Im Zeichen eines Versuchs.
     Zur kosmopolitischen Religiosität Hesses
Calw 30. 08. 2002

 
 

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Wer für einige Wochen täglich Hesse liest, den überkommt ein seltsam wohliges Gefühl: eine Stimmung des Einsseins mit der Welt, eine getröstete Melancholie, eine Heiterkeit, welche die Wehmut nicht verleugnet, ein Wahrheitspathos, das nichts und niemanden zerstört, aber sich auch nicht belügt.
Da begegnet einem ein Mensch mit einer hochentwickelten Toleranz und einem Wahrheitsethos, das die Wahrheitssuche der je anderen anerkennt, der dem Weltgeheimnis als ein Staunender und Ehrfurchtsvoller gegenübersteht. Zugleich ist Hesse in unserem "feuilletonistischen Zeitalter" kein Postmoderner, dem alles gleich-gültig wäre. Sicher würde er den heutigen selbstverachtetenden Weltverächtern oder den weltverachtenden Selbstverächtern als eines jener zum Abschuss freigegebenen Exemplare des "Gutmenschen" gelten - ausgesprochenes Urteil von Menschen, die nicht wahrnehmen wollen oder nicht mehr wahrnehmen können, was sie da zu lesen bekommen, nichts verstehen, aber über allem stehen wollen, die über alles und alle eine gute – meist eine abschätzige - Formulierung, aber keine eigene Meinung haben, schon gar nicht eine Entscheidung. Lediglich den jeweiligen, fast täglich wechselnden Trend möchten sie sich einverleiben. Nahezu alles bringen sie unter Ideologieverdacht, was nur nach klarer Position oder gar nach einer "Humanitätsutopie" aussieht. Hesse fordert zu eigener Position heraus, aber er schreibt keine vor.

Hermann Hesse hat ganz anders als Gottfried Benn die Einsamkeit durchdekliniert und die Vergänglichkeit auch. Er weiß allem etwas Tröstliches abzugewinnen, weil er etwas Heiles in aller Zerrissenheit spürt, weiß, glaubt, hofft. Und er wusste und durchlitt von Anfang bis Ende seines Lebens, dass wahrhaftige Erkenntnis immer die Sache von wenigen ist und dass vor allem der richtige Zeitpunkt von wenigen erfasst und gewagt wird, an dem eine Wahrheit auszusprechen ist. Er gehörte zu den wenigen Deutschen, die sich dem national-chauvinistischen Rausch der August-Tage 1914 nicht anschlossen, der später den inneren Zusammenhang von 1914 und 1933/1939 erkannte, der jene innere Zerstörung der ersten deutschen Demokratie beklagte und der alle Versuche der Rechtfertigung nach 1918 und nach 1945 in aller Klarheit, aber ohne eine linke Bissigkeit durchschaute und formulierte.
Wie großartig sein Brief an Luise Rinser 1946, als Sammelbriefantwort an Tausende Briefschreiber, die sich ihm nach 1945 an die Brust warfen.

Nie hat er das Christliche geleugnet. Immer hat er die Enge des Konfessionellen beklagt. Stets hat er das Eine in dem Vielen gesucht und gefunden. Gott ist größer als all unser Erkennen und Aussprechen. Das Geheimnis der Welt sucht (und findet!) er in allen Kulturen Ausdrucksformen; ihm nahe zu kommen, hat er sich den Wahrheiten der anderen nicht nur nicht verschlossen, sondern produktiv geöffnet, ohne damit zu einer Patchwork-Religion zu kommen, die alles mit allem zusammennäht und das als Kunstwerk des Geistes auslegen würde.

Wenn man es in den Kategorien der christlichen Theologie ausdrücken wollte, so war Hesse ein Theologe des ersten Artikels, der Gott, dem Schöpfer, staunend, ehrfürchtig, begeistert "die Ehre zu geben" suchte. Er ist der Dichter der Tages- und Jahreszeiten, der Bäume und Büsche, der Blumen und Felder – nirgendwann bemüht, einer literarischen Mode zu folgen, recht "traditionell", freilich, freilich, wenn man bedenkt, welche andere Formensprache zeitgleich die Lyrik bei einem Georg Trakl oder Georg Heym angenommen hatte.
Hesse wagte es wohl als letzter deutscher Dichter (auf eine überzeugende Weise) in den meisten seiner vielen Gedichte mit dem Reim.
Und was ihm kaum jemand zutraut, wer seine schwergewichtigen Romane liest (die mir in einer eigentümlichen Weise fremd bleiben), entdeckt den humorvollen, ironischen und selbstironischen Hesse.

Hesse ist kein Phantast. Er weiß, dass die Entwicklung vom Gorilla zum Kulturwesen lang und langsam ihren Weg geht. Der Mensch ist und bleibt ein gefährdetes Wesen, bei dem immer wieder "zähnefletschende Atavismen zu Tage treten." Und alles scheinbar für immer Erreichte wird wieder und wieder hinfällig. (Wer mag da nicht an das denken, was am 11. September und danach mit unserer westlichen "Wertewelt" geschehen ist, die sich nach der Überwindung des Kommunismus gar am "Ende der Geschichte" wähnte.)
Hesses Prinzip könnte man so umschreiben: in dubio pro spe, im Zweifel für die Hoffnung, dass es Fortschritte für die Menschheit gibt. Da setzt Hesse immer auf die Einzelnen, auf Laotse, Jesus, Franz von Assisi, auf Goethe, Mozart und Dostojewski. Immer ist es nur "eine Minderheit von Wohlmeinenden", von "Gläubigen der Zukunft". (Band 6, 208 ff)
Immer wieder gab es in der Gehorsamswelt Menschen, die sich standhaft der Pflicht zum Morden im Dienste ihrer jeweiligen Vaterländer oder Ideen verweigert haben, die sich dem Hass nicht anschlossen, die sich haben dafür quälen und einsperren lassen.
Hesse resümiert im Jahre 1919: "Um diese Menschen und Taten schätzen zu können, um den Zweifel an der Entwicklung des Tieres zum Menschen zu überwinden, muss man im Glauben leben. Man muss Gedanken ebenso hoch werten können wie Flintenkugeln oder Geldstücke. Man muss Möglichkeiten lieben und in sich pflegen können, man muss in sich selbst Zukunftsahnung und Entwicklungsräume spüren und träumen können." Das trifft genau das, was der Hebräerbrief mit den Worten ausdrückt: "Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, was man nicht sieht."

In seinen Gedichten reflektiert er unablässig die Möglichkeit des Menschen zum Guten und zum Bösen, über das Tierische und das Göttliche in ihm. Er setzt auf die positiven Möglichkeiten, ohne die negativen zu verleugnen.
Hesse kann ungewohnt scharf werden, wenn er diejenigen noch Gorillas nennt, die einen weiten Weg zum Menschen hin vor sich haben, die "Menschheitsgedanken für Humanitätsduselei, Zukunftsforderungen für Literatur, Menschheitserwägung für Geschwätz" halten.
(Band 6, S. 209)

Freilich geht für Hesse Religion nicht in Moral auf. Und eine Ethik, die nicht in einem Menschenbild wurzelt, wird beinahe zwangsläufig zur abstrakten oder bigotten Moral.
Hermann Hesse war zeitlebens weit davon entfernt, das Christliche absolut zu setzen, so zeigt er zugleich keine Scheu, es in sein Denken und in seine Literatur wie selbstverständlich zu integrieren.
Tief eingepflanzt hat sich ihm das Tötungsverbot, radikalisiert in der Bergpredigt. Es geht nicht nur um den Tod in den dummen Schlachten, in den dummen Straßenschießereien der Revolution oder den dummen Hinrichtungen, sondern auch darum, wie viel wir im Menschen töten, wo wir das Leben nicht anerkennen; jede Härte, jede Gleichgültigkeit, jede Verachtung ist nichts anderes als töten! Überall, wo die Zukunftshoffnung (besonders in jungen Menschen) zertreten wird, wird getötet. "Wir töten auf Schritt und Tritt." (Band 6, S. 211)
Und denen gegenüber sind die Geistigen, die Dichter, die Seher, die Narren und Zukunftsmänner diejenigen, die Hoffnungsbäume pflanzen und dabei wissen, dass viele der Träume sich als Irrtümer, als Irrwege und als fehlgeschlagene Versuche erweisen können. Und sie halten dennoch daran fest - im Vertrauen darauf, dass der Same ihrer Ideen aufgehen wird. Dies ist nicht nur eine Sache von herausgehobenen Menschen, sondern die Aufgabe jedes Menschen in seinem Leben, Tag für Tag, Schritt für Schritt weiterzukommen auf dem Wege vom Tier zum Menschen.
In seltener Klarsicht formuliert er, als im nationalistischen Rausche die europäischen Völker begannen, aufeinander zu schlagen, mit der berühmten Übergangszeile aus der 9. Sinfonie Beethovens "O Freunde, nicht diese Töne!" (1914): Wie die Völker sich einander ihre Kultur abzusprechen anfangen und sie zu feindlicher Kultur erklären, wie einzelne Künstler und Gelehrte den Krieg in ihre Studierzimmer tragen und am Schreibtisch blutige Schlachtgesänge verfassen und damit den Hass zwischen den Völkern nur noch nähren, während andere – praktisch wirkungslos – mit Protesten dem entgegentreten. Darin aber sieht Hesse die Aufgabe der Dichter und Künstler: nicht das Schlimme zu verschlimmern, das Hässliche und Beweinenswerte zu vermehren, sondern mitten im Krieg daran festzuhalten, dass die Überwindung des Krieges "nach wie vor unser edelstes Ziel und die letzte Konsequenz abendländisch christlicher Gesittung" ist. (Band 6, S. 196)
"Friede auf Erden!", die Freundschaft unter den Menschen bleibe höchstes Ideal. Und gerade dieser unselige Weltkrieg müsse es uns tiefer einbrennen, als wir je gefühlt hätten, dass "Liebe höher sei als Hass, Verständnis höher als Zorn, Friede edler als Krieg". (Band 6, S. 197)
Und in diesem Sinne sei Goethe ein schlechter Patriot. Er hatte 1813 keine Nationallieder gedichtet; ihm sei die Freude am Deutschtum nicht das Höchste gewesen, höher ging ihm die Freude am Menschentum. Und genau daran, an jener friedvollen Internationalität mitten in nationalen Kriegen, hält Hesse fest.
Jeder Mensch hat die Fähigkeit und die Pflicht, rechtzeitig zu erkennen, worauf es ankommt, wenn man mit der Fortentwicklung seiner Individualität zugleich dem Menschentum dienen will. Nicht ohne Zorn geht er deshalb auf den ehrwürdigen, greisen Geistlichen aus Deutschland ein, der ihm nach Ende des Zweiten Weltkrieges schreibt, dass Hesse als Deutscher und als Christ Wort für Wort beistimmen könne, seine Betrachtungen aus dem Ersten Weltkrieg lesend. Ehrlicherweise müsse dieser Herr auch sagen: Wären ihm diese Schriften, als sie aktuell waren, vor Augen gekommen, so hätte er sie wahrscheinlich in jener Zeit entrüstet weggelegt. Damals war er wohl auch wie jeder "anständige Deutsche" ein strammer Patriot und Nationalist gewesen. (Band 5, S. 429)
(Durch nichts wird mehr deutlich, dass Hesses Religiosität nicht auf Innerlichkeit und Pflege der Seele für innerstes Gleichgewicht zu reduzieren ist, sondern auf äußerste Klarheit und politische Relevanz aus ist.)

Freilich ist kaum zu ermessen, wie viele Menschen Hesse als eine Art "Institution der Überlebenshilfe" gestärkt hat, zu sich selbst zu finden, selbstbestimmte Individuen zu werden. So schreibt er bereits 1932 einem jungen Mann, der danach fragt, ob er das Recht hätte, sich um sich selber zu kümmern, statt um das Gemeinwohl und um das Vaterland: "Ihre Pflicht ist, ein Mensch zu werden, ein so brauchbarer, guter, seiner Fähigkeiten sicherer Mensch wie nur möglich. Ihre Pflicht ist, eine Persönlichkeit und ein Charakter zu werden, nichts anderes." (Band 6, S. 425)
In vielen Variationen wiederholt er, dass jeder Mensch die ihm gegebenen Gaben mit der Einmaligkeit seiner Person auszugestalten habe. Jeder Mensch hat eine ihm zukommende Bestimmung, die er in sich finden und als ein Mitmensch nach außen leben soll. "Sagen Sie Ja zum Besten und Stärksten in Ihnen!", schreibt er im Oktober 1953 an Zwantje Ehrentreich. "Eine Persönlichkeit, ein einmaliger, eigener Mensch zu werden ist nicht jedem bestimmt, der Weg dahin hat Gefahren und bringt Schmerzen, er bringt aber auch Glück und Tröstungen, welche die anderen nicht kennen." (Band 6, S. 471)
Hesse weiß etwas vom Kairos, von dem unvergleichlichen Moment, in dem jeder steht und den er zu bestehen hat. "Denn jeden von uns tritt das Leben in der Gestalt seiner Zeit an, jeder von uns steht vor Aufgaben und Problemen, die einmalig und vergänglich sind, für uns aber das ganze Leben bedeuten." (Band 6, S. 393)
Dabei habe jeder Mensch das ihm Zugewiesene auf seiner Stufe zu tun. Wenn er das Mitgegebene lebt und auslebt, hat er alles richtig getan; so wird er gerechtfertigt, nicht wegen der Menge und Höhe seiner Leistungen, sondern um des Auslebens seiner Möglichkeiten, seiner Gaben. Das ist die Hessesche Auslegung der protestantischen Rechtfertigungstheologie. Und dies zieht Hesse ganz auf sich und seine schriftstellerische Vision. "Meine Dichtungen sind alle ohne Absichten, ohne Tendenzen entstanden. Wenn ich aber nachträglich nach einem gemeinsamen Sinn in ihnen suche, so finde ich allerdings einen solchen: vom bis zum 'Steppenwolf' und 'Josef Knecht' können sie alle als eine Verteidigung (zuweilen auch als Notschrei) der Persönlichkeit, des Individuums gedeutet werden. Der einzelne, einmalige Mensch mit seinen Erbschaften und Möglichkeiten, seinen Gaben und Neigungen ist ein zartes, gebrechliches Ding, er kann wohl einen Anwalt brauchen." (Band 6, S. 474)
Einen Anwalt des Individuums, der Seele, des Gewissens. (Band 6, S. 475)

Und als einen solchen Anwalt empfindet sich Hesse gegen die mächtigen Institutionen, die den Einzelnen zu verschlucken drohen, ob nun Kirchen, Staaten, Kollektive, Ideologien, Kommunisten oder Faschisten. Um die Behauptung des Individuums geht es ihm, um Stärkung des Individuums gegen die Ansprüche der Institutionen, ihn in Gehorsamsleistungen zu zwingen. Daher auch seine große Skepsis gegenüber der deutsch-protestantischen Theologie, die an der Universität viel von "Freiheit", "Persönlichkeit", "Dynamik" etc. etc. redet und nachher - in der Praxis - aus dem Pfarrer und der Kirche ein liebedienerisches Werkzeug für den Staat, für den Kapitalismus, den Krieg etc. macht. (vgl. Band 6, S. 430 f)

Überhaupt sieht er die Deutschen eher als "geborene Diener und Soldaten". (Band 6, S. 430) Ganz in diesem Sinne ist auch sein Gedicht "Absage" zu verstehen, bereits 1931 geschrieben – als Antwort auf Anfragen, warum er sich nicht auf die Seite der Kommunisten stelle.

Auch Eure Führer sind Generäle,
Kommandieren, schreien und organisieren.
Wir aber, wir hassen das,
wir trinken den Fusel nicht mehr.
Wir wollen Herz und Vernunft nicht verlieren.
Nicht unter roten noch weißen Fahnen marschieren.
Lieber wollen wir einsam als "Träumer" verderben
Oder unter Euren blutigen Bruderhänden sterben
Als irgend ein Partei- und Machtglück genießen
Und im Namen der Menschheit auf unsre Brüder schießen!
(Gesammelte Gedichte, S. 778)

Zurück zu Hesses Verständnis von Gnade und Gnadengabe. Er schreibt 1949 an einen jungen Künstler: "Es kommt einzig darauf an, dass jedem von uns ein Erbe und eine Aufgabe mitgegeben ist, ... Eigenschaften, gute und böse, angenehme und schwierige, Talente und Mängel, und all dies zusammen ist Er, und dies einmalige, das in deinem Fall J.K. heißt, hat er zu verwalten und zu Ende zu leben, reif werden zu lassen und schließlich mehr oder weniger vollkommen zurückzugeben." (Band 6, S. 451)
Es kommt nicht auf die allgemeine Höhe der Leistung an, sondern "eben darauf, dass er sein Wesen, das ihm Mitgegebene, so völlig und rein wie möglich in seinem Leben und Tun zur Darstellung bringe." (Band 6, S. 452)
Für Hesse sind es nicht die Mächtigen und die Machtmenschen, die ihm imponieren, sondern Buddha, Lao-tse, Jesus, Franz von Assisi. Einem jungen Mann, der so etwas wie Anlehnung und einen Führer sucht, empfiehlt er gerade die Menschen, die zart und schwach sind, die trotz Krankheit und Schwäche prachtvoll mit dem Leben fertig werden und empfiehlt ihm sein eigenes und kein Dutzend-Leben zu führen.
Wo wagt das heute noch jemand wie Hesse, der im Winter 1930 einem jungen Mann darstellt, was der Glaube ist, der ihn bestimmt.

"Ich glaube, dass trotz des offensichtlichen Unsinns das Leben dennoch einen Sinn hat, ich ergebe mich darein, diesen letzten Sinn mit dem Verstand nicht erfassen zu können, bin aber bereit, ihm zu dienen, auch wenn ich mich dabei opfern muss. Die Stimme dieses Sinnes höre ich in mir selbst, in den Augenblicken, wo ich wirklich ganz und lebendig und wach bin. Was in diesen Augenblicken das Leben von mir verlangt, will ich versuchen zu verwirklichen, auch wenn es gegen die üblichen Moden und Gesetze geht.
Diesen Glauben kann man nicht befehlen und sich nicht zu ihm zwingen. Man kann ihn nur erleben. So wie der Christ die 'Gnade' nicht verdienen, erzwingen oder erlisten, sondern nur gläubig erleben kann."
(Band 6, S. 407)

Die Relativität des Glaubensausdrucks des Einzelnen ist biografisch bestimmt, lässt sich nicht an objektivierenden Kriterien messen. Für Hesse ist es allerdings keine Ausflucht vor der Wahrheitsfrage, sondern die Vorsicht, die eigene Erkenntnis zur Wahrheit im Ganzen zu erklären. Er selber halte die indische Weisheit nicht für besser als die christliche, aber er empfände sie eben als ein wenig spiritueller, ein wenig toleranter, etwas weiter und freier. Zugleich sieht er, dass der Inder Sundar Singh es genau umgekehrt erlebt hat, der durch den Liebesgedanken Jesu überwältigt worden war und sein Indertum als einengend empfunden hatte. (vgl. Band 6, S. 393)
Hesse betont, dass er wisse, dass es natürlich nur einen Gott, eine Wahrheit gebe; aber jedes Volk, jede Zeit und jeder Einzelne nimmt diese Wahrheit auf die je eigene Art auf, und so entstehen immer neue Formen. Er selber halte einige Sprüche des Neuen Testaments für das Wahrste, Konzentrierteste, Lebendigste, was auf Erden erkannt und gesagt worden ist. Und erst über den Umweg des indischen und chinesischen Denkens hätte er seine Aversionen gegen das spezielle Christliche wieder verloren, was ihm durch die Zänkerei der Theologie und die Langweile und gähnende Öde der Kirche zerstört worden war. Auf Distanz geht er zur christlichen Anmaßung der Monopolisierung Gottes und dem spezifischen Alleinrechthabenwollen, das schon mit Paulus begönne. (vgl. Band 6, S. 389 ff)

Aber in allem ist es ihm sehr ernst mit dem, was er schreibt, sogar "heiliger und intensiver Ernst". Obwohl er seine Glaubenserkenntnisse offen ausbreitet, bleiben sie ihm doch etwas sehr Intimes. (In vielen seiner Briefe bittet er ausdrücklich die Empfänger seiner Antwortbriefe, diese Antwort ganz für sich persönlich zu behalten und sie nicht weiter auszubreiten. Das ist vergleichbar mit dem besonders bei Markus zu findenden jesuanischen Schweigegebot!)

Ich persönlich habe den nächsten Zugang zu Hesse durch seine Gedichte. Ich empfinde seine Romane als artifiziell; auf mich wird die Spannung nicht übertragen, die andere darin finden. Seine Gedichte aber üben einen langanhaltenden Zauber aus – obgleich ich dann zwischendurch, zur Erfrischung des Geistes, Brecht und Benn lesen muss.
So hat es mich auf eine wunderbare Weise überrascht und erfreut, dass Hesse selbst seine Verse das Liebste sind, "und wenn das dumme Publikum auch meinen Romanen mehr nachläuft, ist mir jedes gute Gedicht doch viel lieber als drei Romane." Genauso geht es mir.
Seine Lyrik ist ihm die Spiegelung der Welt im vereinzelten Ich, Antwort des Ich auf die Welt, ist Klage, Besinnung und Spiel einer ganz und gar bewusst gewordenen Vereinsamung. (Gesammelte Gedichte, S. 795)

Seine Verse sind für ihn "Tanzschritte der Seele, Wunschbilder und Zauberformeln". Aber mit einer Heilkraft zunächst für den, der sie schreibt. Denn sie "machen den Schmerz flüssig". Hesse weiß doch zu genau, dass das bedruckte Papier etwas Äußerliches bleiben kann. Und dass Bücher erst dann ihr Ziel erreicht haben, wenn sie inwendig aufgenommen werden.

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond.
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt -
Denn nun ist sie dein.
(Die Gedichte, S. 434)

Genau auf diese Weise hat Hesse die Worte des Neuen Testaments in sich aufgenommen, bis in ihm ein befreiender Raum entstand. Es ist nicht das äußere Wissen, es ist das Innerste aufnehmen!
Ebenso in seinem programmatisch zu nennenden Gedicht "Weg nach Innen"

Wer den Weg nach innen fand,
Wer in glühndem Sichversenken
Je der Weisheit Kern geahnt,
Dass sein Sinn sich Gott und Welt
Nur als Bild und Gleichnis wähle:
Ihm wird jedes Tun und Denken
Zwiegespräch mit seiner eignen Seele,
Welche Welt und Gott enthält.
(Die Gedichte, S. 433)

Dabei vermag es Hesse, nicht in eine konsequenzenlose Mystik zu entschwinden; gerade dieser Weg nach innen gibt Stabilität, Intensität und Klarheit für das Leben. Gänzlich missverstanden - und er wird sich dagegen nicht mehr wehren können - wird er, wo er Träger von Botschaften oder gar zum Erzieher ge- und missbraucht wird. Dichter will er sein, ganz Dichter will er sein – so wie Kafka auch, über den er schrieb: "Er gibt uns Träume und Visionen seines einsamen, schweren Lebens, Gleichnisse für seine Erlebnisse, seine Nöte und Beglückungen, und diese Träume und Visionen einzig sind es, die wir bei ihm zu suchen und von ihm anzunehmen haben."
(Band 6, S. 360)

Zugleich kann Hesse nicht davon absehen, dass sein gesamtes Werk Botschaft ist und als solche gelesen werden kann und muss.

Man kann das Werk Hesses als ein beständiges Kreisen um die Vergänglichkeit deuten, wie eine lange Auslegung des 90. Psalms. Alles Erreichte und Gewordene ist zum Absterben verurteilt und muss auch zum Absterben bereit sein. Es ist nur dazu verurteilt, wenn es die Fähigkeit zum weiteren Werden und Sich-Wandeln verliert. Und es gilt, sich der wirklichen Welt zu entziehen, wenn man ein "Eichmeister der geistigen Maße und Gewichte" bleiben will. In seinem "Glasperlenspiel" vereinigen sich die drei Prinzipien: Wissenschaft, Verehrung des Schönen und Meditation. Da verdichtet sich Hesses Lebensphilosophie, gipfelnd in der Heiterkeit. Heiterkeit ist für ihn auch ein Merkmal der Klassizität, die sich besonders in den Gebärden der klassischen Musik wiederfindet: Wissen um die Tragik des Menschentums, Bejahen des Menschengeschicks, Tapferkeit, Heiterkeit. Er weckt und befriedigt die tiefe Harmoniebedürftigkeit des Menschen und weiß das nicht Ausdrückbare auszudrücken, für alle innere Erfahrung ein Gleichnis zu finden und nimmt alltägliche Erfahrung so auf, dass zwischen dem Dichter und dem Leser kein Interpret nötig ist.
Es sind elementare Erfahrungen, die Hesse ins Bild bringt. Wenn der Magister Ludi Josef Knecht auf dem Klavier zu spielen beginnt, beschreibt Hesse dies für jeden nachvollziehbar – ja hörbar! – so: "... behutsam, ganz leise ... wie Tropfen goldenen Lichtes fielen die Töne in die Stille, so leise, dass man dazwischen noch den Gesang des alten laufenden Brunnens im Hof hören konnte."
In seinem großen Alterswerk, eben jenem "Glasperlenspiel", versuchte er die drei Prinzipien – Wissenschaft, Verehrung des Schönen und Meditation – zu verbinden.
"Die höchste und schönste Haltung, die aus dem Spiel gewonnen werden kann, ist die Heiterkeit. Daher sollte ein rechter Glasperlenspieler von Heiterkeit durchtränkt sein wie eine reife Frucht von ihrem süßen Saft, er sollte vor allem die Heiterkeit der Musik in sich haben, die ja nichts anderes ist als Tapferkeit, als ein heiteres, lächelndes Schreiten und Tanzen mitten durch die Schrecken und Flammen der Welt, festliches Darbringen eines Opfers ... Diese Heiterkeit zu erreichen, ist mir, und vielen mit mir, das höchste und edelste aller Ziele. Sie ist weder Tändelei noch Selbstgefälligkeit, sie ist höchste Erkenntnis und Liebe, ist Bejahen aller Wirklichkeit, Wachsein am Rande aller Tiefen und Abgründe, sie ist eine Tugend der Heiligen und der Ritter, sie ist unzerstörbar und nimmt mit dem Alter und der Todesnähe nur immer zu. Sie ist das Geheimnis des Schönen und die eigentliche Substanz jeder Kunst ... Auch wenn ganze Völker und Sprachen die Tiefe der Welt zu ergründen suchen, in Mythen, in Kosmogonien, Religionen, ist das Letzte und Höchste, was sie erreichen können, diese Heiterkeit."
(Bildmonographien, S. 133)

Dem Vorwurf an Hesse, er habe sich mit seiner Literatur abgehoben, sei aus der wirklichen Welt in Literatur geflüchtet, muss man die Tausende von Briefen entgegenhalten, in denen er versucht hat, jedem Einzelnen eine Antwort zu geben – oft unbequem, deutlich, immer ehrlich. Jeden hat er als Person ernst genommen, mit der Bereitschaft zur Hilfe, mit wahrhaftigem Erkennen der eigenen Begrenzung, zugleich mit einem tiefen Gefühl der Mitverantwortlichkeit.
Andererseits bekam er nicht wenige Schmähbriefe, vor allem nach seinem "Brief nach Deutschland" (1946). So war es für ihn dann im November 1946 nicht nur eine Krönung seines Werkes, sondern auch eine Stärkung, als er den Literaturnobelpreis bekam, er, der für seine Haltung im Herbst 1914 wie später 1932 und dann 1946 gerade von den von ihm gemahnten Deutschen ausgelacht, diffamiert und geschmäht worden war. Und wie versteht er den Preis? "Ich fühle mit Ihnen allen, vor allem durch den Gedanken ... von der Über-Nationalität und Internationalität des Geistes und seiner Verpflichtung, nicht dem Kriege und der Zerstörung, sondern dem Frieden und der Versöhnung zu dienen."

So muss man das ganze Lebenswerk betrachtend sagen, dass er zu den engagierten Schriftstellern Deutschlands gehörte und gehört und gerade nicht jenen fatalen Rückzug in die Innerlichkeit begleitet. Hesse steht nicht bei den "Klugen und Weisen", sondern bei den Menschen, die ehrlich sind. So kann er sich für diejenigen aussprechen, die für naivste Ideale sich hinzugeben bereit sind, sie sind ihm weit lieber als alle solche, die klug über Gesinnung und Ideale zu reden verstehen, aber selber nichts zu tun fähig und bereit sind.

Gelegentlich hat sich Hesse ausdrücklich auf das Terrain speziell theologischen Denkens gewagt.
1932 schreibt Hesse "Ein Stückchen Theologie", einen theologischen Entwurf, von Theologen fast völlig ignoriert. Darin beschreibt er den Weg der Menschwerdung des Menschen und der Menschheit als einen dreistufigen Weg aus der Unschuld in die Schuld und aus der Schuld in die Verzweiflung oder in die Erlösung, wo der Mensch nämlich "nicht wieder hinter Moral und Kultur zurück ins Kinderparadies, sondern über sie hinaus in das Lebenkönnen kraft seines Glaubens" kommt.
Es ist immer dasselbe Spiel: Aus dem Leben im Status der Unschuld, im Paradies, in der Kindheit, im verantwortungslosen Vorstadium des Daseins kommt der Einzelmensch, kommt die Menschheit in das Wissen um Gut und Böse, in die Forderung der Kultur, der Moral, der Menschheitsideale, entdeckt die Entfremdung, die Gebrochenheit, die Verzweiflung und begreift schmerzlich, dass Gerechtigkeit und das Gute nicht erreichbar sind. Dies führt dann drittens entweder in Regression, Nihilismus, Diktatur des Wahren und Guten oder zu Gnade und Erlöstsein, Glaube und Versöhnung, zur Weisheit der Religionen, also zu einem gelassenen Akzeptieren des Unvollkommenen - ohne den Glauben an das Vollkommene zu verlieren.
Das Geläufigste der Bilder dafür findet er im Weg vom paradiesischen Adam zum erlösten Christen. Jeder Gläubige, der in der Tiefe etwas erlebt hat, kennt dieselben Erfahrungen, die er bei Paulus, Pascal, Luther oder Ignatius finden kann. Doch "die Mehrzahl wird ja nie Mensch, sie bleibt im Urzustand, im kindlichen Diesseits der Konflikte und der Entwicklungen; die Mehrzahl lernt niemals vielleicht auch nur die 'zweite Stufe' kennen, sondern bleibt in der verantwortungslosen Tierwelt ihrer Triebe und Säuglingsträume stehen, und die Sage von einem Zustand jenseits ihrer Dämmerung, von einem Gut und Böse, von einer Verzweiflung an Gut und Böse, von einem Auftauchen aus der Not in Lichter der Gnade klingt ihnen lächerlich."
(Lesebuch, S. 309)

Zunächst holzschnittartig, dann aber sehr hoch differenziert, teilt er die Menschheit ein in die Typen der Vernünftigen und der Frommen. Vernünftige glauben prinzipiell an den Fortschritt und an seine technischen Fähigkeiten. Der "Vernünftige" glaubt, dass die Erde dem Menschen zur Ausbeutung ausgeliefert sei. Sein gefürchteter Feind ist der Tod. Er flüchtet vor dem Todesgedanken in Aktivität und setzt dem Tode ein verdoppeltes Streben nach Gütern, nach Erkenntnissen, nach Gesetzen, nach rationaler Beherrschung der Welt entgegen. Und er fühlt sich im Namen der Göttin Vernunft berechtigt zum Befehlen, zum Organisieren, zur Vergewaltigung der Mitmenschen, denen er nur Gutes aufzwingen zu müssen glaubt – ob nun Hygiene, Moral, Demokratie oder was sonst. Der Vernünftige verliert sich leicht an Systeme, rationalisiert die Welt, tut ihr Gewalt an. Er ist der Erzieher par excellence, er fühlt sich Natur und Kunst gegenüber stets unsicher.

Dagegen ist das Lebensgefühl des Frommen die Ehrfurcht. Der Fromme hat einen starken Natursinn und glaubt an eine überrationale Weltordnung. Er glaubt, dass der Mensch ein dienender Teil der Erde sei, er neigt gelegentlich zu Hass und Eifer gegen die Vernünftigen – in Gestalt der Fundamentalisten aller Couleur. Er strebt nicht nach Macht und neigt zum Quietismus. Hesse kann zuspitzend sagen: "Der Vernünftige ist daran schuld, dass es Todesstrafen, Gefängnisse, Kriege, Kanonen gibt. Der Fromme aber hat nichts dazu getan, dies alles unmöglich zu machen."
(Lesebuch, S. 313)

Da diese Typisierung rein psychologische Bedeutung habe, ist dem Frommen eben nicht Tüchtigkeit und dem Vernünftigen nicht Genialität abzusprechen. Das höchste geistige Erlebnis sieht Hesse in der Versöhnung zwischen Vernunft und Ehrfurcht. Was "Psychologie des Frommen" bedeuten kann, entfaltet er in wunderschönen Bildern in seinem Essay "Falterschönheit" (1935). Darin schreibt er, dass der Weg des Menschen zur Weisheit "der Weg des Staunens über die Natur und des ahnungsvollen Lauschens auf ihre Sprache sei".
(Lesebuch, S. 318)

Des Menschen Verhältnis zur Natur bleibe immer das eines Kindes zur Mutter, und der Mensch ist Bruder alles dessen, was er bestaunt und als lebendige Welt erlebt: des Falters, des Käfers, der Wolke, des Flusses und Gebirges, indem er auf dem Weg des Erstaunens für einen Augenblick der Welt der Trennungen entlaufen kann und in die Welt der Einheit eintritt, wo ein Ding und Geschöpf zum anderen sagt: "Tat twam asi ()"
(Lesebuch, S. 318)

Solches Denken hat bei Hesse eine gedankliche Kontinuität. 1916 schreibt er an die Kriegsgefangenen über den inneren Reichtum. Dort versucht er in eindrücklichen, einleuchtenden Bildern deutlich zu machen, wie der innerlich reiche Mensch in Zeiten der Entbehrung reich bleiben kann. Kultur versteht er – im Gegensatz zur Natur – als alles das, was der Mensch über die Bedürfnisse der Stunde und des nackten Lebens hinaus an geistigen Werten gefunden und geschaffen hat, obenan die Künste und Philosophien. Auch das Volkslied des armen Mannes, die Freude des Wanderburschen an Wald und Wolken, die Liebe zum Vaterland und zu den Idealen der Partei – das alles ist Kultur, geistiger Besitz und Menschentum. "Wer innerlich teil an diesem Besitz hat, der gehört einer unzerstörbaren Gemeinschaft des Geistes an und besitzt etwas, das niemand ihm rauben kann. Wir können Geld, Gesundheit, Freiheit, Leben verlieren, aber nur zugleich mit dem Leben kann uns das genommen werden, was wir an geistigen Werten wirklich erworben haben und besitzen. In Zeiten der Not und des Leidens zeigt sich erst, was wirklich unser ist, was uns treu bleibt und nicht genommen werden kann."
Hesse reflektiert über die Armut des Reichen, der nicht innerlich reich ist und über die Welt, in der alles käuflich erscheint, selbst das, was eigentlich nicht käuflich ist. Und er schließt: "Kein Mensch ist so arm, dass er nicht einmal am Tage zum Himmel aufblicken und sich eines guten, lebendigen Gedankens erinnern kann."
Wie wichtig sind solche Einsprüche gegen unsere börsenabhängige Kultur heute! Wie wenige sind bereit, sie zu hören. Der innere Reichtum im Menschen wäre zu entfalten, denn im Äußeren könnten nicht nur wir selbst, sondern die ganze Welt zugrunde gehen. Dazu gehört das Aufnehmen der Schätze der Kultur, der geistige Reichtum. Dies aber hat zur Voraussetzung, die Fähigkeit zu sehen, zu spüren, zu empfinden – das, was Hesse einmal "rein ästhetischen Trieb" genannt hat, wo ein Mensch glücklich und zufrieden sein kann beim Betrachten eines Holzschnittes, eines Baumes oder Felsens, eines Gartens oder einer einzelnen Blume. Die Verschärfung des Sehens und die Entfaltung der inneren Welt werden heute geradezu zu Bedingungen der Erhaltung der Welt. Das ist keinesfalls etwas Sinnenfernes; der ästhetische Trieb ist durchaus dem Sinnlichen verbunden: Auge, Ohr, Nase, Tastsinn, "das ist ein Paradies, nach dem die Feineren unter uns ein tiefes Heimweh haben." Zum reinen, nicht zweckbezogenen Schauen kommen - wieder im Paradies sein! Der ästhetische Trieb laufe keineswegs auf ein Loskommen von uns selbst hinaus, sondern nur ein Loskommen von unseren schlechten Instinkten und Gewohnheiten, bis wir eine Bestätigung des Besten in uns erfahren. Also: Eine Figur von Michelangelo, eine Musik von Mozart, ein toskanischer Dom, ein griechischer Tempel – all dies sind "Bestätigung und Bestärkung unseres Verlangens nach einem Sinn, einer tiefen Einigkeit, einer Unsterblichkeit der menschlichen Kultur."
(Nachlass, S. 160 f.)

Was ist ganzes, erfülltes, beglücktes Leben?
"Atmen in vollkommener Gegenwart,
Mitsingen im Chor der Sphären
Mittanzen im Reigen der Welt
Mitlachen im ewigen Lachen Gottes,
das ist unsere Teilhabe am Glück."

Und dennoch bleibt das Hauptwort nicht "Glück", sondern "Alleinsein" – Blühen, Welken, Einswerden ...

"Blühen war mein Ziel.
Nun welk ich und
Welken ist mein Ziel, nichts anderes.
...
Gott lebt in mir, Gott stirbt in mir.
Gott leidet in meiner Brust, das ist mir Ziel genug.
Weg oder Irrweg, Blüte oder Pracht,
ist alles eins, sind alles Namen nur."
(Gang im Spätherbst, S. 454 vom 6.1.1919)