biografie

Foto: Wolfgang Kermer

Biografie

Aufgewachsen in einem behüteten und kulturell aufgeschlossenen Elternhaus, entwickelte Böhmer in seiner Heimatstadt Dresden mit ihren Barockbauten und Kunstschätzen schon sehr früh ein ausgeprägtes Interesse an Kunst und Literatur. Von den Eltern in seiner Arbeit unterstützt, förderte auch sein Gymnasiallehrer Paul Gross Böhmers künstlerischen Werdegang, sodass auf dessen Einfluss hin Böhmer nach dem abgelegten Abitur prüfungsfrei Eingang in die Abteilung Graphik und Malerei der Dresdner Akademie fand. Zeitgleich begann er ein Studium der Germanistik an der dortigen Technischen Hochschule. Bereits zum Wintersemester 1931/32 zog Böhmer jedoch nach Berlin und setzte sein Studium an den „Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst“ beim Grafiker Emil Orlik (1870-1932) und nach dessen Tod 1932 in der Klasse von Hans Meid (1883-1957) fort. Sowohl Orliks Radierungen zu den Portraits von Lovis Corinth (1858-1925), Otto Dix (1891-1969), Alfred Döblin (1878-1957) oder Thomas Mann (1875-1955) sowie Meids Radierzyklen zur Illustration zahlreicher Werke der Weltliteratur wie etwa Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) „Wahlverwandtschaften“ sollten in der Folgezeit sein Kunstverständnis nachhaltig prägen. Es lag daher nahe, dass sich Böhmer zunächst auf deren Spuren bewegte und Schauspielerinnen wie Claire Waldoff (1884-1957) und Künstler wie Theodor Däubler (1876-1934) mit schnellem, oft karikierenden Strich skizzierte. Innerhalb seiner sukzessive Hinwendung zum expressionistischen Gestus avancierte hierbei die Farbe zum emotionalen Ausdrucksträger. Daneben sammelte Gunter Böhmer ab 1930 erste Erfahrungen in der Radiertechnik und schuf eine Vielzahl von Portraits von Bekannten aus seinem näheren Umfeld, wie etwa jenes seiner schlafenden Mutter. 1931 intensivierte sich seine Beschäftigung mit der Kaltnadelradierung, da den Studenten an der Berliner Kunstakademie gut ausgestattete Werkstätten zur Verfügung standen, in denen sie experimentieren konnten. In dieser Schaffensphase entstanden in neusachlicher Manier verschiedene Portraits, unter anderem von dem Komponisten Justus Wetzel (1879-1973). Mehr als durch die handwerklich-technischen Aspekte fühlte sich Böhmer jedoch von Meids Bilderwelten, von dessen Interesse an Literatur, Theater und Musik und seiner Fähigkeit, die Erlebnisgewalt des Sinnlichen Ausdruck zu geben, angezogen.

Doch trotz dieser Leidenschaft für das Graphische drängte es Böhmer in der Folgezeit verstärkt zur Malerei. In Berlin hatte er zwar wichtige Anregungen erhalten, doch „[…] diese Lehrlingszeit war nahrhaftes, trockenes Brot gewesen und steigerte das Verlangen nach Wasser oder Wein, nach fliegenden Wolken, feurigen Farben, nach sinnenfreudigen und geistaufwirbelnden Hitzegewittern, nach Wagnissen in rätselhafte Dunkelheiten – schon von schattigen Ahnungen zur Eile getrieben.“[1]   
 
Ein zentraler Einschnitt für Böhmers weiteren persönlichen und künstlerischen Werdegang bedeutete daher seine Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962). Bereits als 15-jähriger stieß er auf dessen Artikel „Ein Malabend“, von dem er sich in Bezug auf die Empfindungen und Erregungen des Autors im Umgang mit Farben und malerischen Eindrücken fasziniert zeigte und auf den sich seine intensive Beschäftigung mit dem Dichter begründete. Doch erst im Mai 1932 trat Böhmer mit Hesse in Kontakt, übersendete ihm einige seiner Graphiken und teilte ihm mit, von nun an für den Schriftsteller illustrierend tätig sein zu wollen. Hermann Hesse antwortete umgehend und lud Böhmer zu einem mehrwöchigen Aufenthalt zu sich in die Casa Camuzzi nach Montagnola ein. Gunter Böhmer, der in seinen Briefen an Hesse aus seiner Aversion gegen die von ihm in Berlin erlebten politischen Verhältnisse keinen Hehl machte, brach nach nur drei Semestern sein Studium ab und traf am 4. Mai 1933 im Tessin ein – nur wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung. Diese Fahrt nach Montagnola, rückblickend oft als eine Reise ohne Rückkehr bezeichnet, markierte zwar auf der einen Seite Böhmers Abwendung vom Terrorregime des Dritten Reiches, für ihn selbst bedeutete sie zugleich vor allem aber „[…] eine Reise, um anzukommen! Ich fand meinen barocken Traum, ich fand meinen Käfig, ich fand mich selbst.“[2]

Bereits in diesen ersten Tagen des gemeinsamen Zusammenlebens entstand eine lebenslang anhaltende Freundschaft und Hermann Hesse unterstützte von nun an den 22-jährigen Künstler, der nach seiner endgültigen Abkehr von Deutschland auf den Verkauf seiner Kunst angewiesen war. Auf Vermittlung Hesses vergab dessen Verleger Samuel Fischer (1859-1934) an Böhmer zunächst den Auftrag, Hesses vergriffenes Jugendwerk „Hinterlassene Schriften und Gedichte des Hermann Lauscher“ zu illustrieren. Noch im Oktober 1933 legte der S. Fischer-Verlag dieses frühe Werk Hesses neu auf, für das Böhmer die Gestaltung des Umschlages und des Einbandes übernahm sowie weitere 25 Federzeichnungen zur inhaltlichen Darstellung beisteuerte. Damit legte Gunter Böhmer den Grundstein zu einer lebenslangen Tätigkeit als ein von zahlreichen Verlagen beschäftigter Buchillustrator, konnte er doch auf seine Erfahrungen aus der Zeit an den Vereinigten Staatsschulen in Berlin zur Buchgestaltung zurückgreifen, da sich seine Lehrmeister Orlik und Meid als gefragte Buchkünstler und Illustratoren bereits einen Namen gemacht hatten.
In der Folgezeit zeigte sich Hesse bemüht, Böhmer weitere Gestaltungsaufträge zu verschaffen. Nur wenig kurze Zeit nach der Bearbeitung des „Hermann Lauscher“ illustrierte er zwei Bilderzyklen Hesses, welche dieser seiner Frau Ninon (1895-1966) sowie seinem Zürcher Mäzen Hans Bodmer (1891-1956) widmete. Die 14 entweder in den Text eingestreuten oder ganzseitigen Federzeichnungen zeigten die realistischen Schauplätze der von Zauber, Witz und dem Wesen Hesses begleiteten Erzählung. Motive wie das „Montagsdorf“ oder das „Rote Haus am Schlangenhügel“ wurden von Böhmer nach den ersten Monaten vor Ort in Montagnola authentisch wiedergegeben und verdeutlichten die Gewichtung seines neuen Umfeldes. Auch die besonderen Lichtverhältnisse des Tessin und die Farbintensität der Natur trieben die Arbeiten des Malers entschieden voran und begünstigten eine ausgeprägte Produktionsphase: Die Vielzahl der neu entstandenen Landschaftsölbilder und –aquarelle bezeugen seine ausgeprägte Faszination für die Farbgebung des Tessins.
 
In dieser Zeit entstand auch sein Illustrationszyklus zu Hesses Novelle "Klingsors letzter Sommer“. In diesem Werk aus dem Jahr 1920 schildert der Dichter in zehn Episoden einen Sommer im Leben des Malers Klingsor, der aus Angst vor dem Tod sich voller Ekstase in das Leben stürzt und einem wahren Schaffensrausch verfällt. Schauplatz ist Montagnola mit zahlreichen Persönlichkeiten aus Hesses nahem Umfeld und Freundeskreis. Von der Frankfurter Gießerei Bauer beauftragt, ein Illustrationsprojekt nach eigener Wahl zu realisieren, wählte Böhmer jene Novelle, ohne jedoch ahnen zu können, dass kurz vor der Imprimatur zu Beginn des Jahres 1944 bei einem Bombenangriff auf Frankfurt sämtliche Druckplatten zerstört wurden. Zwar blieben einige Originalentwürfe und Probedrucke erhalten, doch konnte erst im Jahre 2000 eine großformatige Ausgabe mit 34 farbig lavierten Federzeichnungen erscheinen. Darin ist das südliche Ambiente Montagnolas immer wieder Folie für die doppelseitigen szenischen Darstellungen und die darin eingebundenen Figuren. Unaufhörlich umkreiste er in einem mäandernden Weg zwischen Figuration und Abstraktion mit Feder, Pinsel und Farben das motivische Zentrum. Im Umgang mit der Farbe griff er dabei die Vielfalt der Farben in der Erzählung auf und setzte das vorherrschende Rot, für Glut und Leidenschaft stehende, leuchtendes Gelb für das südliche Licht, immer wieder gezielt ein.

1935 suchte Böhmer den Drucker und Buchkünstler Giovanni Mardersteig (1892-1977) in Verona auf, um seine Kenntnisse in der Schrift- und Buchdruckkunst weiter zu vertiefen. Ergänzend hierzu unternahm er einen Studienaufenthalt in Paris, wo insbesondere Werke von Paul Cèzanne (1839-1906) und Henri Matisse (1869-1954) in sein künstlerisches Bewusstsein rückten.

Nach einem weiteren längeren Aufenthalt in Paris im Jahr 1938 kehrte Böhmer schließlich 1939 nach Montagnola zurück. Während zu dieser Zeit die politische Lage in Deutschland sowie die drohende Kriegsgefahr sein Weltbild stark beeinflussten, lebte er stets mit der Sorge, als deutscher Staatsbürger aus der Schweiz ausgewiesen zu werden, zumal sich auch seine finanzielle Situation als sehr angespannt erwies.
 
Dagegen prägten die Impressionen seiner zahlreichen Studienaufenthalte zwischen 1935 und 1960 nachhaltig Böhmers künstlerisches Schaffen. Neben Porträts entstanden in dieser Zeit zahlreiche Landschaftsbilder, die jedoch selten naturbelassen erscheinen, als vielmehr mit Architekturelementen versetzt sind. In den 1940er Jahren traten schließlich Aquarelle und Gouachen neben die Ölmalerei, während durch den Kontakt mit dem Maler und ebenfalls auf Vermittlung Hesses in der Casa Camuzzi lebenden Hans Purrmann (1880-1966) neue Impulse Eingang in sein Werk fanden. Die den Kontrast betonende Farbkraft des Fauvismus, die für Purrmann zum zentralen Erlebnis geworden war, bestärkte auch Böhmer, dem von ihm eingeschlagenen Weg weiter zu folgen. Doch anders als Purrmann löste er das Kolorit stärker vom Naturvorbild, verzichtete auf kompakte Farbformen und bevorzugte stattdessen koloristisch subtil angelegte Flächen. Dabei schuf er seine Werke nicht intuitiv mit leichter Hand, sondern galten als Ergebnis eines konzentrierten Prozesses intellektuellen Durchdringens.  
 
Im Jahr 1960 erfolgte Gunter Böhmers Berufung an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, an der er als Nachfolger des Grafikers Karl Rössing (1897-1987) die Leitung der Abteilung für Freie Graphik übernahm. Nur ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum Professor. In dieser Tätigkeit empfand er sich jedoch nicht als Lehrer, sondern als Lernender und den Lernenden, als „erstaunter Kollege unter Kollegen.“[3] Für seine künstlerischen und kunstpädagogischen Leistungen wurde Böhmer schließlich 1976 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg geehrt.

Durch die Übernahme der Lehrtätigkeit verschoben sich seine Kunstakzente noch einmal grundlegend, nicht zuletzt befördert durch den engen Austausch mit seinen Studenten und deren soziopolitisch-künstlerischer Aufbruchstimmung im Zuge der „68er-Bewegung“. Die Ölmalerei gab er in dieser Zeit ganz auf, an ihre Stelle traten Blei- und Farbstiftzeichnungen und die aquarellierte Tuschfederzeichnung. Ebenso spielten die Landschaftsmalerei sowie das Stillleben kaum mehr eine nennenswerte Rolle in seinem Ouvre, vielmehr rückte der Mensch in den Mittelpunkt seines Spätwerkes.
 
Die Zeit nach dem Ausscheiden aus der Stuttgarter Akademie bis zu seinem Tod im Januar 1986 verbrachte Böhmer wieder in der Casa Camuzzi in Montagnola, die während seines Stuttgarter Aufenthaltes von seiner Ehefrau Ursula Böhmer betreut wurde. Einen längeren Auslandsaufenthalt unternahm er nur noch 1980 als Ehrengast der Villa Massimo in Rom. Neben der darstellenden Kunst betätigte er sich in seiner letzten Lebensphase auch als Essayist. Seine stets aus persönlichem Erleben heraus formulierten Beiträge über ihm nahestehende Personen, seine Beobachtungen zu Land und Leute der Tessiner Region sowie seine Überlegungen zu Fragen der Kunst sind oftmals Entdeckungen eines auch mit dem Wort Bilder erzeugenden Malers – einem „Wortmalers.“ Sein Hauptinteresse galt jedoch weiterhin dem bildnerischen Ausdruck und trotz seiner Altersgebrechen prägte die künstlerische Betätigung weiterhin seinen Alltag. So verarbeitete er zeichnerisch vor allem Hesses Werke „Unterm Rad“ und „Der Steppenwolf“, Franz Kafkas „Das Schloß“ sowie Robert Walsers Werk „Der Gehülfe“. Am Ende seines Lebens illustrierte Böhmer nahezu 200 Werke und Bücher, neben den bereits genannten Autoren auch Werke von Gerhart Hauptmann (1862-1946), Alexandre Dumas (1802-1870), William Shakespeare (1564-1616) und Carl Zuckmayer (1896-1977).

Nach dem Tod Gunter Böhmers gelangte durch Schenkungen eine größere Anzahl seiner Werke in öffentliche Einrichtungen wie etwa an die Stuttgarter Kunstakademie, das Schiller-Nationalmuseum Marbach, an die Städtische Galerie Albstadt sowie an das Klingspor-Museum der Stadt Offenbach. Der Hauptbestand seiner Werke befindet sich in der 1993 gegründeten Gunter-Böhmer-Stiftung in Calw, die sich die Aufarbeitung und Pflege seines Werkes sowie deren wissenschaftliche Erschließung und Bereitstellung für wissenschaftliche Forschungszwecke zur Aufgabe gemacht hat. Hier ist mit über 20.000 Arbeiten die umfangreichste Sammlung entstanden, deren Kernstück die 551 Zeichnungs- und Skizzenbücher bilden.
 

[1] Gunter Böhmer: Wiedersehen mit Hans Meid, in: F.H. Franken: Hans Meid. Leben und Werk, hg. V. Ralph Jentsch, Stuttgart 1987, S. 429.
[2] Hans Kinkel – Zehn Fragen, Gunter Böhmer – Zehn Antworten, in: Gunter Böhmer Archiv Calw – Erster Einblick, Calw 2001, S.10.
[3] Wolfgang Kermer: „Erleben-erkennen-bekennen“. Zu Gunter Böhmers Akademie-Zeichnungen, in: Gunter Böhmer an der Stuttgarter Kunstakademie, Stuttgart Cantz, 1987, S. 6.

Der von Timo Heiler verfasste Text entstammt Band VII der Reihe "Baden-Württembergische Biografien", herausgegeben von der Kommission für geschichtliche Landeskunde Baden-Württemberg, erschienen 2019.


Größere Ausstellungen zu Lebzeiten des Künstlers

1957
Umfassende Ausstellungen: Kunsthalle Baden-Baden, Kunstverein Frankfurt am Main, Kunstverein Mannheim, Klingspor-Museum Offenbach

1964 Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart

1965 Ausstellung im Kunstverein Hameln

1971 Ausstellung in der Städtischen Galerie Freiburg im Breisgau

1973 Ausstellung in der Galerie der Stadt Stuttgart

1980 Sonderausstellung "Hesse - seine Gestalt, Umwelt, Dichtung in Bildern von Gunter Böhmer", Hermann-Hesse-Museum Calw
Retrospektive Ausstellung bei der Hans-Thoma-Gesellschaft Reutlingen

1980 Ausstellung im Castello Forcesco Mailand

1981 Ausstellung "Gunter Böhmer" für die Sammlung "Graphik des 20. Jahrhunderts" in der Städtischen Galerie Albstadt

1983 Ausstellung im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

1984 Ausstellung im Bruggrafiat in Alzey

Große Kreisstadt Calw
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  • Marktplatz 9
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