, die auch in dieser Hinsicht Grenzüberschreitungen vollzogen. Schon der Dichter Novalis war keineswegs ein ästhetisierender Schöngeist, sondern ein fähiger Bergwerksingenieur, der über Kohlenflöze und Kassenbilanzen ebenso nachdachte wie über die Blaue Blume. Die Romantik war eine geistige Bewegung, die alle Gebiete menschlicher Schöpferkraft zu durchdringen suchte: die Geisteswissenschaften, das Rechtswesen, die Politik, die Naturforschung und selbst die Medizin. Es gab erste Ansätze zur Erkenntnis der psychosomatischen Zusammenhänge von Krankheiten, zu deren Behandlung romantische Ärzte auch schon die Hypnose und die Heilkräfte der Kunst, etwa der Musik, nutzten. Exakte Wissenschaft und schwärmerischer Gefühlskult, Pragmatik und Esoterik gingen dabei oft unentwirrbar ineinander über. Es hinderte hundert Jahre später Sigmund Freud nicht daran, diese vielgeschmähten Vor- und Querdenker als erste Kenner und Deuter der "Nachtseiten" menschlicher Psyche anzuerkennen. Das Wort war seit den "Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft" (1808) des romantischen Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert eine Lieblingsvokabel der Epoche.

Dass die Kunst therapeutisch zu wirken vermag, war für den Dresdner Arzt Carl Gustav Carus eine Gewissheit, der die Errettung von einer gefährlichen Krankheit der Arbeit an seinem ersten Ölgemälde zu verdanken glaubte. In einer vergleichbaren seelischen Lage, nach schweren Depressionen, inneren Konflikten und einer weitläufigen psychoanalytischen Behandlung entdeckte Hermann Hesse die Malerei als zusätzliches künstlerisches Medium, das ihn "froher und duldsamer" machte. "... ich male keine Natur, bloß Geträumtes", schrieb er Ende 1916 an einen Freund, was so beinahe wörtlich auch im Brief eines romantischen Malerpoeten stehen könnte. Bildkunst und Heilkunst, die beiden Geschwister, hängen mit vielem zusammen, wovon sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt. Das war die felsenfeste Überzeugung des Weinsberger Arztes, Dichters und Geistersehers Justinus Kerner, Hesses schwäbischem Landsmann. Seine Dichtung "Die Reiseschatten" gab Hesse wieder heraus, ebenso die "Blätter aus Prevorst", eine Blütenlese von Berichten über Kerners telepathische Experimente.

Seinen jahrzehntelangen Einsatz für das romantische Erbe gedachte Hesse mit einem Sammelwerk "Geist der Romantik" zu krönen, das er jedoch vergeblich auf dem Buchmarkt unterzubringen suchte. Im Mai 1931 schrieb er, der gewiss keiner Selbstüberschätzung bezichtigt werden kann, an einen Verleger: "Ohne zu übertreiben, darf ich vielleicht sagen, dass ich, einige ganz wenige Philologen ausgenommen, einer der besten Liebhaber und Kenner der deutschen Romantik bin, in deren Geheimnisse ich als Achtzehnjähriger einzudringen begann und die, neben den Literaturen Indiens und Chinas, mein eigenes Denken und Schreiben sehr stark mitbestimmt hat ... Die Auswahl ist durch Jahre von uns beiden immer und immer wieder überprüft worden, sie berücksichtigt alles, auch sehr wenig gekannte Quellen, und gibt den Geist der deutschen Romantik nahezu allseitig auf kleinstem Raume wieder ... Die "Romantik" ist das größte, wichtigste, von mir seit meinen Jugendjahren gewünschte und vorbereitete Werk dieser Art."

Das Schicksal des Buches bleibt für immer in einem merkwürdigen, von Gerüchten umgebenen Dunkel; jedenfalls ist es nicht erhalten. Wahrscheinlich hat das Desinteresse der Verleger sein Erscheinen verhindert, oder das fertige Manuskript ist, wie auch vermutet wurde, in einem Berliner Verlag dem Bombenterror des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen.

Dafür ist alles das, was Hermann Hesse am Geist der Romantik wichtig war, in einem Alterswerk ganz anderer Art aufbewahrt: in der 1932 erschienenen Erzählung "Die Morgenlandfahrt". Sie zeigt einen imaginären Orden oder Bund unterwegs durch Räume und Zeiten, auf der Reise in "die Heimat und Jugend der Seele", jenseits jeder Geographie. Die Ordensbrüder scheinen ein Wort des Novalis in die Tat umzusetzen, das an einer zentralen Stelle der Erzählung ausdrücklich zitiert wird: "Wo gehn wir denn hin? – Immer nach Hause." Unter den Morgenlandfahrern trifft der Erzähler auch deutsche Romantiker und deren literarische Gestalten: den Komponisten Hugo Wolf, den "glänzenden Brentano", Novalis nebst seinem Heinrich von Ofterdingen, einen "Abgesandten der Kronenwächter" des Achim von Arnim, den unvermeidlichen E. T. A. Hoffmann, zusammen mit dem Studenten Anselmus und dem Archivarius Lindhorst aus Hoffmanns Märchen "Der goldne Topf", nicht zuletzt den allen Hesse-Lesern vertrauten Klingsor, der zuvor schon bei Novalis und Hoffmann eine Rolle gespielt hatte.

Es sind die eigenen geistigen Ahnherren, die Hesse hier zu einem poetischen Gruppenbild vereinte, befreit vom Staub der Philologie. Das erste gedruckte Exemplar der "Morgenlandfahrt", das er Ostern 1932 seiner Frau schenkte, versah Hesse darum handschriftlich mit dem Vers eines romantischen Dichters:

Keiner, der nicht schon zum Weihefest gelassen,
Kann den Sinn der dunklen Kunst erfassen,
Keinem sprechen diese Geistertöne,
Dem im innern Herzen nicht das Siegel brennt,
Welches ihn als Eingeweihten nennt,
Jene Flamme, die der Töne Geist erkennt.
Ludwig Tieck
Für Ninon zu Ostern 1932 von Hermann

Vom "Sinn der dunklen Kunst" und ihren "Eingeweihten" sollte dann ausführlich Hesses symbolisch verschlüsselte Alters-Utopie, das "Glasperlenspiel", handeln, das beziehungsreich "Den Morgenlandfahrern" gewidmet ist. Es wurde zum Gefäß vieler Schaffensimpulse, von denen sich, neben den pietistischen Überlieferungen des eigenen schwäbischen Herkommens und den fern-östlichen Traditionen, auch die deutsche Romantik als unversiegbare geistige Schatzkammer erwies. Kein anderer als der Freund Thomas Mann würdigte 1947, wenige Jahre nach dem Erscheinen des "Glasperlenspiels", Hermann Hesses "im Heimatlich-Deutsch-Romantischen wurzelndes Lebenswerk".