Städtisches Schaudepot
Sonderausstellung
Anlässlich des 40. Todesjahres von Gunter Böhmer präsentiert das Calwer Schaudepot eine besondere Ausstellung mit ausgewählten Werken des Künstlers.
Drei öffentliche Führungen eröffnen vertiefende Einblicke in sein Werk und Leben.
- Donnerstag, 13. August, 15 Uhr
- Sonntag, 13. September, 14 Uhr (Tag des offenen Denkmals)
Der Eintritt ist frei. Um vorherige Anmeldung zu den Führungen unter tmeyer@calw.de oder 07051-167-571 wird gebeten.
Geheimnis des Sichtbaren
Gunter Böhmer, 1911 in Dresden geboren, zählt zu den bedeutendsten Buchillustratoren des 20. Jahrhunderts. Mit der Ausstellung „Geheimnis des Sichtbaren“ widmen die Städtischen Museen Calw Gunter Böhmer zum 40. Todesjahr eine einzigartige Präsentation.
Die Ausstellung zeigt ihn nicht nur als Vermittler großer Literatur, sondern als einen Künstler, der zwischen Text und Bild, Alltag und Kunst, Beobachtung und Verwandlung agiert – und dabei immer wieder an dieselbe Frage rührt: Wie wird aus dem Sichtbaren ein Bild?
Gunter Böhmer, Selbstporträt, 1936, © Gunter Böhmer-Stiftung
"Ich habe nie getrennt zwischen Illustration, Malerei und Zeichnung [...]."
Vom Sehen zum Verstehen –
ein Blick hinter die Ausstellung
"Geheimnis des Sichtbaren"
Im Mittelpunkt der Sonderausstellung stehen Gunter Böhmers Porträts, Landschaften und Tierdarstellungen. Vor allem aber wird Böhmers Umgang mit Form, Bewegung und Beobachtung sichtbar: Skizzen, Entwürfe und Studien eröffnen einen unmittelbaren Blick in eine künstlerische Praxis, die von Genauigkeit, Zweifel und unermüdlichem Suchen geprägt ist. Denn Linien sind bei Böhmer nie zufällig gesetzt, Formen nie endgültig entschieden. Alles scheint in Bewegung, im Werden, im Übergang – und gerade darin liegt ihre besondere Kraft.
Die Ausstellung wurde von Timo Heiler und Tamara Meyer kuratiert, die im folgenden Gespräch Einblicke in das Konzept und die Auswahl der Werke geben.
Im Zentrum stand von Anfang an die Idee, Gunter Böhmer nicht nur über seine fertigen Werke zu zeigen, sondern auch seinen Arbeitsprozess sichtbar zu machen. Gleichzeitig war der Anlass für die Ausstellung der 40. Todestag des Künstlers sowie die besondere Situation hier in Calw, wo sich mit der Gunter‑Böhmer‑Stiftung ein außergewöhnlich umfangreicher und qualitätvoller Bestand befindet.
Wir wollten zeigen, wie ein Bild überhaupt entsteht – wie sich Linien entwickeln, wie Motive sich verändern und verdichten. Der Titel „Geheimnis des Sichtbaren“ verweist genau auf diesen Moment: auf etwas, das zunächst scheinbar einfach vor uns liegt, sich aber erst nach und nach erschließt. Gerade bei Böhmer ist das besonders deutlich, weil seine Arbeiten oft sehr reduziert wirken und ihre Komplexität erst im genaueren Hinsehen entfalten.
Deshalb war es uns wichtig, viele Skizzen, Entwürfe und Studien einzubeziehen. Sie zeigen nicht nur vorbereitende Schritte, sondern sind ein eigenständiger Teil seiner künstlerischen Arbeit. Erst in diesem Zusammenspiel wird sichtbar, wie konsequent und präzise Böhmer gearbeitet hat.
Entwürfe zu Gunter Böhmers Illustrationen in der Ausstellung "Geheimnis des Sichtbaren".
Tiere sind ein sehr durchgehendes Motiv bei Böhmer, besonders Pferde, aber auch Vögel oder Katzen. Doch bemerkenswert ist, wie er sie darstellt: nicht als naturgetreue Studien im klassischen Sinn, sondern als Bewegungsformen. Das fällt gerade bei William Faulkners „Scheckige Mustangs“ oder Liam O’Flahertys „Die schwarze Stute“ auf.
Viele Tiere wirken bei Böhmer auch beinahe wie Übergangsgestalten. Oft ist nicht klar, wo das Tier endet und etwas anderes beginnt – manchmal fließt sogar der menschliche Körper in diese Formen über. Dadurch entstehen sehr offene Bilder, in denen Bewegung und Veränderung wichtiger sind als feste Zuordnungen.
Die Skizzenbücher sind eigentlich der Schlüssel zum Verständnis seines Werks. Dort hält Böhmer alltägliche Beobachtungen fest – schnell, direkt, oft ohne festes Ziel. Menschen, Tiere, Situationen – alles, was ihm begegnet. Diese Zeichnungen sind keine fertigen Werke, aber sie sind auch nicht einfach Vorstufen. Sie sind eher ein Bestand an Erfahrungen, eine Art visuelles Gedächtnis. Wenn Böhmer später an Illustrationen arbeitet, greift er auf diese Beobachtungen zurück. Deshalb wirken seine Bilder auch so überzeugend: Sie sind nicht erfunden, sondern gewissermaßen durchlebt und durchdacht.
Gunter Böhmers Skizzenheft, Hermann Hesse mit Katze, 1960, © Gunter Böhmer-Stiftung
Eine sehr große. Böhmer hat nicht nur Malerei und freie Grafik, sondern auch Germanistik studiert. Das bedeutet, dass er sich sehr intensiv mit Texten auseinandergesetzt hat.
Wenn er illustriert, versucht er nicht, sich in den Vordergrund zu stellen. Im Gegenteil: Er sucht sehr genau danach, was im Text angelegt ist. Seine Bilder verstehen sich als eine Art Weiterführung, nicht als freie Interpretation. Das sieht man besonders bei Autoren wie Hermann Hesse, Franz Kafka oder Georg Büchner. Hier entstehen Bilder, die eng mit dem literarischen Denken verbunden sind.
Gunter Böhmer, Entwurf zu Nino Ernés "Liebeserklärung an eine Stadt", © Gunter Böhmer-Stiftung
"Die Vieldeutigkeit der Illustration liegt daran, daß in ihr Welten der sichtbaren Erscheinung und inneren Vorstellung ineinander übergehen, daß sich Anschauung und Erzählung durchdringen […]."
Ja, und die sind oft sehr berührend – und zugleich kunsthistorisch sehr aufschlussreich. Man sieht zum Beispiel Zeichnungen aus seinem unmittelbaren Umfeld: Porträts von Freunden, Künstlerkollegen und Familienmitgliedern, aber auch Arbeiten, die während seiner Zeit bei Hermann Hesse in Montagnola entstanden sind.
Besonders spannend ist dabei der Blick auf die frühen 1930er‑Jahre. Böhmer ist zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung und eigentlich noch im Studium – und bewegt sich dennoch bereits in einem bemerkenswerten künstlerischen Umfeld. Er hat Kontakt zu Persönlichkeiten wie der Chanson-Sängerin Claire Waldoff oder dem Komiker Karl Valentin. Diese Begegnungen zeigen, dass er früh Zugang zu einem lebendigen, kulturellen Netzwerk hatte, das weit über die akademische Ausbildung hinausging.
Stilistisch lassen sich viele dieser frühen Arbeiten noch in die Nähe der Neuen Sachlichkeit einordnen. Die Porträts sind oft genau beobachtet, nüchtern und konzentriert, mit einem wachen Blick für das Gegenüber – seine Zeichnungen zeigen eine große Aufmerksamkeit für Menschen, für Typen, Ausdruck und Haltung. Böhmer beginnt also in einer Zeit, in der das genaue Hinschauen und das ungeschönte Darstellen eine zentrale Rolle spielen – und diese Haltung bleibt, in veränderter Form, auch später in seinem Werk spürbar.
Gerade diese Arbeiten machen deutlich, dass Böhmer nicht nur Illustrator war, sondern ein sehr aufmerksamer Beobachter – seines eigenen Lebens, seiner Umgebung und der Menschen, denen er begegnet.
Das ist ein sehr spannender Bereich, den wir in den Vitrinen zeigen. Dort sieht man Briefe, Entwürfe und Korrekturen. Besonders interessant ist, wie intensiv auch diese Arbeiten diskutiert und angepasst wurden.
Böhmer arbeitet hier nicht frei im Atelier, sondern im Austausch – mit Auftraggebern oder Fachleuten. Trotzdem bleibt seine Handschrift erhalten. Das zeigt, dass für ihn kein Unterschied im Anspruch bestand: Ob freies Werk oder Auftrag – entscheidend war immer die Präzision der Form.
Die Verbindung zwischen Gunter Böhmer und Calw reicht mehrere Jahrzehnte zurück und ist eng mit Hermann Hesse verbunden. Böhmer kam bereits früh mit Hesse in Kontakt und wurde von ihm nach Montagnola eingeladen, wo er über viele Jahrzehnte lebte und arbeitete. Dadurch entstand nicht nur eine enge persönliche Beziehung, sondern auch eine künstlerische Verbindung, die bis nach Calw ausstrahlt.
Ein wichtiger Moment war das Jahr 1977: In Calw wurde die Ausstellung „HERMANN HESSE. Seine Gestalt, Umwelt, Dichtung in Bildern von GUNTER BÖHMER“ gezeigt. Im Anschluss daran schenkte der Künstler der Stadt eine Auswahl seiner Arbeiten. Diese Schenkung war der Ausgangspunkt für den heutigen Bestand und wurde in den folgenden Jahren kontinuierlich erweitert.
Aus dieser Entwicklung heraus entstand 1993 die Gunter‑Böhmer‑Stiftung Calw, die heute die zentrale Grundlage für die Arbeit mit seinem Werk bildet. Der Bestand ist seither stetig gewachsen und umfasst inzwischen über 25.000 Arbeiten – darunter Zeichnungen, Skizzenbücher, Illustrationen und Druckgrafik.
Dieser Umfang ist außergewöhnlich, weil er nicht nur Einzelwerke überliefert, sondern ganze Werkzusammenhänge sichtbar macht. Genau das ermöglicht auch die aktuelle Ausstellung: Sie zeigt Böhmers Arbeiten nicht isoliert, sondern als Ergebnis eines kontinuierlichen künstlerischen Prozesses – vom Skizzenbuch bis zur fertigen Illustration.
Zwischen den Relikten des einstigen Badebetriebs
Dort, wo einst das Wasser die Fläche füllte, zwischen den erhaltenen Startblöcken und dem Sprungturm, sind die Bestände der Gunter‑Böhmer‑Stiftung sichtbar – allein über 25.000 Werke innerhalb eines Gesamtbestands von mehr als 60.000 Arbeiten. In dieser ungewöhnlichen Architektur, umgeben von den Relikten des einstigen Badebetriebs, entfalten sich Böhmers Werke neu – und zeigen den Künstler nicht nur als einen der bedeutendsten Buchillustratoren des 20. Jahrhunderts, sondern als jemanden, der das Sehen selbst zum Thema macht.
Foto: Manuel Kamuf/Lightworkart
Weil seine Arbeiten auf besondere Weise zeigen, wie eng Beobachtung, Denken und Zeichnung miteinander verbunden sein können. Sie sind nicht laut oder spektakulär – aber gerade darin liegt ihre Stärke. Und sie zeigen etwas, das vielleicht gerade heute wichtig ist: dass Sehen Zeit braucht. Dass ein Bild nicht sofort verstanden werden muss. Böhmer arbeitet genau an dieser Schwelle – zwischen dem, was wir auf den ersten Blick erkennen, und dem, was sich erst allmählich erschließt.
Und vielleicht ist das auch das Wichtigste, was man aus der Ausstellung mitnehmen kann: die Erfahrung, langsamer zu schauen. Sich auf Linien einzulassen, auf Bewegungen, auf Übergänge – und auch auf das, was zunächst unklar bleibt.
Denn genau darin liegt bei Böhmer eine große Qualität: Seine Bilder legen sich nicht fest, sie lassen Räume offen. Oder anders gesagt – man verlässt die Ausstellung vielleicht mit dem Gefühl, dass Sehen mehr ist als Erkennen. Und dass im genauen Hinschauen, im „Geheimnis des Sichtbaren“, die eigentliche künstlerische Qualität liegt.
Gunter Böhmer, Blühende Bäume (Montagnola), Aquarell um 1943, © Gunter Böhmer-Stiftung
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Tipp: Die virtuelle Ausstellung "Steppenwolf und Malerfreund. Gunter Böhmer illustriert Hermann Hesse" zeigt die innige Freundschaft der beiden Künstler und stellt die von Gunter Böhmer illustrierte Sonderausgabe von Hesses „Steppenwolf“ mit zahlreichen Zeichnungen vor. Alle digitalen Ausstellungen finden sie hier.