Räumlichkeiten

In den 1950er-Jahren und verstärkt nach Hermann Hesses Tod 1962 begann die Stadt Calw das Erbe ihres großen Sohnes systematisch zu sammeln und zu pflegen. Der damalige Stadtarchivar Walter Staudenmeyer legte eine Sammlung von Büchern, Dokumenten und Erinnerungsgegenständen an, die 1965 zu einer Hermann Hesse-Gedenkstätte innerhalb des Stadtmuseums führten.

25 Jahre später erhielt der stark angewachsene Fundus ein eigenes Hermann Hesse-Museum in einem stattlichen Palais am oberen Marktplatz in Sichtweite von Hesses Geburtshaus. In neun Räumen wird darin anschaulich über den Lebenslauf, das Werk und die Wirkung Hermann Hesses informiert.

Die Ausstellung arbeitet mit Fotos, Dokumenten, Briefen, Erstausgaben, Exponaten und Erläuterungen. Von besonderem Reiz sind die zahlreichen Exponate aus dem Besitz Hermann Hesses, wie z.B. Schreib- und Malwerkzeug, Briefe, Bücher, Mobiliar, Kleidungsstücke, Kunstgegenstände, Gartengeräte ...

Ein Höhepunkt der Ausstellung sind zwölf Originalaquarelle von Hermann Hesse.
Hermann Hesse-Museum Calw Raum 1
Sonderraum: Der gelehrte Großvater Hermann Gundert

Der biografische Rundgang auf Spuren Hermann Hesses beginnt mit einem Blick auf die ganz spezielle Welt seiner Familie, die großen Einfluss auf seine Entwicklung hatte, und die in diesem Raum durch eine kapellenartige Gestaltung angedeutet wird:
Sowohl seine Eltern als auch die Großeltern mütterlicherseits waren Angestellte der evangelisch-pietistischen Basler Mission. Die Großeltern hatten über 20 Jahre als Missionare in Indien gelebt und gewirkt, dort war auch Hermann Hesse Mutter 1842 geboren worden, und sein Vater war ebenfalls dreieinhalb Jahre in Indien als Missionar tätig gewesen, bevor er, wie 14 Jahre zuvor der Großvater, aus gesundheitlichen Gründen nach Europa zurück musste. Hier hatte die Basler Mission ihre beiden Missionare daraufhin nach Calw geschickt, als Mitarbeiter des „Calwer Verlagsvereins“, der für die Missionsarbeit Bücher und Broschüren erarbeitete. Viele Originalausgaben dieser Publikationen sind im Raum in zu sehen, ebenso wie Dokumente zur Missionsarbeit in Indien.



Das Leben der Familie ging vollkommen in der Arbeit für den evangelisch-pietistischen Glauben und die damit verbundene Mission auf. Die zugrundeliegende Weltanschauung ist gleich am Anfang des Raums mit einem damals weitverbreiteten pietistischen Bild vom breiten und schmalen Weg verdeutlicht: Der Mensch hat die Wahl, entweder den breiten weltlichen Weg zu gehen, der an Vergnügungsstätten und Spielhöllen vorbei direkt ins Höllenfeuer führt, oder den christlichen, gottgefälligen schmalen Weg, der über Kirche, Sonntagschule, Kinderrettungsanstalt und Diakonissenhaus ins paradiesische Reich Gottes hinaufführt.
Hermann Hesse hat als Jugendlicher gegen die strenge, einengende Pädagogik, die mit dieser religiösen Weltanschauung einherging, rebelliert und darauf bestanden, seinen eigenen Weg suchen und finden zu dürfen, den er dann auch lebenslang „eigen-sinnig“ gegangen ist. Dennoch finden sich in seinem Leben und Werk viele Dinge, die auf seine pietistische Erziehung zurückgehen.

Die Autoritätsperson in der Familie war für Hermann Hesse sein gelehrter Großvater Hermann Gundert, der nicht nur Missionar war, sondern auch ein Kenner der indischen Kulturen und Religionen sowie ein begabter Sprachforscher, der dem indischen Sprachraum des Malayalam den Anschluss an die Weltsprachen ebnete, indem er ein Wörterbuch Englisch-Malayalam und eine Grammatik erarbeitete. Er wird deshalb noch heute im indischen Bundesstaat Kerala verehrt und hat dort 2001 in der Millionenstadt Talasseri ein großes Denkmal erhalten. Im Hesse-Museum wurde diesem bemerkenswerten Mann zur selben Zeit ein Sonderraum gewidmet, der sein Leben und Werk dokumentiert und u.a. veranschaulicht mit Gegenständen aus Indien, die er mitbrachte.
Hermann Hesse hat diese Gegenstände bereits als Kind in den Schränken der großväterlichen Bibliothek im Verlagsvereinshaus in der Calwer Bischofstraße gesehen und in seinem autobiografischen inspirierten Werk „Kindheit des Zauberers“ 1923 beschrieben. Und noch als 82-Jähriger erinnerte er sich in einem Brief an eine Leserin:

„Indien war mir schon als Kind bekannt. Nicht nur war mein Vater Missionar in Indien gewesen, sondern da waren die Patriarchengestalten der Eltern meiner Mutter, die Jahrzehnte in Indien gelebt hatten. Die Großmutter allerdings war zeitlebens eine gewissenhafte Calvinistin geblieben, der Großvater aber, der Gelehrte und Sprachgewaltige, hatte Indien nicht nur als Missionsobjekt betrachtet und erlebt, er hatte auf langen Reisen im Ochsenkarren große Teile des Landes kennengelernt, las und sprach Sanskrit und eine ganze Anzahl der lebenden Sprachen Indiens, und seine lebhafte, dem Schönen zugetane Seele hatte sich mit indischem Gut mehr befreundet und vollgesogen, als er bei einer theologischen Prüfung oder Selbstprüfung vermutlich eingestanden hätte.
Und bei diesem gelehrten und weisen Großvater gab es nicht nur indische Bücher und Schriftrollen, sondern auch Vitrinen voll exotischer Wunder, nicht nur Kokosschalen und fremdartige Vogeleier, sondern auch hölzerne und bronzene Götzen und Tiere, seidene Malereien und Tücher ... Dies alles gehörte zu meiner Kindheit nicht weniger als die Tannen des Schwarzwaldes, die Nagold und die gotische Brückenkapelle.“ (Briefe 4, S. 328)


Hermann Gundert

Sein indisches Erbe wird bei Hermann Hesse später u.a. in seiner indischen Dichtung „Siddhartha“ zum Vorschein kommen, die zu seinem weltweit meistgelesenen Werk wird.


Im 2. Raum wird Hermann Hesses schriftstellerisches Schaffen insgesamt in den Blick gerückt und dabei verdeutlicht, dass er etwas verwirklicht hat, was seine Eltern und Großeltern mit ihrer Missionstätigkeit stets angestrebt haben: für die eigene, als wichtig erachtete Sache mit dem dafür geschaffenen Werk eine weltweite Wirkung zu erzielen. Zwei große Bücherwände mit ganz verschieden gestalteten Büchern Hesses zeugen von seiner Verbreitung über die ganze Welt. Die Übersetzungen in ca. 60 Sprachen ergeben zusammen mit den deutschen Ausgaben eine Gesamtauflage von über 100 Millionen Büchern.


Hermann Hesse-Museum Calw Raum 2


In einer Vitrine ist eine von den Eltern geerbte Schreibgarnitur ausgestellt, die Hesse auf seinem Schreibtisch stehen hatte und die den Sinnspruch trägt: „Was man schreibt, das immer bleibt.“
Mit dem darauf liegenden Schreibwerkzeug, aber auch mit der in einem anderen Raum ausgestellten Schreibmaschine, hat Hesse unzählige Antwortbriefe auf Leseranfragen geschrieben. Diese soziale Arbeit, die oft bis hinein in Lebensberatung ging, hat er angenommen wie seine Vorfahren ihre christliche Missionsarbeit, auch wenn sie ihm oft die Zeit für sein schriftstellerisches Schaffen nahm. Schätzungsweise 35 000 Briefe hat er dabei geschrieben.

Von Hesses Passion für seinen selbstgewählten Beruf zeugen die kleinen bibliophilen Sonderdrucke, die er von Texten anfertigen ließ, die ihm wichtig waren. Im Museum ist davon eine schöne Auswahl zu sehen. Ebenfalls zeugt davon die stattliche Zahl von Büchern, die er als Herausgeber veröffentlicht hat, und nicht zuletzt die unzähligen Buchrezensionen, mit denen er unermüdlich in Zeitungen und Zeitschriften lesenswerte Büchern empfohlen hat.

Auf all diese Dinge, die ihm Freude wie auch Mühe brachten, blickt Hermann Hesse in diesem Raum genüsslich schmauchend und von Andy Warhol koloriert von der Wand.


Hermann Hesse-Museum Calw Raum 3

In diesem Raum beginnt der biografische Gang durch Hermann Hesses Leben. In der ersten Vitrine ist seine Geburt am 2. Juli 1877 durch den Eintrag ins Calwer Taufbuch und die Geburtsanzeige im „Calwer Wochenblatt“ dokumentiert. Mit der Offenbarung, dass es bis zu den schriftstellerischen Anfängen nur zehn Jahre dauerte, überrascht die zweite Vitrine, in der Hermann Hesses erstes Manuskript liegt: Bereits 1887 hat er das Märchen „Die beiden Brüder“ für seine jüngere Schwester Marie („Marulla“) geschrieben.

An den Wänden des Raumes ist auf alten Fotos und Gemälden die Heimatstadt Calw zu sehen, die Hermann Hesse später unter dem Namen „Gerbersau“ (Aue der Gerber) in rund drei Dutzend Erzählungen sowie den Romanen „Unterm Rad“ und „Demian“ zum Schauplatz gemacht hat. Diese Werke sind in den Vitrinen in Erstausgaben ausgestellt neben Erinnerungsstücken an Hermann Hesses Calwer Kinder- und Jugendzeit 1877-1881 und 1886-1895.

Das Motto des Raumes ist abgeleitet von folgender Aussage Hermann Hesses:
„Nie mehr ist eine andere Stadt in den Ländern, in denen ich seither gewohnt habe und gereist bin, mir so bekannt geworden; noch immer ist die Vaterstadt für mich Vorbild, Urbild der Stadt, und die Gassen, Häuser, Menschen und Geschichten dort Vorbild und Urbild aller Menschenheimaten und Menschengeschicke.“ (Aus: Erlebnis in der Knabenzeit)

Ein Gemälde des Mechanikermeisters und Turmuhrenbauers Heinrich Perrot erinnert an Hermann Hesses 14-monatiges Praktikum in dessen Werkstatt 1894/95. An der Entstehung des davor stehenden metallenen Blumenständers soll er beteiligt gewesen sein.
Ein weiteres schönes Originalausstellungsstück in diesem Raum ist das von Peter Jakob Schober angefertigte Gemälde „Blick auf Calw“, das die Stadt Calw Hermann Hesse 1957 zum 80. Geburtstag geschenkt hatte. Seine Frau Ninon schrieb dazu nach seinem Tod an die Stadt: Hermann Hesse hat die Heimatstadt unendlich geliebt – das Gemälde von Calw, von P. J. Schober gemalt, das die Stadt ihm zum 80. Geburtstag schenkte, hing in unserem Esszimmer; er sah es jeden Tag zärtlich und liebevoll an, gerne zeigte er es Besuchern.“


In diesem Raum sind die turbulenten Jugendjahre Hermann Hesses zwischen 1890 und 1894 dokumentiert. Sie beginnen, als Hermann Hesse 1890 „aus erzieherischen Gründen, denn ich war ein schwieriger Sohn geworden,“ nach Göppingen in eine Schülerpension gegeben wird, um sich an der dortigen Lateinschule auf das Württembergische Landexamen vorzubereiten, das ihm eine kostenfreie Ausbildung an der Seminarschule im Kloster Maulbronn eröffnen soll.
Dies gelingt, und Hermann Hesse fühlt sich in Maulbronn öffensichtlich zunächst wohl, wie auch die in den Vitrinen ausgestellten Comiczeichnungen zeigen, die Hermann Hesse während des Geschichtsunterrichts von „Hannibal“ oder der „Geschichte Roms“ anfertigte. Doch dann kam im Frühjahr 1892 seine rätselhafte Flucht aus der Klosterschule, für die er laut ausgestelltem Klassenbuch „Acht Stunden Karzer wegen Entweichens aus der Anstalt“ bekam. Hermann Hesse hat dazu später erklärt, es sei ihm damals klar geworden, dass er „ein Dichter oder garnichts werden wolle“ und die Schule ihn nicht zu diesem Ziel geführt hätte. Den Erwachsenen war sein Verhalten jedoch ein Rätsel, weshalb seine Eltern ihn in das Kurheim des befreundeten Pfarrer Blumhardt in Bad Boll bringen, der im Ruf steht, mit psychisch verwirrten Menschen umgehen zu können. Es geht Hermann Hesse dort zunächst gut, aber dann verliebt er sich Hals über Kopf in ein sechs Jahre älteres Mädchen, und droht mit Selbstmord, als diese Liebe nicht erwidert wird. Es ist nicht auszuschließen, dass die Pistole, die in der Vitrine zur Bad Boller Zeit liegt, diejenige ist, die er damals mit geliehenem Geld angeschafft hat; sie wurde im Nachlass Hermann Hesses gefunden.

Hermann Hesse-Museum Calw Raum 4

Daraufhin bringt ihn die Mutter auf Anraten Blumhardts zur psychiatrischen Beobachtung in die Heilanstatt Stetten im Remstal. Hermann Hesse, der über diese Maßnahme empört ist, führt von Stetten aus einen Briefkrieg gegen die Eltern und ihre religiöse Weltanschauung, bis diese einwilligen, eine neue Schulmöglichkeit für ihn zu suchen. In Cannstatt bei Stuttgart absolviert er 1892/93 am Gymnasium seinen Schulabschluss mit der Mittleren Reife. Der anschließende Versuch mit einer Buchhändlerlehre scheitert. 1894/95 macht er ein 14-monatiges Mechanikerpraktikum in der Calwer Turmuhrenwerkstatt Perrot, das für ihn aber keine wirkliche Lösung seiner Berufsfrage bringt. Er will ja insgeheim weiterhin Dichter werden.


Hermann Hesse hat einen Kompromiss mit den Eltern geschlossen, der ihn nach dem Mechanikerpraktikum wieder näher an seine geliebten Bücher und damit auch an seinen Traum vom eigenen Bücherschreiben bringt: Er tritt im Oktober 1895 eine dreijährige Buchhändlerlehre in der Heckenhauerschen Buchhandlung in Tübingen an. Der Vater gibt ihm dazu einen ausführlichen Verhaltenskatalog mit: Pünktlichkeit, keine Geldverschwendung, kein Alkohol usw. – Genaueres kann im Original in der Tübingen-Vitrine nachgelesen werden. Die Lehre klappt jedoch, und nebenher absolviert Hermann Hesse in seiner Freizeit nicht nur mit aus der Buchhandlung ausgeliehenen Büchern ein autodidaktisches Studium der Literatur, sondern schreibt auch und veröffentlicht 1898 seinen ersten Gedichtband „Romantische Lieder“ und ein Jahr später den ersten Prosaband „Eine Stunde hinter Mitternacht“. Die seltenen Originalausgaben dieser beiden Erstlinge sind in den Vitrinen zu besichtigen.

Hermann Hesse-Museum Calw Raum 5

1899 zieht Hermann Hesse als fertig ausgebildeter Buchhändler nach Basel weiter, um sich dort auch noch zum Antiquar weiterzubilden. In die Basler Zeit fallen auch Wanderungen und Reisen in die Alpen und nach Italien. Von seiner Italienreise 1901 hat er aus Venedig einen schönen Briefbeschwerer mit dem Löwen von San Marco mitgebracht, der in der Italien-Vitrine ausgestellt ist. Er versucht aber auch weiterhin, schriftstellerisch voranzukommen, und 1904 gelingt ihm der Durchbruch mit seinem ersten Roman „Peter Camenzind“. Der Roman wird ein Erfolg und bekommt einen Preis. Vom Erlös und dem Preisgeld kann er sich als freier Schriftsteller selbstständig machen. Eine der jugendstilig gestalteten Erstausgaben des „Peter Camenzind“, die damals viele Wandervögel als Lektüre in ihrem Rucksack hatten, ist in der Basel-Vitrine zu sehen.

Dieser Raum zeigt Hermann Hesses Gaienhofener Zeit 1904-1912. Mit dem Geld für seinen erfolgreichen Roman „Peter Camenzind“ hatte er es gewagt, seinen Brotberuf als Buchhändler und Antiquar aufzugeben und eine Existenz als freier Schriftsteller in dem Dörfchen Gaienhofen am Untersee des Bodensees in einem preiswert gemieteten Bauernhäuschen zu beginnen. „Jetzt also war, unter vielen Stürmen und Opfern, mein Ziel erreicht: ich war, so unmöglich es geschienen hatte, doch ein Dichter geworden ...“, schrieb er rückblickend. Als Symbol für den großen Fleiß, mit dem er sich an die Verwirklichung seiner neuen Existenz machte, ist im Raum eine seiner Schreibmaschinen zu sehen, eine amerikanische „Remington portable“. Hesse war einer der ersten Schriftsteller, der die vor noch nicht allzu langer Zeit praxis¬tauglich gewordene Schreibmaschinentechnik nutzte, um seine Werke sowie die Korrespondenz mit Verlagen und Zeitschriften zu schreiben. Er verfasste in dieser Zeit zahlreiche Erzählungen und Buchbesprechungen und gründete mit seinem Kollegen Ludwig Thoma die Kulturzeitschrift „März“.


Hermann Hesse-Museum Calw Raum 6


Hermann Hesse wurde in Gaienhofen nicht nur Schriftsteller, sondern auch Ehemann und Familienvater. 1904 fand die Heirat mit der neun Jahre älteren Basler Fotografenmeisterin und Pianistin Maria („Mia“) Bernoulli statt, mit der er eine Bleibe in ländlicher Abgeschiedenheit gesucht hatte, um hier ein alternatives Leben im Stil der Lebensreformbewegung zu beginnen. 1905, 1909 und 1911 wurden die Söhne Bruno, Heiner und Martin geboren.

Ganz so einsam und zurückgezogen blieb das Leben in Gaienhofen nicht – wie auch viele von Mia fotografierte Bilder zeigen. Es entwickelten sich Freundschaften mit anderen Künstlern, die in der Nähe wohnten. Und das schlichte gemietete Bauernhaus tauschte man nach knapp drei Jahren gegen das selbsterbaute komfortable „Haus am Erlenloh“.
Hermann Hesse fühlte sich dennoch durch die bürgerliche Sesshaftigkeit immer wieder gefangen. Nicht zuletzt deshalb unternahm er 1911 eine dreimonatige Reise nach Indien, bei der er auch die Missionsgebiete seiner Vorfahren kennenlernen wollte. Er kam allerdings nur nach Ceylon und das damalige Hinterindien (Penang, Singapur, Südsumatra); den Plan, das eigentliche Indien auf der Rückreise zu besuchen, musste er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Karten, Koffer sowie Mitbringsel (ein Leuchter, eine Statue des tanzenden Shiva) veranschaulichen diese Reise, über die er 1913 das Reisebuch „Aus Indien“ veröffentlichte.


Hermann Hesse-Museum Calw Raum 7

Dieser Raum ist Hesses Berner Zeit (1912-1919) gewidmet. In die Schweizer Hauptstadt zog die Familie Hesse 1912, als der älteste Sohn Bruno schulpflichtig wurde. Das abgeschiedene Leben in Gaienhofen hatte sich „erschöpft“, wie Hesse rückblickend schrieb. Man wollte zwar nicht in die Stadt ziehen, aber doch in die Nähe einer Stadt, damit man mehr kulturelle Möglichkeiten hatte. Auf Wunsch Mias zog man in die Schweiz. In Bern konnte man zudem das ca. 1 km vor der Stadt gelegene Landgut „Am Melchenbühl“ beziehen als Nachfolger des befreundeten Malers Albert Welti, der kurz zuvor verstorben war.

Kaum hatte man sich eingewöhnt, brach der Erste Weltkrieg aus und zugleich erkrankten sein jüngster Sohn und seine Frau. Hermann Hesses Leben geriet unter diesen Belastungen immer mehr aus dem Gleichgewicht. Er ließ sich mustern, um nicht als „vaterlandsloser Geselle“ zu gelten, was aber dennoch geschah, da er Aufrufe gegen den Krieg schrieb, was wütende Proteste in der deutschnationalen Presse hervorrief. Hesse begann über die deutsche Botschaft in Bern seine intensive Arbeit für die Kriegsgefangenenfürsorge, bei der er deutsche Gefangene in den Gegnerländern mit humanistischer Lektüre versorgte. Etliche der für diese Arbeit zusammengestellten Büchlein sind in den Vitrinen ausgestellt. Als 1916 zu dieser kräftezehrenden Arbeit eine psychische Erkrankung seiner Frau hinzukam, die klinisch behandelt werden musste, sowie der Tod seines Vaters, musste sich Hermann Hesse in psychoanalytische Behandlung begeben. Eine Rechnung seines Therapeuten J.B.Lang über 35 Stunden a 10.—sfr ist in einer der Vitrinen ausgestellt.

Die düstere, drückende Atmosphäre der Kriegsjahre ist in diesem Raum durch seine Gestaltung mit Kriegsfotografien zu spüren. Die persönliche Belastung macht ein 1918 von dem befreundeten Maler Cuno Amiet gemaltes Porträt Hermann Hesses sichtbar, dessen Original hier nun zu sehen ist. Auch ein Selbstporträt – Hesse begann während seiner Psychoanalyse therapeutisch zu malen – verdeutlicht seine verzweifelte Situation.

Wie immer versuchte Hesse die Situation auch durch schriftstellerische Verarbeitung in den Griff zu bekommen. In den Vitrinen sind Erstausgaben der 1918/19 erschienenen Denkschrift „Zarathustras Wiederkehr“ und des Romans „Demian. Die Geschichte einer Jugend“ ausgestellt, die Hermann Hesses Sicht der Welt angesichts der Kulturkatastrophe des Ersten Weltkrieges enthalten.


Hermann Hesse-Museum Calw Raum 8

Wie eine Befreiung wirkt es, wenn man aus dem grauen, vom Geschehen des Weltkrieges dominierten Raum 7 in diesen lichten, sonnenfarbenen Raum tritt. So muss es auch Hermann Hesse empfunden haben, als er 1919 auf Empfehlung seines Analytikers über die Alpen ins Tessin zog, um künftig ganz seiner Schriftstellerei zu leben. Später wird er darüber schreiben: „Wie aus Angstträumen aufgewacht, aus Angstträumen, die Jahre gedauert hatten, sog ich die Freiheit ein, die Luft, die Sonne, die Einsamkeit, die Arbeit. Ich schrieb noch in diesem ersten Sommer hintereinander den „Klein und Wagner“ und den „Klingsor“ und entspannte mein Inneres so weit, daß ich im folgenden Winter den „Siddhartha“ beginnen konnte. Ich war also nicht zugrunde gegangen, ich hatte mich nochmals zusammengerafft, ich war noch der Arbeit, der Konzentration fähig; die Kriegsjahre hatten mich nicht, wie ich halb gefürchtet hatte, geistig umgebracht.“ Erstausgaben der genannten Werke sind mit Erläuterungen in den Vitrinen zu sehen.

Vor allem sind in diesem Raum aber ein Dutzend Originalaquarelle Hermann Hesses zu sehen, welche die heiteren südlichen Farben des Tessins in diesen Raum zaubern. Hermann Hesse hatte das während der Berner Zeit begonnene, zunächst therapeutische Malen beibehalten und unter den Landschaftseindrücken des Tessin verstärkt. Das Aquarellmalen wird ab jetzt lebenslang seine geliebte Entspannung von der schriftstellerischen Arbeit am Schreibtisch sein. Die ausgestellten Malutensilien, Sonnenhut, Rucksack und das Malstühlchen sind Zeugnisse seiner Malausflüge. Auch andere Maler wurden vom Tessin angelockt, so z.B. Hans Purrmann, der „deutsche Matisse“, der ab 1944 eine Weile in der Wohnung in dem romantischen Palazzo „Casa Camuzzi“ lebte, in der Hesse selbst 1919 bis 1931 gewohnt hatte. Er zeichnete ein schönes Ölgemälde von dieser Wohnung und dem „Klingsor“-Balkon, das er Hermann Hesse schenkte. Dieses ist nun hier im Museum zu bewundern.

Eine weitere Entspannungsmöglichkeit, die er bereits in Gaienhofen gepflegt hatte, kultivierte Hesse ab 1931 in dem großen Garten des Hauses, das ihm ein Mäzen in Montagnola auf einem 10 000 qm großen Grundstück erbaute. Er hat darüber das Bändlein „Stunden im Garten“ geschrieben. Seine gärtnerische Arbeitskleidung und seine Werkzeuge (Säge, Sichel, Hacke, Gießkanne, Schulterkiepe) sind in einer großen Vitrine zu besichtigen.


Der letzte Raum des Museums umfasst einen Zeitraum von nahezu 40 Jahren: von 1923 bis zu Hermann Hesses Tod 1962. Den Großteil dieser Zeit lebte er in Montagnola bei Lugano. In den Zwanziger Jahren war er jedoch immer wieder zur Kur in Baden bei Zürich, worüber er die Betrachtung „Kurgast“ schrieb, und er verbrachte die Winter 1923/24 mit seiner zweiten Frau Ruth, geb. Wenger, in Basel. Auch die folgenden Winter, in denen er von Ruth bereits getrennt lebte, wohnte er in der Stadt, in Zürich, da seine Wohnung in der Casa Camuzzi in Montagnola sich schlecht heizen ließ. Bereits in Basel hatte er einen Roman über einen Einzelgänger namens Harry Haller begonnen, der sich selbst als „Steppenwolf“ bezeichnet und mit 48 Jahren – Hesses eigenem Alter – unter Torschlusspanik leidet. Ihn lässt Hesse in das Großstadtleben stürzen und recherchiert dazu selbst, indem er an Maskenbällen und anderen für ihn unbekannten Vergnügungen teilnimmt. Dieses ganz ‚unhessegemäß’ turbulente Leben im Zürich der Zwanziger Jahre ist in zwei Vitrinen dokumentiert; vor allem sind aber auch die Schlipse und Fliegen zu besichtigen, die Hesse für diesen Anlass gekauft hat.

Hermann Hesse-Museum Calw Raum 9

Das Erscheinen des Romans „Narziß und Goldmund“ 1930 und der Erzählung „Die Morgenlandfahrt“ 1923 steht am Beginn eines ruhigeren Lebens. Zu dieser Zeit heiratet Hermann Hesse auch seine dritte Frau Ninon, geb. Ausländer, mit der er lebenslang zusammenbleibt und die ihm zur unentbehrlichen Managerin wird. In einer Vitrine ist das Paar auf Fotos zusammen mit Thomas und Katja Mann beim gemeinsamen Winterurlaub im Oberengadin zu sehen.

Belastungen bringt die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland, die Hesse nicht wohlgesonnen ist. Mehrere bedeutende Schriftsteller, wie Thomas Mann und Bertolt Brecht kommen auf dem Weg ins Exil bei Hesse in Montagnola vorbei. Immer wieder muss er Verfolgten und Flüchtlingen helfen.
Für sein schriftstellerisches Werk, aber auch in Anerkennung dessen, dass er für die große humanistische Tradition Deutschlands steht, der die Nationalsozialisten Gewalt angetan hatten, bekommt Hermann Hesse auf Vorschlag seines Freundes Thomas Mann den Literaturnobelpreis 1946. Die schön gestaltete Verleihungsurkunde ist ausgestellt.

Hermann Hesse-Museum Calw Raum 9 neu

Sein großes abschließendes Werk hatte Hermann Hesse bereits mit dem „Glasperlenspiel“ 1943 in der Schweiz veröffentlicht. Es enthält die Utopie einer humanen gebildeten Gesellschaft, in der Hermann Hesse einer der „Magister Ludi“ ist, der Meister des (Lebens-)Spiels.

Der Rundgang auf Spuren des Lebens Hermann Hesses im Calwer Museum schließt mit einer Zeichnung seiner Schwiegertochter Isa, die den im Alter von 85 Jahren im Schlaf gestorbenen Dichter friedlich auf dem Totenbett zeigt.

Hinweis: Ein weiterer, mit zahlreichen Fotos versehener Rundgang durch das Calwer Hermann-Hesse-Museum findet sich im Hesse-Portal www.hermann-hesse.de/de/index.htm unter Museum/Calw/Rundgang.
Hermann Hesse-Museum Calw Aussenansicht