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Ist die Zukunft wurzellos? |
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Programmübersicht
WeltFlechtWerk – Die Einheit hinter den Gegensätzen
- Literatur, die uns etwas sagt, überschreitet ihre Zeit, in der sie geschrieben wurde.
Doch die spannungsreiche Kurzlebigkeit der Gegenwart erlaubt auch das Umgekehrte: Daher stammt die häufige Geste, dass Sozialwissenschafter ihr "Heureka" gerne im literarischen Zitat abstützen. Ich würde gerne mal die Referenzen auf Literatur auszählen, die Sozialwissenschaftler vornehmen, wenn sie etwas Wesentliches ihrer Erkenntnisse festhalten oder mitteilen möchten. Dann bedienen sie sich der dritten Möglichkeit:
Die Sozialwissenschafter, die hier am Tisch versammelt sind, ließen sich zum Experiment verlocken. Als professionelle Arbeiter an brisanten Gegenwartsproblemen kennen sie die Brüchigkeit von Theorien oder begrenzten empirischen Ergebnissen. Und alle drei sind gefeit davor, sich zu schnell der literarischen Flügel zu bedienen. Wir konzentrierten uns in den Berliner Vorträgen auf die Gegenwart. Es galt ein Problem aus der heutigen Zeit aufzugreifen und zugleich einen Blick auf ein Stück vergangene Literatur, Texte von Hermann Hesse, zu werfen. Dieser doppelte Blick bringt aktuelle Wissenschaft mit Literatur in Berührung. Anstatt dies hier selbst zusammenzufassen, möchte ich jedem Beteiligten selbst jetzt das Experiment übergeben.
Herr Professor Dr. Karl Otto. Hondrich, vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a. M.: Sie haben sich mit Blick auf die Weltgesellschaft der Frage der "Einheit hinter den Gegensätzen" gestellt. Sie haben das Glasperlenspiel von H. H. als Beispiel einer literarisch-fiktiven Utopie gelesen. Gibt es aus aktueller Sicht eine Einheit: eine Art Weltethos oder sind Gegensätze dauerhaft und unvermeidlich? Gehören die Perlen, die Harmonie, so zur Welt, wie die Scherben, die Konflikte? Was bedeutet dies für die Haltung zur Welt: stoische Distanz (die man auch H. H. oft vorwarf), Toleranz, Engagement oder gezielte politisch-gesellschaftliche Projekte? Referat von Herrn Karl-Otto Hondrich: Ein Blick in die Zeitung genügt, ein Druck auf den Fernsehknopf: Die Disharmonien der Welt springen uns an. Sie alle aufzuzählen, geschweige denn zu begreifen, wäre unmöglich, jeder Versuch dazu eine waghalsige Vereinfachung. Ich vereinfache deshalb bewusst, wenn ich, in einem ersten Schritt, die Probleme der Welt, die wir heutzutage gern als eine Welt, als Weltgesellschaft bezeichnen, in drei Arten von Konflikten einteile und als nächstes drei Wege und Mittel diskutiere, darauf einzuwirken: Waren, Waffen und Werte. Zur Werthaltung Hermann Hesses führt der dritte Schritt meiner Überlegungen. Sie ist eng verbunden mit der Einsicht in die Einheit der Gegensätze. Diese Einsicht mache ich mir zu eigen. Aber ich soziologisiere sie: Je mehr wir die Welt der sechs Milliarden Erdenbewohner als eine Einheit sehen wollen, desto konfliktreicher erscheint sie. Nach ihren Quellen will ich drei Arten von Konflikten unterscheiden. Verteilungskonflikte werden in der Regel auf die Ungleichheit zwischen Arm und Reich zurückgeführt. Das ist eine plakative Formulierung. Sie steht exemplarisch für viel mehr Ungleichheiten. Denn ungleich verteilt, und zwar äußerst ungleich, sind ja auch Macht, Wissen, Freiheiten, Lebenschancen. Tief in uns verwurzelt ist die Vorstellung, daß es um die Welt besser bestellt wäre, wenn umverteilt würde. Ja, es wäre besser, moralisch und materiell. Die Schlussfolgerung aber, daß es danach mehr Harmonie und weniger Konflikt in der Welt gäbe, ist leider nicht zwingend. Wo die größte Ungleichheit ist, herrscht nicht der größte Konflikt, im Gegenteil: Armut, Unwissen und Ohnmacht machen apathisch, nicht aufsässig. Und umgekehrt: Reichtum, Wissen und Macht beleben Konflikte. Es war der große Alexis de Tocqueville, der, bei der Erklärung der Französischen Revolution, erkannte, daß Bauern und Handwerker rebellisch wurden, weil es ihnen relativ besser und nicht, weil es schlechter ging. Besserung der Lebensverhältnisse und Umverteilung können Konflikte anheizen. Als Argument gegen Ausgleich und Fortschritt taugt diese Einsicht nicht. Wohl aber schützt sie vor Illusionen. Neben Verteilungskonflikten beobachten wir in der modernen Welt kulturelle Konflikte: zwischen Katholiken und Protestanten, Schiiten und Sunniten, Christen und Muslimen. Oft haben kulturelle Konflikte eine Verteilungskomponente; zum Beispiel streiten (und töten) sich seit Jahrzehnten Muslime und Hindus um den Platz, an dem eine muslimische Moschee stand und ein Hindu-Tempel entstehen soll. Aber der Kern des Konflikts ist durch Umverteilung überhaupt nicht zu berühren, geht es doch um den Wert der eigenen kollektiven Identität gegenüber einer anderen. Da stehen sich zwei Welt- und Selbstverständnisse gegenüber - unvereinbar, in den Worten Max Webers, wie Feuer und Wasser, Gott und Teufel. Das verleiht Wertkonflikten ihre unheimliche Heftigkeit - besonders zwischen den monotheistischen Religionen: Juden, Christen, Muslimen. In den fernöstlichen Religionen - Taoismus, Buddhismus, Hinduismus - scheinen sich die Lebensformen geschmeidiger aufeinander einzustellen und leichter miteinander vereinbar zu sein. Aber auch da haben wir lernen müssen, daß etwa die Religion Gandhis, die doch für uns der Inbegriff der Friedfertigkeit war, sich in der Auseinandersetzung mit andern Religionen zum Fanatismus steigert. Ein Fanatismus, der uns fremd scheint. Als weitgehend säkularisierte Christen rühmen wir uns heute im Westen der Offenheit und Toleranz. Gedeihen diese für sich allein oder stehen sie nicht eher auf dem Boden harter sozialer Tatsachen, nämlich des Nato-Gewaltkartells, in dessen Geborgenheit sich gut tolerant sein lässt? Was bliebe von unserer Toleranz übrig, wenn unsere Lebensformen und Grundwerte, ob religiös oder zivilgesellschaftlich, tatsächlich eifernd und gewaltsam angegriffen würden? Ein dritter Typus von Unvereinbarkeiten ist womöglich für die moderne Welt der bedeutsamste. Man könnte von Zeit- oder Tempo-Konflikten sprechen oder von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Dahinter steht die globale Dynamik des Kapitalismus. Sie erzeugt eine Spannung zwischen vorpreschenden und zurückbleibenden Gesellschaften. Die ersteren scheinen von einer wissenschaftlich-ökonomischen Eigenbewegung getrieben. Produktiv dynamisch, aber reproduktiv erlahmend, setzen sie immer mehr Güter und Wissen und immer weniger Kinder in die Welt. Die andern, mit hohem Geburtenüberschuss, bleiben reproduktiv dynamisch, aber produktiv schwach. Ihr innerer Motor dreht langsamer. In den Sog und Wirbel der dynamischeren Gesellschaften geratend, fühlen sie sich um ihren eigenen Lebensrhythmus gebracht, uneigenständig. Während in früheren Zeiten West und Ost, Nord und Süd sich weitgehend unabhängig voneinander, im eigenen Zeittakt bewegten, hängen sie heute stärker zusammen. Um das Problem in ein Bild zu bringen: Kleine, schnell drehende Zahnräder auf der einen Seite - die westlichen Gesellschaften werden demographisch in Relation zu anderen immer kleiner - greifen in die langsam drehenden großen Räder der weiteren Welt. Das knirscht, gibt Misstöne, Disharmonien. Es erzeugt auch, auf beiden Seiten, den Druck, sich anzupassen. Dazu haben sich unterschiedliche Konfliktlösungs-Modelle herausgebildet. Ein fernöstliches Modell, für das Japan und die Tigerstaaten stehen: mit schneller sich drehenden Zahnrädern, durch sinkende Geburtenraten kleiner werdend, nähern sie sich dem westlichen Rhythmus an. Das gewaltige China eifert dem nach: mit einer dynamischen Wirtschafts- und einer dämpfenden Geburtenpolitik. Viele Länder in Afrika und im nahen Osten sind aber trotz Öl- und Gasreichtum kulturell nicht darauf vorbereitet, eine dem Okzident ähnliche Eigendynamik zu entwickeln. Um im Bild zu bleiben: Ihre Zahnräder bleiben groß und drehen sich relativ langsam - trotz, mancherorts, der furchtbaren Dezimierung der Bevölkerung durch Aids. Und der Westen? Relativ, in Prozentzahlen der Weltbevölkerung, wird er immer kleiner. Müssen seine Zahnräder sich immer schneller drehen? Zieht er, durch Zuwanderung, Kulturkonflikte in sich hinein? Und werden die Weltverteilungskonflikte dadurch abgeschwächt oder angereizt? Viele Fragen stellen sich und bleiben offen. Auch die Frage, wo, im Zeitkonflikt, die Bruchlinie zwischen "langsamen" und "schnellen" Gesellschaften heute verläuft. Durchs Mittelmeer und die Maghreb-Staaten? Mitten durch Indien? Zwischen Indien und Pakistan? Sicher erscheint nur, daß sie Israel und Palästina trennt. Verteilungs- und kulturelle Konflikte laden sich, wie dort zu sehen ist, erst richtig auf, wenn sie in den Mahlstrom der Zeitkonflikte geraten. Oder verfügen wir über Wege und Mittel der Lösung? Wo immer wir in der modernen Welt mit Konflikten konfrontiert sind, auf Abhilfe sinnen und nach Verhandlungen rufen, kreist unser Denken um drei komplexe Medien der Konfliktregelung: Waren, Waffen und Werte, verkörpert in Vorstellungen von Weltmarkt, Weltstaat und Weltethos. Die Hoffnung auf die harmonisierende Wirkung des Weltmarktes hat eine Vorgeschichte. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts galt es allgemein als erwiesen, daß der Handel mit Waren eine verbindende, ja eine zivilisierende Macht habe. "Der Handel... glättet und besänftigt die Sitten der Barbaren" schrieb Montesquieu (zit nach Albert O. Hirschman, Entwicklung, Markt und Moral, München 1989, S. 194). Und wer glaubt heute nicht, daß der Weltmarkt die Welt integriert? Die Globalisierungsgegner. Sie haben recht: es werden nur solche Gesellschaften einbezogen, die, wie die Tiger- und die Ölstaaten, auf dem Markt etwas zu bieten haben. Die wirklich Armen bleiben außen vor. Ja, relativ zu denen, die aufschließen können, wird ihre Armut eher größer. Umverteilung und milde Gaben von Seiten der Wohlhabenden lösen das Problem nicht. Sie lassen bei den Empfängern den Motor nicht anspringen. Eher vergrößern sie noch die Diskrepanz zwischen dynamischen und desolaten, abhängigen Gesellschaften. Die Hoffnung, daß die Welt über Waren, Geld, Kommerz zu einer Welt, und zwar zu einer friedlichen, zusammenwachse, ist zwar nicht ganz abwegig. Sie enthält aber noch eine Illusion anderer Art: "Mit Geld kann man alles machen." Irrtum. Wo es ernst wird, versagen Geld, Markt, Handel, Wirtschaft als Konfliktlöser. Eher zerstören Wert-Konflikte die Wirtschaft, als daß sie sich von wirtschaftlichen Interessen aufhalten lassen. Kaschmir, Israel und Palästina, der Balkan - da muß die Wirtschaft leiden und schweigen, wenn die Waffen sprechen, genauer gesagt: wenn die Werte die Waffen sprechen lassen. Die Macht der Waffen im Dienste der Politik: liegt da der Schlüssel für eine friedlich-einige Welt? Die Hoffnungen gehen in zwei entgegengesetzte Richtungen: Zum einen richten sie sich auf Entwaffnung. Es beruhigt zu hören, daß Putin und Bush übereingekommen sind, Atomwaffen zu verschrotten, wenn auch nur einen Teil. Würde es uns noch mehr beruhigen, wenn so weit abgerüstet würde, daß es keine atlantische Vorherrschaft, ja keinerlei Waffen-Vorherrschaft in der Welt mehr gäbe? Im Gegenteil. Die Freiheit von Waffen, die Gleichheit der Waffenlosigkeit: das würde uns unvorstellbar alarmieren. "Als alle Menschen frei und gleich waren, war niemand vor dem anderen sicher", schreibt Wolfgang Sofsky in seinem "Traktat über der Gewalt" (Frankfurt 1996). Nicht durch Waffen, sondern in sozialen Konflikten entsteht Gewalt. Gewalt schafft sich ihre Waffen, zur Not wieder das Messer, den Faustkeil, die bloßen Fäuste. Im Grunde wissen wir das, ahnen es zumindest. Deshalb schlagen unsere Hoffnungen eine andere Richtung ein: sie setzen auf höchstmögliche Konzentration von Waffen in einem Weltgewaltmonopol. Am liebsten bei der UNO. Solange diese nicht stark und einig genug ist, dann eben in einem atlantischen Gewaltkartell, das bald bis nach Wladiwostok reicht und in dem die Westeuropäer sicher zwischen der Supermacht USA und der Großmacht Russland in er Mitte sitzen. Aber ach, auch wenn der Club der Waffengewaltigen immer attraktiver wird und immer mehr Staaten sich freiwillig anschließen: Seine Gewalt erzeugt auch Gegengewalt, reicht nicht überallhin in der Welt, ja kann nicht einmal die gewaltsamen Konflikte in seinem inneren Machtbereich unterbinden; denken wir an Nordirland oder das Baskenland. Auch die Macht der Waffen bricht sich an solchen Konflikten, in denen Interessen, Werte und Zeitrhythmen von den Konfliktparteien als zutiefst unvereinbar erlebt werden. Wie kann da aus Nicht-Übereinstimmung Übereinstimmung werden? Die Lösung wird in einer höheren Übereinstimmung gesucht, die selbst zu einer Art Über-Wert wird. "Globale Werte" als "Kernstück einer Weltordnungspolitik" fordert die UN-Kommission für Global Governance 1995. Sie sollen die Einheit der Welt, möglichst die friedliche Einheit gewährleisten: als moralische Einheit. Zwei Konzepte dazu sind heute besonders in der Diskussion: Menschenrechte und Menschenpflichten. Die Idee der
Menschenpflichten ist jüngeren Datums. Sie wurde besonders von dem Tübinger Theologen Hans Küng - sein Buch "Projekt Weltethos" erschien 1990 - entwickelt und von vielen Seiten aufgenommen, unter anderem von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Wie die Menschenrechte, als deren aktiver Teil sie gedacht sind, beziehen sich die Menschenpflichten auf das Individuum. Sie appellieren an dessen Verantwortung für Wer wollte dem widersprechen? Aber: Können wir uns vorstellen, daß mit diesem Katalog von Pflichten irgendeiner der großen Konflikte, die uns gegenwärtig in der Welt vor Augen stehen - Kaschmir, Palästina, Terrorismus etc. -, gelöst oder nur gemildert würde? Mir fällt das schwer. Jede Seite kann ja, im Konflikte befangen, sehr wohl die Menschenpflichten und Verantwortungen für sich in Anspruch nehmen; sogar die Terroristen von New York könnten sich auf die Forderung für eine gerechte Welt berufen. Und auf die Forderung nach Gewaltlosigkeit antworten fast alle Gewalttäter, daß sie nur auf die Gewalt reagieren, die ihnen oder der gerechten Sache von anderer Seite angetan werde. Unabhängig von Rechtfertigungen und Schutzbehauptungen: im Leben fast aller Menschen und Kulturen gibt es Werte, die ihnen im Innersten wichtiger sind als Gewalt und deshalb auch gewaltsam vertreten werden. Das Entscheidende, was dem Weltethos der Menschenrechte und Menschenpflichten fehlt, ist die Einsicht, daß Werte zu Werten in Widerspruch stehen und daß gerade die moralische Welt von ihrer inneren Widersprüchlichkeit nicht erlöst werden kann, indem man auf bestimmte Wertformeln pocht. Die Rhetorik von Menschenrechten und Menschenpflichten, obwohl sie sich als ein Reden über Realitäten begreift - "Wir brauchen das Rad des Ethos heute nicht neu zu erfinden, die Werte und Normen finden sich bereits in den großen religiösen und philosophischen Traditionen der Menschheit", sagt Küng - blendet doch den entscheidenden Aspekt moralischer Realität aus: die sich immer erneuernde Widersprüchlichkeit. Damit fällt das, was sich heute "Weltethos" nennt, weit zurück hinter einen ethischen Realismus, wie ihn Hermann Hesse vor nunmehr fast 100 Jahren entwickelte. Auch für Hesse war die Idee der Einheit grundlegend. "Ich glaube nämlich an nichts in der Welt so tief, keine andere Vorstellung ist mir so heilig wie die der Einheit, die Vorstellung,...daß alles Leiden, alles Böse nur darin besteht, daß wir Einzelne uns nicht mehr als unlösbare Teile des Ganzen empfinden...aber immer wieder war es mir gelungen...die Einheit zu fühlen, den Zwiespalt zwischen Innen und Außen, zwischen Ich und Welt als Illusion zu erkennen...Niemand konnte weniger Begabung zum Heiligen haben als ich; aber dennoch war mir immer wieder jenes Wunder begegnet...jenes göttliche Erlebnis der Versöhnung, des Nichtmehrwiderstrebens, des willigen Einverständnisses, das ja nichts anderes ist als die christliche Hingabe des Ich oder die indische Erkenntnis der Einheit..." (zit. nach Joachim Ernst Berendt, 10. Internationales Hesse-Kolloquium, Bad Liebenzell/Calw 1999, S. 262; bei Hesse im "Kurgast" als Zitat so nicht gefunden!). Was in diesem Zitat noch eher romantisch harmonisierend klingt, bringt ein Weltempfinden zum Ausdruck, das die Wirklichkeit als zerrissen, zwieträchtig, polarisiert, ambivalent erlebt. Ob in Goethes Maximen und Reflexionen, in taoistischen Texten, in altindischen Mythen - überall findet Hesse Anschlüsse für sein Denken in Polaritäten. Er teilt die Ansicht altchinesischer Denker "vom universalen Seinsgesetz, das in der unaufhörlichen Wechselwirkung zweier primärer Urkräfte besteht, die ihren sichtbaren Ausdruck im ewigen Zusammenspiel polarer Gegensätze von Natur und Geist, von weiblichem und männlichem Prinzip, von aktiven und passiven Tendenzen findet. Alles in der Welt, meint Hesse, beruht auf diesem dialektischen Wechselspiel von polaren Gegensätzen. Die strenge Gesetzmäßigkeit der gegenseitigen Durchdringung und des Wechsels von schöpferischen und destruktiven Lebenstendenzen bestimme alle Prozesse in der Welt, angefangen von der Respiration, die aus Ein- und Ausatmen besteht, bis hin zu den globalen kosmischen Vorgängen, welche die Welten vernichten und dann wieder zum Leben erwecken."(Reso Karalaschwili, Hermann Hesse. Charakter und Weltbild, Frankfurt 1993, S. 83). Auch als Künstler wollte Hesse dieser Philosophie der Gegensätze gerecht werden: "Ich möchte Sätze schreiben, wo beständig Melodie und Gegenmelodie gleichzeitig sichtbar wären...Denn einzig darin besteht für mich das Leben, im Fluktuieren zwischen den Polen, im Hin und Her zwischen den beiden Grundpfeilern der Welt..."(Kurgast...S. 262) Die Gegensätze zu vereinigen - diese schmerzliche und heroische Aufgabe hat Hermann Hesse dem Individuum übertragen. Seine Romane, "Seelenbiographien", das wissen Sie als Leser, meine Damen und Herren, legen davon Zeugnis ab. Hesse steht ja für den Individualisten schlechthin - und ist deshalb auch heute noch die Identifikationsfigur für junge Menschen.
Fünf Aspekte von sozialen Beziehungen oder fünf elementare soziale Prozesse unterscheide ich. Sie laufen unabweisbar, unaufhörlich und gleichzeitig ab, solange es menschliches Leben, also Zusammenleben gibt. Alle Prozesse sind überlebensnotwendig. Den ersten Prozess nenne ich Erwidern. Man könnte auch von Austauschen oder Kooperieren sprechen. Ich ziehe das Wort Erwidern vor. Es enthält das Geben, Annehmen und Zurück-Geben, das auch im Begriff des Austauschens mitgedacht wird, aber es macht gleichzeitig deutlich, daß die Bewegung in der Beziehung - das Hin und Her - nicht nur als harmonische, sondern auch als widerständige erlebt wird. Eine Bewegung nur in eine Richtung, einseitig, würde jedes Leben ins Leere laufen, sich verlaufen und ersterben lassen. Nicht nur das Leben des Kindes, sondern auch das erwachsene Leben braucht einen Halt, Ein-Halt, einen Gegen-Part - und dieser wird nicht immer als angenehm, sondern durchaus auch als gegnerisch empfunden. Erwidern ist auch Ent-Gegnen. In der elementaren Gegenseitigkeit jeder sozialen Beziehung entspringt und erneuert sich die Gegenläufigkeit, Gegensätzlichkeit, Polarität, die im Werk Hesses eine so große Rolle spielt. Menschen müssen erwidern, auch wenn sie es nicht wollen. Tief im Innern wird Erwidern nicht nur als Wirklichkeit, sondern auch als moralische Verpflichtung verspürt. "Du sollst erwidern" und "Du sollst angemessen erwidern"- einen Gruß nicht mit einem Wegschauen, aber auch nicht mit einem Schlag ins Gesicht -: das sind so elementare sozio-moralische Regeln, daß sie in allen Kulturen gelten. Fast möchte man sagen: sie gehen dem Lernen voraus. Kulturell gelernt werden muß, was jeweils als "angemessen" gilt: Ein Gruß ist von gleich zu gleich zu erwidern, oder aber, in der höfischen Gesellschaft, mit einem Bückling. Reziprozität als sozio-moralisches Prinzip ist für das soziale Leben unverzichtbar, in der Liebe, auf dem Markt, im öffentlichen Raum. Deshalb erleben wir sie in der Regel positiv. Trotzdem ist sie in hohem Maße brisant. Denn sie gebietet auch: den Gegen-Schlag als Erwiderung auf den Schlag, und begründet damit die "Spirale der Gewalt". Ferner schließt sie diejenigen aus sozialen Beziehungen aus, die, weil fern, krank oder schwach, nicht erwidern können. Deshalb entwickelt das soziale Leben, wiederum wie es scheint in allen Kulturen, als moralisches Korrektiv zum moralischen Prinzip der Gegenseitigkeit ein moralisches Prinzip der Einseitigkeit: Statt Zurück-Geben das Ver-Geben; statt der Erwartung der Rück-Gabe das einseitige Geben, Mildtätigkeit oder Caritas. Im Prozess des Erwiderns erschließt sich die unabweisbare Widersprüchlichkeit ja sogar die doppelte Widersprüchlichkeit des sozio-moralischen Lebens: als Gegen-Seitigkeit und als Aufhebung der Gegen-Seitigkeit durch die Ein-Seitigkeit des Gebens und Vergebens. Aber Einseitigkeit als Gegenprinzip zur Gegenseitigkeit braucht diese doch immer als unverzichtbare Grundlage. Wie der Prozess des Erwiderns bringt auch der Prozess des Wertens eine doppelte Gegenläufigkeit hervor. Während jede soziale Beziehung als Erwiderung ein Hin- und Her-Ziehen impliziert, enthält sie als Wertung ein Vor-Ziehen, das als Gegenbewegung unweigerlich ein Zurück-Ziehen oder Zurück-Setzen mit sich bringt. Alle Lebewesen sind in ihren Kräften und Sinneswahrnehmungen beschränkt – und deshalb nur begrenzt beziehungsfähig. Aus allen denkbaren Beziehungen bilden sich deshalb Vorziehungen heraus. Welche Beziehungen sind dies? Diejenigen, die besonders überlebenswichtig sind: die leiblich nächsten, vertrautesten Beziehungen mit der frühesten und längsten Gegenseitigkeit. Das sozio-moralische Prinzip der "Präferenz für das Familiäre", ähnlich universal wie das Reziprozitätsprinzip, enthält auch eine ähnliche Brisanz: gegenüber dem jeweils Unvertrauten, Fernen und Fremden impliziert es eine Abwertung, die unversehens in Diskriminierung und Feindseligkeit münden kann. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird leicht identisch mit der zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Wie ist dem entgegenzuwirken? Der "Präferenz für das Familiäre" eine "Präferenz für das Fremde" entgegenzustellen, wäre eine zu schlichte sozio-moralische Konstruktion. Sie hat sich im sozialen Leben nicht durchgesetzt, obwohl sie in der Ablösungsphase der Adoleszenz eine wichtige Rolle spielt. Hingegen haben Gesellschaften, zumindest moderne Gesellschaften, wie um die Brisanz des Präferenzprinzips zu brechen, als Gegenprinzip die Gleichwertigkeit aller Menschen und Kulturen postuliert. In abgewandelter Form gilt es in der Wissenschaft als "Prinzip der Werturteilsfreiheit". So wichtig diese Prinzipien als Korrektive zum Präferenzprinzip sind, so wenig können wir im Alltag nach ihnen leben. Wollten wir nach dem Motto "Liebe Deinen Nächsten" wirklich alle erreichbaren Menschen gleichwertig und gleichermaßen lieben, dann bliebe, wie schon Sigmund Freud betont hat, für unsere Liebsten kaum noch Liebe übrig. Praktisch können wir aus den Prozessen des Vorziehens und Zurücksetzens nicht austreten. Aus dem Widerspruch zwischen dem Präferenzprinzip und dem Prinzip der Gleichwertigkeit ist indessen das Prinzip der Toleranz hervorgegangen. Sie erlaubt uns, die eigene vertraute Beziehungswelt und Kultur praktisch höher zu werten und doch andere Kulturen nicht nur zu dulden, sondern als im Prinzip gleichwertige zu achten. Indessen stößt auch Toleranz immer an Grenzen, die ihr vom Präferenzprinzip gesetzt werden. In jeder sozialen Beziehung gibt es nicht nur ein Hin- und Her-Ziehen und ein Vor-Ziehen und Zurücksetzen, sondern auch ein Ein-Beziehen oder Mit-Ziehen, das zugleich ein Ausschließen ist. Damit kommt der Prozess des
Teilens in den Blick, der genauso wie die Prozesse des Erwiderns und des Wertens aus sich selbst Gegensätze hervorbringt. Fortwährend teilt sich die Welt in die Liebenden, die das Kissen teilen, und alle andern, die an dieser Intimität nicht teilhaben; in Menschen, welche die Muttersprache teilen, und diejenigen, die sich nicht mit ihnen verständigen können; in Europäer, die den Euro als Zahlungsmittel teilen, und die andern, die von der neuen Währungsgemeinschaft ausgeschlossen bleiben. Mit andern etwas teilen – Liebe, Sprache, Interessen – hat Überlebensvorteile. Einigkeit macht stark, Übereinstimmung macht stark. Deshalb gilt im sozialen Leben, und zwar in allen Kulturen, eine elementare Moral: "Du sollst übereinstimmen!" Auch dieses Prinzip der "kollektiven Identität" hat seine Kehrseiten: Es beschneidet, im Innern, die Freiheit des Individuums und schafft, nach außen, besonders in Verbindung mit der "Präferenz für das Eigene", kollektive Gegen-Identitäten. Dagegen haben Gesellschaften Gegen-Prinzipien entwickelt: "Individualität" versteht den Menschen nicht als Teil von anderen, sondern als Einzel-Wesen eigener Art und eigener Verantwortung. Sie hebt Kollektivität gleichsam nach innen auf. "Universalität" andererseits betrachtet die Menschen als weltweit Gleiche und hebt ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kulturen und Kollektiven in einer umfassenden weltbürgerlichen Kollektivität nach außen auf. Wie weit diese Gegen-Moralen Spätprodukte des Christentums sind und erst in modernen Gesellschaften, die Renaissancen und Aufklärung durchgemacht haben, erblühen, muß offen bleiben. Festzuhalten ist, daß die Moral der Individualität und Universalität in einem Spannungsverhältnis zur Moral kollektiver Identitäten bleibt. Erstere werden womöglich in ihrer lebenspraktischen Bedeutung in zeitgenössischen Gesellschaften weit überschätzt. Wie sehr hat Hesse, der ebenso sensible wie programmatische Individualist, gegen kollektive Zwänge und bornierten Nationalismus gekämpft – um dann ein Loblied zu schreiben auf seine alemannische Identität! Wie die andern elementaren Sozialprozesse läuft auch der des Bestimmens weitgehend unabhängig vom menschlichen Zutun ab. Was vor uns lieg, ist unbestimmt, was hinter uns liegt, bestimmt. Andauernd verwandelt sich, in der Gegenwart, Unbestimmtes in Bestimmtes. Es sind der Lauf der Zeit und das Zusammenleben selbst, die das Bestimmen vollziehen. Nur im winzigen Augenblick der jeweiligen Gegenwart können wir als Handelnde mitbestimmen. Unsere Macht zu bestimmen ist minimal angesichts dessen, was in Zukunft möglich ist und dessen, was bereits qua Herkunft bestimmt ist. In allen Kulturen haben sich die Menschen deshalb in die Macht des Schicksals gefügt. Das ist eine moralische Haltung. "Was kann denn ich? Gott wird es richten. Es liegt in Allahs Hand", sagten viele Befragte, als ich vor 40 Jahren in Afghanistan eine kleine soziologische Untersuchung machte. Die Antworten erschienen mir damals äußerst befremdlich. Den modernen Menschen ist das "Prinzip Schicksal" ein Ärgernis. Sie haben dem, aus der jüdisch-christlichen Tradition, das Prinzip der Selbstbestimmung oder der vita activa (Hannah Arendt) entgegengestellt. Aber überall bleiben Geburt und - in der Regel - Tod der Eigenentscheidung des Individuums entzogen. Wieviel können wir selbstbestimmen: in der Liebe, in der Politik, in der Wissenschaft? Und wenn wir es zu können meinen, bestimmen wir doch nie über die herkunftsbedingten Voraussetzungen und zukünftigen Ergebnisse des Handelns. Daran wirken unzählige Beziehungen und Umstände mit - mit unvorhersehbaren und unbestimmbaren Folgen. Wer soll dafür die Verantwortung übernehmen? Hören wir Hesse, den es doch immer ungewöhnlich energisch nach Selbstbestimmung gedrängt hatte: "Wessen Persönlichkeit sich schwer und kämpfend von seinen Herkünften losgelöst hat, der neigt nicht dazu, seine teuer erkaufte Freiheit und Verantwortlichkeit an irgendein Schema und Programm, eine Schule, eine Richtung und Clique herzugeben" (Politik des Gewissens,..).Gut. Dies spricht Menschen mit modernem Lebensgefühl aus dem Herzen. Wie groß ist aber unser Erstaunen, wenn der Dichter dann doch zu einer "höheren Art der Verantwortungslosigkeit" gelangt. Er sieht dies als die dritte von "drei Stufen der Menschwerdung...Der Weg beginnt mit der Unschuld (Paradies, Kindheit, verantwortungsloses Vorstadium). Von da führt er in die Schuld, in das Wissen um Gut und Böse, in die Forderungen der Kultur, der Moral, der Religionen, der Menschheitsideale. Bei jedem, der diese Stufe ernstlich und als differenziertes Individuum durchlebt, endet sie unweigerlich mit Verzweiflung, nämlich mit der Einsicht, daß es ein Verwirklichen der Tugend...nicht gibt, daß Gerechtigkeit unerreichbar, daß Gutsein unerfüllbar ist. Diese Verzweiflung führt nun...zu einer höheren Art von Verantwortungslosigkeit, oder kurz gesagt: zum Glauben. ...sein Inhalt ist jedes Mal derselbe: daß wir zwar nach dem Guten streben sollen, soweit wir vermögen, daß wir aber für die Unvollkommenheit der Welt und für unsere eigene nicht verantwortlich sind, daß wir uns selbst nicht regieren, sondern regiert werden, daß es über unserem Erkennen einen Gott oder sonst ein 'Es' gibt, dessen Diener wir sind, dem wir uns überlassen dürfen" (Ein Stückchen Theologie, in: Blick nach dem Fernen Osten, Frankfurt 2002, S.427). Dies ist, so fährt Hesse fort, "europäisch und beinahe christlich ausgedrückt". Aber dann deutet er den indischen Brahmanismus, den Buddhismus, die Lehre des Lao Tse in ähnlicher Weise: Als Weg vom Gerechtigkeitsstreben zum Nichtmehrstreben. Blickt man in den Westen zurück, dann erkennt man Anklänge an das Selbstverständnis der modernen Wissenschaft als reines Erkenntnisstreben, losgelöst von Religion, Politik, Moral und Aktivismus. Das 'Es', das uns schicksalhaft regiert, dessen Diener wir sind: man muß es nicht als Gott sehen, auch nicht als das Trieb-Es der Psychoanalyse. Ich versuche es in den fünf Prozessen des sozialen Lebens zu erkennen, die in sich Bewegung und Gegenbewegung erzeugen, Grundprinzipien des sozio-moralischen Lebens und Gegen-Prinzipien. Die Prinzipien des Schicksals – modern gesprochen: der unbeabsichtigten Folgen unseres Handelns -, des Tabu, des kollektiven Ineinssetzens und Ausschließens, des Vorziehens und Zurücksetzens, der gegenseitigen Erwiderung gehen aus der Dialektik (oder sollte man sagen: Logik?) des Zusammenlebens selbst hervor und unterliegen deshalb allen Kulturen. Sie sind gleichsam der gemeinsame moralische Nenner der Menschheit. Der Westen hat diesen Teil seiner sozio-moralischen Grundlagen eher abgewertet und durch ein ausgesprochenes Gegenprogramm "ersetzt", in dem Selbstbestimmung, Aufklärung, Individualität/Universalität, Gleichwertigkeit/Toleranz die Leitwerte sind. Er hat dabei gerade den Teil seines eigenen moralischen Lebens verdrängt, den er mit allen andern Kulturen teilt. So schiebt er – oft unter dem Stichwort Menschenrechte oder Weltethos – im Konflikt der Kulturen als eine Art Offizialmoral gerade den andern Teil seines Selbstverständnisses vor, der anderswo am wenigsten verstanden wird. Was der Westen der übrigen Welt als "moralische Universalien" ansinnt, ist gerade nicht universal und wird deshalb auch, von den Adressaten, ganz anders verstanden: als der westliche Versuch, die Präferenz für das Eigene einseitig und mit Macht durchzusetzen. Was folgt daraus? Sollen wir die spezifisch westlichen Teile des Spannungsverhältnisses – Selbstbestimmung statt Schicksalsgläubigkeit, Aufklärung statt Respekt vor Tabus, Individualität statt kollektiver Zugehörigkeit, Toleranz statt Präferenz/Diskriminierung, einseitige Hilfe und Vergebung statt Vergeltung – aufgeben? Das wäre nicht nur unsinnig, sondern auch unmöglich. Es geht vielmehr darum, die Reichhaltigkeit und Widersprüchlichkeit der sozio-moralischen Prozesse und Prinzipien anzuerkennen. Gerade wenn man von der Überlegenheit westlicher Lebensformen und Prinzipien überzeugt ist, braucht es den militanten und missionarischen Moralismus der Menschenrechts- und Weltethos-Rhetorik nicht. Die Mission können wir dem Lauf der Dinge selbst überlassen. Als "geheime Mission" erfolgt sie stillschweigend in der Säkularisierung und Verwissenschaftlichung der Welt. Sie hat die Macht des Nicht-Intentionalen auf ihrer Seite. Ohnehin zeugt eine intendierte Moral, die sich in Postulaten ergeht, von ihrer eigenen Schwäche. Sie ist ein Widerspruch in sich. Konflikte zwischen den Kulturen werden letztlich nicht durch starke Worte, Waffen oder Geld entschieden, sondern durch unerkannte, tiefere, längerfristige Stärken und Schwächen. Der Ausgang der Kultur- und Zeitkonflikte in der modernen Welt ist ungewiss. Kulturen beeinflussen sich gegenseitig, stoßen vor, geben nach, und am Ende können sich, wider alle Erwartung, die schwächeren als die stärkeren erweisen. Hesse bemerkt, daß der Buddhismus, von Westen kommend, China scheinbar eroberte, daß aber schließlich das Konfuzianisch-Lebenspraktische der älteren chinesischen Kultur - vielleicht unterstützt vom christianischen Westen - sich über dem fremden Einfluss wieder schloss. (...) Wie immer die Kämpfe ausgehen mögen, sicher ist nur, die elementaren sozialen Prozesse, als dialektische gehen weiter. Sie erzeugen Widersprüche, insbesondere Ein- und Ausschlüsse, die unseren Visionen von Einheit immer wieder ins Gesicht schlagen. Vielleicht ist der Wunsch nach Harmonie eine eigene Quelle von Disharmonien. Denn je stärker er ist, desto stärker und schmerzlicher wird das Uneinheitliche empfunden, mag es auch im Vergleich zu früher schwächer geworden sein. Wenn denn eine Empfehlung sein muß, dann allenfalls die, den Wunsch nach Einheit und Versöhnung der Gegensätze eher zurückzunehmen und Differenzen und Grenzen zu akzeptieren - so wie der französische Philosoph Bernard Levy (?) in diesen Tagen nüchtern konstatierte, daß zwischen Israelis und Palästinensern ein Versöhnungsfrieden noch nicht, wohl aber ein Vernunftsfrieden durch Ziehung klarer Grenzen möglich sei. Eine Grenzziehung ganz anderer Art wird übrigens in dem Buch "Zwischen Welt und Zaubergarten. Ninon und Hermann Hesse" von Gisela Kleine (Frankfurt am Main 1998) beschrieben: Hermann Hesse, um ungestört arbeiten zu können, zog eine Grenze im eigenen Haus, indem er oft tagelang nur über Zettel mit seiner Frau kommunizierte. Damit sind wir wieder auf dem weiten Feld der Konflikte des Alltagslebens, die von Fall zu Fall, mit praktischer Vernunft und Gefühl zu regeln sind. Herr Dr. Hans-Liudger Dienel vom Zentrum für Technik und Gesellschaft an der TU Berlin: Du hast Dich einem spannenden Gegensatz gestellt, der auch im Werk von H. H. immer wieder aufscheint und in der Ausstellung im Raum "Im Wirbel der Beschleunigung" zentral ist, dem Thema der Beschleunigung, Flucht und Heimat. In Berlin lebend und arbeitend ist dies besonders herausfordernd. Wie mir scheint, siehst Du im Spannungsbogen zwischen Flucht und Bewegung in die Stadt und aus der Stadt so etwas wie eine geheimnisvolle Einheit. Kontraste scheinen uns alle zu bewegen. Allerdings mit zunehmenden gewaltigen Lasten an Verkehr, CO2 Ausstoß und Verschleiß. H. H. hat diesen Gegensatz vorausgeahnt, in ihm gelebt und ihn beschrieben. Was bedeutet dieser Gegensatz heute? Wie alt und variantenreich ist er? Wie zeigt er sich im heutigen Berlin? Was bedeutet er für die künftige Ausgestaltung unserer Landschaften? Referat von Herrn Dr. Hans Luidger Dienel Einführung Mobilität und Verkehr, somatisch gesprochen das Gleichgewichtsorgan, sind für unser Selbst-Bewusstsein von zentraler Bedeutung: Beschleunigung und Kurvenfahrt regen uns an, und das Wissen, wo oben und unten ist, gibt uns inneren Halt. So ist es bildlich auch mit der Beschleunigung des Lebens in der Großstadt. Der Beitrag über "Beschleunigung, Flucht und Heimat in der Großstadt" vergleicht Landflucht und Stadtflucht am Beispiel der Württemberger in Berlin und entwickelt daraus Konzepte für Raumpartnerschaften zwischen Kontrasträumen als nachhaltiges Wachstumsszenario für Urlaubsregionen. Berlin ist im ganzen 20. Jahrhundert Fluchtpunkt für Württemberger gewesen. Sie sind hierher gekommen wegen der Beschleunigung, der großen intellektuellen Freiheit, Weltläufigkeit und der neuen Möglichkeitsräume. Und sie haben kleinteilige, dörfliche Inseln im Großstadtmeer gegründet: Besenwirtschaften, Fluchträume für die Entschleunigung des Alltags. Viele Großstadtmenschen leb(t)en zugleich in mehren Welten: der Agglomeration und dem ländlichen Kontrastraum, dem Schrebergarten oder der Datsche im ländlichen Brandenburg oder an der Ostsee.
Hermann Hesse auf Großstadtflucht "Ja, das möchste", schreibt Kurt Tucholsky 1927 in Berlin in seinem Gedicht "Das Ideal", "eine Villa im Grünen, mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße, mit schöner Aussicht, ländlich-mondän!" Hesse hat es anders gemacht. Er zog wirklich weg aus der "Großstadt" Basel (mit 1900 120.000 Einwohnern) mit seiner ersten Frau Mia in das 300-Seelen Dörfchen Gaienhofen am Bodensee. Dort gab es damals noch kein elektrisches Licht oder eine Wasserleitung. Dort lebte er ein alternatives, stadtfernes bedürfnisloses, gesundes Künstlerleben, ein Kontrastprogramm zur Metropole. Sein Haus renovierte er selbst. Auf der Terrasse saß er im Sommer nackt, er kleidete sich zur Überraschung von überraschendem Besuch nur mit Brille, Sonnenhut und Zigarre. War das eine Schrebergartenidille? Ach, wie schön müsste das sein, ein Häuschen im Grünen, mit Frauchen im Garten, die Blumen begießen. "Ich müsste aus tausend Gründen notwendig nach Berlin," schreibt Hesse 1905 aus Gaienhofen "und davor graut mir sehr. Das einzige, was mir an Berlin gefällt, ist, dass es so weit weg von hier liegt."1 Aber die Großstadt war immer nah. 100 Freunde und Kollegen besuchten Hesses allein im ersten Jahr. Es zogen auch Freunde nach, zum Beispiel Otto Dix und Erich Heckel aus Berlin, Ludwig Finckh aus Tübingen, Max Bucherer aus Basel, Wilhelm Steinhausen aus Frankfurt. Ein kleine Künstlerkolonie siedelte sich in Gaienhofen an. Zudem erhielt Hesse soviel Post, dass er selbst bereits Ende 1904 beim Großherzogtum Baden die Einrichtung eines eigenen Postamts für Gaienhofen beantragte. Immerhin, sein Verleger Samuel Fischer (und ab 1934 dessen Nachfolger Peter Suhrkamp) saßen in Berlin, auch wenn sie selbst nur Zugezogene waren, Fischer aus Wien und Suhrkamp aus Tübingen. In späteren Jahren reiste Hesse auch nach Berlin. 1925 sogar einmal zu einem längeren "Kur"-Aufenthalt zu Samuel Fischer, 1926 wurde er in die neu eingerichtete Abteilung für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt, aus der er aber 1931 wieder austrat. Hesse brauchte nicht viel zu reisen, weil er doch den Leuten schreiben konnte – 35.000 Briefe sind erhalten – und auch brieflich Großstadtpolitik machen konnte. Der Briefwechsel mit Suhrkamp brachte diesen 1944 bekanntlich für ein Jahr hinter Gitter, was ihm nach 1945 wiederum half. 1952 schaltete sich Hesse aus Montagnola brieflich in die Suhrkamppolitik ein und schlug dem Verleger vor, den jungen Dr. Unseld – er hatte über Hesse promoviert – in den Verlag zu holen, ein äußerst folgenreicher Wink. Hesse war Teil einer bürgerlichen Bewegung, die Ulrich Linse sie in seinem Buch "Zurück, O Mensch, zur Mutter Erde" beschrieben hat. Sie war in Deutschland stärker als in allen anderen europäischen Ländern. Überall in Deutschland entstanden nach 1890 Landkommunen: fromme Bruderhöfe, vegetarische Lebensgemeinschaften, völkisch-nationale Siedlungen oder jüdische Kibbuzim.2 Und dann – viel zahlreicher – die gemäßigteren Varianten, die ein gleichzeitiges Leben in der bürgerlichen Gesellschaft ermöglichten. So gründete im vegetarischen Restaurant Ceres in Berlin-Tiergarten am 28. Mai 1893 ein Kreis von 18 Lebensreformern unter der Führung des Kaufmannes Bruno Wilhelmi die Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden. Die extremen Großstadtflüchter zogen in die Bruderhöfe in der fernen Röhn; - Wilhelmi und Kollegen gründeten und siedelten westlich von Oranienburg auf 200 Morgen Land, später auf 500 Morgen. Der Name "EDEN" wurde in bewusster Anlehnung an den biblischen Garten Eden gewählt, um damit ein großstadtfernes, natürliches Leben auf gemeinsamen Boden als Ziel der Genossenschaft zum Ausdruck zu bringen. Das von Wiese und Buschwerk bewachsene Gelände wurde in Parzellen (in der Kolonie sprach man von Heimstätten) von 2.800 qm aufgeteilt. In der ersten Ausbaustufe entstanden so 80 Gärten. Nachdem der Boden durch schwere körperliche Arbeit verbessert worden war, konnten die ersten Obstbäume, Beerensträucher und Pflanzen in den Boden gebracht werden Dann waren da noch die Gartenstädte im Umland der großen Metropolen und die Wandervereine, in Berlin vor allem der 1900 gegründete Wandervogel, Ausschuss für Schülerfahrten, und – breiter – eine gesamtgesellschaftliche romantische Bewegung hin zur Natur.3 Der Wiener Satiriker Franz Blei machte sich über dieses weich gewaschene Kontrastprogramm zur Großstadt lustig und schrieb über Hesse: "Die Hesse, so wird eine liebliche Waidtaube genannt, die man wild nicht mehr antrifft. Ihrer Zierlichkeit wegen wurde sie ein beliebter Käfigvogel, die den Besucher damit ergötzt, dass er sich auch im Käfig immer noch gebärden tut, als wäre er im freien Walde. Das verschafft dem Stadtbewohner die Sensation der Natur und solches wird erhöht von ganz kleinen Drüsen, aus denen sie einen Geruch absondert, der leise an Tannenduft erinnert."4 Hesse wiederum verlässt Gaienhofen nach acht Jahren, weil er dort zu heimisch geworden war und zieht in die Nähe von Bern, in das Haus seines kurz zuvor gestorbenen Malerfreundes Albert Welti. Doch nach weiteren acht Jahren verlässt Hesse auch die schweizerische Hauptstadt wieder und zieht nach Montagnola im Tessin. Im Sommer hat Hesse noch ein zweite Heimat im Engadin in Sils-Maria im Hotel Waldhaus. Seit 1909 reist Hesse schreibt rückblickend: Ich spürte, dass dieses … Hochtal mich angeht, mir etwas Wertvolles zu geben oder zu fordern habe." Dieses Leben in mehreren Heimaträumen zugleich ist das Kernthema dieses Beitrags. Der heutige Kurdirektor von St. Moritz, Dr. Hans P. Danuser, weiß, dass es weltweit Menschen gibt, deren zweite Heimat St. Moritz ist. New Yorker, die sich in ihrem Quartier in der 42. Strasse auf Manhattan und im Bristol in St. Moritz zuhause fühlen.5 Hesses Erfolg beruht auch darauf, dass sein Kontrastprogramm auch die gegenwärtige Lebenswirklichkeit trifft. Er gehört zu der beschleunigten Metropole, als Antipode, als Gegenüber, als Alternative. Hesse lebte in Kontrasträumen. Und er lebte unterwegs, war auf Wanderschaft, unstet zog es ihn weiter. Mit diesen Bemerkungen zu Hermann Hesse wollen wir auf die komplementäre Sehnsucht nach Beschleunigung und Ruhe zugleich überleiten und schließlich auf das Konzept der Kontrasträume und der sie verbindenden Raumpartnerschaften kommen. Beschleunigung und Selbstbewusstsein Wer nach Gründen für die Sehnsucht nach Beschleunigung sucht, landet leicht bei ethologischen und psychologischen Erklärungen. Der Mensch als Lauftier, als Steppen- und Savannenläufer, als Rudeltier, immer unterwegs, die freie Sicht suchend, Jäger und zugleich Gejagter. Der Hallenser Psychologe Rainer Schönhammer kommt mit anderen, aber ebenfalls somatischen Deutungen: Er hat empirisch nachgewiesen, dass das Gleichgewichtsorgan für unser Selbst-Bewusstsein von zentraler Bedeutung ist, das Beschleunigung und Verzögerung uns anregen. Nicht von ungefähr kommen gute Ideen oft beim Gehen. So erklärt sich Schönhammer die Aggressivität vieler Radler aus ihrer Motorik heraus: "Der Schwung des Radfahrers macht den Fußgänger, ja die ganze Welt zum Hindernis. Gebremster Schwung macht ihn wütend, denn der Kern von Wut ist immer die Einschränkung von Bewegungsfreiheit." Die Übersetzung ins Radlerdeutsch steht auf patzigen Aufklebern, erhältlich in ADFC-Büros: "Macht Platz – Fahrrad kommt!"6 So ist es bildlich auch mit der Beschleunigung des Lebens in der Großstadt. Die Großstadt wird gesucht, sie ist attraktiv. Großstadtflucht ist zuerst einmal Flucht der auf dem Lande lebenden Menschen in die Großstadt. Menschen ziehen in die Großstadt, um das Gefühl der Beschleunigung und damit verbunden der Freiheit persönlich zu erleben. Flucht in die Großstadt und in das Ländle in Berlin: Württemberger in Berlin So ging es vielen Württembergern, die nach Berlin zogen. Berlin ist im ganzen 20. Jahrhundert Fluchtpunkt für Württemberger gewesen. Sie sind hierher gekommen wegen der Beschleunigung, der großen intellektuellen Freiheit, Weltläufigkeit und der neuen Möglichkeitsräume. Einmal angekommen, schlug die Sehnsucht oft um. Wo waren die dunklen Tannen des Schwarzwalds, das schwäbische Meer? Zeppelin ging es so, als er 1887 außerordentlicher Württemberger Gesandter und Bevollmächtigter Minister beim Bundesrat in Berlin wurde. Oder nehmen wir Christian Ströbele, den bekannten "Kreuzberger" Grünen. Er hat sich in Kreuzberg eine Gegenwelt geschaffen, die ihn 2002 direkt in den Bundestag gewählt hat. So haben viele Schwaben in Berlin kleinteilige, dörfliche Inseln im Großstadtmeer gegründet, zum Beispiel die Besenwirtschaften, Fluchträume für die Entschleunigung des Alltags. Nicht nur auf de schwäbsche Eisebahne gibt es viel Restauratione, wo ma esse, trinke ka, alles was der Mage ma. Das bekannte "Rulla, rulla, rullala, rulla rulla rullala, Schtuegert, Ulm und Biberach, Mekkebeure, Durlesbach." war auch so ein sympathischer Versuch der Entschleunigung des modernen Transportsystems Eisenbahn. Auf der schwäbsche Eisebahne ging es nicht um Geschwindigkeit, dafür gab es zu viele Haltstatione, sondern ums Essen. In Berlin laden ein die Besenwirtschaft in der Uhlandstraße, das schwäbische Lokal Antiqua in der Eisenacher Straße und etwas weiter die Straße herunter der "Landwirt" mit sehr schönem Biergarten. Sodann die "Feinbeckerei" in der Vorbergstraße, das Lucas in der Cranachstraße in Friedenau, der "Söhnelhof" in Kohlhasenbrück, bei letzterem hat das Ländle schon ländlichem Charakter.7 Im Gerstensack in Kreuzberg (Fichtestraße 31) sitzt man im Winter am Kamin, im Weinrestaurant "Spirale" in Tiergarten wie in einer Schwarzwaldstube. Auch in den östlichen Stadtteilen sind nach 1990 schwäbische Restaurants gewachsen, so das "Prinzipium" der Gebrüder Prinz in der Wolfshagenerstraße in Pankow. Auch auf der grünen Woche gibt es viel württembergischen Wein. Weinkauf ist in Deutschland ein raumpartnerschaftliches Verhalten. Gekauft wird traditionell zu einem erheblichen Teil beim Winzer direkt. Die Beziehungen werden nicht selten vererbt. Der Kundenmessencharakter der Grünen Woche ist zum Teil den württembergischen und badischen Winzern zu verdanken. Auf den Stadtfest "Kreuzberger Nächte" finden wir regelmäßig ein Württemberger Weinfest. Zu den bekannteren schwäbischen Weinhandlungen in Berlin gehört die Markgräfler Weinhandlung in Charlottenburg, der Weinleiner in der Goethestraße, das Badische Weinhaus in Schöneberg, die Weinhandlung Württemberg in Moabit, Siekes Weinhaus in der Chausseestraße, die Weinhandlung Autos und Weine in Schöneberg. Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht aufschlussreich, dass die innovativsten schwäbischen Unternehmer in Berlin sich in ihrem sprichwörtlichen schwäbischen Erfindergeist auf Fluchträume konzentrierten und Ideen für Behausung und Gebäude umgesetzt haben. Dazu gehören Peter Dussmann und Werner Gegenbauer, beide im Gebäudemanagement, oder der Stadtmöbelhersteller Hans Wall und der Kraichgauer Klaus E.H. Zapf, heute der größte deutsche Umzugsunternehmer. Die Kreativität der Württemberger in Berlin richtete sich insbesondere auf die Behausungen, und damit vielleicht unterbewusst auf Kontrasträume. Kontrastäume und Raumpartnerschaften Diese Suche nach Kontrasträumen war der Ausgangsbefund für ein anwendungsorientiertes Forschungsvorhaben am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin, dass im folgenden erläutert werden soll. Start und Ausgangspunkt war, wie gesagt, die Beobachtung, dass viele Menschen heute mehrere räumliche Zuhause haben; - eines in der Stadt und ein zweites im Erholungsraum, zum Beispiel in ihrer Ferienwohnung oder auch schlicht in einem Hotel, einer Pension oder einem Waldstück, das sie immer wieder aufsuchen. Ein zweiter Befund war, dass diese Menschen sich in "ihrem" Erholungsraum anders bewegen, als diejenigen Reisenden, die zum ersten Mal da sind. Sie sind eher offen für den introvertierten Charakter der Landschaft – Ruhe und Natur – und nicht nur für Veranstaltungen und Attraktionen, nehmen eher gezielt Kontakt mit Einheimischen auf, schlagen nicht laut mit den Autotüren, werfen keine Cola-Dosen aus dem Fenster, sind als Ferienhausbesitzer gegen weiteren Zuzug oder für die Verschönerung des Ortes; - kurz, sie verwirklichen einen nachhaltigeren Freizeit- und Urlaubsverkehr als andere. Ein dritter Befund war die Existenz von komplementären Räumen, die durch ihre Unterschiedlichkeit – Goethe sprach bei den Farben im Farbkreis von Gegensätzlichkeit und Gegenfarben – aufeinander bezogen sind. Gegensätzliche Räume haben etwas miteinander zu tun, sie ziehen sich an, sie sind füreinander attraktiv. Aus diesen empirischen Befunden haben wir das Konzept der Raumpartnerschaft entwickelt. Raumpartnerschaften gehören dabei zu dem Typ der Regionalpartnerschaften und/oder Long-Distance-Partnerschaften zwischen lokalen Gebietskörperschaften, die in unterschiedlichen Formen bereits seit vielen Jahren zunehmen, als Städtepartnerschaften, Städtepatenschaften, Klimabündnisse etc. In jedem Fall nehmen lokale Gebietskörperschaften, Kommunen oder Landkreise formale Beziehungen mit anderen Regionen auf. In erweitertetem Sinne können Raumpartnerschaften auch private Akteure, etwa Hotelverbände, in komplementär aufeinander bezogenen Räumen verbinden. Raumpartnerschaften sind etwas Ähnliches wie Städtepartnerschaften, allerdings nicht zwischen ähnlichen Städten, sondern zwischen komplementären Räumen. Sie unterstützen das räumliche Heimatgefühl im Kontrastraum durch ungewöhnliche Aktivitäten und Angebote. Gezielte Raumpartnerschaften zwischen Kontrasträumen, etwa der Agglomeration Berlin und dem Erholungsraum Usedom, fördern die doppelte räumliche Identität der Einwohner und bieten viele Anknüpfungspunkte für nachhaltige Wachstumschancen im Freizeitverkehr. Maßnahmen im Rahmen einer Raumpartnerschaft beziehen sich allerdings nicht nur auf das Zielgebiet, sondern auch auf das Quellgebiet: Dieses soll für die Freizeit so attraktiv gestaltet werden, dass das Bedürfnis, diese woanders zu verbringen, vermindert wird. Faktisch gibt es bereits viele Raumpartnerschaften zwischen Agglomerationen und Erholungsgebieten, etwa zwischen Hamburg und Sylt, Berlin und Usedom, Zürich und dem Engadin, jedoch eher auf der Ebene der privaten Akteure, weniger der regionalen Politik. Der Begriff "Raumpartnerschaften" symbolisiert ein wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen mehr oder weniger gleichrangigen Akteuren. Solche Partnerschaften sind voraussetzungsvoll, weil die "Tauschrelation" einigermaßen ausgeglichen sein muss, wenn die Partnerschaft stabil bleiben soll. Unterscheiden sich die Partner in vielen Dimensionen (wie im Beispiel Berlin und Usedom) und sind die Gemeinsamkeiten, die eine Partnerschaft lohnend machen, entsprechend schwach ausgeprägt, kann die Partnerschaft nur überleben, wenn die Tauschrelationen über andere Interessenbefriedigungen angereichert werden. Wenn aber Raumpartnerschaften wenig Kooperationsgemeinschaften haben, so wäre immerhin eine "Interessengemeinschaft" auf der Basis einer "Nachfrage-Angebot-Konstellation" denkbar: Wirtschaftsstarke Räume verbinden sich mit Tourismus-Räumen und entwickeln eine "Nachfrage-Angebot-Partnerschaft", bei der die wirtschaftsstarke Region "Nachfrager" entsendet, die andere Region "Freizeitangebote" entwickelt, und beide dafür gemeinsam bessere Voraussetzungen schaffen. Die (beliebigen) Markt-Beziehungen der Freizeit- und Tourismus-Nachfrage würden dabei durch Verhandlungs-Beziehungen ergänzt werden, die auch dazu führen könnten, dass die "nachfragende Region" sich an der Entwicklung der "anbietenden Region" beteiligt. Für Raumpartnerschaften im Tourismus- und Freizeitsystem in räumlicher Distanz zueinander (long distance-Raumpartnerschaften) stellt deshalb die Suche nach Gemeinsamkeiten und partnerschaftlicher Stabilität auf Tauschbasis den zentralen strategischen Hebel dar. Effekte von Raumpartnerschaften Durch die Bildung von Raumpartnerschaften besteht die Aussicht, die Verkehrsbeziehungen zwischen urbanem Wohnort und konstrastreichem Naherholungsgebiet nachfrageorientierter zu gestalten und gleichzeitig ressourcensparend zu bündeln. Die Angebote müssen dabei so konzipiert werden, dass der Gebrauch vollständig in Routinen eingelagert werden kann und ein "Nutzen ohne Nachzudenken" - ähnlich wie bei der Reise mit dem eigenen Auto - möglich wird. Damit sind vor allem Veränderungen der Verkehrsorganisation angesprochen. Zweitens stellen Raumpartnerschaften auch die Mobilität im Naherholungsgebiet sicher. Hier müssen dem Naherholungsraum angepasste neue Produkte und Mobilitätsdienstleistungen angeboten werden, die intermodales Verkehrsverhalten problemlos ermöglichen. Für Bahnreisende z.B. am Bahnhof des Naherholungsortes ein preisgünstiger Leihwagen zur Verfügung stehen, der für die Weiterreise genutzt und bei Nichtgebrauch an verschiedenen Orten wieder abgegeben werden kann, so dass er für andere zur Verfügung steht. Naherholungsgebiete bieten außerdem gute Voraussetzungen, neue Produkte und Mobilitätsdienstleistungen anzubieten und zu erproben, Kontrasträume sind Testräume. Vorstellbar sind z.B. abgas- und lärmarme Hybrid- oder Elektrofahrzeuge, öffentliche Fahrräder sowie neue Nutzungsformen des Automobils wie CarSharing. Außerhalb ihrer stark durch Routinen besetzten gewohnten Arbeits- und Wohnumgebung sind Menschen tendenziell offener für das Experimentieren mit neuen Produkten und das Einüben von neuen Verhaltensmuster. Diese Ausnahmesituation am Urlaubsort, die das Aufbrechen von Routinen erleichtert, könnte gerade im stark durch Routinen und affektiven Bindungen geprägten Verkehrsbereich genutzt werden. Zwischen den Kontrasträumen muss drittens die "mentale Erreichbarkeit" hergestellt oder verbessert werden. Die Herstellung einer kognitiv-emotionalen Repräsentanz ist ein kritischer Faktor einer erfolgreichen Raumpartnerschaft. Der Zielgruppe, d.h. dem jeweiligen Kunden, muss einerseits vermittelt werden, wie der Naherholungsort auch ohne eigenes Auto erreicht werden und im Freizeitort "mobil" geblieben werden kann. Die Raumpartnerschaft zwischen Heimatort und Naherholungsgebiet bietet zur Schaffung "mentaler Erreichbarkeit" gute Voraussetzungen, weil durch dieses Instrument eine kognitiv-emotionale Verbindung zwischen dem gewohnten Alltagsraum und dem ungewohnten Freizeit- und Urlaubsraum aufgebaut wird. Bekannte Institutionen und Akteure des urbanen Heimatraums bürgen dabei für die Qualität der Erreichbarkeit und der Mobilitätsdienstleistungen im kontrastreichen Freizeitraum. Die Raumpartnerschaft ist insofern ein Katalysator, um das Naherholungsgebiet selbst, den umweltfreundliche Transfer und die dortigen Mobilitätsbedingungen im Bewusstsein der urbanen Zielgruppe zu konstituieren. Kontrasträume in der eigenen Wohnung Der Ansatz der Kontrasträume lässt sich mit Gewinn aber auch auf die eigenen vier Wände anwenden. In einem Forschungsvorhaben über die selbständige Lebensführung von Senioren wurde am Zentrum Technik und Gesellschaft das Bild des Lebens in Kontrasträumen als produkt- und dienstleistungsgenerierendes Leitbild für die Gestaltung von Wohnung und Hausgeräten für ältere Menschen genutzt.. Der Wunsch nach Kontrasträumen spiegelt das Bedürfnis älterer Menschen nach Kommunikation, nach Nähe auf Distanz, nach Mischung von privatem und öffentlichem Raum, nach Kontrasten, Kontrasträumen und Kontrastzeiten im Tagesverlauf, insbesondere innerhalb der eigenen Wohnung.8 Kontrasträume und Kontrastzeiten sind für das erfüllte Leben wichtig. Ältere Menschen haben aber in der Regel weniger Kontrasträume und –zeiten als jüngere Menschen, weil sie in der Regel nicht berufstätig sind, die Kinder aus dem Haus sind, es Mobilitätseinschränkungen gibt, letztere oft weniger physisch als den bei Frauen noch oft fehlenden Führerschein. Menschen brauchen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit unterschiedliche Umgebungen, in denen sie sich selbst als unterschiedlich erleben können: liebende Mutter und berufstätige Wissenschaftlerin, Fußballfan und Kirchenchor, Alltag und Sonntag, Arbeit und Urlaub usw. Im Alter vermindern sich diese Kontrasträume. Das Ausscheiden aus dem Beruf, die Aufgabe des Schrebergartens, weil die Arbeit zu schwer wird, das Ende im Chor, weil die Stimme nicht mehr trägt, ... führen dazu, dass ältere Menschen einen ungleich größeren Teil des Tages in den eigenen vier Wänden verbringen. Umso wichtiger sind Kontrasträume und –angebote in der eigenen Wohnung. Neben dem Fernsehen und Telefonieren kann das der Computer sein, aber auch eine Wiederbelebung des Kochens durch neue Dienstleistungen. Der Kontrastraumansatz eröffnet auch Perspektiven, über eine Vergrößerung der Wohnungen von Senioren nachzudenken. Große Wohnungen sind für Senioren vom Kontrastraumansatz aus gesehen, wichtiger als für junge Menschen. Es ist nämlich wünschenswert, dass Wohnungen im Alter tatsächliche Kontrasträume bereithalten: Räume zum Kochen und Essen, zum musizieren, spielen, lesen und Forschen, Sport machen; Besprechungszimmer und Besuchsräume. Bäder, die zum "planschen" einladen, und nicht nur der puren Körperreinigung dienen. Im Zusammenhang dieser Vorstellung vom Wohnen im Alter können ganz neue Produktwelten entwickelt werden, die Senioren stärker als bisher als wichtige Gruppe in der Freizeitgesellschaft wahrnehmen. Warum nicht ein Nähzimmer, ein Musikzimmer oder auch ein Spielzimmer? Warum nicht Brettspiele für Senioren, die dann nicht Karriere und Monopoly sondern "Mein Leben", oder "Familie" heißen? Größere und kontrastreiche Wohnungen barrierefrei zu gestalten ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Für die zumindest in Berlin daniederliegende Bauwirtschaft gäbe es hier viel zu tun. Volkswirtschaftlich gesehen eröffnen sich nachhaltige Wachstumschancen für unsere unter oft plumpen Vermeidungsstrategien leidende Gesellschaft. Ausblick Ob diese Konzepte tragen, muss sich erst noch zeigen. In jedem Fall aber werden Konzepte, welche den Kontrast und die Raumpartnerschaft aufgreifen und intelligent umsetzen, zukünftig für die Gestaltung und Steuerung von Freizeitverkehren und der Wohnungsgestaltung eine größere Rolle spielen müssen. Es gibt Regionen in Deutschland, die wie die Farben in Goethes Farbenkreis auf einander bezogen sind, die füreinander als Kontrasträume wichtig sind oder wichtig werden könnten. Durch die Bildung von Raumpartnerschaften besteht die Aussicht, die Verkehrsbeziehungen zwischen urbanem Wohnort und konstrastreichem Urlaubsgebiet nachfrageorientiert zu bündeln. Zwischen Kontrasträumen lohnt sich nämlich auch ein schnelles öffentliches Verkehrssystem. Attraktive Raumpartnerschaften ersetzen außerdem einen Teil des Fernreiseverkehrs. In diesem Sinne können wir auch den Untertitel der Ausstellung "Einheit hinter den Gegensätzen" verstehen. Auch Calw und Berlin sind keine Gegensätze sondern Kontrasträume, Komplementärfarben in Goethes Farbenkreis, oder, wie Goethe sagte, Gegenfarben. Herr Dr. Claus Tully vom Deutschen Jugendinstitut in München: Der Roman Unterm Rad hat auch im kritischen Lager von H. H. wohl am meisten übereinstimmend positive Bewertungen erhalten. Ich meine, er bekäme mit dem Blick auf die aktuellen Jugendfragen heute den höchsten Aktualitätswert. Mich hat aber etwas an Ihrem Referat besonders interessiert: Jugend heißt bis heute und besonders heute: "Ihr seid die Zukunft, ergo die Versuchswesen für das neueste Zeitalter der Technikkultur!" Jugend ist heute eine Art Vorbereitungs- und Trainingsperiode für die kommunikationstechnische Kulturrevolution, die im Gange ist. Trainingsarena dafür, neue technische Möglichkeiten als selbstverständlich aufzunehmen, zu verstehen und zu gebrauchen. "Alles ist möglich, das heißt in der Jugend bereits wirklich!" Wie sehen Sie diese Entwicklung an Beispielen der Jugendkultur? Sind die Freiheiten der heutigen Jugend auch Abhängigkeitsformen – welche? Im Roman Unterm Rad wirkt das Eltern- und Erziehungsumfeld als Korsett, dem man sich entziehen muss. Gibt es für Jugendliche dieses Umfeld überhaupt noch oder mutiert es in ein Medien- und Kommunikationsumfeld pausenloser Attraktivitäten? Einleitung In seiner Erzählung "Unterm Rad" (1903 verfasst) schildert Hermann Hesse das Leben des etwa 12- bis 13jährigen Hans Giebenrath. Sie trägt unverkennbar autobiographische Züge, da Hesse 1890 im Alter von 12 Jahren von seinen Eltern nach Göppingen zur dortigen Lateinschule gebracht wurde. Hier sollte er sich auf sein Landexamen vorbereiten, welches er auch ein Jahr später bestand und daraufhin in das Seminar nach Maulborn wechselte. Als Jugendforscher bemerkte ich bei der Lektüre folgendes: Jugend galt noch vor einhundert Jahren, d.h. um die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, keineswegs als gesellschaftlich zugestandener Raum der Freiheit, in welchem man eigene, lebensphasentypische Erfahrungen sammeln konnte. In den Städten werden aber von der Pädagogik bereits die "Halbstarken" entdeckt, ein Begriff, der nach 1945 wieder zur Charakterisierung von sich im öffentlichen Raum auffällig verhaltenden Jugendlichen aufgegriffen wurde. "Halbstarke" waren junge Männer, die auf der Suche nach Arbeit vom Dorf in die Stadt gekommen waren. Ohne feste Anstellung hingen sie aber in den Städten herum und galten als Bedrohung für die Sicherheit. Gleichzeitig waren zu dieser Zeit die schulisch organisierten Bildungsphasen recht kurz. Entsprechend rudimentär waren Kindheits- und Jugendphase entwickelt. Einzig in den sogenannten besseren Kreisen existierte eine Gruppe "junger Herren", die noch am ehesten in den Genuss der Attribute kamen, die wir heute mit der Jugendphase verbinden. Höhere und längere Bildung war damit ein Privileg der Oberschicht. In den unteren Schichten hingegen galt das Prinzip des informellen Lernens. Wen es bspw. um die Frage ging, ob man Schreiber oder Schlosser werden sollte, dann fragte man einen Schulfreund um Rat bzw. beugte sich den im Verwandten- und Bekanntenkreis gegebenen Möglichkeiten. Griebenrath entscheidet sich für den Beruf des Schlossers, u.a. auch deshalb, weil Technik in der Zeit der sich stürmisch entwickelnden Industriegesellschaft für Männlichkeit und Stärke stand. Was damals für Metallberufe galt, wird heute mit Berufen in der Branche der Computertechnik assoziiert: Zukunft, Fortschritt und Wohlstand. Die Relevanz von Informationen, die von Altersgleichen (Peers) kommen, ist ebenfalls erhalten geblieben. Allerdings ist es heute bei weitem einfacher, das eigene Dorf zu verlassen, um seine beruflichen Wünsche zu erfüllen. Tabelle 1 stellt die Chancen von Jugendlichen zu drei historischen Zeitpunkten gegenüber. Ersichtlich ist, wie sich Vorgaben aufgelöst haben, Optionen gewonnen wurden und Ungleichheiten (z.B. zwischen den Geschlechtern) verschwanden. Jugend wird in der modernen Gesellschaft zur Übergangsphase, die irgendwo zwischen einer alimentierten und einer eigenständigen Existenz steht. Dieser Lebensabschnitt wird öffentlich wahrnehmbar gemacht, was wir an der Fülle der zirkulierenden Bilder ablesen können, die uns suggerieren, dass Jugendliche andere Kleidung tragen, andere Musik hören und andere Dinge tun als die Erwachsenen. Sie teilen ihren Wunsch nach Distinktion von älteren Generationen u.a. über Großveranstaltungen (z.B. Raves), Moden oder eigene Handy-Klingeltöne mit. Jugendliche kreieren damit ihre Welt und greifen auf die vielfältigen Optionen, die eine moderne Gesellschaft bietet, zurück. Sie 'stylen' ihre Fahrzeuge, eignen sich neue Gadgets (Handy, Internet) an oder fordern ihre Rechte (Bildung, Beruf, Geld) bei ihren Eltern oder staatlichen Institutionen ein. Jugendliche von heute sind technisch interessierte und sehr kommunikative Menschen. Sie kennen sich mit neuester Technik aus, sie sind innovativ, kreativ und geschickt, was in verschiedenen Namensgebungen berücksichtigt wird. So liest man z.B. von der 'Generation SMS', der 'Generation @' oder der 'Internetgeneration'. Dabei steht die Jugend für Hoffnung und Zukunft, wenn man ihre starke Verbundenheit mit der Technik betrachtet, andererseits bereitet sie auch Sorgen, so z.B. wenn die PISA-Studie auf ihre Schwächen bzgl. des schulischen Lernens hinweist. Im folgenden möchte ich diese Ausführungen zur heutigen Jugendphase noch etwas ergänzen. Daran schließt sich ein Exkurs an, der erläutert, warum Jugend und Technik in der modernen Gesellschaft so häufig zusammengebracht werden. Schließlich werde ich zeigen, inwieweit der Jugendalltag tatsächlich von Techniken durchdrungen ist und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind. Jugend heute Wodurch unterscheiden sich Jugendliche von den restlichen Mitgliedern der Gesellschaft? Was ist das ihnen Eigene, Typische? Die Jugendsoziologie greift zur Charakterisierung dieser Altersgruppe im Wesentlichen auf sechs Dimensionen zurück: (1.) In erster Linie lassen sich Jugendliche natürlich durch ihr Alter kennzeichnen. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 setzt stufenweise die Grenzen wie folgt fest: Als Kinder gelten Personen bis 14 Jahre, als Jugendliche solche zwischen 14 und 18 Jahren und als volljährige Jugendliche Personen zwischen 18 und 27 Jahren. Die gesetzliche Festlegung bestimmt damit auch über den Zeitpunkt der juristischen und politischen Mündigkeit, d.h. z.B. über den Zeitpunkt der Erlangung von Strafmündigkeit, von Fahrzeugführtauglichkeit oder von Mitentscheidungsfähigkeit (z.B. bei Wahlen). An diesen starren Regelungen entzündet sich mittlerweile Kritik, die sich u.a. auch aus Ergebnissen der empirischen Forschung speist. Fragt man bspw. junge Menschen mit 27, ob sie sich als Erwachsene sehen, so bejahen dies nur zwei Drittel. Das andere Drittel rechnet sich weiterhin den Jugendlichen zu (vgl. Achatz u.a. 2000). Dehnt sich das Jugendalter einerseits somit über das Alter von 27 Jahren hin ins Erwachsenenalter aus, dringen andererseits die Anforderungen an Erwachsene auch immer weiter ins Jugendalter ein, z.B. wenn es darum geht, die notwendigen Schritte für den Erwerb beruflicher Fähigkeiten zu ergreifen. Gleichzeitig sind kognitive Kompetenzen heute bereits im frühen Jugendalter entwickelt, die Voraussetzungen für Mündigkeit sind bei den meisten Jugendlichen schon mit 14 Jahren erfüllt. Dies alles trägt dazu bei, dass man Jugend eben nicht nur anhand des Alters festmachen darf, sondern auch andere Dimensionen berücksichtigen sollte. (2.) Jugendliche bilden im Zeitverlauf eine Generation. Im Jahre 1928 definierte der deutsche Soziologe Karl Mannheim eine Generation als Erlebnisgemeinschaft und griff dabei auf die Arbeiten von Wilhelm Dilthey zurück. Mitglieder einer Generation teilen demnach zeitgeschichtliche Erfahrungen miteinander, die Bewusstsein, Denken und Handeln formen und die besonders in der Sozialisationsphase wirken. Die Zeit der Kindheit und Jugend stellt in diesem Sinne eine formative Phase dar, in der geteilte Erlebnisse die spätere Entwicklung beeinflussen. Solche gemeinsamen Erlebnisse sind heute die technischen Informationssysteme wie Computer, Internet oder Handy.9 Für die Jugendgeneration der 50er und 60er Jahre waren es vermutlich Mopeds und Plattenspieler. Indem Jugendliche die neuesten Techniken aufgreifen, knüpfen sie Gemeinsamkeiten untereinander und bestimmen die eigene und die gesellschaftliche Zukunft. Jugend wird so zum Träger des sozialen Wandels. Statt mit einem Generationenkonflikt wie noch in den 60er Jahren haben wir es heute allerdings mit einem recht friedlichen Nebeneinander der Generationen zu tun. Die ältere Generation bewundert sogar bisweilen die digitalen Kompetenzen der Jüngeren, die sich selbst kaum um das Schicksal der Älteren kümmern. (3.) Zur Beschreibung von Jugend gehört auch die Ablösung vom Elternhaus und das Eingehen neuer Bindungen. Die Heranwachsenden verlassen die Obhut der Herkunftsfamilie und übernehmen Verantwortung für sich selbst und für einen Lebenspartner, ggf. für Kinder. Ablösung und Neubindung steht synonym für die Übergangsphase der Adoleszenz. Der Ablösungsprozess verläuft in mehreren Stufen, wobei der Gleichaltrigengruppe (Peers) eine entscheidende Rolle zufällt. Sie vermittelt zwischen Familie und Schule bzw. Arbeitsleben. Wir wissen, dass der Prozess der Ablösung vom Elternhaus heute im Vergleich zu den Gründungsjahren der Bundesrepublik verzögert stattfindet: Fast die Hälfte der 16-29jährigen lebt noch bei den Eltern. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt für Frauen bei 28, für Männern bei 30 Jahren. Vor einhundert Jahren war die Situation ähnlich, weil v.a. ärmere Menschen als Singles lebten bzw. als Onkel oder Tante weiterhin am elterlichen Hof blieben. (4.) Bereits beim ersten Kriterium, dem Alter, wurde die juristische und politische Eigenständigkeit angesprochen. Wichtig ist hier das Wahlrecht, das Recht, Verträge zu schließen oder den Führerschein zu erwerben. Damit erschließen sich den Jugendlichen neue Aktionsräume. Politische Teilhabe ist jedoch nicht streng an Altersgrenzen gebunden. Jugendliche gehören der jüngsten Gruppe in der politischen Auseinandersetzung an. Sie artikulieren ihre Interessen auch jenseits institutionalisierter Pfade, indem sie z.B. Umweltschutzorganisationen beitreten, an Demonstrationen teilnehmen oder lokale Initiativen starten. Auch die in letzter Zeit häufiger diagnostizierte Politikverdrossenheit kann als spezifische (Nicht)Beteiligungsform von Jugendlichen interpretiert werden, da sie oftmals große Sorgen bei den Politikern auslöst und zum Nachdenken anregt. (5.) Jugend ist im Sinne ihrer Übergangslage eine Zeit der Bildung und Ausbildung und damit auch der Vorbereitung auf einen Beruf, der eigenes Einkommen und Unabhängigkeit ermöglicht. Zu verzeichnen ist heute ein Trend zum längeren Verbleib in Bildungsstätten und insgesamt zu höheren Bildungsabschlüssen. So ist bspw. das durchschnittlicher Alter bei Beginn der Berufsausbildung zwischen 1970 und 1995 von 16,5 auf 19 Jahre gestiegen. Von den 15- bis 20jährigen befanden sich 1960 fünfundsiebzig Prozent in einer Lehre oder einem Ausbildungsverhältnis, waren also nicht mehr Schüler. Heute trifft dies nur noch af 30 % aus dieser Altersgruppe zu. Die Schüler- oder Studentenexistenz wird zur vorherrschenden Lebensform junger Menschen in Deutschland (Tully 2001). Etwa ein Drittel der Schulabgänger hält eine Hochschulzugangsberechtigung in der Hand, der Hauptschulabschluss wird zum Randphänomen. (6) Jugendlicher sein betrifft nun nicht nur die soziale Stellung, sondern ebenso die körperliche Veränderung. Auch hier findet ein Übergang vom Kindsein zum Erwachsenensein statt, insofern die Geschlechtsreife einsetzt und damit Umorientierungen im Hinblick auf die eigene Identitätsgebung verbunden sind. So wie bei Hesse Griebenrath, so treibt auch heute Heranwachsende die eigene, sich dramatisch verändernde Körperlichkeit um. Dies gilt auch, was oft ausgeblendet wird, unter dem Eindruck technisierter Umwelten. Jugendliche haben eine physische Präsenz und vieles in ihrem Leben dreht sich um deren Beschaffenheit bzw. Präsentation. Eine der wichtigsten Veränderungen der letzten einhundert Jahre betrifft die Vorverlagerung der Pubertät: So setzt die Menarche heute um das 12. Lebensjahr herum ein (Seiffge-Krenke 1997). Im Jahr 1840 lag das Durchschnittsalter noch bei 17 Jahren. Insoweit sind Personen, die im körperlichen Sinne bereits erwachsen sind, vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen noch immer Kinder. Es zeigt sich erneut, dass das Alter allein nicht das einzige Definitionskriterium für Jugend sein kann. Man kann deshalb schlussfolgern: Jugendliche sind zwar Personen in einem bestimmten Alter (zwischen 10 und 30 Jahren). Sie praktizieren aber darüber hinaus eigene Lebensstile, die sich in Einstellungen und Verhaltensweisen von anderen Generationen unterscheiden. Ihr Lebensunterhalt ist in der Regel alimentiert, weil sie sich zum Großteil noch in Bildungsinstitutionen aufhalten. Die Lebensphase Jugend endet, wenn eigene, dauerhafte Lebensgemeinschaften etabliert werden und eigenverantwortliche Teilhabe am Gesellschaftssystem möglich ist. Die Rede von 'der Jugend' greift trotzdem ins Leere, weil es eine einzige Jugend nicht gibt, sondern verschiede Lebensstile gepflegt werden. Dies liegt nicht unwesentlich an immer noch bestehenden sozialen Ungleichheiten z.B. zwischen Männern und Frauen, Land- und Stadtbewohnern, Reicheren und Ärmern, die die Chancen der Jugendlichen erheblich vorstrukturieren. Jugend, Technik und Gesellschaft Was haben diese drei Begriffe gemeinsam bzw. welche Denkfigur vermag es, sie zu verbinden? Technik, so die Idee, steht für Zukunft und für noch nicht vollständig ausgeschöpfte Anwendungsmöglichkeiten. Die ihr oftmals zugeschriebene Potentialität teilt sie mit der Jugend als künftig herrschender Generation. Vermutlich ist dies auch der Grund dafür, dass sich Umfragen immer wieder dem Verhältnis der jungen Menschen zur Technik zuwenden. Technik steht für Fortschritt und Jugend für Zukunft – beides zusammen, so die Hoffnung, trägt Garantie für eine allen Herausforderungen gewappnete Gesellschaft. Bereits Auguste Comte (1798-1857), französischer Philosoph und Soziologe, spekulierte vor gut eineinhalb Jahrhunderten über die Entwicklungsdynamik von Gesellschaften. Innovationen, so seine Vermutung, werden hauptsächlich von den Jüngeren aufgegriffen. Fortschritt ist für ihn dann das Produkt sozialer und technischer Neuerungen, die zunächst von jüngeren Altersgruppen getragen werden. Ein rascher Generationenwechsel würde, so die Empfehlung Comtes, die soziale Entwicklung positiv beeinflussen. Dieses Bild scheint auch heute noch zu stimmen: Jugendliche sind Trendsetter. Dies gilt für Mode nicht weniger als für Technik. Jugendliche beherrschen den fachkundigen Umgang mit neuen Geräten als erste und erschließen dabei neue Anwendungsgebiete.10 Die Erfahrungen der Jugendlichen werden in erster Linie durch die Vielzahl der elektronischen Gadgets geformt. Die technischen Umwelten werden als gegeben hingenommen, die zudem einen wichtigen Beitrag bei der Bewältigung der Aufgaben des Jugendalters leisten können. Technik erweist sich als nützlich, egal ob es ums Kommunizieren, Musik hören, Filme downloaden oder die eigene Mobilität planen geht. Die Beherrschung der Technik sichert weiterhin im Kreis der Freunde und in der Erwachsenenwelt Reputation. Und für den Rest der Gesellschaft ist diese Technikverbundenheit ohnehin Garant für fortschreitende Modernisierung. Ausgewählte Befunde zur Technik im Jugendalltag Verschiedene Umfragen zu Jugend und Technik sind u.a. zu folgenden Ergebnissen bzgl. der reinen Verfügbarkeit über Artefakte gekommen:
In einer am Deutschen Jugendinstitut in München durchgeführten Befragung zum Stellenwert von Informationstechnologien äußert sich ein Mädchen wie folgt: "Ich hab zwei Telefone und ein Handy [...] So kann ich mit zwei Leuten gleichzeitig telefonieren und mit'm Handy mit drei." Es lohnt sich hier nachzurechnen und die Anzahl der Telefonapparate mit der Anzahl an Ohren zu vergleichen. Das Mädchen denkt hier sicher nicht an eine Konferenzschaltung. Sie weist lediglich auf die gewachsenen Möglichkeiten der Kommunikation und die Notwendigkeit kommunikativer Einbindung hin. Wer nicht telefonieren kann, gehört nicht dazu. Und da hat man zur Vorsicht lieber einen Apparat zuviel. Ähnliches indiziert ein anderes Interview: "Ohne Handy könnte ich ja nicht ausgehen, ich wäre ja nicht erreichbar", sagt ein 17jähriger Junge, der weiterhin von einem Mädchen berichtet, das in den Ferien bis zu sechs Stunden telefoniert und aufgrund vieler SMS-Nachrichten höchste Wertschätzung in ihrer Freundesgruppe besitzt. Nur mit ihr könne man sich nie verabreden, klagt der Junge, "weil die ja immer telefoniere". Nun sagt die Anzahl der Apparate noch nichts über die Nutzung und die Bedienungskompetenz aus. Hierzu noch weitere Befunde:
Es lässt sich darüber hinaus zeigen, dass sich die Lebenswelten von Jungen und Mädchen bezüglich der Ausstattung mit und der Nutzung von digitalen Apparaten im Großen und Ganzen nicht unterscheiden. Junge Frauen und Männer leben gleichermaßen in vernetzten und verkabelten Welten. Neben den funktionelle Eigenschaften der Techniken geht es beiden Geschlechtern auch darum, den Symbolwert der Artefakte auszunutzen, die sich z.B. zur Darstellung eines bestimmten Lebensstils oder einer Gruppenzugehörigkeit 'entfremden' lassen. Symbolizität, Ästhetik und Spaß spielen für Jugendliche eine große Rolle beim Einsatz von Techniken. Deshalb soll es an dieser Stelle auch nicht darum gehen, die einzelnen Anwendungsbereiche von Internet, Handy oder Computer zu erläutern. Viel wichtiger ist, auf die hintergründige Präsenz von Technik bei den vielen alltäglichen Handlungen aufmerksam zu machen. Der Gebrauch der Gadgets sozialisiert und wirkt dauerhaft formend, was im Hinblick auf zwei Beispiele illustriert werden kann: Einerseits verändert sich das Verabredungsverhalten. Ein Zitat aus der eigenen Forschungsarbeit mag dies verdeutlichen: "Das Problem beim Handy ist aber schon, dass ich, weil ich keins habe, auch viele Sachen verpasse. Weil 90% meiner Freunde ein Handy haben, und bei denen läuft alles über SMS ab, und da werd ich schon mal leicht unabsichtlich vergessen." In anderen Interviews kam zusätzlich zum Ausdruck, dass Verabredungen nun viel flexibler und unverbindlicher gehandhabt werden können: "Da geht man jetzt bei jungen Leuten dazu über, wenn man am Wochenende irgendwo hinfahren möchte, zu einer Disco usw., man macht das nicht vorher aus, wie man das beim Festnetz-Telefon gemacht hat, sondern da heißt es, wir fahren dann los und während dem Fahren machen wir das per Handy aus." Ein zweites Beispiel betrifft die Form der Aneignung, welche sich möglicherweise auf andere Bereiche generalisiert. Moderne Technik kann aufgrund der Vielfalt der Anwendungsoptionen meist nur spielerisch erkundet werden. Wenn ein Computer mehre Nutzungsmöglichkeiten offen lässt, z.B. Texte schreiben oder Musik machen, dann muss der Nutzer selbst über Sinn und Unsinn einer Anwendung entsprechend den eigenen Präferenzen entscheiden. Er greift dann je nach Wunsch und Situation auf eine bestimmte Option zurück, die er vorher durch spielerische Nutzung kennen- gelernt hat. Diese Form des Umgangs mit moderner Technik nenne ich "informelle Kontextualisierung" (Tully 2000). Möglicherweise ist diese Art der Auseinandersetzung mit der Welt auch mit anderen Lebensbereichen kompatibel, bspw. der Organisation des Privatlebens. Erkundung, Neugier, Spiel und Kontextualisierung umschreiben die Lebensart der heutigen Jugendgeneration. Der Umgang mit neuer Technik ist aus diesem Grund auch nur bedingt formalisierbar und im Rahmen schulischer Curricula vermittelbar. Lehrer dienen höchstens als Moderatoren, die die individuelle Aneignung begleiten und professionell unterstützen. Der soziale Alltag der Jugendlichen wird aber auch in anderer Hinsicht verändert:
Mit der Allgegenwart der technischen Artefakte sind somit auch Gefahren verbunden. Jugendliche telefonieren, surfen oder spielen am Computer dann, wenn ihnen langweilig ist. Sie suchen Zerstreuung in einer virtuellen Welt, die einfach und angenehm erscheint. Soziale Komplexität wird so ausgeblendet. Was nicht gefällt, wird weggezappt. Die Jugendlichen erleben möglicherweise eine gravierende Diskrepanz zwischen dem Leitbild des easy-goings der Hard- und Software und dem realen Alltag. Die Apparate versprechen Spaß und Annehmlichkeit. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus: Digitale Fertigkeiten garantieren noch keine soziale Einbettung, sondern helfen höchstens, die Exklusion zu vermeiden – ganz so wie das Handy für Kommunikation wichtig ist, ohne sie zu garantieren. Auf die Gefahren und den Umgang mit ihnen möchte ich deshalb in einer abschließenden persönlichen Einschätzung vertieft eingehen. Schluss Technik hebt vertraute Bezüge auf, sie dekontextualisiert anstatt zu verorten. Die wachsende Unverbindlichkeit der Kommunikation ist hierfür symptomatisch. "Wir telefonieren dann noch mal" ist stehender Ausdruck dafür, das die Optionalität die Verlässlichkeit verdrängt. Die Probleme der Jugendlichen, die durch die technischen Apparate in die Welt gesetzt wurden, lassen sich niemals technisch, sondern immer nur sozial lösen. Was ist also notwendig? Jugendliche sind heute ebenso wie früher auf professionelle Supervision und Unterstützung angewiesen. Mit der Zunahme der Spielräume, die die Freizeit- und Zerstreuungsindustrie schaffen, schwinden die aktiv gestalteten Räume authentischer Selbstentfaltung. Eine entsprechende Sensibilität dafür, was Artefakt, was Soziales ist, wird unter diesen Bedingungen nicht ausgebildet. Die Verwechslung technischer und sozialer Standards ist unvermeidlich. Ebenso leben die Jugendlichen mit den Widersprüchen medialer Versprechungen und realer Anforderungen. Die Soap-Operas der Vorabendprogramme stehen im Kontrast zur eigenen Situation, Selbstzweifel und Verunsicherung gehören zum Aufwachsen. Deswegen gilt es, Jugendliche bei der Entwicklung eines realistischen Gesellschaftsbezugs zu helfen. Zur Verortung in der realen Welt, für den Entwurf von Ideen, zur Mitteilung von Emotionen und Empfindungen dürften m.E. Geschichten wie von Giebenrath wichtig sein. Diese regen die eigene Phantasie an, machen uns Schicksale verständlich, Leben verständlich. Ich denke, wenn wir über Jugend sprechen, dann müssen wir hinschaun, hinhören und uns fragen, was Sache ist und was dahinter steckt. Dieses Anliegen, so denke ich, teilt die Jugendsoziologie mit Hermann Hesse, der Freiraum fürs Aufwachsen anmahnt. Heute kann Jugend über relativ große Freiräume verfügen, die über Jugendkultur, eigene technische Objekte oder eigene Konsumgewohnheiten abgesteckt sind. Diese Freiräume können aber auch überfordern. Das Leben in der Multioptionsgesellschaft bedeutet, sich ständig entscheiden zu müssen, größere Eigenverantwortung ist angesagt. Jugendliche müssen lernen, in einer sozial akzeptablen Weise mit diesen Optionen umzugehen. Jugend muss sich in der von ihr vorgefundenen Welt zurecht finden. Dies unterscheidet sie aber nicht von vorangegangenen Generationen, die ihre Probleme gelöst haben. Ich denke, auch die heutige Jugend wird mit der notwendigen Unterstützung ihre Herausforderungen bestehen. Ist die Zukunft wurzellos? (Podiumsgespräch) Im Werk H. H. spielt das Gegensätzliche die Hauptrolle. Es scheint auch in der modernen Gesellschaft von heute so zu sein. Gegensätze überwiegen und das Auseinander-Triften ist die wichtigere Erfahrung als das Gegenteil: das Finden von Wurzeln und Ankerpunkten. Spannend aber war, dass in allen Berlin Gesprächen die Frage von Ankern in der schnellen Zeit besonders in den Diskussionen aufkam. Herkunftsgebundenheit sozialer Prozesse oder ständig zunehmende Atomisierung? (Hondrich) Heimatsuche gerade durch Mobilität im Kontrastraum, den man regelmässig aufsucht? (Dienel) Möglichst lange im Reich der Möglichkeiten, das heisst jugendlich bleiben? (Tully) Daher ist die Schlagzeile unserer Diskussion "Ist die Zukunft wurzellos?" passend. Wir haben das Thema im Raum Explodieren – Sich-Finden akustisch installiert.
Sie hören es in der Ausstellung WeltFlechtWerk: zwei Melodien, Prinzipien, bekämpfen sich gleichzeitig (literarische Tradition). Eine Quintessenz der Referate besteht in Gleichzeitigkeit von gegensätzlichen Tendenzen:
Zuerst persönlich: Nun als Experte:
Gewinnt in Zukunft die Freisetzung und individuelle Freiheit der Wahl zunehmend über Herkunftsbindungen? Wo liegen in Zukunft die wichtigsten Ankerplätze:
Schlussfrage: Zürich, August 2002 1 Zitiert nach: Volker Michels: "Möglichst weit weg von Berlin!" Hermann Hesse am Bodensee. In: HHP 25.6.1999. 2 Ulrich Linse: Zurück, O Mensch, zur Mutter Erde. Landkommunen in Deutschland 1890-1933. München 1983. 3 Hans-Liudger Dienel: Herrschaft über die Natur. Naturvorstellungen deutscher Ingenieure 1871-1914. Stuttgart 1992; Ders.: Homo Faber, oder: der technische Weg zur Natur. In: W. Nachtigall u. C. Schönbeck (Hg.): Technik und Natur. Düsseldorf 1994 (= Technik und Kultur, Band 6), 13-84; Herrschaft über die Natur? Naturvorstellungen deutscher Ingenieure im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Lothar Schäfer und Elisabeth Ströker (Hg.): Naturauffassungen in Philosophie, Wissenschaft, Technik. Band 3. Aufklärung und späte Neuzeit. Freiburg/München 1995, 121-149. 4 zietiert nach: Volker Michels: "Möglichst weit weg von Berlin!" Hermann Hesse am Bodensee. In: HHP 25.6.1999. 5 Raumpartnerschaften verbinden Kontrasträume. Zwischenbericht. Berlin 2001. www.raumpartnerschaften.de 6 Rainer Schönhammer: Psychologie der Gestaltung von Transportmitteln für den öffentlichen Nahverkehr. In: Report Psychologie 23(1998), 130-138. Beate Greger-Horstkötter&Sühelyla Kabil: Angstlust. Das Leben ein "thrill". Wer lebt dieses Motto? Eine Untersuchung am Beispiel von Fallschirmspringern. Diplomarbeit Berlin 2001. 7 Gerhard Drexel: Das Ländle in Berlin. Badisches und Schwäbisches in der Hauptstadt. Berlin 2001. 8 Dienel, Hans-Liudger, Cornelia Foerster, Beate Hentschel, Carten Zorn und Christine von Blanckenburg (Hg.): Technik, Freundin des Alters. Vergangenheit und Zukunft später Freiheiten. Stuttgart 1999 9 Kürzlich sagte mir eine Studentin im Seminar, dass auch z.B. IKEA Bestandteil der kollektiven Erfahrungen von Jugendlichen heute ist. Denn egal bei welchen Freunden man sich gerade einfindet, es sieht doch überall recht ähnlich aus. 10 Hier sein nur an die Erfolgsgeschichte der Handy-Kurzmitteilungen (SMS) erinnert. Diese wurden entwickelt, damit Geschäftsleute auch dann erreichbar sind, wenn sie sich in Funklöchern befinden. Akzeptanz und Nutzung hat der SMS-Service aber vor allem bei Jugendlichen erfahren.
Anhang Tabelle 1: Optionen der Lebensplanung für Jugendliche im Zeitvergleich (Quelle: Fend 2001, S. 157) 1800
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